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„Klimaschutz: EU will Kaffeemaschinen kaltstellen“

„Klimaschutz: EU will Kaffeemaschinen kaltstellen“

KLIMA-SPECIAL: Der TV-Beitrag von RTL Aktuell beschäftigt sich aus Anlass des neuen Berichts des Weltklimarats IPCC mit dem Klimawandel und verschiedenen Ansätzen, die CO2-Emissionen zu mindern. Herausgestellt wird dabei vor allem die neue Ökodesign-Richtlinie der EU, die die Laufzeit von Kaffeemaschinen begrenzt. Unklar bleibt, welche Relevanz diese Maßnahme hat. Zudem spricht der Beitrag viele weitere Aspekte des Klimaschutzes an, ohne dass hierzu ausreichend nachvollziehbare Informationen geliefert werden.

Zusammenfassung

Der Nachrichtenbeitrag nutzt als Aufhänger für den Beitrag zum aktuellen IPCC-Bericht die neue EU-Verordnung zu energiesparenden Kaffeemaschinen. Doch statt dieses anschauliche und gut zu bebildernde Beispiel ausreichend zu erläutern, versucht der Beitrag, in rascher Abfolge viele weitere Aspekte abzuhandeln: Von regenerativen Energien – deren Anteil müsse „deutlich ausgebaut werden“, heißt es eher vage – bis zur Wirtschaftsentwicklung in Schwellenländern. Einer solchen Vielzahl an komplexen Themen gerecht zu werden, gelingt in der kurzen Sendezeit von nur knapp über zwei Minuten nicht. Der Beitrag reißt viele interessante Aspekte an und wirft Fragen auf, doch die Zusammenhänge bleiben unklar. Zahlen werden kaum genannt, einige Fakten sind fehlerhaft dargestellt.

Insgesamt erweckt der Beitrag über weite Strecken den Eindruck, dass die Klimaproblematik ohne allzu große Anstrengungen zu lösen sei – dem Inhalt des IPCC-Berichts entspricht dies nicht.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Die Aussage des Weltklimarats IPCC, dass es noch möglich sei, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wird in der Anmoderation des Beitrags falsch und schönfärbend wiedergegeben. Durch die Formulierung „die Erderwärmung um bis zu zwei Grad ist noch aufzuhalten“ entsteht leicht der Eindruck, dass eine weitere Erwärmung, auch unterhalb des zwei-Grad-Ziels, ganz zu verhindern sei. Auch im weiteren Verlauf des Beitrags wird gar zu optimistisch akzentuiert. Der  Beitrag nennt zwar gravierende Folgen des Klimawandels, doch legt er nahe, dass schon eine Regulierung von Kaffeemaschinen dem wesentlich entgegenwirken könne („Wenn die Kaffeemaschine schon nach fünf Minuten automatisch wieder vom Netz ginge, wäre zwar der Kaffee schnell wieder kalt, aber das könnte vielleicht das Weltklima retten – zumindest ein bisschen.“) Dieser Tenor, der Klimawandel sei ohne große Anstrengungen und Kosten in den Griff zu bekommen, zieht sich durch den Film und die Moderation, ohne dass diese optimistische Sichtweise mit Fakten begründet wird. In der Zusammenfassung des IPCC-Berichts heißt dagegen es mit Blick auf das Zwei-Grad-Ziel: „Damit verbunden ist ein tiefgreifender Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft. Die Verzögerung weiterer globaler Maßnahmen zum Klimaschutz erschwert zunehmend die Einhaltung der Zwei-Grad-Obergrenze, reduziert die Handlungsmöglichkeiten und steigert die künftigen Klimaschutzkosten erheblich.“ Die verzerrte Interpretation des IPCC-Berichts bewerten wir als Verharmlosung.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Nachrichtenfilm hat mit dem Dilemma jedes kurzen TV-Beitrags zu kämpfen: Für viele Informationen ist kaum Zeit, um sie ausreichend mit Quellen zu belegen. Gleichwohl müssten zumindest für die wesentlichen Aussagen Belege genannt werden. Wenn hier den Kaffeemaschinen so eine zentrale Rolle eingeräumt wird, sollten Zuschauerinnen und Zuschauer auch erfahren, was dazu genau beschlossen wurde, welche Reduktion des CO2-Ausstosses durch die neue EU-Regelung erreicht werden kann, bzw. welchen Anteil Kaffeemaschinen – oder Haushaltsgeräte allgemein – am CO2-Ausstoß und damit am Klimawandel haben. Zu der Ökodesign-Richtlinie der EU sind solche Zahlen im Internet zu finden (Dokumente sind hier gelistet ).

An anderer Stelle mahnt der Beitrag einen Ausbau der erneuerbaren Energien an, nennt aber auch dazu keine Zahlen.

Verwirrend ist es, dass bei der Darstellung der Kohleverstromung zunächst von der Braunkohle gesprochen wird, beim Anteil an der gesamten Stromerzeugung aber von „der Kohle“ – also von Stein- und Braunkohle (siehe dazu allgemeinjournalistisches Kriterium 3, Fakten).

Für Zuschauerinnen und Zuschauer sind die im Beitrag genannten Fakten insgesamt wenig nachvollziehbar.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Es wird deutlich, dass sich der Beitrag im Wesentlichen auf den aktuellen Bericht des IPCC bezieht. Mit Ottmar Edenhofer kommt ein führender IPCC-Wissenschaftler zu Wort, außerdem gibt es O-Töne von Vertretern der Umweltorganisationen WWF und Greenpeace. Durch die Texteinblendungen wird klar, für wen die Interviewten jeweils sprechen.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Beitrag deutet zwar verschiedene Standpunkte an – zum einen den schon erwähnten optimistischen Blick auf den Klimawandel, der hier dem IPCC zugeschrieben wird: Die Folgen des Klimawandels seien noch in den Griff zu bekommen und die Kosten vergleichsweise gering. Zum anderen findet sich im Beitrag auch ein anderer Akzent, wenn Stefan Krug von Greenpeace sagt „Hier muss ein Umdenken stattfinden. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir die Klimaerwärmung nicht in den Griff bekommen.“ Insgesamt aber geht es im Beitrag nicht um diese Kontroverse, sondern allgemein um die Erderwärmung und was dagegen getan werden kann. Dazu wird der bei der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler unstrittige IPCC-Bericht herangezogen, wenn auch etwas eigenwillig interpretiert (siehe dazu Kriterium 1). Die Ansichten sogenannter Klimaskeptiker in diesem kurzen TV-Beitrag ebenfalls aufzuführen, hätte zu einer Überbewertung ihrer Außenseiterposition geführt. Wir wenden daher dieses Kriterium nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung des IPCC hinaus. Er kombiniert verschiedene Themen (den IPCC-Bericht und die Ökodesign-Richtlinie der EU), und es kommen unterschiedliche Experten zu Wort.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Dass der Klimawandel selbst kein neues Problem ist, setzt der Beitrag zu Recht voraus. Er berichtet über eine neue Regulierung der EU und über den kürzlich erschienen IPCC-Bericht, der Lösungsstrategien beschreibt.

Der Beitrag erweckt allerdings, insbesondere durch die Anmoderation, den Eindruck, als würde sich der aktuelle Bericht des IPCC grundlegend von den Vorgängerberichten unterscheiden, indem er erstmals positive Signale erkennen ließe – dass nämlich die Erderwärmung begrenzbar ist („Bisher haben Klimaforscher auf ihren Konferenzen immer ein düsteres Bild der Zukunft gemalt. Bei ihrem Treffen heute in Berlin gab es aber positive Signale“). Diese Darstellung ist so nicht korrekt. Der neueste Bericht der Arbeitsgruppe 3 konkretisiert und aktualisiert lediglich frühere Aussagen des Weltklimarats und ist keine Abkehr von früheren inhaltlichen Positionen oder Ergebnissen. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag nennt Handlungsoptionen, um den Klimawandel zu bekämpfen, z.B. die Regulierung des Energieverbrauchs von Haushaltsgeräten wie Kaffeemaschinen und den Ausbau regenerativer Energien. Es fehlt allerdings eine genauere Einordnung und Quantifizierung der Maßnahmen (siehe dazu Kriterium 2, Belege).
Insgesamt macht der Film deutlich, dass weltweit gehandelt werden kann und dies zu vertretbaren Kosten. Auch wenn Handlungsmöglichkeiten nur kurz und knapp angerissen werden, halten wir das Kriterium bei einem solch kurzen Nachrichtenbeitrag für „noch erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es wird klar, dass der Klimawandel ein globales Problem ist, und dass auch in angeblichen Vorreiterländern wie Deutschland noch vieles getan werden muss. Doch gelingt der Bezug von der globalen Problematik zu regionalen Ursachen, Folgen und Lösungsmöglichkeiten nicht, der Beitrag springt zwischen regionalen und globalen Ansätzen hin und her. Wie sich etwa EU-Regelungen zu energiesparenden Haushaltsgeräten regional oder womöglich global auf das Klima auswirken könnten, wird nicht erläutert.

Auf Bilder von der IPCC-Konferenz folgt ein Sprung nach China. Dazu heißt es, die Folgen der Erderwärmung seien in den Griff zu bekommen, ohne den Wirtschaftsmotor von Schwellenländern abzuwürgen. Diese Aussage bleibt ohne weitere Informationen nicht nachvollziehbar. Außerdem wird behauptet, dass Stürme, Taifune und extremer Smog nachweislich direkte Folgen des Klimawandels seien, die v.a. Entwicklungs- und Schwellenländer treffen. Dies ist so nicht korrekt.

An anderer Stelle geht es um die deutsche Braunkohle, ohne dass deutlich wird, welchen Beitrag die Braunkohle zum Klimawandel leistet.

Insgesamt ist die Vielzahl der erwähnten Ländern bzw. Ländergruppen (Deutschland, EU, Schwellenländer, weltweit) eher verwirrend als erhellend.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Film macht deutlich, dass es sich beim Klimawandel um ein langfristiges Problem handelt. Auf die Regelung für Kaffeemaschinen bezogen, sagt der Beitrag zwar, dass diese „ab nächstem Jahr“ in Kraft treten soll. Aber es wird nicht klar, in welchen Zeiträumen welche Maßnahmen greifen könnten, und bis wann diese eingeleitet werden müssen, um etwa das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Dasselbe gilt für den geforderten Ausbau der erneuerbaren Energien: Bis wann soll welches Niveau erreicht werden? Die Aussage des IPCC-Experten Ottmar Edenhofer, dass die Emissionen der nächsten 50 Jahre das Klima für die zweite Hälfte des Jahrhunderts bestimmen, ist da gar zu allgemein. In Anbetracht der Tatsache, dass verschiedene zeitlich genau ausgeführte Szenarien im IPCC-Bericht eine zentrale Rolle spielen, wären hier zumindest die oder andere genauere Angaben zu erwarten. Wir werten daher nur „knapp erfüllt“.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Sowohl in der Anmoderation wie auch im Film werden Kosten mehrfach kurz angesprochen, ohne diesen Punkt jedoch wenigstens an einem Beispiel zu konkretisieren. So heißt es, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel laut IPCC zu vertretbaren Kosten ergriffen werden können, doch es fehlt jede Erläuterung dazu, was das bedeutet. Auch zur EU-Verordnung zu Kaffeemaschinen fehlen konkrete Angaben: Wie groß ist der Einspareffekt für einen Durchschnittshaushalt? Oder: Welche Kosten sind für die Hersteller mit der neuen Regelung verbunden? Zum Ausbau der erneuerbaren Energien heißt es, Deutschland könne „die neuen Technologien auch gewinnbringend verkaufen“. Hier wäre eine differenzierte Einordnung erforderlich – man denke etwa an die jüngsten Probleme in der Solarbranche. Zu Klimaschutzmaßnahmen heißt es nur allgemein, sie kosteten „weniger als gedacht“, während der IPCC-Bericht ausdrücklich darauf hinweist, wie variabel und schwer abzuschätzen die Kosten für den Klimaschutz sind.

Der politische Kontext wird nicht weiter thematisiert, Konflikte zwischen Wirtschaft und Umweltorganisationen werden allenfalls angedeutet.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Der Beitrag beschäftigt sich anlässlich des neuen IPCC-Berichts mit dem Klimawandel und nennt Maßnahmen, den CO2-Ausstoss zu begrenzen – also ein aktuelles und relevantes Thema. Mit der EU-Richtlinie zu energiesparenden Haushaltsgeräten wird ein origineller Einstieg in den Film gewählt.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Bei einer Länge von rund 01:40 Minuten (+ 30 Sekunden Anmoderation) beschäftigt sich der Nachrichtenbeitrag mit einer Vielzahl von Themen: Der EU-Ökodesign-Richtlinie und dem Stromverbrauch von Kaffeemaschinen, dem Ausbau der regenerativen Energien, den Auswirkungen des Klimawandels, der Wirtschaftsentwicklung in Schwellenländern wie China, der deutschen Braunkohle und dem Sofortprogramm der Bundesregierung zum Klimaschutz.

Dadurch wird zwar die Vielschichtigkeit des Klimaproblems deutlich, in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit geling es aber nicht, den vielen angesprochenen Themen gerecht zu werden.

Die vielen thematischen Sprünge verwirren, eine klare Struktur des Beitrags ist nicht erkennbar.

Am Ende bleiben Zuschauerinnen und Zuschauer mit vielen Fragen zurück. Sinnvoll wäre es hier gewesen, sich auf weniger Themen zu beschränken, und diese genauer und verständlich darzustellen.

Problematisch finden wir den O-Ton von Stefan Singer (WWF). Er mahnt allgemein staatliche Regelungen an; durch Schnitt und Text wirkt es so, als ob sich seine Äußerungen unmittelbar auf die Kaffeemaschinen beziehen. Ob dies tatsächlich der Fall ist, es geht aber aus dem O-Ton selbst nicht hervor.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Der Beitrag enthält einige Faktenfehler. So wird das Zwei-Grad-Ziel falsch dargestellt (siehe Kriterium 1).

Nicht korrekt ist die Angabe, dass Kaffeemaschinen sich künftig nach fünf Minuten ausschalten müssen – für die im Film gezeigten Geräte ohne Isolierkanne gilt eine Abschaltzeit von 40 Minuten.

Die Angabe zur Stromerzeugung aus Braunkohle / Kohle ist irreführend: Der Beitrag erwähnt und zeigt die Braunkohle und spricht dann im nächsten Satz aber allgemein von Kohle. Zitat: „Die Hälfte unseres Stroms wird damit erzeugt.“ Zuschauerinnen und Zuschauer denken in hier wahrscheinlich noch an Braunkohle, deren der Anteil an der Stromerzeugung betrug 2013 aber nur rund 26 %. Braun- und Steinkohle haben einen Anteil von 45,5 Prozent, was man evtl. auf 50 Prozent aufrunden könnte, aber auch dann wäre ein „ca.“ oder „fast“ angebracht gewesen. (Quelle).

Dass Smog, Stürme und Taifune zweifelsfrei eine direkte Folge des Klimawandels sind, ist ebenfalls nicht richtig.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 4 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt

Wegen der Mängel in der Darstellung und der Faktenfehler werten wir um einen Stern ab.


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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