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„Der Geobazillus mag das Kohlendioxid“

„Der Geobazillus mag das Kohlendioxid“

Die FAZ stellt Projekte vor, die das Treibhausgas CO2 nutzbar machen sollen. Leserinnen und Leser erhalten einen Überblick über verschiedene technische Verfahren, aber kaum Informationen, die es ihnen erlauben, diese zu bewerten.

Zusammenfassung

Der Artikel in der FAZ beschreibt eine Reihe von Technologien, mit denen CO2 aus der Luft oder aus Abgasen aufgenommen und verarbeitet werden kann, um das Gas aus der Atmosphäre fernzuhalten. Dafür kann es entweder stofflich verwertet oder unterirdisch gelagert werden. Der Beitrag nutzt Firmeninformationen und bezieht kurz ältere Einschätzungen von EU-Experten und Positionen des Bundesforschungsministeriums ein. Die Quellen sind damit weitgehend klar. Es werden jedoch keine Einschätzungen des gegenwärtigen Entwicklungsstandes durch unabhängige Experten präsentiert, und die Verfahren werden nicht mit ihren Vor- und Nachteilen gegeneinander abgewogen.

Die Kosten und die Energiebilanz der angesprochenen Technologien sind – wenn überhaupt – nur wenig präzise dargestellt. Der Beitrag widmet sich vor allem Fragen der technischen Machbarkeit („Eine ganze Reihe von kleinen und großen Modellprojekten hat die technische Realisierbarkeit auch für größere Gasmengen inzwischen belegt.“), zu den entscheidenden Fragen der Wirtschaftlichkeit und der Energiebilanz bleibt er vage.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Text reiht Darstellungen technischer Verfahren zur Verwendung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Utilisation, CCU) aneinander und spricht außerdem die Möglichkeit der Abtrennung und Verpressung (CCS) an. Die Chancen werden hervorgehoben, aber nicht allzu sehr übertrieben, die wirtschaftlichen Hürden werden zumindest angesprochen. Es hätte allerdings deutlicher herausgearbeitet werden können, dass die Verfahren entweder noch im Anfangsstadium stecken, oder aber noch nicht im großen Maßstab erprobt und wirtschaftlich sind. Es gibt keine Hinweise darauf, dass durch die dargestellten Technologien in absehbarer Zeit zu wirtschaftlichen Preisen nennenswerte CO2-Mengen aus der Atmosphäre ferngehalten werden können. Da die Einschränkungen immerhin kurz thematisiert werden, und der Beitrag das Problem der Erderwärmung weder unter- noch übertreibt, werten wir „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Text bezieht sich nicht auf Studien, sondern offenbar auf eine Reihe von Verfahrensbeschreibungen, die vermutlich von den genannten Firmen stammen. Dabei ist die Beschreibung der Stoffströme und erzeugten Substanzen einigermaßen nachvollziehbar. Doch ansonsten bleibt der Beitrag sehr vage, etwa, wenn es um Energiebilanzen oder Kosten geht. Beispielsweise scheint die Aussage, dass „die Ökobilanz umweltverträglicher [ist] als die der erdölbasierten Version, da größere Mengen Kohlendioxid vermieden werden“, etwas paradox, wenn zugleich „etwas mehr Energie eingesetzt“ werden muss. Hier wären konkrete Zahlen nötig gewesen. Völlig rätselhaft bleiben gar die „künstlichen Bäume“, die „massenhaft installiert“ zu einer „drastischen Verminderung der CO2-Konzentration in der Luft beitragen“ sollen. Hier wird nicht einmal im Ansatz der Versuch gemacht, zu beschreiben, wie das Verfahren funktionieren soll.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Es wird erläutert, welche Unternehmen die einzelnen industriellen Verfahren verfolgen und finanzieren, und welche Firmen Ausgründungen aus Universitäten sind. Einschätzungen des Bundesforschungsministeriums (BMBF) und eines nicht genauer benannten „Expertenkreis[es] der Europäischen Union“ werden angeführt – zu letzterem hätten wir uns eine genaue Quellenangabe gewünscht. Auch bleibt offen, wer zu der „strategischen Allianz Zero-Carb-FP“ (einer Allianz aus Industrieunternehmen und akademischen Partnern) gehört. Insgesamt lässt sich einigermaßen erkennen, woher die Informationen stammen, wenn auch oft keine konkreten Quellen für die Einzelinformationen genannt werden. Wir werten noch „knapp erfüllt“. 

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Im Beitrag werden keine unabhängigen Experten befragt, die eine Einordnung der verschiedenen Verfahren hätten vornehmen können. Die möglichen Risiken, Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen werden nicht diskutiert, die wirtschaftlichen Beschränkungen nur kurz angetippt. Dabei gibt es zu diesem Themenkomplex durchaus Kontroversen – im Fall von Bioenergie plus CO2-Abscheidung werden z.B. mögliche Landnutzungskonflikte diskutiert (z.B. hier oder in dieser Präsentation der International Energy Agency). Solche Kritikpunkte und Auseinandersetzungen greift der Beitrag nicht auf. 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Eine Pressemitteilung, auf die der Beitrag sich unmittelbar beziehen könnte, haben wir nicht gefunden. Der Beitrag nennt eine Vielzahl von Fakten, die offenbar großteils von den jeweiligen Firmen stammen, und erwähnt Einschätzungen des BMBF und von EU-Experten. Damit geht der Text über mögliche Pressemitteilungen deutlich hinaus.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Beitrag beschreibt an mehreren Stellen, seit wann die einzelnen Verfahren eingesetzt oder erprobt werden, bzw. was für die Zukunft geplant ist („Die Eigenschaft haben seine Entdecker, […] vor längerer Zeit erkannt. 2009 konnten sie den Energiekonzern RWE bewegen,…“, „2007, 2011 und 2012 hat man hier fünf Bohrungen niedergebracht. Im August 2013 wurde das CO2-Einspeisen beendet.“, „Im kommenden Jahr soll die […] Fertigung anlaufen“ ). Damit wird hinreichend deutlich, dass es sich hier nicht um die Vorstellung einer brandneuen Idee handelt, sondern eher um einen Überblick über Techniken, die oft schon seit Jahren entwickelt oder erprobt werden. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Mit den Technologien zur Entfernung und Nutzung von CO2 werden mögliche Lösungsbeiträge zur Minderung dieses Treibhausgases in der Atmosphäre beschrieben. Allerdings ordnet der Text nicht ausreichend ein, wie groß oder klein die Potenziale dieser verschiedenen Verfahren für die Problemlösung sind. Wir werten daher „knapp erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Beitrag beschreibt vor allem Projekte aus Deutschland und der Schweiz, außerdem ein nur sehr kursorisch vorgestelltes US-Projekt. Es gibt keine Hinweise darauf, ob diese spezifisch auf regionale Verhältnisse zugeschnitten sind, oder ob die dargestellten Verfahren auch andernorts bzw. weltweit eingesetzt werden könnten. Bei den Kraftwerken hätte man zum Beispiel darauf hinweisen können, dass bestehende Kohlekraftwerke sich oft nicht ohne Weiteres mit Kohlendioxidabscheidung (CCS) nachrüsten lassen. Bei den stofflichen Verwertungsverfahren wäre interessant gewesen zu erfahren, ob diese auch für andere Länder in Frage kommen, etwa dort, wo andere Kraftwerkstechniken genutzt werden als in Deutschland. 

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Es wird nicht dargestellt, wann aus Sicht der Projektierer die jeweiligen Verfahren so weit entwickelt sein sollen, dass sie tatsächlich am Markt und ohne Forschungsgelder einsetzbar sind. Leserinnen und Leser erhalten also keine Vorstellung davon, wann die Verfahren in Zukunft Relevanz erlangen könnten, bzw., ob dies überhaupt schon absehbar ist.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Text stellt das technisch Machbare in den Mittelpunkt und verzichtet weitgehend auf eine konkrete ökonomische oder soziale / politische Einordnung. Zwar wird ein Zusammenhang mit dem Bericht des Weltklimarats (IPCC) hergestellt, in dem der Hinweis enthalten ist, dass „negative Emissionen“ notwendig seien, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Doch was die vorgestellten Techniken dazu tatsächlich beitragen könnten, erläutert der Artikel nicht näher. Weder wird die CCS-Debatte reflektiert, noch der Kontext zu anderen Geoengineering-Technologien hergestellt.
Die wirtschaftliche Dimension wird zwar mehrfach angesprochen. Doch enthält der Beitrag keinerlei nachvollziehbare Kostenschätzungen. Zumindest exemplarisch hätten wir bei einzelnen Verfahren Angaben dazu erwartet, was die eingesparte Tonne CO2 kostet. Aussagen wie „Im kommenden Jahr soll die 15 Millionen Euro teure Fertigung anlaufen“ bleiben unklar: Sind die Fertigungskosten pro Jahr gemeint? Oder die Kosten für den Bau der Anlage?
Interessant wäre angesichts der politischen Brisanz des Themas auch ein Hinweis gewesen, ob der am Anfang dargestellte Mikroorganismus durch Gentechnik verändert wurde bzw. werden soll (siehe dazu auch hier). 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Der Beitrag versucht einen Überblick über Verfahren der CO2-Abscheidung und Verwertung zu geben. Durch den Klimagipfel steht das Thema in einem aktuellen Kontext. Während das Thema Klima dauerhaft bedeutsam ist, bleibt jedoch unklar, wie relevant die im Beitrag vorgestellten Technologien im Einzelnen für den Klimaschutz sind. Wir werten noch „knapp erfüllt“.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Beitrag beschreibt eine Reihe von Verfahren, doch eine Orientierung, welche dieser Technologien möglicherweise vielversprechend sein könnten, bietet der Text nicht.
Es fehlt an einer klaren Struktur: Zunächst werden Verfahren der stofflichen Verwertung von CO2 dargestellt (CCU), dann folgt eine Passage zur CO2Abscheidung undverpressung (CCS), anschließend werden wieder Ansätze zur CCU beschrieben (diese fehlen in der gekürzten Online-Fassung). Auch sprachlich ist der Text teilweise verwirrend. So werden Fachausdrücke ohne Erläuterung benutzt (dass Succinat „eine kleine Dicarbonsäure“ ist, wird nur Wenigen etwas sagen; was eine „mikrobakterielle CO2-Verwertung ist“ erschließt sich nicht). Seltsam erscheint die Formulierung, es werde „künstliches Biogas“ erzeugt. Die Bezeichnung Biogas hebt auf die Herstellungsweise ab, der Stoff Methan ist ansonsten der Hauptbestandteil von Erdgas. Was CO2 in „Lebensmittelqualität“ sein mag, bleibt offen. Hinzu kommen kleinere sprachliche Fehler: Der Geobazillus wird im dritten Satz – korrekt – als Maskulinum behandelt, im vierten und sechsten Satz dagegen als Neutrum. Das Lesevergnügen wird auch durch die vielen Passivkonstruktionen geschmälert.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Die Aussage, bei CCS gingen „10 Prozent der Kraftwerksleistung […] verloren“ ist falsch, der Kraftwerkwirkungsgrad sinkt um 10 Prozentpunkte (siehe hier). Nicht korrekt erscheint uns auch der Satz „Am Ende eines technischen Prozesses wird Kohlenmonoxid ausgeschleust und verdichtet.“ Gemeint ist vermutlich die IGCC-Technik (Integrated Gasification Combined Cycle – GuD-Kraftwerk mit integrierter Kohlevergasung); dabei aber wird das Kohlenmonoxid zu Kohlendioxid umgewandelt, ehe es verdichtet wird. Fragwürdig scheint ferner die Aussage, der Geobazillus sei in den Abgaskanal „eingebaut“ worden. Diesem Artikel zufolge hat er sich selbst angesiedelt und wurde dort entdeckt. 

 

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt

Da drei umweltjournalistische Kriterien nur knapp erfüllt sind und von den allgemeinjournalistischen Kriterien zwei nicht erfüllt sind, werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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