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„Es wird teurer, je länger wir warten“

„Es wird teurer, je länger wir warten“

Das Interview mit einem führenden Klimaforscher, das in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, beleuchtet vor allem wirtschaftliche Aspekte des Klimaschutzes. Kontroverse Fragen werden sachlich angesprochen, insgesamt entsteht ein facettenreiches Bild des gegenwärtigen Standes der Klimadebatte und der möglichen ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels.

Zusammenfassung

Der Beitrag erschien, einen Tag bevor die Zusammenfassung des neuen Berichts des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) veröffentlicht wurde, im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung.  Das Gespräch mit  dem Klimaforscher und Mitautor des neuen Sachstand-Berichts,  Ottmar Edenhöfer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, greift eine Reihe von Fragen auf, die in letzter Zeit die öffentliche Debatte um den Klimaschutz beherrscht haben, wie etwa die verlangsamte Erwärmung der Atmosphäre. Naturgemäß kommt im Interview vor allem die Position des IPCC – und damit der großen Mehrheit der Klimaforscher – zum Tragen.  Doch durch kenntnisreiche und kritische Nachfragen der Journalistin und des Journalisten, die das Gespräch führen,  erhalten Leserinnen und Leser einen umfassenden Eindruck vom Stand der der Diskussion.

Dabei kommen interessante, durchaus auch selbstkritische Einschätzungen zur Klimadiskussion aus der Sicht eines führenden IPCC-Forschers zu Tage. Die Notwendigkeit verstärkter Klimaschutzmaßnahmen wird aus der Sicht eines Ökonomen dargelegt, was eher die Ausnahme in der Berichterstattung ist.  Handlungsoptionen  werden diskutiert, und es wird deutlich, wie sehr die damit verbundenen Kosten vom Zeitplan der Umsetzung abhängen.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE VERHARMLOSUNG/ PANIKMACHE:
Umweltprobleme werden weder bagatellisiert noch übertrieben dargestellt.

Das Gespräch mit einem führenden Vertreter des Weltklimarats gibt, wie nicht anders zu erwarten, vor allem die Haltung des IPCC  wieder, der die Risiken des Klimawandels betont. Allerdings fassen die Fragesteller immer wieder kritisch nach und konfrontieren den Experten auch mit abweichenden Positionen in der Klimadiskussion, etwa der Vorstellung, man könne die globale Erwärmung hinnehmen und sich lediglich an die Folgen anpassen.

Sowohl Fragen als auch Antworten sind dabei in einem sachlichen Stil gehalten. Unsicherheiten der Klimaforschung werden benannt, und auch übertriebene Aussagen einzelner Klimawissenschaftler in der Vergangenheit eingeräumt („Vielleicht hat der eine oder andere ein Scheit mehr ins Feuer gelegt als nötig“). Insgesamt wird klar, dass der interviewte Experte entschieden für strengere Klimaschutzziele eintritt. Die Dringlichkeit dieser Forderungen wird deutlich, ohne Panik zu schüren.

2. BELEGE/ EVIDENZ: Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Der IPCC-Sachstandsbericht ist zum Zeitpunkt des Gesprächs noch nicht verfügbar. Doch macht der Beitrag klar, wie die  Aussagen des Berichts zustande kommen, wie Regierungen und Wissenschaftler die Zusammenfassung eines solchen Dokuments abstimmen.  Die breite Basis dieser Arbeit – und die damit verbundenen Probleme – werden für Leserinnen und Leser gut verständlich beschrieben.

Bei der Frage, wie der Klimawandel insbesondere durch eine Verteuerung der Kohlendioxid-Emissionen bekämpft werden kann, stellt der interviewte Wissenschaftler allerdings eine Reihe von Behauptungen auf und nennt Zahlen, die im Rahmen eines Interviews nicht  näher überprüft werden können.

Auch bei der Kernaussage des Experten, dass nachlassende Maßnahmen gegen den Klimawandel die Gesellschaft in Zukunft teuer zu stehen kommen könnten, fehlen Belege.  Doch da der zugrundeliegende Bericht noch nicht öffentlich vorlag, ist diese Herleitung nicht zu erwarten. Wir werten daher noch „knapp erfüllt“.

3.EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ: Quellen werden benannt, Interessenkonflikte deutlich gemacht.

Zu Beginn des Interviews wird deutlich, dass der Gesprächspartner eine führende Stellung im IPCC hat. Eine zweite Expertenmeinung wird in einem solchen Interview üblicherweise nicht herangezogen. Doch werden in diesem Gespräch andere Positionen durch die Interviewfragen eingebracht (siehe auch Kriterium 4). Das Gespräch thematisiert außerdem die unterschiedlichen Positionen und Interessenkonflikte z.B. von IPCC-Wissenschaftlern aus Entwicklungs- oder Ölförderländern.  Auch die möglichen Einflussnahmen bei der Erstellung der IPCC-Zusammenfassung durch Regierungsvertreter werden angesprochen („Natürlich gibt es da Geschachere.“). Insofern stellt das Interview einen interessanten Einblick in die Arbeit des Weltklimarats dar. Wünschenswert wäre es außerdem gewesen, zu fragen, nach welchen Kriterien Wissenschaftler als Autoren des IPCC aufgenommen werden, und wer darüber entscheidet.

4.PRO UND CONTRA: Die wesentlichen Standpunkte werden angemessen dargestellt.

Unterschiedliche wissenschaftliche Positionen in einem Interview mit einem einzelnen Experten deutlich zum machen, stellt eine Herausforderung dar.  Doch hier gelingt dies: Die  Journalisten sprechen mit ihren Fragen Kontroversen und abweichende wissenschaftliche Meinungen an, wie etwa Zweifel an den Klimamodellen aufgrund eines geringeren Temperaturanstiegs in den vergangenen Jahren („Die Skeptiker des Klimawandels fühlen sich aber von der Erwärmungspause bestätigt: Die nehmen das als weiteren Beleg für den Irrtum der Wissenschaft.“).  Dem werden die klaren Aussagen der weit überwiegenden Mehrheit der Klimaforscher entgegen gestellt.  Dass sich die internationale Klimaschutzpolitik bislang auf große Klimakonferenzen fokussiert,  wird kritisch hinterfragt. Der Leser bekommt insgesamt einen guten Überblick über den derzeitigen Stand der Klimadiskussion, beispielsweise was die Robustheit von Aussagen zur Erderwärmung und ihren Folgen betrifft.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG/ das Pressematerial hinaus.

Die Konferenz des IPCC in Stockholm und die entsprechende Pressemitteilung geben lediglich den Anlass für das Interview; die Fragen der Journalisten leiten sich nicht nur aus der aktuellen Pressemitteilung ab, sondern sprechen sehr viel umfassender vor allem wirtschaftliche Aspekte an. Das Interview geht damit weit über den Inhalt einer Pressemitteilung hinaus.

6. Der Beitrag macht klar, wie ALT oder NEU ein Umweltproblem, eine Umwelttechnik, ein Regulierungsvorschlag o.ä. ist.

Es wird klar, dass es sich um ein Interview zu einer aktuell stattfindenden Konferenz handelt, und dass die Veröffentlichung des neuesten IPCC-Berichts unmittelbar bevorsteht. Zugleich macht der Beitrag deutlich, dass dies die Aktualisierung einer bereits seit langem geführten Diskussion ist. Auch wenn der Interviewpartner noch nichts Konkretes zu den Inhalten des IPCC-Berichts sagen kann,  erfahren Leserinnen und Leser zumindest, dass dieser einerseits  frühere Aussagen bestätigt, andererseits auch weiterhin Unsicherheiten enthält („Der Bericht wird einige Aussagen mit höherer Gewissheit treffen können als bisher. Aber er wird auch Unsicherheiten benennen“).

7. Der Beitrag nennt – wo möglich – LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN.

Handlungsoptionen sind ein wesentlicher Inhalt des Interviews. Der befragte Experte weist darauf hin, dass verstärkte Anstrengungen möglich und notwendig sind um die Treibhausgasemissionen zu vermindern. Er rückt dabei die Verteuerung der Kohle in den Vordergrund, die gelingen könne, wenn die europäischen Klimaschutzziele verschärft und der Emissionshandel wiederbelebt und ausgeweitet werde. Der Interviewpartner erläutert diese Vorschläge, vor allem die  Notwendigkeit von verstärkten Maßnahmen zur Verteuerung fossiler Brennstoffe und strengerer Reduktionsziele für Treibhausgase. Die Journalisten hinterfragen seine  Einschätzungen („Und das soll den Klimawandel stoppen?“). Es wird klar, welche Handlungsvorschläge der Interviewpartner favorisiert,  und welche Schwierigkeiten damit verbunden sind. Eine sinnvolle Ergänzung  wäre hier ein erläuternder Kasten zur Problematik des Emissionshandels gewesen, die im Interview nur knapp angerissen werden kann.

8. Die RÄUMLICHE DIMENSION (global/lokal) wird dargestellt.

Das Interview thematisiert die weltweite Diskussion um die IPCC-Berichte. Sowohl durch die Internationalität der Wissenschaftler als auch durch die Beteiligung der Regierung wird die globale Dimension deutlich. Es geht um die weltweiten Folgen des Klimawandels und die Notwendigkeit, global sowie auf europäischer Ebene etwas dagegen zu unternehmen. Auch die besonderen Interessen beispielsweise der Entwicklungsländer werden angesprochen.  Spezielle nationale oder lokale Aspekte fehlen. Trotzdem werten wir das Kriterium angesichts dieses „Weltthemas“ als erfüllt.

9. Die ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit) wird dargestellt.

Die zeitliche Dimension ist ein wichtiger Aspekt im Beitrag, der schon durch die Überschrift hervorgehoben wird. Im Interview kommt zum Ausdruck, dass jede Entscheidung in der Klimaschutzpolitik heute langfristige Auswirkungen haben wird, und dass die Zeit ein kritischer Faktor für die Kosten von Reduktionszielen ist („Wenn wir bis 2020 ein Abkommen haben, dann können wir es mit etwa zwei Prozent des globalen Bruttosozialprodukts hinbekommen. Wenn es bis 2030 dauert, kann es sechs oder sieben Prozent der Wirtschaftsleistung kosten.“) Weitergehende Fragen nach dem zeitlichen Ausmaß des Klimawandels waren nicht Gegenstand des Interviews, genauere Angaben hätte der Experte vor der Veröffentlichung des Berichts vermutlich auch nicht machen können.

10. Der politische/ wirtschaftliche/ soziale/ kulturelle KONTEXT(z.B. KOSTEN) wird einbezogen

Das Interview thematisiert den politischen Kontext des neuesten IPCC-Berichts, nennt politische Interessen und die Folgen einer Energiepolitik, die weltweit immer mehr auf Kohle setzt. Ein Schwerpunkt des Beitrags, der im Wirtschaftsteil der Zeitung erschienen ist, liegt auf ökonomischen Fragen: die Kosten durch eine verzögerte Klimaschutzpolitik, die Notwendigkeit der Verteuerung der Kohle, die Ursachen für ein Florieren der Kohle..

Vor dem Hintergrund der kontroversen Diskussionen um den Klimawandel und der aktuellen IPCC-Konferenz liefert der Beitrag eine gelungene Darstellung des ökonomischen Kontextes der Klimadebatte. Weitere interessante Aspekte, wie die  sozialen Dimensionen des Klimawandels,  treten dabei allerdings in den Hintergrund.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder originell. (THEMENAUSWAHL)

Während der laufenden IPCC-Konferenz in Stockholm und einen Tag vor Veröffentlichung der IPCC-Zusammenfassung für Politiker ist das Interview von hoher Aktualität. Die Diskussion um den Klimawandel ist gerade angesichts der jüngsten Diskussionen um die Validität der Klimawissenschaft von großer Relevanz. Originell ist die Idee, einen hochrangigen Experten zu präsentieren, der sich mit der Ökonomie des Klimawandels beschäftigt, der breiten Öffentlichkeit aber weniger bekannt ist.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen. (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG)

Das Interview ist gut verständlich, die Fragen sind präzise gestellt und beantwortet. Es werden viele unterschiedliche Aspekte der Klimadebatte angesprochen, doch durch die klare Struktur des Gesprächs kann man diesem gut folgen. Da immer wieder Antworten auch zu kontroversen Fragen der Klimaforschung eingefordert werden, bleibt der Text bis zum Ende interessant zu lesen.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt. (FAKTENTREUE)

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 10 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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