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„Umzug aufs Trockene“

„Umzug aufs Trockene“

„Die Welt“ berichtet darüber, wie viele Menschen in verschiedenen Ländern und Großstädten künftig darunter leiden werden, dass ihr Lebensraum durch den Anstieg des Meeresspiegels verschwindet. Die Überschrift und der erste Teil des Beitrags scheinen eine unmittelbare Bedrohung anzukündigen, bevor dann klar wird, wie weit in die Zukunft die Prognosen reichen.

Zusammenfassung

Der Artikel in der „Welt“, der auf einem dpa-Text beruht, beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs infolge des Klimawandels. Grundlage ist ein aktueller Bericht der Organisation „Climate Central“. Dieser Urheber der Studie – ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Journalisten, die über den Klimawandel aufklären wollen – wird im Artikel unzutreffend als „US-Forschungsorganisation“ beschrieben. Im Report und einer zugehörigen Fachpublikation wurde errechnet, wie viele Küstenbewohner bei verschiedenen Klima-Szenarien durch Überschwemmungen von ihrem Land vertrieben würden. Dafür nennt der Beitrag alarmierende Zahlen, wobei allerdings erst relativ spät klar wird, dass sie sich auf eine Jahrhunderte oder Jahrtausende in der Zukunft liegende Zeit beziehen. Deutlich wird, dass verschiedene Weltregionen ganz unterschiedlich stark unter dem Meeresspiegelanstieg leiden werden.

Unsicherheiten werden zwar insofern thematisiert, als der Beitrag z.T. Spannen für verschiedene Szenarien angibt. Aber die grundsätzliche Frage, ob es seriös ist, für einen Zeitpunkt „in 2000 Jahren“ konkrete Angaben dazu zu machen, wie viele Menschen bis dahin Überschwemmungen werden weichen müssen, stellt der Beitrag nicht. Neben den generellen Unsicherheiten von Klimaprognosen hängt die Zahl der betroffenen Menschen von vielen weiteren Faktoren ab, die hier nicht berücksichtigt wurden: zum Beispiel von der Bevölkerungsentwicklung, dem Siedlungsverhalten, Abwehrmaßnahmen wie Dammbau etc., und damit auch von der wirtschaftlichen Entwicklung. Diese gravierenden Einschränkungen der Aussagekraft erwähnt der Artikel nicht und führt dazu auch keine kontroversen Standpunkte an. Die Fülle der Zahlen wird für viele Leserinnen und Leser nur schwer nachvollziehbar sein – hier hätten wir uns eine kleine Tabelle oder Infografik gewünscht.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Obwohl die Bedrohung durch den ansteigenden Meeresspiegel zweifellos real ist, scheint uns die Darstellung in diesem Beitrag doch unangemessen dramatisierend. Die Kombination aus Titel und Unterzeile suggeriert eine nahe bevorstehende Gefahr für „bis zu einer halben Milliarde Menschen“, die „fliehen“ müssten; die Folgen seien „verheerend“, heißt es weiter (Formulierungen, die im Originaltext der dpa nicht verwendet werden). Es werden im Folgenden Zahlen von hunderten Millionen Betroffener genannt. Erst im zweiten Drittel des Textes wird klar, von welchen Zeiträumen hier die Rede ist: „Die Forscher legen ihren Prognosen einen Meeresspiegelanstieg von 7,4 beziehungsweise 4,5 Metern zugrunde. Je nach Schadstoffausstoß werden diese Höhen in 200 bis 2000 Jahren erreicht“. (siehe dazu auch allgemeinjournalistisches Kriterium 3, Faktentreue) Wenn man über so lange Zeiträume spricht, finden wir das Wort „fliehen“ eher unangebracht.
Zwar wird die Bandbreite der Risiken durch den Meeresspiegelanstieg beschrieben, und ein Co-Autor des Berichts wird mit den Worten zitiert: „Ein Anstieg des Meeresspiegels ist nichts wovor man Angst haben müsste, weil er sehr langsam verläuft.“ Doch kommt diese Einordnung so spät, dass die vorher genannten Zahlen und Formulierungen eine unmittelbare Bedrohung nahelegen, und die Risiken damit übertrieben groß erscheinen. Daher werten wir „knapp nicht erfüllt“.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Artikel geht an keiner Stelle auf die angewandten Methoden ein. Er spricht lediglich davon, dass Wissenschaftler „errechnet“ hätten, was der Meeresanstieg für die Menschen bedeutet. Hier wurden offenbar Klimamodelle zugrunde gelegt, die stets mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind. Noch größer aber ist die Unsicherheit, wenn es darum geht, was der Meeresspiegelanstieg für die Menschen in einigen hundert oder gar in zweitausend Jahren bedeuten wird. Entscheidende Faktoren, die die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs beeinflussen, sind zum Beispiel Schutzmaßnahmen wie Dämme und Deiche. Auch die Bevölkerungsentwicklung (Anstieg oder Abnahme, Besiedlungsdichte im Küstenbereich) verändert ganz entscheidend die Zahl der betroffenen Menschen – hierzu scheinen seriöse Prognosen über so lange Zeiträume kaum möglich. Dieser wichtige Punkt wird in der „executive summary“ der Studie auch erwähnt („Results do not account for present or future shoreline defenses, such as levees, that might be built, nor for future population growth, decline or relocation.”). Tatsächlich bezieht sich der Report auf die Zahl der Menschen, die HEUTE in dem Gebiet leben, das in den nächsten 200 bis 2000 Jahren also in einer gewaltigen Zeitspanneüberschwemmt würde. Im Zeitungsartikel wird dies nicht ausreichend erklärt.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Beitrag greift einen Bericht auf, der von Wissenschaftlern der Organisation „Climate Central“ und vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erstellt wurde. Darüber hinaus werden andere Wissenschaftler des PIK zitiert sowie kurz Angaben des „Climate Action Tracker“  und der UNEP genannt.
Im Artikel heißt es „Climate Central“ sei eine „US-Forschungsorganisation“. Das lässt an eine unabhängige, eventuell staatliche Forschungsstelle denken. Tatsächlich handelt es sich um einen Zusammenschluss von Klimaforschern und Journalisten, die sich der Aufgabe verschrieben haben, die Öffentlichkeit besser über den Klimawandel zu informieren. Auch die zugrunde liegende Veröffentlichung vom Oktober in der Fachzeitschrift PNAS stammt von „Climate Central“ und Wissenschaftlern des PIK. Wegen der irreführenden Angabe zu „Climate Central“ werten wir „knapp nicht erfüllt“. 

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der derzeit messbare Anstieg des Meeresspiegels ist nicht strittig, ebenso wenig sind es die prinzipiellen Auswirkungen auf Anwohner in küstennahen Gebieten. Kontroversen gibt es um die Frage, wie schnell der Meeresspiegel steigt, und ob z.B. die noch wachsenden Eisschichten der Ostantarktis die schmelzenden Eismassen der Westantarktis übertreffen. Oder wie schnell die Grönländischen Gletscher schmelzen, und ob da bereits der Point of no return erreicht ist. Diese Fragen spielen im Beitrag indes keine Rolle.
Wichtig wäre es dagegen gewesen, zu hinterfragen, ob die hier genannten Zahlen zu Betroffenen in einigen hundert oder tausend Jahren unstrittig sind, oder ob es dazu abweichende Auffassungen, auch zum methodischen Vorgehen, unter Wissenschaftlern gibt. Andere Szenarien, die indes nicht ganz so weit in die Zukunft reichen, beziehen z.B. durchaus Fragen der Bevölkerungsentwicklung in ihre Berechnungen ein (siehe z.B. hier). 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Artikel orientiert sich eng an der Zusammenfassung des Reports und der zugehörigen Pressemitteilung, die „Climate Central“ veröffentlicht hat. Er geht aber darüber hinaus, z.B. indem er weitere Wissenschaftlerinnen  und Wissenschaftler (Katja Frieler, Joachim Schellnhuber, Christina Figueres) zitiert und die vorliegende Veröffentlichung zum Klimagipfel in Paris in Beziehung setzt.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Beitrag macht klar, dass der Klimawandel und seine Auswirkungen ein seit langem bestehendes Problem ist, so wird z.B. der Meeresspiegelanstieg seit 1901 angegeben. Implizit wird deutlich, dass seit längerem diskutiert wird, mit welcher Erwärmung und welchem daraus folgendem Anstieg des Meeresspiegels zu rechnen ist. Das Hauptthema des Artikels sind neue Berechnungen zur Zahl der Menschen, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sein könnten. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Im Text wird einerseits zutreffend argumentiert, dass es nicht möglich ist, den Meeresspiegelanstieg schnell zu stoppen. Andererseits wäre die Zahl der Betroffen durch Klimaschutzmaßnahmen offenbar zu verringern. Der Beitrag spricht im Folgenden aber nur ganz abstrakt von Klimaschutzzielen. Das finden wir angesichts eines so konkreten Problems nicht ausreichend. Wenn es darum geht, wie viele Menschen durch Überflutungen und einen Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind, müssen auch direkte Gegenmaßnahmen angesprochen werden, also z.B. der Bau von Dämmen und Deichen und die Frage, welchen Schutz diese bieten könnten. Außerdem wären Umsiedlungsmaßnahmen bzw. ein Baustopp in gefährdeten Regionen zu nennen.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Dass es um ein globales Problem mit unterschiedlich gravierender Wirkung für verschiedene Regionen der Welt geht, ist ein zentrales Thema des Artikels. Der Beitrag gibt dazu konkrete Zahlen an, zum Beispiel geht es um Deutschland und China. Die am stärksten betroffenen Länder und Städte werden aufgeführt. 

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag berichtet über den Anstieg des Meeresspiegels seit 1901 und gibt an, dass der prognostizierte Meeresspiegelanstieg in 200 bis 2000 Jahren eintreten wird. Zwar finden wir es fragwürdig, einen Meeresspiegelanstieg „in 2000 Jahren“ mit der Zahl der dann betroffenen Menschen in Küstenregionen zu verknüpfen (siehe dazu Kriterium 2). Aber anders als Titel und Einstieg macht der Artikel in seinem Verlauf deutlich, dass sich der Meeresspiegelanstieg und seine Folgen über einen langen Zeitraum entwickeln werden. Auch das Zitat von Anders Levermann vom PIK weist auf die zeitliche Dimension des Prozesses hin.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Artikel bezieht zumindest punktuell wirtschaftliche Aspekte ein. So werden Kosten eines bestimmten Hurrikans (Sandy) genannt und die erhöhten Schäden durch den Meeresspiegelanstieg. Der Beitrag geht nicht darauf ein, was es kosten würde, den Klimawandel und seine Auswirkungen zu mindern – indes mag das in diesem Rahmen auch etwas weit führen. Interessant wären jedoch Kosten für Maßnahmen wie Umsiedlung und Dammbau gewesen. Während Länder wie Deutschland und z.B. Großbritannien große Summen in den Küstenschutz investieren und damit die Auswirkungen für die Bevölkerung mildern, können sich arme Länder wie Bangladesch solche Maßnahmen nicht leisten und ihre große Bevölkerung auch kaum einem sicheren Gebiet unterbringen. Welche sozialen Folgen das in den betroffenen Ländern haben könnte, erwähnt der Text nicht. Die politische Ebene wird mit dem Hinweis auf die Klimakonferenz in Paris und der geforderten finanziellen und technischen Unterstützung für ärmere Länder und nur kurz angesprochen. Insgesamt werten wir „knapp erfüllt“. 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema des Artikels ist interessant und durch eine neue Veröffentlichung im Vorfeld des Pariser Klimagipfels aktuell. Die interaktiven Städtekarten von „Climate Central“ sind gerade veröffentlicht worden.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel schildert die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs auf verschiedene Regionen. Er nennt eine Vielzahl von Ländern, Städten und Zahlen, die indes nicht immer verständlich eingeordnet werden. Ohne diese Einordnung können Leserinnen und Leser mit den Informationen aber wenig anfangen. In welchen Zeiträumen bei welchen Szenarien welche Folgen zu erwarten wären, erschließt sich für Laien kaum. Hier wäre eine Tabelle oder Grafik mit Zahlen und Fakten hilfreich gewesen. Im Text hätte das Platz für erläuternden Hintergrund geschaffen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Im Artikel wird formuliert „Die Forscher legen ihren Prognosen einen Meeresspiegelanstieg von 7,4 beziehungsweise 4,5 Metern zugrunde. Je nach Schadstoffausstoß werden diese Höhen in 200 bis 2000 Jahren erreicht“. Die große Spanne geht jedoch dem Bericht zufolge nicht auf unterschiedliche Annahmen zum „Schadstoffausstoß” (bzw. Emission von Treibhausgasen) zurück, sondern auf unterschiedliche Annahmen dazu, wie schnell das Eis bei einer gegebenen Erwärmung schmelzen wird. Im Bericht heißt es dazu: „This wide range stems from the fact that it is easier to estimate how much ice will eventually melt from a certain amount of warming, than how quickly it will melt, which involves more unknowns.“ (S. 8)

Anzumerken ist außerdem eine Ungenauigkeit im Einstieg des Artikels (die sich im dpa-Text nicht findet): „Die Klimaerwärmung lässt Gletscher und das Eis der Pole schmelzen – und damit den Meeresspiegel ansteigen“, so der erste Satz. Tatsächlich trägt auch die Ausdehnung des Wasser bei steigenden Temperaturen erheblich zum Anstieg des Meeresspiegels bei. 

 

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt

Wegen eines Faktenfehlers und Mängeln bei den Belegen werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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