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„Weltklimabericht – Risikomanagement wird mehr betont“

„Weltklimabericht - Risikomanagement wird mehr betont“

KLIMA-SPECIAL – In einem Interview im Deutschlandfunk kommentiert ein Experte des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) den zweiten Teil des Weltklimaberichtes. Es wird angesprochen, dass Anpassungsstrategien an den Klimawandel darin eine größere Rolle spielen als in früheren Berichten, allerdings wird die Brisanz dieses Themas nicht ausreichend deutlich. Den politischen und sozialen Kontext, der im IPCC-Bericht eine große Rolle spielt, spricht der Beitrag kaum an.

Zusammenfassung

In einem Radiobeitrag wird Hermann Lotze-Campen, der Leiter des Forschungsbereichs „Klimawirkung und Vulnerabilität“ am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zum zweiten Teil des kurz zuvor erschienenen Berichtes des Weltklimarates IPCC interviewt. Leider bleibt der Experte in seinen Antworten sehr an der Oberfläche, sodass man als Hörer/Leser kaum wirklich neue Informationen zum Thema Klimawandel bzw. zur Anpassung an dessen Folgen bekommt. Der Interviewer bohrt hier nicht weiter nach, sondern gibt sich mit der Rolle des Stichwortgebers zufrieden. Man erfährt lediglich, dass der nun vorliegende Teil des Weltklimaberichts viel über schon implementierte und mögliche Anpassungsstrategien an den Klimawandel sagt, aber kaum etwas über konkrete Vorschläge dazu. Der Konflikt in der Frage, welche Rolle Anpassungsstrategien spielen können, wird nicht herausgearbeitet. Vor allem geht der Beitrag nicht darauf ein, dass der IPCC-Bericht herausstellt, wie eng eine erfolgreiche Abfederung der Folgen des Klimawandels mit einem globalen sozioökonomischen Wandel und einer Umverteilung von bzw. gerechterem Zugang zu Ressourcen verkoppelt ist. Damit ist der Bericht ein sehr politisches Papier (es formuliert im Grunde die Notwendigkeit eine „gerechteren Welt“ als Bedingung für das Überleben großer Teile der Weltbevölkerung) – davon ist im Interview keine Rede. Kritisch anzumerken ist, dass die Tätigkeit des befragten Experten als Mitbegründer und Mitglied einer agrarpolitischen Beratungsfirma nicht transparent gemacht wird.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Beitrag stellt die Folgen des Klimawandels in sehr nüchternem Ton dar. Die Sprache ist trocken und recht emotionslos. In der Anmoderation werden die „hinlänglich bekannten Auswirkungen des Klimawandels“ genannt. Der Experte spricht davon, Anbaubedingungen in der Landwirtschaft würden „negativ beeinflusst“. Es wird erwähnt, dass das IPCC von einem Anstieg der mittleren Temperatur von 4,8 °C ausgeht; im Interview kommt zur Sprache, dass es immer noch einen Handlungsspielraum der „Weltgemeinschaft“ gibt, wie stark sich die Temperaturen  tatsächlich erhöhen werden, und dass die Auswirkungen mit einem guten Risikomanagement und entsprechenden Anpassungsmaßnahmen zumindest in Teilen abgefangen werden könnten. Damit wird die Lage nicht dramatisiert, die Gefahren des Klimawandels werden sehr zurückhaltend dargestellt, aber nicht verharmlost.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Fakten, die genannt werden, entstammen offenbar dem Bericht des IPCC. Konkrete Zahlen (außer den erwarteten 4,8°C Temperaturerhöhung) erwähnt der Radiobeitrag kaum. Die Angaben und viele Aussagen, die der Experte macht, bleiben extrem vage. Da ist von „unvorteilhaften Wetterverhältnissen“ die Rede, an anderer Stelle heißt es ein Klimawandel „in gewissem Maße“ sei unvermeidbar, und die Wasserverfügbarkeit habe sich „verändert“. Diese Aussagen sind sehr allgemein und werden kaum durch konkrete Zahlen oder Vergleiche greifbarer gemacht (beispielsweise hätte man erläutern können, dass eine Temperaturveränderungen um 2 °C einer Verschiebung der Klimazonen um etwa 300 Höhenmeter entspricht). Ebenso wenig werden Quellen dazu genannt. Fragen zum Ursprung der Beobachtungen, Messungen und Prognosen werden an den Interviewpartner nicht gestellt. Dabei legt der IPCC-Bericht selbst sehr genau dar, wie er zu seinen Aussagen kommt und als wie zuverlässig diese statistisch betrachtet  zu bewerten sind.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Die Quellen des Beitrags sind der  zweite Teil des neuen Weltklimaberichtes, auf den im Interview Bezug genommen wird, und der Interviewpartner Hermann Lotze-Campen. Bei Interviews wird üblicherweise kein zweiter Experte herangezogen, daher beziehen wir das Fehlen einer weiteren Quelle hier nicht in die Wertung ein.

Allerdings vermissen wir wesentliche Informationen zum Interviewpartner, der lediglich als Leiter des Forschungsbereichs „Klimawirkung und Vulnerabilität“ am PIK vorgestellt wird. Interessant wäre es gewesen, darüber hinaus zu erwähnen, dass Lotze-Campen Agrakökonom ist und kein Klimaforscher im engeren Sinne; vor aber fehlt die Angabe, dass er Mitbegründer und noch immer Mitglied der agrarpolitischen Beratungsfirma agripol ist. Diese berät u.a. eine Reihe deutscher Ministerien (was möglicherweise erklärt, warum Lotze-Campen der Bundesregierung keine Note für ihre Klimapolitik ausstellen will), Ministerien anderer Länder wie Polen und Saudi-Arabien und auch die FAO. Zu den Kooperationspartnern von agripol gehören z.B. auch der WWF, zu den Geschäftskunden Konzerne wie EON, BASF und Bayer Crop Science. Dies sind Firmen, die in klimarelevanten Fragen/Anpassungsstrategien ausgeprägte Eigeninteressen haben (Energiewende, neue Pflanzenzüchtungen usw.). Damit werden die Aussagen des Experten nicht falsch oder weniger relevant, doch hätten Hörerinnen und Hörer über diese potenziellen Interessenkonflikte informiert werden müssen.

Außerdem wäre zu erwähnen gewesen, dass Forscher des PIK am IPCC-Bericht beteiligt sind, der PIK-Vertreter also nicht als außenstehender Experte  über den Bericht spricht, sondern einer Institution angehört, die selbst an dem Papier mitgearbeitet hat.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Interviewer fragt, ob der Bericht kritisiere, dass es zwar Erfolge bei der Anpassung an den Klimawandel gebe, aber immer noch zu wenig bei dem Thema Vorsorge und Vermeidung geschehe. Damit wird durchaus ein kontroverser Punkt angesprochen. In seiner Antwort weist der Experte darauf hin, dass sich hier aus einem früheren Gegensatz in der Forschercommunity (Anpassung versus Vorsorge) ein Konsens entwickelt hat (Anpassung UND Vorsorge). („Es gab eine ganze Reihe von Forschern, die gesagt haben, wir müssen auf jeden Fall uns auf die Anpassung konzentrieren (…) und dann gab es viele andere, die gesagt haben, nein, wir müssen unbedingt den Fokus auf der Vorsorge, auf der Vermeidung setzen. Inzwischen sind wir so weit, dass wir sagen, wir brauchen eigentlich beides“). Da hier im Interview nicht nachgefragt wird, bleibt diese Passage für nicht vorinformierte Hörerinnen und Hörer unklar; der grundlegende Konflikt dahinter wird nicht erläutert. Kritisch nachfragen können hätte man etwa nach dem Punkt, wie realistisch, kostenintensiv und politisch durchsetzbar eine künftige Anpassung an den Klimawandel ist. Erwähnt werden Dämme und neue Sortenzüchtungen, doch schwierigere Fragen (z.B.: Was ist mit Klimaflüchtlingen? Wie sieht es mit Kriegsrisiken wegen Wassermangels aus?) werden ausgespart.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

In dem Beitrag kommentiert ein Experte den zweiten Teil des Weltklimaberichtes, ein zu großer Bezug auf die vorliegenden Pressemitteilungen ist nicht erkennbar.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Dass der Klimawandel ein Thema ist, das die Welt- und Wissenschaftsgemeinschaft schon seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Es wird deutlich, dass aktuell ein weiterer Teil des neuer Klimaberichts vorliegt, und es wird berichtet, dass der vorherige Klimabericht bereits sieben Jahre alt ist. Außerdem erwähnt der Beitrag, dass der vorliegende zweite Teil des Weltklimaberichtes mögliche Anpassungsstrategien (bereits erfolgte wie mögliche zukünftige) ins Zentrum stellt und damit gegenüber dem vorigen Bericht neue Akzente setzt. Allerdings wird  die Neuheit dieses Ansatzes eher schwach dargestellt („Das ist auch, glaube ich, eine Veränderung oder eine Erweiterung zu den früheren Berichten“).

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Im zweiten Teil des aktuellen Weltklimaberichtes sind Handlungsoptionen und Lösungsansätze für die unterschiedlichen geografischen und geopolitischen Regionen der Erde ein zentrales Thema. Er ist in dieser Hinsicht sehr ausführlich und konkret. Gemessen daran kommt der Punkt im Interview zu kurz. Der Experte sagt lediglich sehr vage, dass „schon Pläne und Strategien für Anpassungsmaßnahmen entwickelt werden“, und nennt ganz kurz Hochwasserschutz und die Zucht neuer, resistenter Nutzpflanzensorten. Ob diese wirksame Maßnahmen sein können, wie lange sie möglicherweise helfen könnten, und in welchem Verhältnis solche Anpassungsstrategien zur Bekämpfung der Ursachen des Klimawandels stehen, wird nicht hinterfragt. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Dass es sich beim Klimawandel um ein globales Phänomen und Problem handelt, ist offensichtlich und wird im Beitrag auch angesprochen. Allerdings bleiben die Aussagen hier an der Oberfläche. Was vor allem fehlt, ist die im Bericht selbst ausführlich vorhandene räumliche Differenzierung: unterschiedliche Regionen sind je nach geografischen Gegebenheiten und ökonomischer sowie politischer Situation in unterschiedlicher Weise und Intensität betroffen. Dieser Aspekt wird im Beitrag nicht genannt, deshalb werten wir „knapp nicht erfüllt“.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Die zeitliche Dimension wird im Beitrag an zwei Stellen explizit erwähnt: In der Anmoderation ist von einem erwarteten Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von 4,8 °C bis zum Ende des Jahrhunderts die Rede, später im Interview spricht Lotze-Campen von einem keinesfalls mehr zu vermeidenden Anstieg von 1,5°C bis 2 °C im Vergleich zu vorindustrieller Zeit – damit ist der zeitliche Rahmen ungefähr abgesteckt.

Interessant wäre darüber hinaus die Frage gewesen, wie lange die im Beitrag genannten Anpassungsmaßnahmen funktionieren könnten, und wann die Grenzen der Anpassung erreicht wären. Da wir diesen Aspekt jedoch schon bei Kriterium 7 berücksichtigt haben, werten wir hier „knapp erfüllt“.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der politische, wirtschaftliche und soziokulturelle Kontext, in dem die angestrebten Anpassungsmaßnahmen und das Risikomanagement vorgenommen werden müssen, bleiben im Beitrag fast völlig außen vor. Lediglich die „Vorreiterfunktion“ Deutschlands bei der Energiewende kommt zur Sprache – und die Signalwirkung für andere (v.a. Schwellen-) Länder, falls es Deutschland gelingt, diese zu vertretbaren Kosten und ohne große Verluste für die Wirtschaft zu meistern. Ansonsten ist von den Kosten einzelner Maßnahmen (was kostet die Anpassung?) in den verschiedenen Ländern/Regionen nicht die Rede. Ebenso wenig werden zu erwartende soziopolitische Schwierigkeiten bei der Umsetzung erwähnt oder wird darüber gesprochen, wie realistisch es ist, dass die notwendigen Anpassungsstrategien politisch durchgesetzt werden können (Wo liegen die Probleme? Wer sind die Blockierer?). In Anbetracht dessen, dass der Weltklimabericht dagegen ganz deutlich den Zusammenhang zwischen geringer ökonomischer Entwicklung und/oder politischer Instabilität und einer besonderen Verletzlichkeit gegenüber dem Klimawandel herausarbeitet, werten wir daher „nicht erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema Klimawandel und die Folgen ist dauerhaft relevant, und mit der Vorlage des zweiten Teils des aktuellen Weltklimaberichtes besteht ein aktueller Anlass.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Beitrag vermeidet Fachausdrücke und ist insgesamt verständlich; Allerdings wird der Konflikt „Anpassung an den Klimawandel versus Vorsorge“ so knapp angerissen, dass die Brisanz dieser Frage kaum deutlich wird – siehe dazu Kriterium 4.

Insgesamt bleibt der Beitrag recht oberflächlich und in Sprache und sonstiger Umsetzung wenig aussdrucksstark. Wir werten „knapp erfüllt“.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 4 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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