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„Die Klimawende – möglich und bezahlbar“

„Die Klimawende – möglich und bezahlbar“

KLIMA-SPECIAL: Am Tag nach der Veröffentlichung des 3. Teilberichts des Weltklimarats IPCC berichtet die Stuttgarter Zeitung über dessen Ergebnisse. Der Beitrag stellt die Aussagen des Reports weitgehend korrekt dar, verzichtet jedoch auf eigene Hintergrundrecherche und findet auch keinen eigenständigen Ansatz in der Vermittlung.

Zusammenfassung

Der Beitrag referiert weitgehend die Inhalte der Pressemitteilung des Weltklimarats und die auf dessen Pressekonferenz in Berlin vorgestellten Ergebnisse der Arbeitsgruppe III zu Möglichkeiten des aktiven Klimaschutzes. Der Beitrag ist leicht verständlich geschrieben, viele Formulierungen bleiben allerdings diffus, so wenn von „global erträglichen Grenzen“ die Rede ist oder davon, dass „politische Aktivitäten zur Vermeidung des Klimawandels“ kaum „Fahrt aufgenommen“ hätten. Wesentliche Eckdaten des IPCC-Berichts werden genannt, ohne dabei ausreichend zu erläutern, wie diese Aussagen zustande kamen. Gerade hinsichtlich der wirtschaftlichen Zahlen entsteht der Eindruck einer scheinbaren Präzision in der Aussage, die so nicht belegbar ist. Eine über die Vorstellung des IPCC-Berichts hinaus gehende Recherche ist nicht erkennbar,  eine eigene Bewertung des Themas leistet der Beitrag nicht. Verschiedene Handlungsansätze werden kurz angesprochen, doch ohne deren Potenzial zu erläutern oder die Frage nach der politischen Umsetzbarkeit zu stellen.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag gibt weitgehend ohne eigene Wertung die Präsentation und die Kernaussagen des Berichtes des Weltklimarates (IPCC) wieder. Er beschreibt nüchtern die warnenden und auch die zuversichtlich stimmenden Aussagen des IPCC und des Experten Ottmar Edenhofer.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Es wird klar, dass die genannten Zahlen aus dem IPCC-Bericht stammen. Wie dieser prinzipiell erarbeitet wurde, ist im Beitrag dargestellt: Es heißt dazu, dass daran „235 Autoren und 900 Gutachter aus 58 Ländern seit drei Jahren“ gearbeitet hätten. Gut finden wir hier auch den gesonderten Infokasten zum IPCC. Es wird jedoch nicht deutlich, dass es sich bei den genannten Ergebnissen jeweils um Mittelwerte bzw. Bandbreiten handelt, die sich aus vielen verschiedenen Szenarien ergeben und daher mit entsprechenden Unsicherheiten behaftet sind.

Die in vom IPCC herausgestellte und in den Medien vielfach genannte Angabe, der Klimaschutz werde das Wirtschaftswachstum um 0,06 Prozent verringern, wird einerseits besser erläutert als in manch anderen Beiträgen. Es wird hier deutlich, dass die Angabe sich auf ein angenommenes Wachstum von 2 Prozent bezieht, das um 0,06 Punkte auf 1,94 Prozent verringert würde. Andererseits fehlt auch hier die wichtige Information, dass diese Zahl ein Mittelwert aus verschiedenen Berechnungen ist, und auf recht optimistischen Voraussetzungen beruht (siehe dazu S. 17 der Zusammenfassung für Entscheidungsträger). Hier hätten wir uns eine weitere Einordnung gewünscht.

Problematisch finden wir auch die Formulierung, die Emissionen seien „ trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise, die die industrielle Produktion drosselte“, gestiegen. Denn über das ganze Jahrzehnt gesehen – und darum geht es – ist die Weltindustrieproduktion weiter gewachsen. Der Einbruch erfolgte nur kurzzeitig 2009. Exemplarisch zeigt das die Weltstahlproduktion (Steel Statistical Yearbook der World Steel Association 2013, S. 6  S. 6 (nicht mehr online) und Grafik hier)  Im Folgenden heißt es dann zwar im Beitrag: „‚Das Wachstum der Weltbevölkerung und vor allem das Wirtschaftswachstum sind Treiber dieser Entwicklung‘, erklärte Ottmar Edenhofer“, doch der Widerspruch zum vorausgehenden Satz wird nicht aufgelöst.

Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt..

Der Weltklimarat wird als bekannt vorausgesetzt, was wir angesichts der umfangreichen Berichterstattung dazu für angemessen halten. Die zitierten Experten Ottmar Edenhofer und Rajendra Pachauri werden knapp, aber ausreichend vorgestellt, wenngleich Edenhofer korrekt als Klimaökonom (nicht Klimaforscher) hätte bezeichnet werden müssen. Die Position von Staatssekretär Flasbarth muss nicht näher erläutert werden.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Da der Artikel nur die Sicht des Weltklimarates und seines neuesten Berichtes wiederspiegelt, enthält der Beitrag kein Pro und Contra. Der IPCC-Report selbst ist bereits das Ergebnis eines umfassenden Diskussions- und Abwägungsprozesses. Daher erwarten wir nicht, dass hier noch eine Gegenstimme einbezogen wird und wenden dieses Kriterium nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag stützt sich stark auf die Inhalte der Pressemitteilung und auf die Pressekonferenz des Weltklimarats in Berlin. Einige weitere Detailaussagen sind möglichweise ebenfalls in diesem Zusammenhang gemacht worden. Eine darüberhinausgehende Einordnung leistet der Beitrag nicht. Wir werten „knapp erfüllt“.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Zwar kann als bekannt vorausgesetzt werden, dass das Thema Klimaschutz nicht neu ist. Doch was der aktuelle IPCC-Report dazu an Neuem enthält bzw., wo er bekannte Einschätzungen und Szenarien fortschreibt, macht der Beitrag nicht einmal ansatzweise klar. Auch eine Einordnung, dass nun schon seit Jahrzehnten über den Klimaschutz diskutiert wird, ohne dass hier durchschlagende Erfolge zu verzeichnen sind, wäre nützlich gewesen.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag nennt – wenn auch in sehr allgemeiner Form – Lösungswege, die im IPCC-Report dargelegt sind: „Abkehr von der fossilen Energieversorgung“; „kohlestoffarme Verfahren bei der Stromerzeugung“ müssten „bis zum Jahr 2050 eine drei- bis viermal größere Rolle spielen“; auch dass erwogen wird, Atomkraft und Kohlekraftwerke mit Carbon-Capture-and-Storage-Technologie (CCS) sowie die Schiefergasgewinnung durch Fracking zu nutzen, erwähnt der Artikel.

Indes fehlt jede nähere Information dazu, welchen Beitrag die jeweiligen Verfahren zum Klimaschutz leisten könnten. Andere, ebenfalls von IPCC genannte Lösungsansätze fehlen, etwa die Umgestaltung des Verkehrs, oder Veränderungen bei der Landwirtschaft und anderen Landnutzungen. Politische und ökonomische Handlungsoptionen, wie beispielsweise die Reanimierung des Emissionshandels, haben wir ebenfalls vermisst.

Da es in diesem Teil des IPCC-Berichts aber vor allem um genau solche Handlungsmöglichkeiten geht, ist dieser Aspekt hier unseres Erachtens auch in einem Artikel dieser Länge nicht ausreichend dargestellt.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Dass es sich beim Klimawandel um ein globales Problem handelt, kann als bekannt vorausgesetzt werden. Insofern erübrigt es sich, das Problem immer von neuem als weltweit bedeutsam einzuordnen. Als deutscher Aspekt werden die auch hier zu Lande gestiegenen CO2-Emissionen genannt, allerdings ohne jede nähere Angabe zu Umfang und Ursachen dieser Entwicklung. Auch die Zitate von Umweltstaatsekretär Flasbarth liefern dazu keine Informationen.

Die Frage, wie Klimaschutz und die Entwicklung von Schwellen- und Entwicklungsländer zu vereinbaren sind, und welche spezifischen Probleme und Handlungsoptionen es jeweils gibt. spricht der Beitrag kaum an; ebensowenig das Problem eines Lastenausgleichs zwischen armen und reichen Ländern. Im Artikel heißt es lediglich: „Auch für die Schwellen- und Entwicklungsländer ist die Einschätzung wichtig, dass der Klimaschutz das Wachstum nicht zum Erliegen bringt“. In Anbetracht dessen, dass regionale Aspekte im 3. IPCC-Teilbericht eine wichtige Rolle spielen, sind sie hier nicht ausreichend dargestellt.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

An mehreren Stellen bemüht sich der Beitrag um eine zeitliche Einordnung, so etwa mit dem Verweis auf die gescheiterte Kopenhagen-Konferenz 2009 oder mit der Information, dass die Emissionen von 2000 bis 2010 trotz der Klimaschutzpakete stärker gestiegen sind als je zuvor. Die Klimaszenarien bis 2100 werden kurz dargestellt, ebenso der notwendige Anstieg der erneuerbaren Energien bis 2050. Damit sind einige wichtige zeitliche Eckpunkte genannt. Auch wird mit dem Zitat von Jochen Flasbarth angesprochen, dass die Handlungsspielräume enger werden, wenn Klimaschutzmaßnahmen sich verzögern.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Text nennt zu den Kosten des Klimaschutzes die vom IPCC und von Ottmar Edenhofer herausgestellte Zahl, wirksame Maßnahmen würden das Wirtschaftswachstum um 0,06 Prozentpunkte verringern. Zitiert wird außerdem die Äußerung von Staatssekretär Flasbarth, dass dagegen noch der finanzielle Nutzen des Klimaschutzes aufgerechnet werden müsse. Eingeordnet oder gar hinterfragt werden diese Angaben nicht (siehe dazu auch Kriterium 2).

Wie der Klimaschutz politisch durchgesetzt werden kann, ist im Beitrag kein Thema. Dazu heißt es lediglich, dass die Wissenschaftler sich „in der Rolle von Kartografen“ sähen, „die eine Landkarte mit allen Faktoren zeichnen, während die Politik entscheidet, welchen der vielen Wege auf der Karte sie einschlagen will.“

Damit sind zwar Rolle und Selbstverständnis des IPCC zutreffend beschrieben; die journalistische Aufgabe hätte jedoch darin bestanden, hier erkennbar nachzuhaken und beispielsweise den Vertreter der Bundesregierung dazu zu befragen, statt lediglich dessen Allgemeinplätze zu zitieren.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist relevant und durch den kurz zuvor veröffentlichten IPCC-Bericht aktuell.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Artikel ist verständlich geschrieben, allerdings in einem trockenen Berichtsstil, ohne einen eigenen Ansatz zu finden, der neue Leserinnen und Leser für das Thema interessieren könnte. Die Aufarbeitung orientiert sich weitgehend am Pressematerial. Eine eigenständige journalistische Leistung über die Zusammenfassung der IPCC-Aussagen hinaus ist kaum erkennbar. Indes gibt es auch keine groben Schnitzer.  Wir werten daher noch „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Außer den bereits bei Kriterium 2 erwähnten  Punkten zu den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise sind uns keine weiteren Fehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 4 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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