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„Weltklimarat veröffentlicht Weltklimabericht“

„Weltklimarat veröffentlicht Weltklimabericht“

KLIMA-SPECIAL: Ein Beitrag in den Tagesthemen informiert über die Ergebnisse des  dritten und letzten Teils des Berichtes, den der Weltklimarat IPCC am gleichen Tag vorgelegt hat. Plakativ wird herausgestellt, dass die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf zwei Grad möglich und bezahlbar ist. Belege und Hintergrundinformationen fehlen indes.

Zusammenfassung

Der Beitrag ist ein solider Nachrichtenfilm mit weitgehend korrekten Fakten, aber leider ohne eine besondere Erzählidee. Er berichtet in Übereinstimmung mit den Aussagen des aktuellen IPCC-Berichtes, dass der weltweite CO2-Ausstoß stetig steigt, dass eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad gleichwohl realistisch ist. Im Bild gezeigt werden einige Folgen steigender CO2-Emissionen in die Atmosphäre: Abschmelzende Polkappen, Erhöhung des Meeresspiegels und Großstadtsmog. Nach diesem kurzen Intro verfolgt der Beitrag im Wesentlichen die Argumentation, dass eine Begrenzung des weltweiten CO2-Ausstoßes relativ kostengünstig bewerkstelligt werden könne und kritisiert, dass dies dennoch nicht umgesetzt werde. Dazu kommen Interviewpartner aus Wissenschaft und Politik zu Wort. Doch insgesamt ist die Darstellung auch gemessen an dem kurzen Format recht oberflächlich. Handlungsmöglichkeiten werden zu kurz angesprochen und bleiben unverständlich. Es fehlen Erläuterungen zu den in Wort und Bild dargestellten Fakten; wie die genannten Zahlen zustande kamen, und wie der Weltklimarat arbeitet und zu seinen Aussagen kommt, wird nicht ansatzweise deutlich.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag berichtet in sprachlich recht sachlicher Weise über die Veröffentlichung des IPCC-Berichts. Im Bild gezeigt werden zu Beginn schlaglichtartig einige Folgen weltweit steigender CO2-Emissionen: schmelzende Polkappen, ansteigender Meeresspiegel, Smog. Der Filmtext dazu ist knapp und unpathetisch, die Bilder sind eher metaphorisch (kalbender Eisberg, Insel in tropischem Meer) und nicht allzu drastisch.

Im weiteren Verlauf erweckt der Beitrag allerdings den Eindruck, eine Beschränkung des weltweiten Temperaturanstiegs auf 2 Grad Celsius bis 2100 sei „billig“ zu haben – für nur 0,06 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums. Hier sehen wir eine gewisse Tendenz zur Bagatellisierung, die Darstellung wird der Komplexität der Problematik nicht gerecht (siehe dazu auch Kriterium 2, Belege). Dass bisher zu wenig getan wird, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, und dass auch Deutschland seine Emissionsziele verfehlt, wird dann wieder relativ nüchtern konstatiert. Die Bezeichnung der Kohle als „Klimakiller“ ist sprachlich zugespitzt, aber noch akzeptabel. Wir werten deshalb insgesamt „erfüllt“.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Als schlagkräftigste Zahl wird ein Wert genannt, den der Weltklimarat angeblich innerhalb einer Woche in Berlin erarbeitet hat (siehe dazu auch Kriterium 9): Als „Ergebnis der Beratungen“ präsentiert der Film die Angabe, dass es 0,06% des weltweiten Wirtschaftswachstums kosten würde, das Zwei Grad-Ziel einzuhalten. Diese Zahl stammt aus dem IPCC-Bericht, jedoch wird nicht einmal ansatzweise erklärt, wie sie zustande kommt: Es handelt sich um den Medianwert, der aus einer Vielzahl von Szenarios und Modellrechnungen ermittelt wurde. Mit diesen Modellen wird versuchen zu antizipieren, wieviel es kosten würde, den globalen Temperaturanstieg auf 2 Grad Celsius zu begrenzen. Der IPCC-Bericht weist ausdrücklich darauf hin, dass alle diese Modelle zwangläufig mit starken Vereinfachungen arbeiten und daher mit entsprechend großen Unsicherheiten behaftet sind. All das bleibt unerwähnt, diese „Schlüsselzahl“ wird also weder in ihrer Aussagekraft, noch was ihre Entstehung betrifft, eingeordnet. Der Film impliziert, dass es im Grunde „mit ein bisschen gutem Willen“ ganz einfach wäre, das Klimaziel zu erreichen, ohne dies ausreichend zu belegen.

Auch weitere konkrete Aussagen im Film (z.B. dass es in Deutschland voraussichtlich nicht gelingen wird, die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent zu verringern) werden nicht weiter erläutert.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Als Hauptquelle nennt der Fernsehbericht den Weltklimarat. Hier hätte man sich den Hinweis gewünscht, dass es sich um einen Teilbericht des Klimarates handelt (konkret um den 3. Teilbericht des 5. Sachstandsberichtes). Im O-Ton zu Wort kommen Ottmar Edenhofer, einer der Hauptautoren des Teilberichtes und  stellvertretender Direktor und Chef-Ökonom des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, Bärbel Höhn von den Grünen als Vertreterin einer Oppositionspartei und für die Bundesregierung Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Für alle drei wird nur die Institution/Organisation angegeben, besser wäre es gewesen, auch ihre Funktion dort zu nennen. Die Zuordnung wird jedoch noch hinreichend deutlich, die Positionen sind klar, ein Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte ist nicht angezeigt.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag stellt keine Kontroverse dar. Auch wenn Vertreter von Regierung und Opposition leicht unterschiedliche Akzente setzen, geht es hier doch nicht um einen grundsätzlichen Konflikt. Keine Seite stellt die Ergebnisse des IPCC-Berichts und die Notwendigkeit, die CO2-Emissionen zu verringern, in Frage.

Zwar fehlt eine differenziertere Darstellung, aus der hervorgeht, dass eine Reduktion der globalen CO2-Emissionen, im Sinne des „Minus 0,06% Weltwirtschaftswachstums-Szenarios“ eine tiefgreifende Umgestaltung der globalen Energie- und Wirtschaftspolitik erfordert. Und es wird auch nicht angesprochen, welche Interessen dem entgegenstehen. Doch bei diesem kurzen nachrichtlichen Beitrag ist das nicht der eigentliche Gegenstand. Es wäre daher auch nicht zwingend nötig gewesen, einen Vertreter der „Gegenseite“ (z.B. Vertreter eines Energieerzeugers) zu Wort kommen zu lassen. Wir wenden daher dieses Kriterium nicht an. 

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag bezieht sich im Wesentlichen auf die Inhalte der Pressekonferenz des IPCC. Mit diesen Aussagen werden dann Vertreter von Opposition und Regierung konfrontiert. Zudem werden die Aussagen aus dem IPCC-Bericht von allgemeinen Informationen und Belegbildern zum Klimawandel und zur deutschen Energiepolitik flankiert, die nicht dem Pressematerial entstammen.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Dass die steigenden CO2-Emissionen ein Problem sind, das sich seit Jahrzehnten immer stärker manifestiert, ist als allgemein bekannt vorauszusetzen und muss deshalb im Bericht nicht gesondert dargestellt werden. Die Langfristigkeit des Problem wird auch implizit in der Formulierung deutlich, es sei darüber beraten worden, „wie der CO2-Ausstoß endlich verringert werden kann“. Der Film macht darüber hinaus klar, dass die Aussagen des Weltklimarates über den Stand der steigenden Emissionen und die Anforderungen und Kosten für ihre Begrenzung gerade neu vorgelegt wurden.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Die Perspektiven, die der Film zur Reduktion der CO2-Emissionen aufzeigt, sind nur äußerst knapp dargestellt: Zum einen nennt Jochen Flasbarth ein „Aktionsprogramm Klimaschutz 2020“, das die Bundesregierung auflegen wolle, um doch noch eine Reduktion der CO2-Emissionen um 40 Prozent bis 2040 zu erreichen. Doch bleibt unklar, was dies konkret beinhalten soll, eine Nachfrage dazu gibt es im Beitrag nicht. Der zweite Lösungsansatz wird als Forderung des IPCC im letzten Satz des Filmtextes angerissen: Kohle müsse verteuert und damit unattraktiver gemacht werden. Allerdings fehlt jeder Hinweis, wie das konkret zu bewerkstelligen sei, also etwa ein Verweis auf Veränderungen beim Emissionszertifikatehandel. Für Zuschauerinnen und Zuschauer bleiben daher die konkreten Handlungsoptionen weitgehend unklar. Deshalb werten wir knapp nicht erfüllt.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Im Beitrag werden die Folgen des Klimawandels in Wort und Bild als globales Problem präsentiert, es ist sowohl von der deutschen als auch der globalen Energiepolitik die Rede (wobei hier z.T. nicht immer ganz eindeutig getrennt wird). Die räumliche Dimension wird damit angemessen abgebildet.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der einzige konkrete Zeithorizont, der im Beitrag genannt wird, kommt in den O-Tönen von Höhn und Flasbarth zur Sprache: das Jahr 2020, bis zu dem die Bundesrepublik Ihren CO2-Ausstoß um 40 Prozent senken muss. Alle anderen Ziele werden ohne zeitlichen Bezug in den Raum gestellt: Bei der Begrenzung der Klimaerwärmung um 2 Grad Celsius wird nicht gesagt, bis wann dies gilt, ebensowenig auf welchen Zeitraum sich die Einbuße des globalen Wirtschaftswachstums um 0,06 Prozent bezieht.

Der Film behauptet zudem irreführend, der Weltklimarat hätte eine Woche lang beraten, wie und zu welchen Kosten die weltweiten CO2-Emissionen verringert werde könnten. Tatsächlich wurde in der besagten Woche der dritte Teilbericht des neuen Sachstandsberichtes des IPCC beraten und verabschiedet, ein Papier an dem weltweit zahlreiche Wissenschaftler mehrere Jahre gearbeitet haben. Dieser Prozess wird in keiner Weise erläutert.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Im Zentrum steht die Aussage, dass der Klimawandel zu relativ geringen Kosten aufzuhalten wäre. Jedoch wird dazu nur eine einzige Zahl in den Raum gestellt (minus 0,06 Prozent Wirtschaftswachstum), ohne diese zu erläutern (siehe auch Kriterium 2, Belege).

Der Beitrag identifiziert dann die Energiegewinnung aus Kohlekraftwerken als eines der Hauptprobleme, durch das eine Reduktion sowohl des deutschen als auch des globalen CO2-Ausstoßes verhindert wird – und nennt als Begründung den im Vergleich zu Erdgas billigeren Kohlepreis, allerdings ohne jede konkrete Angabe: Wie viel billiger ist die Kohle? Wie haben sich Kohle- und Gaspreis entwickelt? Solche naheliegenden Fragen werden nicht beantwortet.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Aktueller Aufhänger des Fernsehberichtes ist die Vorstellung des dritten Teilberichtes des 5. Sachstandsberichtes des IPCC, auch wenn der Film diesen nicht explizit erwähnt. Das Thema Klimawandel ist dauerhaft relevant, einen besonders originellen Zugang dazu findet der Beitrag nicht.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Beitrag wirkt auf den ersten Blick verständlich, enthält aber einige Unschärfen, die Fragen aufwerfen, auf die Zuschauerinnen und Zuschauer dann keine Antwort erhalten (z.B. Was genau ist der Zusammenhang zwischen steigenden CO2-Emissionen und Smog? Inwieweit ist die Verbrennung von Erdgas „sauberer“ als Kohle?)

Dem Beitrag fehlt eine klare Struktur, die Anmoderation ist zu redundant zum Film  – hier wird bei einem Zwei-Minuten Beitrag Raum verschenkt, der sonst für weitere Erläuterungen zur Verfügung gestanden hätte. Auch die Bilder erzählen keine Geschichte, die ins Thema zieht, sondern kommen als wenig interessanter „Bilderteppich“ daher.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Beitrag erweckt den falschen Eindruck, die Analysen und Vorschläge des Weltklimarates wären im Laufe einer einzigen Woche in Berlin erarbeitet worden. Da wir dieses Manko schon beim Kriterium 9  berücksichtigt haben, und uns keine weiteren Faktenfehler aufgefallen sind, werten wir hier „knapp erfüllt“.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 5 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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