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„Neuer Uno-Klimabericht: Es hilft nur der Abschied von Öl, Gas und Kohle“

„Neuer Uno-Klimabericht: Es hilft nur der Abschied von Öl, Gas und Kohle“

KLIMA-SPECIAL: Ein Beitrag in Spiegel Online fasst den dritten Teil des aktuellen Weltklimareports detailreich zusammen. Der Beitrag nennt viele Fakten, allerdings hätten wir uns an einigen Stellen genauere Erklärungen gewünscht. In der Darstellung bleibt der Beitrag sehr trocken.

Zusammenfassung

Der Online-Beitrag berichtet nüchtern über den Report des Weltklimarats (IPCC). Er beschreibt die wesentlichen im dritten Teilbericht aufgeführten Fakten und Szenarien. Es wird klar, um welchen zeitlichen Rahmen es geht, auch liefert der Beitrag weitergehende Informationen zum Klimaschutz in den USA, China und Deutschland. Dabei werden neben dem IPCC-Bericht auch andere Quellen genannt. Somit erfüllt der Beitrag die meisten unserer Kriterien. Allerdings bleibt er bei der Darstellung der Klimaschutzmaßnahmen eher vage, wie neu die Erkenntnisse und Lösungsvorschläge des Berichts sind, wird nicht ausreichend deutlich. Bei den Kosten des Klimaschutzes hätten wir eine genauere Analyse zu deren „Überschaubarkeit“ erwartet.

Eine wesentliche Schwäche des Artikels ist die journalistische Darstellungsweise: Der Artikel macht nicht neugierig, lädt den Leser nicht dazu ein, einer Frage, gar einer Story zu folgen. Viele Informationen, hinter denen interessante Geschichten stecken könnten, werden lediglich aufgelistet.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Online-Beitrag fasst den Bericht der Arbeitsgruppe 3 des IPCC sachlich zusammen; er beschreibt das Problem des Klimawandels und die Dringlichkeit einer Lösung, ohne zu dramatisieren. Der Text nennt viele Fakten und vermeidet dabei jede Übertreibung oder Verharmlosung sowohl des Klimaproblems selbst, als auch bei der zentralen Frage, wie diesem begegnet werden kann und zu welchen Kosten. Er informiert ohne eigene Wertung über die Einschätzung des Weltklimarats (IPCC), dass die schlimmsten Szenarien sich bei entsprechenden Anstrengungen noch immer verhindern lassen. Der Beitrag macht zugleich deutlich, dass das Ziel verfehlt werden wird, wenn die derzeitige Entwicklung mit steigenden CO2-Emissionen anhält („Wenn nichts passiert, so das Urteil der IPCC-Autoren, dürften die weltweiten Durchschnittstemperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts um 3,7 bis 4,8 Grad steigen – mit dramatischen Folgen.“).

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Beitrag beschreibt die wesentlichen Inhalte der Zusammenfassung für Entscheidungsträger des hier vorgestellten 3. Teil des IPCC-Reports und nennt dabei etliche Zahlen. Es wird hinreichend klar, womit sich dieser Teilbericht befasst, und welche Aussagekraft er hat (z.B. durch Links zu Kurzinfos über den IPCC und älteren Beiträgen zum 5. Weltklimabericht). Dabei bleibt der Artikel zwar bei sehr allgemeinen Beschreibungen von möglichen Maßnahmen gegen die Erderwärmung, und manches liest sich allzu abstrakt (siehe dazu allgemeinjournalistisches Kriterium 2), doch die wichtigsten Daten des IPCC-Berichts und ihre Aussagekraft werden für aufmerksame und interessierte Leserinnen und Leser deutlich.

Schwächen sehen wir bei der Darstellung der ökonomischen Berechnungen (siehe dazu auch Kriterium 10). Etwas unglücklich gewählt ist der Verweis auf die sinkenden Investitionen in erneuerbare Energien, denn dieser Wert ist so kaum aussagekräftig. Wie im Beitrag richtig angemerkt, kommt der Rückgang zu einem erheblichen Teil durch fallende Preise für die technischen Anlagen zustande. Eine sinnvolle Maßzahl wäre stattdessen die Angabe gewesen, wie viele Megawatt Sonnen- und Windenergie im Vergleich zum Vorjahr neu installierten wurden.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Bericht stützt sich vor allem auf den aktuellen IPCC-Bericht und seine Zusammenfassung. Diese sind als Quellen eindeutig bekannt. Außerdem werden Studien des Uno-Umweltprogramms UNEP und von Greenpeace herangezogen. Positiv hervorzuheben ist, dass der Artikel die Einflussnahme von Politikern und die entsprechende Änderung der Zusammenfassung für Entscheidungsträger anspricht, wo es um die politischen Verantwortlichkeiten von Ländern bzw. Staatengruppen für den Klimaschutz geht.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Bei diesem Beitrag geht es nicht um eine wissenschaftliche Kontroverse, sondern um die Darstellung des unter Wissenschaftlern weltweit ganz überwiegend akzeptierten Wissensstandes in Sachen Klima und Klimaschutz, wie er im aktuellen IPCC-Bericht dargelegt ist.

Dabei lässt der Beitrag in Ansätzen auch die politische Auseinandersetzung um die Zusammenfassung für Entscheidungsträger erkennen. Dieser Punkt ist jedoch kein zentrales Thema des Beitrags. Wir wenden dieses Kriterium daher nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag verarbeitet einige Informationen aus der Pressemitteilung des IPCC, geht jedoch weit darüber hinaus. Er bezieht weitere Quellen ein und zeigt beispielsweise auch auf, welche Fragen der IPCC-Bericht nicht beantwortet.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird zu Recht als bekannt vorausgesetzt, dass das Klimaproblem seit langem besteht. Der Beitrag berichtet, dass laut aktuellem IPCC-Bericht der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen bis Mitte des Jahrhunderts um 40 bis 70 Prozent sinken müsse. Ob dies gegenüber früheren IPCC-Bericht eine neue Botschaft ist, erfährt man indes nicht. Der dritte Teilbericht liefere „Ideen, wie das Problem technisch in den Griff zu kriegen ist“, heißt es weiter. Auch diese Informationen bleiben vage. Inwiefern sich der aktuelle IPCC-Bericht von früheren unterscheidet, ob es grundlegend neue Erkenntnisse gab, oder welche Lösungsstrategien neu aufgenommen wurden, wird nicht angesprochen.

Lediglich auf eine Änderung gegenüber früheren IPCC-Berichten weist der Beitrag hin: Klassischerweise sei in den Weltklimaverhandlungen nur zwischen Industrieländern und allen anderen Staaten unterschieden worden „Im aktuellen Bericht wird dagegen nach einem halben Dutzend geografischen Regionen differenziert.“ Aus der Zusammenfassung sei diese Differenzierung allerdings auf politischen Druck wieder gestrichen worden. Wir werten „knapp nicht erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag nennt, ebenso wie der IPCC-Bericht, allgemein mögliche Handlungsoptionen auf dem Weg zu einer „Dekarbonisierung“ unseres Wirtschaftens, also einer Entwicklung, die mit immer weniger fossilen Brennstoffen auskommt. Er nennt dabei – ohne eigene Gewichtung – regenerative Energiequellen ebenso wie die Atomkraft, die CCS-Technologie („Carbon Capture and Storage“), die Bindung von CO2 durch Pflanzen und das Geo-Engineering. Nicht genannt werden die im IPCC-Bericht aufgeführten Maßnahmen der Wiederaufforstung von Wäldern und insbesondere die Steigerung der Energieeffizienz.

Klar wird auch, dass das Klimaschutzproblem sich nicht „von selbst“ durch die Erschöpfung der Reserven an fossilen Brennstoffen lösen wird.

Nähere Ausführungen – wenigstens exemplarisch – zu einzelnen Lösungsstrategien über deren Auflistung hinaus fehlen jedoch.

Wir werten „knapp erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Artikel spricht, ebenso wie das IPCC, von Emissionsszenarien und Zielen, die global erreicht werden müssen, wenn die Erderwärmung gebremst werden soll. Ebenso deutlich werden Informationen zu den größten Erzeugern von Treibhausgasen – China und die USA – sowie zu Deutschland genannt. Der Beitrag stellt die Anteile der größten Emittenten an den globalen Emissionen dar, womit die Verantwortlichkeiten deutlich werden. Informativ ist zudem die Erläuterung der Situation im Land mit den meisten Emissionen (China).

Auch die Querelen um die regionalen Differenzierungen (siehe Kriterium 6) im IPCC-Bericht werden kurz angesprochen.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag macht deutlich, um welche Zeithorizonte es bei den Szenarien des Weltklimarats geht. Der Hinweis, dass bis Mitte des Jahrhunderts die Emissionen um 40 bis 70 Prozent sinken und bis 2100 auf Null zurückgefahren werden müssen, zu verhindern, dass die globalen Durchschnittstemperaturen bis dahin um 3,7 bis 4,8 Grad steigen, beschreibt die zeitliche Dimension zutreffend. Es wird klar, dass laut IPCC-Berechnungen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts eine Trendumkehr bei den Treibhausgasemissionen erreicht werden muss.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Artikel spricht knapp auch politische Fragen an (Klimaschutzpolitik in den USA, China und Deutschland). Zu den Kosten für den Klimaschutz heißt es, dass diese laut IPCC „überschaubar“ seien. Hier allerdings bleibt der Beitrag gar zu unklar: Er greift die vielfach genannte Zahl von 0,06 Prozentpunkten auf, um die der Konsum bei wirksamen Klimaschutzmaßnahmen weniger ansteigen wird. Doch fehlt jeder Hinweis darauf, wie dieser Wert im IPCC-Report zustande kommt. Die Bemerkung „auch wenn die Angaben etwas schwer zu entschlüsseln sind“ hilft Leserinnen und Lesern hier nicht weiter. Wir hätten zumindest die Erläuterung erwartet, dass es sich um einen Mittelwert aus verschiedenen Modellrechnungen handelt, und dass dabei sehr optimistische Annahmen zugrunde gelegt wurden (siehe dazu S. 17 der „Summary for Policymakers“). Da die Angabe im Beitrag eine wichtige Rolle spielt, wäre unseres Erachtens hier eine genauere Darstellung erforderlich gewesen, um die Zahl zur Wachstumsminderung einzuordnen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist aufgrund des kurz vor dem Erscheinen des Beitrags vorgelegten IPCC-Berichts aktuell, das Thema Klimaschutz ist zweifellos relevant. Dagegen ist die Umsetzung wenig originell.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist weitgehend verständlich, in einem sachlichen Ton geschrieben. Gleichwohl gelingt es nicht, das Thema gut zu vermitteln. Der Text ist ein blutleerer Aufsatz, ohne eine Story, ohne Zitate, ohne dramaturgische Kniffe, ohne handelnde Personen. Das Thema bleibt abstrakt, die wichtigsten Fakten werden im Stil einer Nacherzählung zusammengefasst. Kaum ein Zeichen von Leben, von Akteuren ist zu erkennen. Anstatt sie zu erläutern, heißt es, die Angaben im IPCC-Bericht seien „schwer zu entschlüsseln“.

Der Einstieg mit dem Allgemeinplatz „So können wir Menschen nicht weitermachen“ reizt kaum zum Weiterlesen. Ein Satz wie „Gleichzeitig sind sie so zurechtdiskutiert, dass direkte Verantwortlichkeiten nicht zu finden sind“, sagt allenfalls Eingeweihten etwas. Nicht bereits vorinformierten oder besonders interessierten Leserinnen und Lesern wird der Artikel die vielen Informationen, die er enthält, kaum näher bringen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 7 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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