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„Die Kunststoffzelle“

„Die Kunststoffzelle“

Eine neuartige Batterie, die Forscher der Universität Jena entwickelt und in „Nature“ vorgestellt haben, könne „der Energiewende Schub verleihen“, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Der Artikel nennt viele technische Details, doch gelingt es nicht, die Funktionsweise der Batterie allgemeinverständlich zu erklären.

Zusammenfassung

Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung berichtet über einen interessanten neuen Batterietyp, der möglicherweise einen Beitrag dazu leisten könne, bei der Umstellung auf erneuerbare Energien das  Speicherproblem zu lösen. Anlass ist eine aktuelle Publikation im Wissenschaftsmagazin Nature, in der Forscher der Universität Jena die neuartige Redox-Flow-Batterie vorstellen. Es wird deutlich, dass das Konzept noch nicht praxisreif ist, und eine Fertigung von Prototypen erst im kommenden Jahr beginnen soll. Hervorgehoben wird einerseits, dass die neuartigen Batterien besonders preiswert sein könnten, andererseits werden die Produktionskosten als Hürde genannt – an konkreten Angaben dazu fehlt es aber. Der Beitrag bezieht etliche unterschiedliche Quellen ein; dass das dabei genannte Unternehmen JenaBatteries eine Ausgründung der Uni Jena ist, wird jedoch nicht erwähnt, ebenso wenig die Beratertätigkeit des zitierten Forschers.

Der Beitrag ordnet die vorgestellte technisches Lösung nicht in den Kontext ein – welche Speicherkapazitäten unter welchen Umständen benötigt werden, und welche Rolle die Batterietechnologie dabei spielen könnte, wird nicht ausgeführt. Der Beitrag konzentriert sich stattdessen stark auf die technische Darstellung, wobei es leider nicht gelingt, die Funktionsweise der Batterie für Laien verständlich zu erklären. Das technische Vokabular wird, so fürchten wir, viele Leserinnen und Leser abschrecken.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag schildert die Entwicklung einer neuen Batterie, die insbesondere für die Speicherung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind und Sonne von Bedeutung sein kann. Die Chancen dieser Entwicklung werden erläutert, aber trotz einer insgesamt eher positiven Darstellung nicht übertrieben – es wird deutlich, dass die Praxisreife noch längst nicht erreicht ist. Die Forschung wird sachlich dargestellt und dabei die mögliche Bedeutung der neuen Technik für die Energiewende deutlich gemacht, aber auch technische bzw. ökonomische Hürden werden genannt.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Artikel erklärt einleuchtend die technischen Vorzüge und Probleme einer neuartigen Redox-Flow-Batterie, allerdings sehr fachsprachlich, sodass das Konzept nicht für jeden nachvollziehbar sein dürfte (siehe dazu allgemeinjournalistisches Kriterium 2). Auch wird die angedeutete Überlegenheit der neuen Batterie nicht ausreichend mit Zahlen belegt; hierzu gibt es lediglich allgemeine qualitative Angaben („besonders kostengünstig“). Doch fehlen dazu konkrete Daten, wie sie z.B. der Nature-Publikation zu entnehmen gewesen wären. Wo Zahlen genannt sind, wird nicht klar, wie aussagekräftig diese sind – unter welchen Bedingungen wurden beispielsweise die genannten 10.000 Ladezyklen erreicht? In einem Laborexperiment oder unter praxisnahen Bedingungen? Es werden keinerlei Angaben zur Leistungsfähigkeit gemacht (Wie groß können solche Batterie werden? Wie viel Energie ließe sich mit ihnen speichern?); auch zu den Kosten der neuen Batterien gibt es keine konkreten Informationen. Jeder präzise Vergleich zu konventionellen Batterien oder anderen Speichersystem für Energie (z.B. Pumpspeicherwerke) fehlt.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Es wird deutlich, dass der Artikel sich im Wesentlichen auf eine Publikation im Fachmagazin „Nature“ und die Aussagen eines beteiligten Forschers der Uni Jena bezieht (sinnvoll wäre es gewesen, auch das Institut an der Uni zu nennen). Darüber hinaus werden Experten zweier weiterer Forschungseinrichtungen zu dem vorgestellten Batteriekonzept befragt. An einer Stelle spricht der Artikel von einem neuen StartUp-Unternehmen namens JenaBatteries GmbH, das die neuen Stromspeicher im kommenden Jahr fertigen und testen will. Das scheint die optimistischen Erwartungen der Jenaer Forscher zu bestätigen. Dabei hätte aber erwähnt werden müssen, dass dieses Unternehmen eine Ausgründung der Uni Jena und also kein unabhängiges Unternehmen ist. Der zitierte Ulrich Schubert ist als Berater für dieses Unternehmen tätig, was der Artikel nicht erwähnt. Auch fehlen Angaben zur Finanzierung des Projekts (aus EU-Mitteln, Geldern des Landes Thüringen und dem Fonds der Chemischen Industrie). Damit sehen wir dieses Kriterium „knapp nicht erfüllt“. 

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Die Entwicklung einer neuen Batterie scheint uns kein allzu kontroverses Thema zu sein. In Ansätzen wird deutlich, welche Probleme Fachkollegen bei der neuen Technologie sehen: Es sei noch ein „großer Sprung“ bis zum Industrieprojekt, und auch die Frage, ob die Batterien tatsächlich zwanzig Jahre funktionieren werden, wird aufgeworfen. Zusätzlich interessant wäre es gewesen, den Hersteller einer konventionellen Redox-Flow-Batterie um eine Stellungnahme zur neuen Technik zu bitten.
Über potenzielle ökologische Folgen bei massenhaftem Einsatz der Technologie informiert der Beitrag nicht; relevant wäre hier z.B. Fragen nach der Giftigkeit der verwendeten Kunststoffmoleküle gewesen. Laut Studie sind diese weniger toxisch als die bislang eingesetzten Vanadiumsalze, es wird jedoch auch berichtet, dass Tierversuche und Langzeittests zur Ökotoxizität noch ausstehen. Vor- und Nachteile von Batterien gegenüber anderen Energiespeichern werden nicht genannt, siehe dazu z.B. hier . Da solche Informationen im Beitrag fehlen, werten wir nur „knapp erfüllt“. 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Artikel geht weit über das Pressematerial hinaus. Einer der beteiligten Forscher wird befragt, andere Experten werden um Stellungnahme gebeten und Beispiele für den Einsatz von Redox-Flow-Batterien genannt.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Der Artikel macht deutlich, dass andere Redox-Flow-Batterien als Stromspeicher bereits verwendet werden, mit der hier beschriebenen „Kunststoffzelle“ aber ein neues Konzept entwickelt wird, das die Forscher nun nach viereinhalb Jahren Entwicklungszeit erstmals in einer Fachpublikation vorgestellt haben. Der Beitrag erwähnt zudem, dass US-Forscher kürzlich über einen vergleichbaren Ansatz berichtet haben. 

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Ein Lösungsansatz zum Problem der Energiespeicherung steht im Zentrum des Beitrags. Der Vergleich zu anderen Lösungsansätze ist allerdings recht eng gefasst: Das neue Konzept wird lediglich bisher schon eingesetzten Redox-Flow-Batterien gegenübergestellt. Für Leserinnen und Leser wäre der Vergleich mit anderen Verfahren der Speicherung von Energie (z.B. diverse Gasspeicher, Wasserkraftwerke, Luftdruck) mindestens ebenso interessant gewesen.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es wird klar, wo das vorgestellte Konzept entwickelt wird, und dass es im Ausland vergleichbare Forschung gibt. Exemplarisch werden Einsatzorte schon praxisreifer konventioneller Redox-Flow-Batterien genannt (auf der Nordseeinsel Pellworm sowie in einem süddeutschen Verteilernetz). Allerdings hätte man sich genauere Erläuterungen gewünscht, ob die Batterien vor allem auf Inseln und in kleineren Orten eine Lösung darstellen sollen, oder ob sie auch als große Energiespeicher mit überregionaler Bedeutung dienen könnten. Kamen die regionalen Beispiele einfach zufällig zustande, oder ist der Einsatz der Batterien an bestimmte Bedingungen vor Ort gebunden? Wir werten noch „knapp erfüllt“.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Es wird deutlich, dass es sich hier um eine neue Technik handelt, die in Zukunft nachhaltig die Speicherung von Strom verbessern könnte. Es wird klar, dass es sich derzeit noch um ein Forschungsprojekt handelt, und dass die Produktion einer Kleinserie erst im nächsten Jahr beginnen soll. Nur vage geht der Artikel auf die Frage ein, wann die als besonders preisgünstig vorgestellte Technik tatsächlich billiger als andere Batterietypen werden könnte – „sobald Tausende Tonnen der Kunststoffmoleküle jährlich produziert werden …“ sagt wenig über den Zeithorizont. Zur erwarteten Lebensdauer wird der Jenaer Forscher zitiert (10.000 Ladezyklen, „Das entspricht einer Lebensdauer von 20 Jahren, wie sie etwa auch für eine Solaranlage gefordert wird“). Der Kommentar eines nicht am Projekt beteiligten Forschers deutet an, dass dies erst noch unter Beweis zu stellen ist („Überstehen die Kunststoffe tatsächlich 20 Jahre Batteriebetrieb, könnte das der richtige Weg sein …“).

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Beitrag berichtet in erster Linie über eine technische Lösung zur Speicherung von Energie. Er stellt diese zwar in den Kontext der Energiewende (der zitierte Wissenschaftler erwartet, dass die von ihm mitentwickelte Batterie dazu einen wichtigen Beitrag leisten wird), macht hierzu aber keine weiteren Ausführungen. Hier würden wir Angaben dazu erwarten, welche Speicherkapazitäten überhaupt benötigt werden und welche Rolle Batterien dabei spielen könnten, auch im Vergleich zu anderen Speichertechnologien. Informationen dazu liegen vor und sind leicht zugänglich (etwa in diesem Bericht und hier). Fragen wie etwa die Veränderungen in der Erneuerbaren-Gesetzgebung, der generellen Marktlage oder auch der politischen Fördersituation für Speichertechnologien bleiben außen vor. Kostenaspekte werden zwar angesprochen: Der Beitrag betont einerseits, dass die neuartigen Batterien besonders kostengünstig herzustellen seien, andererseits Kosten bislang die größte Hürde für den Praxiseinsatz darstellen. Aber welche ökonomische Bedeutung Energiespeicher für die Energiewende haben werden, und unter welchen Bedingungen sie wirtschaftlich sind, wird nicht angesprochen. Insgesamt hat der Beitrag unseres Erachtens einen zu engen technischen Fokus. 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema Energiespeicherung ist relevant und latent in der politischen Diskussion; das vorgestellte Batteriekonzept ist zudem durch die Nature-Veröffentlichung aktuell.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Beitrag beginnt mit einem gelungenen Einstieg und lässt auch einen roten Faden erkennen. Indes verliert er sich dann in technischem Vokabular, das das Lesen sehr erschwert. Wer keine Vorkenntnisse mitbringt, wird dem Text kaum folgen können. Warum „Lösungen, (..) bei Bedarf zur Ladungsaufnahme oder -abgabe in eine elektrochemische Zelle gepumpt werden“, erschließt sich Laien nicht. Warum der Einsatz „langkettiger Kunststoffmoleküle die in einer pH-neutralen Kochsalzlösung gelöst“ dazu führt, dass „keine der bisher üblichen feinporigen, säurefesten und vor allem teuren Trennmembranen“ benötigt werden, erklärt der Beitrag ebenso wenig. Warum andere Batterien mit Farbstoffen und Salzrieselhilfen arbeiten, bleibt rätselhaft. Es werden immer wieder einzelne Funktionscharakteristika aufgezählt – etwa die unterschiedlichen Membranen – ohne dass deren Funktion und die Arbeitsweise der neuen Batterie insgesamt deutlich werden. Von einem Beitrag, der eine neue Technologie ins Zentrum stellt, hätten wir erwartet, dass er diese verständlich erklärt. Hilfreich wäre hier z.B. eine kleine Infografik gewesen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen 

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

Wegen der Mängel in der Darstellung werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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