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„Therapie: Kohlenstoffdiät“

„Therapie: Kohlenstoffdiät“

KLIMA-SPECIAL: Die taz berichtet in einem ganzseitigen Schwerpunkt „Klimawandel“ über die Beratung der Arbeitsgruppe III des Weltklimarates IPCC in Berlin. Dieser dritte Teilbericht befasst sich mit Milderung oder Abschwächung („mitigation“) des Klimawandels. Im Haupartikel werden Auszüge aus einem internen Entwurf der Arbeitsgruppe zitiert, ein Interview befasst sich vor allem mit ökonomischen Analysen.

Zusammenfassung

An dem Tag, an dem in Berlin die Beratung der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC beginnt, behandelt der Artikel ausführlich einen noch nicht offiziell veröffentlichten Entwurf zum Abschlussbericht. Dabei nennt der Artikel Eckpunkte aus der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ der Arbeitsgruppe III, die sich mit Lösungswegen im aktiven Klimaschutz beschäftigt. Die Veröffentlichung dieses Entwurfs ist von großem öffentlichen Interesse, um etwaige Veränderungen während der Beratungen nachvollziehen zu können. Es wird interessant sein, die Zitate des Entwurfs mit dem später veröffentlichten Abschlussbericht zu vergleichen.

Der Entwurf liegt uns zum Zeitpunkt der Begutachtung noch nicht vor; wir können deshalb nicht abschließend beurteilen, ob er korrekt aufgearbeitet wurde. An anderer glaubwürdiger Stelle werden die Kernpunkte des Papiers jedoch ebenfalls schon zusammengefasst und stimmen in wesentlichen Inhalten mit dem taz-Beitrag überein.

Indem der Beitrag die jüngsten Entwicklungen der CO2-Emissionen mit den Reduktionszielen der Zukunft vergleicht, macht er deutlich, wie schwierig diese Ziele zu erreichen sein werden. Zugleich werden Entwicklungen genannt, die laut IPCC Anlass zu Hoffnung geben, etwa „die schnell wachsenden  erneuerbaren Energien“. An einigen Stellen hätten wir uns noch genauere Angaben gewünscht, etwa zu den Kosten oder zum Vergleich mit dem vorangegangenen IPCC-Bericht von 2007.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Artikel stellt einige wesentlichen Aussagen des neuen Berichts der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC vor und zitiert dazu aus einem (zum Zeitpunkt des Erscheinens des Artikels) noch nicht veröffentlichten, vorläufigen Entwurf. Die bereits veröffentlichten Ergebnisse der Arbeitsgruppen I und II – zur wissenschaftlichen Basis und zu den potenziell drastischen Auswirkungen auf Natur und Gesellschaft – klingen in diesem Beitrag nur an. Der Artikel arbeitet zentrale Punkte sachlich heraus. Er nennt die Besorgnis erregenden Fakten (z.B. „Bis 2050 werde sich ‚ohne neue Klimaschutzmaßnahmen‘ der Treibhausgasausstoß aus Kraftwerken, der Industrie, dem Bausektor und dem Verkehr jeweils etwa verdoppeln“) und Prognosen (z.B. „Bis 2100 heizt sich die Erdatmosphäre deswegen um 2,5 bis 5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf….“). Umgekehrt werden die Risiken aber auch nicht durch apokalyptische Darstellungen überhöht.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der Artikel macht klar, dass es sich bei den aufgeführten Erkenntnissen um Aussagen aus einem Entwurf zum Bericht der Arbeitsgruppe III des IPCC handelt. Dabei vermittelt er einen grundsätzlichen Eindruck von Umfang und Glaubwürdigkeit des IPCC-Berichts. Es wird klar, dass dieser Konsens der internationalen Gemeinde von Klimawissenschaftlern wiederspiegelt, der über Monate in einem weltweiten Diskussions- und Begutachtungsprozess entstanden ist. So erwähnt der Beitrag, dass „über 200 Wissenschaftler daran gearbeitet haben“. Im zusätzlichen Infokasten  (unten) heißt es: „Dafür haben Hunderte Autoren über Jahre das Fachwissen zu Emissionstrends, Energieverbrauch und Maßnahmen zum Klimaschutz zusammengetragen.“

An verschiedenen Stellen im Artikel wird darauf hingewiesen, dass es sich bei den angenommenen zukünftigen Entwicklungen um „Prognosen“, bzw. „Szenarien“ handelt. Eine detaillierte Erklärung der ihnen zugrundeliegenden Annahmen, nämlich der „Repräsentative Konzentrationspfade (RCP)“  des IPCC, liefert der Beitrag nicht. Er kennzeichnet aber den ungünstigsten betrachteten Fall  und dessen Konsequenzen durch die Formulierung „ohne neue Klimaschutzmaßnahmen“ korrekt als obere Grenze der möglichen Entwicklung.

Es wird deutlich, dass die Klimaexperten einen massiven Ausbau an erneuerbaren Energiesystemen anmahnen, um die Erwärmung der Erdatmosphäre unter 2 Grad zu halten.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Der Artikel erklärt kurz, wie die Arbeitsgruppe III des IPCC arbeitet, und zu welchen wesentlichen Erkenntnissen der IPCC bislang gelangt ist. Da es sich beim Treffen in Berlin um eine Tagung von Klimawissenschaftlern handelt, deren Arbeitsergebnis offiziell noch vertraulich ist, fokussiert der Artikel auf einen internen Entwurf des Berichts. Der Artikel nennt diesen seit Anfang des Jahres kursierenden Entwurf als Quelle.

Der Beitrag enthält viele wörtliche Zitate aus dieser noch nicht veröffentlichten „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“. Dieser Entwurf laga uns bei der BEgutachtung noch nicht vor; wir können deshalb nicht prüfen, ob er korrekt zitiert wurde. An anderer Stelle werden die Kernpunkte des Entwurfs ebenfalls schon zusammengefasst. Widersprüche zum hier begutachteten Beitrag sind nicht erkennbar.

Andere Quellen werden im Beitrag nicht genannt. Dies ist unserer Meinung nach in diesem Fall akzeptabel, da der Entwurf bereits eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten zusammenfasst.

Außerdem sind in einem gesonderten Interview  kritische Kommentare einer IPCC-Wissenschaftlerin zu lesen. Diese machen deutlich, dass es, bei allem Bestreben einen Konsens zu finden, durchaus kontroverse Diskussionen innerhalb des Weltklimarates gibt.

4.PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Der Bericht des IPCC und die besonders bedeutsame „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ sind das Ergebnis eines in der Wissenschaft einmalig breiten und langwierigen Diskussionsprozesses. In diesem Prozess werden zu allen möglichen für die Klima(schutz)forschung wichtigen Punkten Publikationen kontrovers diskutiert und Bewertungen abgewogen. Insofern stellt sich bei einem Beitrag über den IPCC-Bericht nicht die Frage des Pro und Contra im eigentlichen Sinne. Dass es gleichwohl interne Diskussionen gibt, macht das Interview deutlich. Der Hauptbeitrag beschränkt sich ganz darauf, wichtige inhaltliche Eckpunkte des IPCC-Berichts zusammenzufassen. Entlang dieser Linie kann es kein Pro und Contra geben, sondern nur eine inhaltlich richtige oder falsche Zusammenfassung. Das Kriterium ist deshalb nicht anwendbar.

Sowohl der Weltklimarat selbst als auch seine Arbeitsweise sind im Detail immer wieder Ziel von Kritik. Diese – nicht automatische unbegründeten, aber zum Teil auch durch wirtschaftliche Interessen gesteuerten – Auseinandersetzungen sind nicht Gegenstand des Artikels.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Zu den Ergebnissen der Arbeitsgruppe III des IPCC liegen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch keine Pressemitteilungen vor. Der Beitrag fußt auf einer eigenständigen Rechercheleistung.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird klar, dass der Beitrag über ein aktuelles internes Papier berichtet, über das zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch beraten wird („Ab heute beraten Hunderte von Wissenschaftlern des UN-Klimarats IPCC…“). Der Beitrag stellt auch klar, dass der aktuelle, fünfte IPCC-Bericht in einer langjährigen Reihe von „Assessment Reports“ steht. Er geht auf den aktuellen Wissensstand bei der Frage ein, wie der Klimawandel abgemildert bzw. bekämpft werden kann. Es handelt sich mithin um die aktuellen Szenarien und Forderungen des IPCC in Sachen Klimaschutz. Der Beitrag erwähnt außerdem – allerdings etwas schwammig – , dass „viele neue Daten“ die Aussagen im Vergleich zu früheren Berichten verbessert hätten. Hier wären konkretere Aussagen möglich gewesen.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der gesamte Artikel dreht sich um die Frage, welche Maßnahmen Wissenschaftler zur Bekämpfung des Klimawandels für nötig halten und was geschieht, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Der Text umreißt die vom IPCC zusammengetragenen Lösungsvorschläge, geht dabei allerdings nicht sehr in die Tiefe: „Die Zukunftsvision der Forscher ähnelt der deutschen Energiewende: kräftige Reduzierung der Treibhausgasemissionen, massiver Ausbau der erneuerbaren Energien, Skepsis gegenüber Atomkraft als Allheilmittel und eine vage Hoffnung  auf ‚saubere Kohle‘, deren Klimagase mittels CCS-Technik unter der Erde eingelagert werden sollen.“

Ob und wie sich diese Politikempfehlungen im Vergleich zum vorangegangenen IPCC-Bericht verändert haben, erfahren Leserinnen und Leser nicht. Lediglich zum Anteil „der Energieversorgung ohne oder mit geringem CO2-Ausstoß wie Erneuerbare, Atomkraft oder CCS“ enthält der Beitrag eine konkrete Zahl: Der müsse sich bis 2050 „verdrei- bis vervierfachen“. Einen wichtigen, im IPCC-Bericht offenbar prominent genannten Lösungsweg nennt der Beitrag gar nicht: das Energiesparen. Insgesamt werten wir dennoch erfüllt.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Artikel macht klar, dass es sich beim Klimaschutz um ein weltweites Problem handelt, das nur durch „Veränderungen des globalen Energiesystems“ gelöst werden kann. Er nimmt kurz Bezug auf die deutsche Energiewende und hebt dann hervor, dass die Klimawissenschaftler vor allem Maßnahmen zur Emissionsbegrenzung in den Schwellenländern für nötig halten, da dort der Kohlendioxid-Ausstoß in den vergangenen Jahren besonders stark zugenommen hat.

Gegen Ende des Beitrages führt der Autor zudem an, dass „für effektiven Klimaschutz pro Jahr ‚Hunderte von Milliarden Dollar‘ aus den Industriestaaten in die Schwellenländer fließen müssten“. Ein weiterer Aspekt, der deutlich macht, wie globale und regionale Entwicklungen verknüpft sind, ist die Entwaldung in den Tropenländern, die laut Bericht „bis Mitte des Jahrhunderts zurückgehen“ soll.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Der Beitrag macht klar, dass es in dem Bericht der Klimawissenschaftler vor allem darum geht aufzuzeigen, was bis zum Jahr 2050 geschehen muss, wenn die Erderwärmung unter zwei Grad liegen soll bzw. wie stark die Temperaturzunahme bis zum Jahr 2100 sein würde, wenn keine neuen Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden.

Der Artikel stellt die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit („Pro Jahr stieg die Abgasfahne von  2000 bis 2010 um 2,2 Prozent jährlich, auf 49 Milliarden Tonnen CO2 2010.“) den Forderungen des IPCC-Berichts für die nächsten Jahrzehnte gegenüber („Allerdings stellen sich die Klimaexperten auch vor, dass die Länder ihre CO2-Emissionen aus Kohle, Öl und Gas ‚zwischen 40 und 70 Prozent bis 2050 reduzieren‘“). Das macht deutlich, um welchen Zeitrahmen es geht, in dem die im IPCC-Bericht geforderten Lösungsstrategien umzusetzen wären. An verschiedenen Stellen werden die Jahre 2050 und 2100 als konkrete Zielmarken für die Entwicklung genannt.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Beitrag schließt mit Auszügen aus dem IPCC-Bericht, die sich mit den Kosten eines aktiven Klimaschutzes auseinandersetzen. Dabei wird kritisiert, dass die IPCC-Szenarien die positiven gesellschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels („vermiedene Schäden oder bessere Gesundheit“) nicht einbezögen. Auch das beigestellte Interview befasst sich mit diesem Aspekt („Es ist nicht der richtige Weg…bis zum Ende Gewinne zu machen und dabei die Erde unbewohnbar zu machen.“).

Allerdings sind die Angaben des Artikels zu Kosten eher schwammig und die genannten Zahlen werden nicht erläutert. „Hunderte von Milliarden  Dollar müssten pro Jahr aus den Industriestaaten in die Schwellenländer fließen“ heißt es etwa. Doch wofür genau, bleibt unklar. Wenn „die meisten Szenarien damit rechnen, dass ernsthafter Klimaschutz bis 2100 zwischen 2 und 12 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung kostet“, dann wüsste man gerne, worin sich diese Szenarien unterscheiden oder wodurch die große Bandbreite der Prognose entsteht. Die Bedeutung des Satzes „Strenge Klimapolitik‚ kann Vermögenswerte der Länder entwerten, die fossile Brennstoffe exportieren‘. Also: Kohleländer verlieren, Gas- und Ölländer könnten gewinnen.“ erschließt sich auch nach mehrmaligem Lesen nicht – sind doch auch Öl und Gas fossile Brennstoffe. Wir werten daher nur „knapp erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Klimawandel und Klimaschutz sind zentrale Themen der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion. Angesichts der Beratungen zum Bericht der Arbeitsgruppe III des IPCC, die am Erscheinungstag des Artikels beginnen, ist der Beitrag von großer Aktualität. Rund eine Woche vor der offiziellen Vorstellung des Arbeitsgruppen-Berichtes informiert der Artikel bereits über dessen zentrale Aussagen.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Dem Autor des Artikels ist es gelungen, einen noch nicht veröffentlichten Entwurf des Berichts der Arbeitsgruppe III des IPCC zu beschaffen. Der Beitrag fasst wichtige Eckpunkte des IPCC-Berichtes gut verständlich zusammen. An einigen Stellen bleibt der Artikel allerdings vage. So wäre es beispielsweise wünschenswert gewesen, die Änderungen zum vorangegangenen Bericht von 2007 zu benennen.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen. Allerdings erscheint folgende Aussage etwas ungenau: „Bis 2100 heizt sich die Erdatmosphäre deswegen [in einem Szenario ohne neue Klimaschutzmaßnahmen] um 2,5 bis 5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen  Zeit auf.“ Im ersten Teil des IPCC-Berichtes wird die Bandbreite der Temperaturen im Jahr 2100 für das entsprechende Szenario mit 3,2 bis 5,4 gegenüber der vorindustriellen Zeit angegeben (Seite 1055), im dritten Teil, bezogen auf etwas andere Szenarien, mit 2,8 bis 7,8 Grad. (Seite 13).

 

Umweltjournalistische Kriterien: 9 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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