In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Mit der Diplomaten-Axt an den Klimaschutz“

„Mit der Diplomaten-Axt an den Klimaschutz“

KLIMA-SPECIAL: Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung widmet sich vor allem der Entstehungsgeschichte des 3. Teils des aktuellen Weltklimaberichts. Anhand von anschaulichen Beispielen zeigt er auf, wie sich der Text durch politische Einflussnahme verschiedener Regierungen vom Entwurf bis zur Veröffentlichung verändert hat.

Zusammenfassung

Der Artikel informiert über den am Vortag veröffentlichten 3. Teilbericht des Weltklimarates IPCC. Er nennt die wichtigsten Eckpunkte aus der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ der Arbeitsgruppe III, die sich mit Lösungswegen im aktiven Klimaschutz beschäftigt. Dabei vergleicht er die Endversion dieses Dokuments mit einem früheren Entwurf und macht dabei deutlich, dass nicht nur Wissenschaftler sondern auch Regierungsvertreter die Formulierungen mit ausgehandelt haben. Leserinnen und Leser erhalten Einblick in das Ringen um Formulierungen und können so nachvollziehen, wie sehr ein solches Papier auch das Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses ist.

Mehrere an den Verhandlungen beteiligt Experten kommen zu Wort, ordnen die zentralen Aussagen des Berichts ein und betonen, dass nur durch eine entschlossene Klimapolitik noch das von den Vereinten Nationen anvisierte „Zwei-Grad-Ziel“ zu erreichen ist. Zu den angesprochenen Maßnahmen, die helfen können den Klimawandel zu bremsen, wäre eine detailliertere Darstelllung interessant gewesen.

Durch lebendige Formulierungen, eine klare Sprache und interessante Details aus dem Verhandlungsalltag ist der Artikel nicht nur informativ sondern auch sehr gut lesbar.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Artikel analysiert die Arbeit der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats und besonders das inhaltliche Ringen um einzelne Formulierungen in der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ (Summary für Policymakers) sachlich und unaufgeregt. Im Zentrum steht dabei mehr der Prozess der Entwicklung des jüngsten IPCC-Berichts als der Klimaschutz als solcher. Der Beitrag beschreibt den Einfluss einzelner Interessengruppen und Regierungen („viele klare Worte sind dem Ringen um Kompromisse zum Opfer gefallen“), ohne den IPCC-Bericht deshalb zu diskreditieren. Das Ergebnis ähnele „wie so oft dem kleinsten gemeinsamen Nenner“, „Ein Klimaschutz, mit dem es gelingen könnte, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, ist noch möglich.[…]. Aber, und das ist die schlechte Nachricht: Das Zeitfenster dafür schließt sich.“ Insgesamt gibt der Text die Ergebnisse des Berichts ohne Übertreibung oder Bagatellisierung wieder. Es wird deutlich, dass in den Jahren seit 2010 die Emissionen weiter gestiegen sind („Tatsächlich jedoch haben die globalen CO2-Emissionen in den vergangenen beiden Jahren neue Rekordwerte erreicht.“), ohne dabei eine alarmistische Haltung einzunehmen.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Beitrag nennt nur wenige Zahlen, vermittelt aber einen grundsätzlichen Eindruck über Umfang und Glaubwürdigkeit des IPCC-Berichts und macht die Genese des Papiers deutlich. So erwähnt er, dass „Die Wissenschaftler um Edenhofer […] unter anderem 900 computergenerierte Szenarien analysiert [haben], wie sich Maßnahmen einer Klimapolitik in den kommenden Jahrzehnten auswirken könnten“. Im einleitenden Text zu dem auf derselben Seite abgedruckten Interview heißt es ergänzend: „Sechs Jahre hat Ottmar Edenhofer auf diesen Tag hingearbeitet: […] Edenhofer leitet die Gruppe von fast 500 Wissenschaftlern mit zwei Kollegen aus Mali und Kuba. Mehr als 2000 Seiten hat der Report, …“ Der Artikel macht außerdem deutlich, dass der IPCC-Bericht nur Emissionsdaten bis zum Jahr 2010 berücksichtigen konnte, und dass der nach diesem Zeitpunkt weiter angestiegene Ausstoß von Treibhausgasen die Aussagen möglicherweise als zu optimistisch konterkariert.

An einigen Stellen hätte man sich eine etwas bessere Einordnung der Zahlen gewünscht, etwa beim Wert von 800 bis 1000 Milliarden Tonnen CO2, die seit der industriellen Revolutioninsgesamt freigesetzt werden dürften. Hier wäre zum Vergleich die aktuell pro Jahr ausgestoßene Menge interessant gewesen.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Weltklimarat wird im Beitrag als bekannt vorausgesetzt. Wir halten dies in einer Phase, in der intensiv über dessen Arbeit berichtet wird, noch für vertretbar.

Der Artikel vergleicht viele wörtliche Zitate aus einem nicht veröffentlichten Entwurf der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ der Arbeitsgruppe III des IPCC mit der Endversion. Da uns der Entwurf nicht vorliegt, können wir nicht kontrollieren, ob er korrekt zitiert wurde. Die interviewten Experten bestätigen aber die Aussagen dazu, wie bei den abschließenden Verhandlungen um einzelne Formulierungen gerungen und Teilaspekte gestrichen wurden.

Die Interviewpartner werden korrekt als Teilnehmer des IPCC-Prozesses bzw. als Campaigner gekennzeichnet. Allerdings fehlt die Information, dass der Greenpeace-Vertreter Li Shuo aus China stammt; das wäre wichtig gewesen, um die Aussage zu verstehen, „dass sein Land eine massive Reduktion des Kohleverbrauchs beschlossen habe.“ Zusätzlich hätte uns noch interessiert, welche Rolle das „Beratungsunternehmen Ecofys für Energie und Klimapolitik“ spielt, dem der Experte und IPCC-Leitautor Niklas Höhne angehört.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Bericht des IPCC und die „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ sind das Ergebnis eines in der Wissenschaft einmalig breiten und langwierigen Diskussionsprozesses. In diesem Prozess werden zu allen möglichen für die Klima(schutz)forschung wichtigen Punkten Publikationen kontrovers diskutiert und Bewertungen abgewogen.

Dass es dabei interne Streitpunkte gibt und auch Regierungen die wichtige Zusammenfassung für Entscheidungsträger beeinflussen, macht der Artikel klar. Er zeigt auf, wie verschiedene Akteure danach streben, ihre Partikularinteressen durch bestimmte Formulierungen oder auch durch Weglassen einzelner Aspekte in den Bericht einzuschleusen. Damit werden deren Interessen zum Teil recht deutlich, etwa wenn bei den „Ausgleichszahlungen der reichen an ärmere Staaten, mit denen diese den Klimaschutz bezahlen können, keine konkrete Zahl mehr steht“ und statt von „Hunderten Milliarden Dollar“ am Ende nur noch vage von „substantiell“ die Rede ist. Doch geht es in diesem Beitrag nicht darum, das Für und Wider dieser Veränderungen zu erörtern, sondern den Prozess selbst und die diversen Einflussnahmen darzustellen. Wir wenden dieses Kriterium daher nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Der Text gibt einen interessanten Einblick hinter die Kulissen der Verhandlungen, und vermittelt einen Eindruck davon, wie in den Verhandlungen um jedes Wort und jede Grafik gefeilscht wird. Somit ist es ein Beitrag mit hohem Anteil an Eigenrecherche, für den Pressemitteilungen kaum eine Rolle spielen. Er lässt Experten zu Wort kommen, zitiert aus einer früheren, unveröffentlichten Entwurfsfassung und ergänzt die Aussagen des IPCC durch die Entwicklung der Emissionen nach 2010.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird klar, dass es im Beitrag um den aktuellen, fünften IPCC-Bericht und die darin aufgezeigten Handlungsmöglichkeiten geht, und dass der Bericht in einer langjährigen Reihe von „Assessment Reports“ steht.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Beitrag umreißt – wenn auch eher kursorisch – viele vom IPCC zusammengetragenen Lösungsvorschläge. So müsse für eine effektive Bekämpfung des Klimawandels das Energiesystem radikal umgebaut werden; der Anteil klimaschonender Technologien an der Energieerzeugung müsse sich bis 2050 verdreifachen bis vervierfachen. Der Energieträger Kohle komme im Bericht deshalb schlecht weg. Der Artikel erwähnt auch, dass der IPCC „nicht nur die Erneuerbaren, sondern auch Atomkraft sowie die umstrittene CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage)“ zu den klimaschonenden Technologien zählt. Der Beitrag führt außerdem den Appell eines Experten an, der neben internationalen Klimaschutzverhandlungen auch Städtebündnisse gegen den Klimawandel und Klimaschutz-Zusagen von Konzernen einfordert.

Diese Handlungsoptionen werden eher allgemein benannt – in welchem Umfang die genannten Ansätze Fortschritte bringen können, bleibt aber unbestimmt. Auch bleiben wirtschaftspolitische Instrumente des Klimaschutzes außen vor. Doch da die technischen, wirtschaftlichen und politischen Lösungsansätze nicht das zentrale Thema des Artikels sind, sondern dieser vor allem die Verhandlungen um die Zusammenfassung des 3. Teilberichts beschreibt, erscheint uns die Darstellung der Handlungsoptionen in diesem Kontext noch ausreichend.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es wird klar, dass der IPCC ein internationales Gremium ist, das den aktiven Klimaschutz als eine globale Aufgabe ansieht. Zugleich macht der Artikel Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern deutlich: So erwähnt er die „möglichen Ausgleichszahlungen der reichen an ärmere Staaten, mit denen diese den Klimaschutz bezahlen können“, das Ringen um eine Grafik, welche die Entwicklung der Emissionen in verschiedenen Ländergruppen darstellt und die Verlagerung des Treibhausgasausstoßes von Industrie- in Schwellenländer.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

An verschiedenen Stellen des Artikels erfahren Leserinnen und Leser von der zeitlichen Dimension des Problems: Der Beitrag benennt Zeiträume, in denen die Umstellung auf eine klimafreundliche Weltwirtschaft erfolgen muss (z. B.: „der Anteil klimaschonender Technologien an der Energieerzeugung müsste sich demnach bis 2050 verdreifachen bis vervierfachen“); IPCC-Offizielle werden mit ihren Warnungen zitiert („Wenn wir das Handeln bis 2030 aufschieben, müssen wir umso stärkere Anforderungen erfüllen, die mit höheren Kosten und größeren Risiken verbunden sind“). Auch die Altlasten für den zukünftigen Klimaschutz nennt der Beitrag („Soll die Erderwärmung unter zwei Grad bleiben, darf die Menschheit seit der industriellen Revolution nur gerade 800 bis 1000 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre blasen. Mehr als die Hälfte dieses Budgets ist aber schon aufgebraucht“). Der Artikel schließt mit einem vorsichtig positiven Ausblick  („… könne es tatsächlich noch gelingen, dass die globalen Emissionen 2020 ihren Gipfel erreichen und dann sinken.“).

Der Beitrag weist außerdem auf die nächsten internationalen Verhandlungen um ein Klimaschutzabkommen hin.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der politische Kontext nimmt im Artikel breiten Raum ein. Der Beitrag arbeitet vor allem das politische Ringen um die „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ heraus. Dabei wirft er Schlaglichter auf unterschiedliche gesellschaftliche Folgen und Sachzwänge des aktiven Klimaschutzes. Anhand verschiedener Beispiele stellt er dar, wie Regierungen versuchen, auf einzelne Formulierungen Einfluss zu nehmen.

Auch das Thema der Kosten und wirtschaftlichen Folgen eines aktiven Klimaschutzes wird, wenn auch knapp, angeschnitten. So werden mögliche Ausgleichszahlungen der reichen an ärmere Staaten, mit denen diese den Klimaschutz bezahlen können, auf „Hunderte von Milliarden Dollar“ beziffert. Außerdem wird der IPCC-Bericht mit der Aussage zitiert, dass „die Begrenzung des Klimawandels eine Frage der Gerechtigkeit und nötige Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung, Gleichheit und ein Ende der Armut sei“.

Kosten werden damit im Beitrag zwar nur kurz angesprochen, doch werden wirtschaftliche Aspekte in einem Interview, das auf der gleichen Seite erschienen ist, weiter vertieft.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Der Artikel erschien kurz nach Vorlage des 3. IPCC-Teilberichts, er ist somit aktuell und das Thema Klimawandel relevant. Besonders interessant wird der Beitrag dadurch, dass er nicht nur zentrale Aussagen des Berichts wiedergibt, sondern auch ein Blick hinter die Kulissen der Verhandlungen wirft.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Durch einen aufschlussreichen Vergleich des Entwurfs der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ mit der endgültigen Version macht der Artikel deutlich, wie groß die politische Einflussnahme auf dieses Dokument ist. Dabei berichtet er nicht nur über die Dinge, die im Bericht stehen, sondern auch über die, die am Ende nicht mehr darin stehen. Dies wird in lockerer, gut lesbarer Form präsentiert, auf auf Fachbegriffe verzichtet der Text weitgehend. Immer wieder fließen lebendige Details aus dem anstrengenden Alltag der Verhandler in den Beitrag ein; auch mokiert sich der Text ein wenig über die gemischten Metaphern der IPCC-Offiziellen, ohne dass bei der unterhaltsamen Darstellung die entscheidenden Informationen untergehen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

 Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 9 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...