Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissenschafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch direkt an die breite Öffentlichkeit. Wir begutachten daher auch Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen. Im Rahmen unseres von der Thyssen-Stiftung geförderten Projekts „Bewertung und Sicherung der Qualität von Wissenschaftskommunikation“ veröffentlichen wir hier in den folgenden Wochen (ab Septmeber 2018) Gutachten zu Pressemitteilungen, die zuvor schon von Seiten des Informationsdienstes Wissenschaft 2017 in zwei „Wochen der Qualitätssicherung“ bewertet wurden Link: https://idw-online.de/en/news?print=1&id=678188. Diese Pressemitteilungen werden außerdem einer Inhaltsanalyse unterzogen, deren Ergebnisse wir demnächst auf unserer Webseite Medien-Doktor Forschung zugänglich machen.

Unsere Bewertungen

„Erdgasanlagen ohne CO2-Ausstoß“

Die TU Wien stellt in einer Pressemitteilung eine Technik zur klimafreundlichen Verbrennung von Erdgas vor. Die Vorteile des Verfahrens werden verdeutlicht, doch ein Vergleich mit konkurrierenden Lösungsansätzen fehlt.

Zusammenfassung

Die Pressemitteilung der Technischen Universität Wien berichtet in sachlichem Ton über die Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Es geht dabei um ein ingenieurtechnisches Verfahren, mit dem Erdgas so verbrannt werden kann, dass sich im Abgasstrom nur Kohlendioxid und Wasserdampf befinden. Dass es damit leichter wird, CO2 aus dem Abgas abzuscheiden und zu speichern, wird als Vorteil der Technologie herausgestellt. Einzelne Aussagen zu technischen Eckdaten sind aber aus dem Zusammenhang gerissen und deshalb irreführend. Mögliche Risiken, etwa durch die im großen Stil eingesetzten Metalloxid-Partikel, spricht der Text nicht an. Die Relevanz des neuen Verfahren wird weder in Abgrenzung zu bestehenden Technologien noch in seinen Chancen auf dem Energiemarkt eingeordnet. Dass die CO2-Abscheidung und Speicherung (CCS) gesellschaftlich stark umstritten ist, erwähnt die Pressemitteilung nicht.

Der gleiche Beitrag wurde auch von Laiengutachtern im Projekt Medien-Doktor Citizen bewertet.

 

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Der Stil der Pressemitteilung ist weitgehend sachlich. Es geht dabei um ein ingenieurtechnisches Verfahren („Chemical Looping Combustion“), mit dem Erdgas so verbrannt werden kann, dass sich im Abgasstrom nur Kohlendioxid und Wasserdampf befinden. Dieses wird als eine vielversprechende Technik zur klimafreundlichen Verbrennung von Erdgas vorgestellt. Leserinnen und Leser erfahren aber auch, dass erst noch Erfahrungen gesammelt werden müssen, bevor ein „Langzeitbetrieb im industriellen Maßstab“ ins Auge gefasst werden kann. Die Technik wird damit nicht übertrieben als Lösung des menschengemachten Klimawandels beschrieben.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Pressemitteilung beschreibt die grundlegenden Mechanismen der neuen Technik zwar verständlich, aber es fehlen Informationen, die es ermöglichen würden, die Ergebnisse einzuordnen. Es heißt im Text, es sei gelungen die Technik gegenüber einer früheren Versuchsanlage von 100 kW „auf einen größeren Maßstab hochzuskalieren“. Doch um welchen Faktor, bleibt unklar, und damit auch, wie weit man noch von angestrebten Demonstrationsanlage mit 10 MW (= 10.000 kW) entfernt ist, und welche Größenordnung für den Einsatz im industriellen Maßstab erreicht werden müsste. Auch erweckt der Text den Eindruck, dass „das CO2 direkt während der Verbrennung ohne zusätzlichen Energieaufwand abgeschieden“ und gespeichert werden kann und dass „die Menge der freigesetzten Energie genau dieselbe ist wie bei der herkömmlichen Verbrennung von Erdgas.“ Diese Aussagen sind nur für enge Teilbereiche des Prozesses gültig. Die Zirkulation des Granulats wird Energie benötigen. Auch die Abscheidung des CO2 aus dem Abgas ist mit energetischen Einbußen verbunden – die an der Studie beteiligte Universität für Bodenkultur Wien spricht von einer Wirkungsgradeinbuße von knapp einem Prozent. Die Speicherung des CO2 erfordert dann noch einmal Energie für Kompression und Transport (siehe auch Kriterium Faktentreue). Es wird außerdem nicht erwähnt, dass es konkurrierende Verfahren gibt, wie z.B. die Verbrennung mit reinem Sauerstoff (OxyFuel-Verfahren), und wie groß der Nutzen der hier beschriebenen Technik im Vergleich dazu ist.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Die Pressemitteilung berichtet nur, dass die Leitung dieses Forschungsprojekts bei der TU Wien lag und insgesamt „16 Partnereinrichtungen aus ganz Europa“ daran beteiligt waren. Im Text wird weder auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung, einen Projektbericht o.ä. hingewiesen, noch werden die an dem Projekt beteiligten Einrichtungen genannt. So lässt sich nicht nachvollziehen, ob es z. B. industrielle Partner mit wirtschaftlichen Interessen gab. Es kommt keine zweite Quelle oder externe Einschätzung – etwa aus dem Kreis der Forschungspartner – vor. Angaben zur Finanzierung des Projekts fehlen.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Über die Frage, ob es sinnvoll ist, CO2 aus fossilen Kraftwerken abzuscheiden und dauerhaft zu speichern, gibt es eine kontroverse wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussion, die in der Pressemitteilung nicht angesprochen wird. Da sich der Text aber nur indirekt auf die CO2-Speicherung bezieht und sich nur mit der Abscheidung beschäftigt, berücksichtigen wir dies hier nicht (siehe dazu Kriterium 10). Doch auch kritische Aspekte des Verfahrens selbst erwähnt die Pressemitteilung nicht. Problematisch könnte insbesondere der hohe Verbrauch von Metalloxiden sein, von denen für eine größere Anlage „viele Tonnen“ benötigt würden. Ihre Herstellung ist möglicherweise mit mit ökologischen, und gesundheitlichen Risiken behaftet. Siehe dazu z.B. „Progress in Chemical-Looping Combustion and Reforming Technologies“ (2012),  wo es heißt, insbesondere Nickel- und Kobaltoxide seien problematisch. Welche Metalle im vorgestellten Projekt zum Einsatz kommen, erfährt man aus der Pressemitteilung nicht, die Problematik wird nicht erwähnt.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Auf Pressemeldungen wenden wir dieses Kriterium nicht an.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird deutlich, dass es sich bei dem vorgestellten Verfahren um die Weiterentwicklung einer existierenden Technik handelt. Bereits „vor einigen Jahren“ habe es eine Versuchsanlage an der TU Wien gegeben, heißt es. Allerdings erfahren Leserinnen und Leser nicht, dass das Verfahren der „Chemical Looping Combustion“ (CLC) bereits seit vielen Jahren an verschiedenen Forschungseinrichtungen erforscht wird. Laut einem Übersichtsartikel zum Thema „Progress in Chemical-Looping Combustion and Reforming Technologies“  stammt die Idee aus den 1950er Jahren und wurde Anfang der 2000er Jahre erstmals für die CO2 Abtrennung erprobt. In der Unterzeile der Pressemitteilung wird dagegen der Eindruck erweckt, das Verfahren sei vor kurzem an der TU Wien erfunden worden (siehe auch Kriterium Faktentreue). Es fehlt jeder Hinweis auf konkurrierende Verfahren, insbesondere die vom Prinzip ähnliche Verbrennung mit reinem Sauerstoff („OxyFuel“), die schon großtechnisch eingesetzt wird.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Es wird eine mögliche Lösung für ein Umweltproblem („CO2 aus Verbrennung von Erdgas“) vorgeschlagen. Inwiefern dies tatsächlich eine „saubere Lösung“ ist, bzw. wie die Vorteile gegen ökologische Risiken abzuwägen sind, bleibt dabei aber unklar (siehe dazu auch Kriterium 4). Ob und unter welchen Umständen die neue Technologie zum Einsatz kommen könnte, und wie hoch ihr Beitrag zur Minderung der CO2-Emissionen dann wäre, erfährt man nicht. Die Relevanz des Lösungsansatzes bleibt insgesamt unklar. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es heißt, an dem Projekt SUCCESS seien neben der TU Wien als Koordinatorin insgesamt 16 Partner „aus ganz Europa beteiligt“ gewesen. Darüber hinaus fehlt jeder Hinweis auf die Beteiligten sowie auf den Ort bzw. die Orte des Geschehens. Wo standen die bisherigen Versuchsanlagen? Was haben die Partner aus (welchen?) anderen europäischen Ländern beigetragen? Wo könnte die künftigen Demonstrationsanlage errichtet werden und welche Rahmenbedingungen (auf nationaler oder EU-Ebene) sind gemeint, die für den Erfolg des CLC-Verfahrens entscheiden sein sollen? Da die Pressmitteilung keinen dieser Aspekte erwähnt, werten wir „nicht erfüllt“..

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Die zeitlichen Angaben in der Pressemitteilung bleiben vage. Lediglich die Laufzeit des Projekts „SUCCESS“ – dreieinhalb Jahre – wird konkret genannt. Weder erfährt man etwas über die Dauer der Vorarbeiten, auf denen es aufbaut, noch eine ungefähre Angabe, wann mit der Praxisreife zu rechnen wäre. Im Text wird kurz erwähnt, dass es „nun private Geldgeber“ brauche und günstige Rahmenbedingungen von Politik und Energiewirtschaft. Diese pauschalen Aussagen reichen nicht aus, um annähernd einschätzen zu können, von welchen Zeiträumen hier die Rede ist.
Auch wird nicht eingeordnet, wie nachhaltig diese Form der Abscheidung gegenüber anderen Optionen der CO2-Vermeidung ist. Ein interessanter Nachhaltigkeitsaspekt wäre auch die Lebensdauer des Metalloxid-Granulats, von denen für Großanlagen „viele Tonnen“ benötigt würden – kann dieses regeneriert werden? Wie oft?

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Die vorgestellte Technik wäre nur einsetzbar, wenn das abgetrennte CO2 sicher gelagert werden könnte. Doch die „unterirdische Lagerung von CO2 in großem Stil“, auf die der Sprecher der TU Wien rekurriert, ist heftig umstritten. Diese wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussion um die Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS, Carbon Capture and Storage) kommt in der Pressemitteilung nicht vor. Wenn sie darauf hinweist, dass „auch das IPCC“ diese Technik als wesentlichen Bestandteil einer künftigen Klimapolitik betrachte, hätten wir erwartet, dass Gegenpositionen zumindest erwähnt werden.
Dass bei der Weiterentwicklung des CLC-Verfahrens auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen, spricht der Text immerhin an. Doch fehlt jede konkrete Information zu den Kosten des Verfahrens, auch im Vergleich zu anderen Wegen der CO2-Abtrennung oder -Vermeidung. Welchen Anteil die Verbrennung von Erdgas an den Treibhausgasemissionen hat, bleibt ebenfalls offen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema „CO2 aus der Stromerzeugung“ ist wegen der Klimaziele, auf die sich die Weltgemeinschaft im Vertrag von Paris geeinigt hat, sehr relevant. Der Abschluss des Forschungsprojekts ist ein angemessener Anlass.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Von der Form her ist der Beitrag konventionell und eher nachrichtlich gehalten, dabei sprachlich verständlich und klar strukturiert. Er verzichtet weitgehend auf technisches Fachvokabular.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

An zwei Stellen erweckt der Text einen falschen Eindruck:
Die Unterzeile suggeriert, das Verfahren der „Chemical Looping Combustion“ sei eine völlig „neue Methode der Erdgasverbrennung“, die ein Forschungsprojekt der TU Wien „nun“ hervorgebracht habe.
Im weiteren Verlauf der Pressemitteilung heißt es, „die Menge der freigesetzten Energie ist genau dieselbe wie bei der herkömmlichen Verbrennung von Erdgas“ – dies klingt also ob dieses Verfahren überhaupt keine Energie benötige und keinen Einfluss auf den Wirkungsgrad habe.
Beides trifft nicht zu, wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 1 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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