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„Es grünt so grün“

„Es grünt so grün“

Algenblüten in Nord- und Ostsee – so sehr sie Touristen stören mögen – sind ein ganz natürliches Phänomen, berichtet DIE WELT gestützt auf einen dpa-Text. Der Beitrag erläutert die Bedeutung für die maritimen Stoffkreisläufe; die Ergebnisse einer aktuellen Studie zum Algenabbau werden aus dem Beitrag indes nicht recht verständlich.

Zusammenfassung

Ein dpa-Text, der bearbeitet und gekürzt in der Zeitung DIE WELT erschienen ist, beschäftigt sich mit einem alljährlich wieder aktuellen Thema: der starken Vermehrung von Algen in Nord- und Ostsee, den „Algenblüten“. Der Text spannt einen weiten Bogen, von sehr allgemeinen Fakten – Was sind Algenblüten überhaupt? Welche positiven und negativen Konsequenzen haben sie? – bis zum Algenabbau durch Bakterien, zu dem eine neue Studie vorliegt. Ungewöhnlich ist, dass hier einmal nicht die negativen Aspekte im Vordergrund stehen, sondern die Algenblüte als das dargestellt wird, was sie ist – ein natürliches Phänomen, das durch den Menschen verstärkt wird. Zum Teil verliert der Text dabei etwas den roten Faden; viele Aspekte werden angerissen, dann aber nicht verständlich erläutert. Ein Manko des Beitrags besteht darin, dass die Landwirtschaft als wesentlicher Verursacher von Nährstoffeinträgen überhaupt nicht vorkommt. Lösungsansätze fehlen folglich im Artikel fast ganz. Auch wirtschaftliche Aspekte spricht der Beitrag nicht an. So heißt es zwar in der Unterzeile, dass Touristen unter Algenblüten leiden, doch wird dieses Thema dann im Beitrag nicht mehr angesprochen; ob starke Algenblüten beispielsweise finanzielle Einbußen für Urlaubsorte nach sich ziehen, erfährt man nicht.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Was normalerweise als Problem thematisiert wird – die sommerliche Algenblüte – wird hier einmal als natürliches, sogar nützliches Phänomen beschrieben. Nur knapp erwähnt der Beitrag, dass sich auch toxische Algen vermehren können, die dann zu Problemen führen. Wir meinen, der Beitrag hätte auf dieses Risiko etwas genauer eingehen sollen und werten daher nur „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Artikel beschäftigt sich mit Algenblüten, schildert den Ablauf sowie die ökologischen und klimatischen Konsequenzen. Als Belege werden ausschließlich Statements mehrerer Wissenschaftler zitiert. Unklar bleibt dabei, ob deren Angaben sich aus Studien aus dem Labor bzw. Freiland herleiten, oder beispielsweise aus Modellrechnungen. Informationen aus der Pressemitteilung zum methodischen Vorgehen bei der genannten Studie zum Abbau der Algen greift der Beitrag nicht auf. Wenig deutlich wird, was menschliche Einflüsse nun genau zu den Algenblüten beitragen und wie das ermittelt wurde.

Insbesondere die Information, dass nur wenig CO2 dauerhaft durch Algen gebunden wird, hätte der näheren Erläuterung bedurft – wurden doch in der Vergangenheit Ansätze erprobt, mittels Eisendüngung das Algenwachstum zu fördern und der Atmosphäre so CO2 zu entziehen. Ob ausreichend viele Algen dauerhaft auf den Meeresgrund sinken, war einer der strittigen Punkte. Ob und wie das nun abschließend geklärt wurde, und was die hier vorgestellte Studie möglicherweise dazu beiträgt, wäre zu erläutern gewesen.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Die Studie, die den Anlass zur Berichterstattung liefert, wird genannt. Zitiert werden Rudolf Amann und Hanno Teeling vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen, die an der vorgestellten Studie mitgewirkt haben, und Alexandra Kraberg vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), die nicht zu den Studienautoren gehört. Da jedoch andere Wissenschaftler des AWI ebenfalls an der Studie mitgearbeitet haben, handelt es sich nicht um eine völlig neutrale zweite Quelle. Sinnvoll wäre es gewesen, auch Wissenschaftler eines unbeteiligten Instituts um eine Einschätzung zu bitten. Auch macht der Beitrag nicht deutlich, dass Amann zu den Studienautoren gehört. Verborgene Interessenkonflikte können wir nicht erkennen. Insgesamt werten wir noch „knapp erfüllt“.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Sowohl die Bedeutung von Algenblüten für die Stoffkreisläufe im Meer als auch negative ökologische Effekte werden angesprochen. Der Fokus liegt auf den positiven Punkten; knapp erwähnt werden „toxische Substanzen, die auch badenden Menschen gefährlich werden können“. Negative ökologische Auswirkungen werden vor allem für Binnengewässer genannt („Beim Abbau der Algen oder Cyanobakterien (Blaualgen) kommt es zu einem drastischen Abfall der Sauerstoffkonzentration im Wasser, etliche Lebewesen sterben.“). Tatsächlich haben sich die Nährstoffeinträge in die Nordsee im Vergleich zu der Spitzenbelastung in den 1980er Jahren deutlich verringert, werden aber vom Umweltbundesamt immer noch als zu hoch eingestuft. Die überraschende Schlussbemerkung, dass manche Seen heute womöglich zu sauber seien, hätte der Einordnung bedurft – Konsens ist dies nicht (siehe dazu auch unser Gutachten vom 01.06.2015). Welche Aussagekraft das für die Meere hat, die in diesem Beitrag im Vordergrund stehen, bleibt offen. Im Originalbeitrag der dpa wird die Aussage dagegen korrekt eingeordnet („Für die Meere ist eine solche Entwicklung nicht zu erwarten. «Die Nordsee wird immer ein reiches Meer bleiben», betont Amann“). Wir werten alles in allem noch „knapp erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Die Pressemitteilung beschäftigt sich vor allem mit einer Studie zum Algenabbau durch Bakterien; der Artikel geht deutlich darüber hinaus, indem er viele allgemeine Aspekte von Algenblüten schildert und auch Wissenschaftler zitiert, die in der Pressemitteilung nicht genannt sind. An einigen Stellen wäre der Beitrag aufschlussreicher gewesen, wenn er mehr konkrete Informationen zur Studie aus der Pressemitteilung einbezogen hätte.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Artikel schildert, dass es sich bei Algenblüten um ein natürliches Phänomen handelt, das „seit Jahrtausenden“ besteht und durch menschliche Einflüsse verstärkt wird. Gegen Ende des Textes werden auch die massiven Nährstoffeinträge in den 70er Jahren erwähnt – insofern macht der Artikel klar, dass es sich hier nicht um ein neues Phänomen handelt. Deutlicher hätten die Erklärungsversuchen zu menschengemachten Komponente ausfallen können. Was weiß man darüber, wie stark Klimaerwärmung und Nährstoffüberangebot jeweils zu Algenblüten beitragen, welche neuen Erkenntnisse gibt es dazu? Wir werten „knapp erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Lösungsmöglichkeiten spielen im Artikel kaum eine Rolle, da er Algenblüten hauptsächlich als natürliches Phänomen schildert. Der menschliche Einfluss wird erwähnt, stichwortartig kommen Handlungsansätze vor, nämlich Gesetzgebung und geringerer Nährstoffeintrag. Als Quellen werden Fäkalien, industrielle Abwässer oder Wasch- und Reinigungsmittel genannt. Ob und inwiefern eine weiter verbesserte Abwasseraufbereitung sinnvoll wäre, erläutert der Beitrag nicht. Die Landwirtschaft als einer der wichtigsten Faktoren für den Eintrag von Nährstoffen wird nicht erwähnt, daher werten wir „nicht erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Die Rede ist zunächst von Algenblüten in Nord- und Ostsee, im weiteren Verlauf generalisiert der Artikel allgemein auf „Küstenmeere“. Es wird zugleich deutlich, dass es Algenblüten auch in anderen Meeresgebieten gibt, sie also kein auf diese Regionen beschränktes Phänomen sind. Auch die Unterschiede zwischen den Polen, mittleren Breiten und tropischen Meeren erläutert der Artikel. Zum Vergleich werden außerdem Binnengewässer herangezogen.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag schildert den natürlichen Ablauf einer Algenblüte. Er macht deutlich, dass es sich um ein periodisch auftretendes, jeweils zeitlich begrenztes Phänomen handelt. Am Rande geht der Text auch darauf ein, dass es durch den Klimawandel künftig zu einer Verschiebung des Artenspektrums und der Häufigkeit von Algenblüten kommen kann.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

In der Unterzeile wird erwähnt, dass Touristen unter Algenblüten leiden, ohne dass dieser Aspekt dann im Artikel ausgeführt würde. Diese irreführende Unterzeile finde sich indes nur im Zeitungsbeitrag, nicht aber im Originaltext der dpa. Am Ende wird kurz die Fischerei angesprochen – allerdings ausschließlich bezogen auf die Nachteile durch Nährstoffmangel in Binnengewässern, um die es im Beitrag nur am Rande geht. Welche Folgen die Vermehrung von Mikroalgen auf die Badewasserqualität und die Fischerei haben kann, spricht der Artikel nicht an. Informationen zu wirtschaftlichen Konsequenzen fehlen. Bleiben Urlauber fern? Hat dies finanzielle Konsequenzen für Ferienorte? Welche Schäden bedeuten sauerstoffarme Zonen und toxische Algen für die Fischerei? (siehe z. B. hier oder hier)
Auf politischer Ebene wird über die Überdüngung durch die Landwirtschaft intensiv diskutiert. Es geht dabei um die Nährstoff-Fracht, die schließlich in den Flüssen und im Meer landet. Diese politische Debatte erwähnt der Artikel ebenfalls nicht.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Algenblüten in Nord- und Ostsee sind ein immer wiederkehrendes Thema; eine neue Studie liefert den aktuellen Anlass, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Die Blickweise auf das Thema – Algenblüten als natürliches Phänomen stehen im Vordergrund – ist ungewöhnlich.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel spannt den Bogen von allgemeinen Fakten zu Algenblüten bis zu den Details des Zuckerabbaus. Dabei liest sich der Text recht flüssig. Doch wirft er immer wieder Fragen auf, die er dann nicht verständlich beantwortet. Warum etwa fördern Elbe- oder Weser-Hochwasser die Algenblüte in der Nordsee? Was hat es mit den Fraßraten des Zooplanktons auf sich, warum ist das wichtig? Hier fehlt eine klare Argumentation bzw. die Vermittlung des notwendigen Wissens. Bei den Ausführungen zu den Poylsacchariden und zur Verwandtschaft der Bakterienarten dürften viele Leserinnen und Leser dann aussteigen, zumal nicht recht deutlich wird, was all das mit den vorangehenden Ausführungen zu Algenblüten zu tun hat. Die zentralen Aussagen des Fachartikels werden nicht verständlich vermittelt. Für fachlich nicht vorgebildete Leser ist auch die Bedeutung der Algen für die „ganz großen Stoffkreisläufe“ verwirrend dargestellt. Am Anfang wird sehr anschaulich die enorme Biomasse beschrieben, die bei Algenblüten entsteht; erst am Ende des Beitrags wird deutlich, dass dabei aber nicht etwa entsprechend viel Kohlenstoff dauerhaft gebunden wird, sondern dass die Algen rasch wieder absterben und abgebaut werden. Dazwischen steht so viel anderes, dass der Bezug verloren geht. Schließlich bleibt am Ende (in der gekürzten Fassung der WELT) die Bemerkung zu den Fischern, die sich wieder nährstoffreichere Seen wünschen, recht beziehungslos stehen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Beitrag enthält eine falsche Zahl: 1000 Algen könnten in einem Milliliter Meerwasser leben, heißt es in einem Forscherzitat. In der Pressemitteilung ist dagegen von „Abertausenden in jedem Milliliter Meerwasser“ die Rede. Selbst wenn der Wissenschaftler das so gesagt haben sollte, wäre angesichts der Diskrepanz eine Klärung erforderlich gewesen. Unsere Nachfrage bei dem zitierten Forscher Rudolf Amann ergab: In einem Milliliter Meerwasser können Tausende von Mikroalgen leben. Da diese Ungenauigkeit für die Aussagen des Beitrags keine wesentliche Bedeutung hat, werten wir noch knapp „erfüllt“.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

Da vier umweltjournalistische Kriterien nur knapp erfüllt sind, werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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