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„Das umstrittene Öl aus dem Regenwald“

„Das umstrittene Öl aus dem Regenwald“

Regenwälder werden für Palmölplantagen zerstört, berichten die Stuttgarter Nachrichten und beleuchtet den Zusammenhang mit Unternehmen speziell auch im Verbreitungsgebiet der Zeitung. Es fehlt indes der Bezug zu Handlungsmöglichkeiten der Verbraucher.

Zusammenfassung

Der Beitrag in den Stuttgarter Nachrichten berichtet über die Umweltzerstörungen in Südostasien, die durch die steigende Nachfrage nach Palmöl hervorgerufen werden. Zur Sprache kommen die unterschiedlichen Einsatzbereiche des Öls in der Lebensmittel- sowie der Kosmetikbranche. Auch die Bedeutung als Energieträger in Deutschland wird erwähnt. Dem Beitrag liegt eine Greenpeace-Pressemitteilung zugrunde, darüberhinaus bezieht er etliche weitere Quellen ein. So werden neben einer Wissenschaftlerin auch Verarbeiter von Palmöl im Verbreitungsgebiet der Zeitung nach ihrem Umgang mit dem Thema befragt und die Ergebnisse in einem separaten Kasten dargestellt (der in der Online-Version leider fehlt). So gelingt es sehr schön, Bezüge zwischen dem globalen Thema und der regionalen Ebene herzustellen. Es fehlen allerdings Vergleiche, die die Behauptung stützen könnten, beim Einsatz von nachhaltigem Palmöl sei der Südwesten „vorbildlich“.
Als Lösungsansatz nennt der Beitrag Zertifizierungen, doch wird dabei nicht deutlich, was das vorgestellte Siegel des Runden Tischs für nachhaltiges Palmöl (RSPO) genau besagt und wie wirksam ein solcher Ansatz ist. Während der Artikel von den Herstellern – durchaus angemessen – verantwortungsvolles Handeln einfordert, kommen Handlungsmöglichkeiten der Verbraucher zu kurz.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG/VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag beschreibt, dass in Südostasien Wälder vernichtet werden, um Palmölplantagen anzulegen. Dieses Problem wird ohne Übertreibung dargestellt – der Beitrag beschreibt einerseits knapp die Dramatik der Brandrodungen, andererseits aber auch die Versuche, diese einzudämmen. So berichtet der Artikel über Lebensmittelkonzerne, die mit Zertifizierungsverfahren (speziell das Siegel des Runden Tischs für nachhaltiges Palmöl, RSPO) die Nutzung von nachhaltigem Palmöl steigern und damit zugleich auch ihr Renommee verbessern wollen. Als überzogen sehen wir allerdings die Unterzeile an, wonach der Südwesten in dieser Hinsicht „vorbildlich“ sei (nur in der Printversion). Da ein Vergleich zu Firmenaussagen aus anderen Teilen der Republik fehlt, scheint das gewagt. Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Zahlen und Fakten stellt der Beitrag anschaulich dar. Die CO2-Emissionen durch Waldbrände werden in Relation gesetzt zum Gesamtausstoß in Deutschland, es wird deutlich, dass die Palmölbranche in Indonesien für ein Fünftel des Waldverlusts zwischen 2009 und 2011 verantwortlich ist. Auch Vergleiche („…knapp zwei Millionen Hektar Regenwald brannten. Eine Fläche so groß wie Sachsen.“) sind hilfreich. Allerdings fehlen nähere Informationen zu den Kriterien der RSPO-Zertifizierung. Auch hätte deutlicher werden können, wie die Daten der Greenpeace-Untersuchung erhoben wurden (offenbar v. a. durch Befragung der Unternehmen, die Palmöl verwenden – auch im Greenpeace-Report selbst wird das Vorgehen nicht näher beschrieben). Dass die Bewertung auf Firmenangaben beruht, deutet der Artikel nur an mit Formulierungen wie: „Große Konzerne (…) können noch immer nicht ausschließen, dass in ihren Produkten Palmöl aus fragwürdiger Herkunft steckt.“ Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“.

3. EXPERTEN/QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Beitrag stützt sich auf unterschiedliche Quellen. Neben dem Greenpeace-Report als Anlass der Berichterstattung und einem Greenpeace-Vertreter wird der WWF als weitere NGO einbezogen. Außerdem kommt mit Iris Lewandowski eine Agrarwissenschaftlerin der Universität Hohenheim zu Wort, sowie ein Firmen-Sprecher (Ritter Sport). Im ergänzenden Kasten (der in der online-Version leider fehlt) werden Aussagen etlicher weiterer Unternehmen aus der Region aufgelistet. Verborgene Interessenkonflikte, auf die hinzuweisen wäre, bestehen nach unseren Recherchen nicht. Interessant wäre für Leserinnen und Leser allerdings der Hinweise gewesen, dass der WWF das RSPO-Siegel mitentwickelt hat.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Die Umweltprobleme durch die Palmölplantagen einerseits, die Interessen der Lebensmittel- und Kosmetikbranche andererseits werden dargestellt.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag stützt sich zwar in vielen Punkten auf eine Pressemitteilung von Greenpeace, aber er wird ergänzt durch eine Einschätzung einer Wissenschaftlerin der Uni Hohenheim. Mit dem WWF wird eine weitere NGO als Quelle genannt. Zudem zitiert er die Firma Ritter Sport, und listet desweiteren eine Reihe von Firmen auf, deren Aktivität in diesem Zusammenhang abgefragt wurde. Damit ist das Kriterium erfüllt.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Hinweis, dass sich der weltweite Konsum von Palmfett in den letzten 20 Jahren verdreifacht hat, macht einerseits deutlich, dass das Problem nicht neu ist, andererseits, dass es in seiner Bedeutung noch zugenommen hat.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN/kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Mit der Zertifizierung wird eine Lösungsmöglichkeit angesprochen, ohne allerdings näher zu definieren, welche Kriterien für das RSPO-Siegel erfüllt sein müssen. Die Verlässlichkeit und damit auch die Wirksamkeit der Zertifizierungen wird nicht hinterfragt. Mit Formulierungen wie „Zumindest ein Teil des eingesetzten Palmfetts kann über die gesamte Lieferkette hinweg zurückverfolgt werden – und muss zu einem bestimmten Anteil aus nachhaltiger Produktion stammen“ bleibt recht vage, in welchem Umfang von den Unternehmen tatsächlich zertifiziertes Palmöl eingesetzt wird. Der Verzicht auf Palmöl wird nur ganz allgemein angesprochen und als schwierig dargestellt. Wie Verbraucher beim Einkauf feststellen können, ob ein Produkt Palmöl enthält, und ob dieses zertifiziert ist bzw. aus Bioanbau stammt, erläutert der Beitrag nicht. Ist es immer als solches deklariert, oder verschleiernd nur als „pflanzliches Fett“ beschrieben? Gibt es zum Beispiel Schokolade, Waschmittel, Duschgel usw., die ohne Palmöl auskommen? Die Rolle des Verbrauchers und seine Möglichkeiten bleiben zu sehr außen vor. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal/regional/global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es wird berichtet, in welchen Regionen der Erde die Palmölproduktion Probleme zur Zerstörung der Wälder beiträgt („Knapp 80 Prozent des weltweit verbrauchten Palm- und Palmkernöls kommen aus Indonesien und Malaysia.“). Dabei wird auch der Klimawandel als globaler Aspekt angesprochen. Die exemplarische Nennung der Produkte, in denen Palmöl enthalten ist, verdeutlicht, dass der Konsum in den Industrieländern eine wesentliche Ursache ist. Speziell für Deutschland nennt der Artikel den Palmölanteil im Biosprit („Rund die Hälfte der 5,9 Millionen jährlich in Deutschland verbrauchten Tonnen Palmöl werden inzwischen energetisch genutzt.“). Außerdem werden regionale Unternehmen zu ihrem Umgang mit dem Problem befragt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Als zeitlicher Aspekt wird die Steigerung des Palmölkonsums genannt („rund 60 Millionen Tonnen gelangen jährlich auf den Weltmarkt. Knapp dreimal so viel wie noch vor 20 Jahren“). Außerdem heißt es „In Indonesien ist die Palmölbranche für ein Fünftel des Waldverlusts zwischen 2009 und 2011 verantwortlich“. Hier wären nähere Angaben nötig: Wie groß ist der Flächenverlust? Wie lange würde es dauern, bis die Regenwälder bei unverändertem Fortschreiten der Rodungen zerstört sind? Dass Regenwälder Biotope sind, die in Jahrhunderten entstanden sind, und dass zerstörte Wälder sich allenfalls sehr langfristig wieder regenerieren können, kommt nicht zur Sprache.

10. KONTEXT/KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der politisch soziale Kontext wird in einem Satz angesprochen „Die Monokulturen bedrohen dort nicht nur die Artenvielfalt, sondern haben auch Vertreibung der Landbevölkerung, Druck auf Kleinbauern und Korruption zur Folge, warnt Greenpeace.“ Nähere Angaben gibt es dazu aber nicht. Der wirtschaftliche Kontext kommt zwar vor – es wird klar, das Palmöl große kommerzielle Bedeutung hat. Doch fehlt es an konkreten Zahlen. Welche Umsätze werden mit diesem Rohstoff gemacht, welche wirtschaftliche Bedeutung hat er z. B. für Indonesien? Greenpeace nennt einen wirtschaftlichen Schaden durch die Waldbrände im vergangenen Jahr für Indonesien in Milliardenhöhe – der taucht im Text nicht auf. Was die Vernichtung von Regenwald mittel- oder langfristig für das Land bedeutet, wird ebenfalls nicht angesprochen. Daher werten wir „knapp nicht erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAHL:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist durch den steigenden Verbrauch an Palmöl und die damit einhergehenden Umweltschäden längerfristig aktuell. Der Report von Greenpeace bietet einen Anlass, es aufzugreifen – für eine Tageszeitung allerdings mit einiger Verspätung, die Pressemitteilung ist bereits im März erschienen. Eine eigens durchgeführte Befragung von Unternehmen der Region mag jedoch den Zeitaufwand erhöht haben.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist leicht lesbar und verständlich geschrieben. Der Beitrag beschreibt ein globales Phänomen, bricht dieses Thema aber zugleich durch Befragung regional ansässiger Unternehmen auf die örtliche Ebene herunter. Das ist vom Grundsatz her gelungen, weil damit auch Verantwortlichkeiten im Erscheinungsgebiet der Zeitung aufgegriffen werden, was einem solchen Bericht zusätzliche Relevanz verschafft. Der Text ist logisch aufgebaut, er kommt von der Situation in Südostasien auf die Firmen in Deutschland und speziell Baden-Württemberg zu sprechen. Etwas missverständlich sind die regionalen Bezüge im Vorspann des Textes formuliert, wo es heißt „Noch immer wird in Südostasien Regenwald für die Palmölplantagen zerstört. Im Südwesten haben viele Unternehmen umgestellt.“ Erst beim weiteren Lesen wird klar, dass es sich um Südwestdeutschland handelt.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Wir haben keine Faktenfehler gefunden.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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