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„Klimawandel – Dürren und Hitzewellen verringern globale Getreideernte“

„Klimawandel - Dürren und Hitzewellen verringern globale Getreideernte“

In der Sendung „Forschung aktuell“ berichtet der Deutschlandfunk über eine Studie, die den Zusammenhang zwischen Dürre, Hitze und anderen Extremwetterereignissen auf die Getreideernte untersucht hat. Die Ergebnisse werden gut verständlich dargestellt, doch die Einordnung durch eine zweite Quelle fehlt..

Zusammenfassung

Der Radio-Beitrag des Deutschlandfunks berichtet in sachlichem Ton über eine aktuelle Studie, die im Wissenschaftsmagazin „Nature“  publiziert wurde. Sie  beschreibt die Auswirkungen von Extremwetterereignissen wie Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen und extremen Kälteperioden auf die weltweite Ernte verschiedener Getreidesorten. Demnach wirken sich vor allem Hitze und Dürre negativ auf die Erträge aus, Industrieländer seien stärker betroffen als Entwicklungsländer. Das Problem wird dabei weder bagatellisiert noch übertrieben.

Es  wird erklärt, dass die Forschungsergebnisse auf der Auswertung statistischer Daten beruhen. Die Ergebnisse werden weitgehend korrekt und verständlich dargestellt, auch wenn die Konsequenzen für einzelne Länder oder die globale Ernährungssituation unklar bleiben. Auch hätten wir uns eine Nachfrage dazu gewünscht, wie die betreffenden Extremwetterereignisse genau definiert sind. Indirekt werden Lösungsmöglichkeiten angesprochen: Der befragte Autor der Studie sieht den Grund der geringeren Anfälligkeit der Entwicklungsländer gegen Hitze in der weniger ausgeprägten Monokultur. Dies scheint zwar plausibel, hätte aber einer zusätzlichen Einschätzung aus einer anderen Quelle bedurft. Insgesamt stellt der Beitrag die Studie solide und nachvollziehbar dar, verzichtet aber darauf, diese in einen größeren, auch ökonomischen Kontext zu stellen und die Ergebnisse hinsichtlich ihrer Aussagekraft zu hinterfragen.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Radio-Beitrag stellt nüchtern die Ergebnisse einer Studie dar, die versucht den Ernterückgang bei Extremwetterereignissen wie Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen und extremen Kälteperioden zu quantifizieren. Sie beschreibt, welche Formen des Extremwetters zu starken Einbußen führen und welche nicht, und sucht eine Interpretation. Der verantwortliche Wissenschaftler erklärt zudem im O-Ton,  dass nicht alle Regionen der Welt gleichermaßen durch Ernteeinbußen betroffen sind und führt dies auf unterschiedliche Strukturen der Agrarwirtschaft zurück. An verschiedenen Stellen im Text sind die Aussagen so formuliert, dass Unsicherheiten der Berechnungen und Prognosen sichtbar werden. Auch dass es noch nicht abschließend geklärt ist, wie stark Extremwetterereignisse zunehmen werden, klingt an, wenn es heißt, „dass die Extremwetterereignisse in Zukunft häufiger und intensiver werden könnten.“ Das Problem des Klimawandels wird damit weder verharmlost, noch werden seine Auswirkung dramatisiert.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Gleich zu Beginn des Beitrag wird deutlich, dass es sich bei der Forschungsarbeit um eine empirische Studie handelt, die auf der Basis von statistischen Daten versucht, Zusammenhänge zwischen Extremwetterereignissen und  Ernteausfällen aufzuspüren. In den Formulierungen des Textes und den Ausführungen des Interviewpartners wird dabei an verschiedenen Stellen deutlich, dass es sich bei den Ergebnissen um Schätzungen handelt und nicht um unumstößliche Fakten („Unsere Schätzung liegt bei neun bis zehn Prozent…“, ). Auch wird im weiteren Verlauf des Beitrages deutlich gemacht, dass einzelne Erklärungen des Forschers zu den Hintergründen der Ergebnisse nur Hypothesen sind – etwa, warum Kälteperioden und Überschwemmungen nicht mit Ernteverlusten korrelieren, oder warum Industrieländer stärker als Entwicklungsländer betroffen sind. Ein Mangel des Beitrages ist, dass durchgehend allgemein von Ernteverlusten in der Landwirtschaft die Rede ist und so suggeriert wird, dass die Ergebnisse für alle möglichen Feldfrüchte gelten. Die wissenschaftliche Studie hat aber nur die Auswirkungen auf die Ernte von 16 Getreidesorten untersucht. Auch wird an keiner Stelle definiert, was eigentlich ein Extremwetterereignis ist. Wo fängt Extremwetter an, und was ist noch als normal zu betrachten? Wir werten das Kriterium daher als „knapp erfüllt“.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Das Radiostück führt den Hauptautor der Studie als Geograf der University of British Columbia ein und und lässt ihn in Interviewsequenzen zu Wort kommen. Für besondere Interessenkonflikte haben wir keine Indizien gefunden. Uns fehlte allerdings eine Einordnung von unabhängiger Seite. Es wäre wichtig gewesen, die Meinung eines nicht an der Studie beteiligten Experten einzuholen, um sowohl die Qualität der wissenschaftlichen Methode als auch den Stellenwert der Ergebnisse einzuordnen. Gerade weil der Beitrag weitreichende Schlussfolgerungen nahelegt – etwa für eine künftige Landwirtschaft unter den Bedingungen des Klimawandels – ist hier die Einordnung durch eine zweite Quelle unverzichtbar.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Es gibt eine langjährige wissenschaftliche Debatte, wie stark einzelne Formen von Extremwetterereignissen durch den menschengemachten Klimawandel zunehmen werden. Dagegen ist es unseres Wissens kein kontroverses Thema, wie stark landwirtschaftliche Erträge unter Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen leiden. Hier gilt es eher, Wissenslücken zu schließen. Daher wenden wir das Kriterium nicht an. 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Mit dem Hauptautor der Studie wurde ein Gespräch geführt, insofern geht der Beitrag über die vorliegenden Pressemitteilungen hinaus. Allerdings liefern auch die O-Töne kaum zusätzliche  Informationen über die Pressemitteilungen (z.B. hier) hinaus. Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.  

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Etwas unglücklich finden wir den Satz am Beginn des Stückes: „Wenn es um die Frage nach dem Einfluss des Klimawandels auf die Landwirtschaft geht, gab es in den Statistiken bisher so etwas wie einen blinden Fleck“, der in dieser Absolutheit sicher nicht zutrifft.  Der interviewte Autor der Studie stellt dann aber gleich darauf klar, dass  es „eine Menge empirischer Studien [gibt], die auf Basis von langfristigen Klima- und Landwirtschaftsdaten nach Zusammenhängen zwischen Klimaveränderungen und Ernteerträgen suchen.“ Auch dass ähnliche Untersuchungen schon für einzelne Länder vorliegen, wird erwähnt. Neu ist, so wird hinreichend deutlich, dass die Forscher erstmals eine globale Analyse von Wetter- und Erntedaten vorlegen. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Soweit im Rahmen eines vierminütigen Radiobeitrags möglich, zeigt der Beitrag auch Lösungshorizonte und Handlungsoptionen auf. Diese ergeben sich aus den Hypothesen der Wissenschaftler zu den ursächlichen Zusammenhängen zwischen Extremwetterereignissen und Ernteausfällen. So vermuten die Forscher, dass große Monokulturen die Landwirtschaft der entwickelten Länder anfälliger für Extremereignisse macht. Sie ziehen den Schluss: „Dass vielfältigere Landwirtschaftssysteme wie in den Entwicklungsländern robuster sind, könnte eine wichtige Einsicht sein.“ Interessant wären darüberhinaus weitere Handlungsoptionen gewesen.  So  wäre es sinnvoll gewesen, zu fragen, ob nicht auch unterschiedliche Sorten  dafür verantwortlich sind, dass die Ernteeinbußen regional unterschiedlich hoch sind. Womöglich werden in den von Trockenheit stärker gefährdeten Entwicklungsländern auch trockenresistentere Sorten angebaut.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Wie die zugrundeliegende Studie geht auch der Beitrag auf die regional unterschiedlichen Ernteschäden durch Extremereignisse ein. Besonders die Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern werden als „überraschendes Ergebnis“ herausgestellt.  Zur Interpretation wäre es zusätzlich sinnvoll gewesen, auch die Art der Extremwetterereignisse in den verschiedenen  Regionen zumindest kurz zu thematisieren. Denn eventuell ist „extreme Trockenheit“ in den einzelnen  Ländern und Regionen unterschiedlich definiert? 

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Die zeitliche Dimension wird in diesem Text nur am Rande gestreift. So erfährt der Hörer, dass der Studie Daten zu Extremwetterereignissen und der landwirtschaftlichen Produktion der vergangenen 50 Jahre zugrunde liegen. Außerdem wird am Ende des Beitrags betont, dass sich das Problem in der Zukunft verstärken könnte, da Häufigkeit und Intensität von Dürren und Hitzewellen wahrscheinlich zunehmen werden. Dagegen spricht der Beitrag nicht an, wie sich die untersuchten Extremwettereignisse auf die folgenden Jahre auswirkten. Interessante Aussagen der Studie – nämlich dass die hier betrachteten Hitze- und Dürreereignisse zwar stark, aber nur kurzfristig schadeten – werden im Beitrag nicht angesprochen („While the damage to cereal production is considerable, this effect is only short term, as agricultural output rebounds and continues its growth trend after the disaster.”) Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Artikel deutet die gesellschaftlichen Auswirkungen der beschriebenen Probleme nur an wenigen Stellen an, ohne sie näher zu quantifizieren. Volkswirtschaftliche und politische Auswirkungen, die aus klimabedingten Ernteausfällen folgen könnten, werden nicht beschrieben. So ist es Hörerinnen und Hörern kaum möglich, die Ergebnisse der Studie in ihrer Tragweite einzuordnen. Sind Ernteausfälle von zehn Prozent viel oder wenig für ein Land? Führen solche Ereignisse zu Preissprüngen, Versorgungsengpässen oder gar Hungersnöten?

Ein interessanter wirtschaftlicher Aspekt wird auch in der Pressemitteilung der McGill University angesprochen: Die verschieden starken Auswirkungen in armen und reichen Ländern könnten demnach auch die Folge unterschiedlicher Strategien und Prioritäten sein: Wessen Überleben nicht direkt vom Ernteertrag abhängt, der kann auch mal größere Einbußen in Kauf nehmen, zumal wenn er dagegen versichert ist. („Farmers in wealthier countries also rarely depend on harvests directly for food, and typically have dependable access to crop insurance in the event of bad weather, Lesk notes. “So the optimal strategy for them may be to maximize yields rather than minimize the risk of weather-related crop damage.“)  Solche Aspekte fehlen im Beitrag. 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Die Auswirkungen extremer Wetterlagen, die sich durch den Klimawandel verstärken könnten,  auf die Landwirtschaft sind ein Thema, das dauerhaft relevant ist (z.B. auch nach dem zum Teil in Deutschland extrem trockenen letzten Sommer). Der Radiobeitrag wurde einen Monat nach dem Klimagipfel der Vereinten Nationen in Paris gesendet, auf dem ein ambitioniertes Klimaschutzabkommen beschlossen wurde. Der Beitrag berichtet zudem über eine aktuelle Studie am Tag ihrer Veröffentlichung.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Radiobeitrag ist klar strukturiert und sprachlich gut verständlich, O-Töne des Studienautors sind gut eingesetzt. Die wesentlichen Punkte der betrachteten wissenschaftlichen Untersuchung werden nachvollziehbar aufbereitet. Allerdings verzichtet der Beitrag darauf, die Studie in einen größeren Kontext zu stellen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Etwas ungenau ist die Aussage, die wissenschaftliche Studie zeige, „wie stark Extremwetterereignisse die Erntemengen verringern können.“ Im Radiobeitrag ist mal von Getreide, mal von landwirtschaftlicher Produktion allgemein die Rede. Tatsächlich untersucht wurde in der Studie nur Effekt auf 16 Getreidearten, eine Aussage über andere Feldfrüchte ist damit nicht möglich. Darüber hinaus sind uns keinen Faktenfehler aufgefallen. Wir werten noch „knapp erfüllt“. 

 

Umweltjournalistische Kriterien: 6 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

Da keine zweite Quelle herangezogen wurde (umweltjournalistisches Kriterium 3) werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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