Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissenschafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch direkt an die breite Öffentlichkeit. Wir begutachten daher auch Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen. Im Rahmen unseres von der Thyssen-Stiftung geförderten Projekts „Bewertung und Sicherung der Qualität von Wissenschaftskommunikation“ veröffentlichen wir hier in den folgenden Wochen (ab Septmeber 2018) Gutachten zu Pressemitteilungen, die zuvor schon von Seiten des Informationsdienstes Wissenschaft 2017 in zwei „Wochen der Qualitätssicherung“ bewertet wurden Link: https://idw-online.de/en/news?print=1&id=678188. Diese Pressemitteilungen werden außerdem einer Inhaltsanalyse unterzogen, deren Ergebnisse wir demnächst auf unserer Webseite Medien-Doktor Forschung zugänglich machen.

Unsere Bewertungen

„New risk assessment will protect the feet of diabetes patients“

Einen Test für das Risiko, im Verlauf einer Diabetes-2-Erkrankung einen diabetischen Fuß zu entwickeln, stellt die Universität Göteborg in einer Pressemitteilung vor, die auch auf der deutschen Pressemitteilungs-Plattform idw veröffentlicht wurde. Weder der Nutzen noch die Risiken werden klar beschrieben. Ob der Fragebogen in Studien getestet worden ist, erfährt man nicht.

Zusammenfassung

Eine englischsprachige Pressemitteilung der Universität Göteborg berichtet über die Ergebnisse einer Doktorarbeit zu einem Fragebogen, der den Erkrankungsgrad der Füße bei Diabetes 2-Patienten ermitteln und so unnötige Amputationen verhindern soll. Zugleich wurden individuell angepasste Einlegesohle mit Standardware für diese Patientengruppe verglichen.

Der mögliche Nutzen beider Maßnahmen wird nicht hinreichend konkret vermittelt, das Thema Risiken und Nebenwirkungen spricht der Text gar nicht an. Wie gut der Risikotest validiert ist, wird nicht hinreichend erklärt, auch die Qualität des Vergleichstests bleibt offen. Informationen zur Finanzierung, zu Interessenkonflikten oder unbeteiligten Quellen gibt es nicht. Der Text macht einigermaßen klar, dass es sich um einen neuen Fragebogen handelt und dass es keine vergleichbaren Risikotools gibt, auch wenn offen bleibt, ob diese Informationen nur für Schweden gelten oder aber auch für Deutschland relevant sind. Auf das Thema Kosten geht der Text fast gar nicht ein. Diabetes und der diabetische Fuß werden nicht übertrieben dargestellt. Die Pressemitteilung ist zwar leicht verständlich geschrieben, insgesamt jedoch sehr oberflächlich. Zudem bleibt völlig unklar, ob die Aussagen dieser Pressemitteilung einer schwedischen Universität, die ja auf einer deutschen Pressemitteilungsplattform erscheint, irgendeine Relevanz für Deutschland haben.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der von der Wissenschaftlerin entwickelte Risikotest, ist ein standardisierter Fragebogen, der für Ärzte und Patienten leicht durchzuführen sein soll. Damit soll sich der Risikostatus eines Patienten sicher identifizieren lassen. Doch was für gesundheitliche Vorteile kann der Patient erwarten? Werden Probleme mit dem Fuß tatsächlich eher entdeckt oder lassen sich Beschwerden sogar vermeiden? Und wenn ja, in welchem Ausmaß? Die Informationen, die die Pressemitteilung dazu liefert, sind sehr vage, konkrete Zahlen zu Aspekten wie Sensitivität oder Spezifität des Tests fehlen. Ein genaues Bild darüber, wie gut oder schlecht der Test Probleme tatsächlich erkennt, kann man sich so nicht machen.

Von den Schuheinlagen erfährt man zwar, dass sie den Druck auf die Ferse signifikant stärker reduzierten als nicht maßgefertigte Einlagen. Allerdings lässt der Text auch hier konkrete Zahlen vermissen.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Grundsätzlich gibt es bei Tests vor allem zwei Möglichkeiten von Risiken und Nebenwirkungen: Zum einen kann der Test etwas übersehen und damit eine trügerische Sicherheit geben („falsch-negativ“). Oder der Test zeigt etwas an, was in Wahrheit gar nicht vorhanden ist. Ein solches falsch positives Ergebnis könnte zum Beispiel zu unnötigen Untersuchungen oder Behandlungen führen oder den Patienten verängstigen, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Auch bei einem Fragebogen wie diesem stellt sich die Frage, wie gut und genau er Risikopatienten identifiziert. Informationen dazu bleibt die Pressemitteilung dem Leser jedoch schuldig.

Auch bei den Einlagen spielen gesundheitliche Nebenwirkungen in der Pressemitteilung keine Rolle. Ob sie es tatsächlich nicht tun, wäre eine interessante Information gewesen.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es bleibt unklar, ob der Fragebogen in Studien getestet worden ist. Um das herauszufinden, bräuchte es langfristig angelegte Vergleichsstudien. Ob es solche Untersuchungen bislang gegeben hat, erfährt man nicht. An einer Stelle heißt es lediglich: „All the question variables have been scientifically tested so that a certain condition is always given the same classification and treatment recommendation.“ Was genau das heißt, erfährt man nicht. Ein wenig besser sind die Informationen zu den individuellen Einlagen. Von ihnen erfährt man zumindest, dass sie in einer zwei-Jahres Studie mit herkömmlichen Einlagen verglichen wurden. Auch hier hätte es aber mehr Informationen gebraucht, um die Aussagekraft zu beschreiben.

Ob die Ergebnisse, außer im Rahmen der Doktorarbeit, auch bereits in einem Fachmagazin veröffentlicht wurden, erklärt der Text nicht. Tatsächlich basiert die Dissertation auf vier Studien, von denen zwei bereits in den Jahren 2014 und 2015 veröffentlicht wurden, während die beiden anderen bis zum Erscheinen der Pressemitteilung lediglich eingereicht waren.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Mögliche Interessenkonflikte oder die Finanzierung werden nicht angesprochen. Es kommt lediglich die Autorin der Untersuchung zu Wort. Eine indirekte Würdigung ihrer Arbeit gibt es nur insofern, als die Uni-Klinik den Test einführen will.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Die Pressestelle stellt ein Foto der Forscherin zur Verfügung und einen Link zur Doktorarbeit. Zudem gibt es Kontaktdaten der Forscherin und der Pressesprecherin.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Laut Pressemitteilung gab es bislang kein standardisiertes Risikotool für den diabetischen Fuß: „(..) there is no standardised procedure of foot examination which means risk assessment is subjective“. Die Pressemitteilung macht deutlich, dass der Online-Fragebogen eine Neuentwicklung der Wissenschaftlerin ist. Dass individuell angefertigte Einlagen bereits auf dem Markt sind, darf man als Wissen voraussetzen.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Bisher gibt es laut Pressetext keinen standardisierten Fragebogen für Ärzte und Patienten in Schweden, die einen Hinweis auf ihr Risiko geben. Die bisherige Routine scheint der Pressemitteilung zufolge zudem oft inadäquat zu sein und mit großen regionalen Unterschieden verbunden. Da sich diese englischsprachige Pressemitteilung auf einer deutschen Plattform an ein internationales Publikum wendet, wären Informationen zur Lage in Deutschland hilfreich gewesen.

Die Alternative zur individuell angefertigten Einlage sind Einlagen in Standardgrößen, was im Text deutlich gemacht wird.

Wir werten knapp „erfüllt“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Man erfährt, dass zunächst nur die genannte Universität mit dem Fragebogen arbeiten wird. Ob und wann sich andere Kliniken und Ärzte anschließen, muss sich erst zeigen. „In the autumn, Sahlgrenska University Hospital in Gothenburg will start to use the D-Foot tool and it is hoped that other clinics will do the same.“

Die Kenntnis von maßgefertigten Einlagen auf dem Markt, darf vorausgesetzt werden..

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Kosten werden für das Online-Tool nicht erwähnt. Ob sie für Kliniken anfallen werden, bleibt offen. Die direkten Kosten dürften zu vernachlässigen sein, aber wie sich das Tool auf indirekte Kosten auswirkt, wäre ebenfalls spannend zu erfahren. So könnte sich der Einsatz des Tools positiv auf die Kosten auswirken, weil es weniger Amputationen gibt.

An einer Stelle heißt es zu den Einlagen zwar: „A patient whose feet are in relatively good shape can begin by using a cheaper and simpler insole.“ Indes ist sicher bekannt, dass Sohlen „von der Stange“ billiger sind als individuell angepasste. Wie viel sie teurer sind, oder welche Kosten generell von den Krankenkassen in Schweden übernommen werden, erfahren Leser leider nicht. Daher werten wir alles in allem knapp „nicht erfüllt“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die Probleme, die Diabetiker mit ihren Füßen bekommen können, werden in der Pressemitteilung angemessen und nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Zwar verleiht die große Zahl der Diabetiker, die im Laufe ihrer Krankheit Probleme mit den Füßen bekommen können, dem Thema Relevanz. Es bleibt aber völlig offen, ob die Aussagen in der Pressemitteilung (etwa zur fehlenden Standardisierung) auf Deutschland übertragbar sind. Damit ist für Leser nicht einzuschätzen, welche Relevanz die Informationen für Deutschland haben. Dass auch nicht klar wird, ob die Ergebnisse bereits in Fachartikeln veröffentlicht wurden, schmälert die Möglichkeit ihre Bedeutung einzuschätzen. Tatsächlich basiert die Doktorarbeit auf vier Studien, von denen zwei bereits in den Jahren 2014 und 2015 veröffentlicht worden waren, während die beiden anderen eingereicht waren.

Wir verstehen, dass eine Universität auf die Veröffentlichung einer Doktorarbeit hinweisen will, halten indes die Veröffentlichung der Fachartikel in begutachteten Fachmagazinen für den besseren Anlass, weil damit eine zusätzliche Stufe der Kontrolle der Ergebnisse erreicht ist und eine umfassender Beschreibung einzelner Ergebnisse möglich ist (im Gegensatz zur oberflächlicheren Beschreibung mehrerer Themen einer Doktorarbeit in einer Pressemitteilung).

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text ist zwar leicht verständlich. Zitate der Wissenschaftlerin lockern die Pressemitteilung auf. Beispiele aus dem Fragenkatalog helfen auch, sich ein Bild von dem beschriebenen Test zu machen. Wie genau der Test funktioniert, wann er, von wem und wo durchgeführt wird oder wie viel Zeit er in Anspruch nimmt, wird dagegen nicht hinreichend klar. Da viele wichtige Informationen für den Patienten etwa zum Nutzen und der Evidenz fehlen, wirkt die Pressemitteilung insgesamt recht oberflächlich. Die im Titel behauptete Aussage „New risk assessment will protect the feet of diabetes patients“ wird durch den Text nicht begründet, und bleibt so eine bloße Behauptung. Grundsätzlich nicht gelungen finden wir die Verknüpfung der beiden Themen von Risikotest und Einlegesohlen. Beide sind zwar Thema der Doktorarbeit, durch die Behandlung in einem Text aber werden sie nur unvollständig abgehandelt. Wir empfehlen im Allgemeinen für jedes Thema eine einzelne Pressemitteilung zu verfassen, um jedem Thema ausreichend Raum für die benötigten Inhalte zu geben.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Faktenfehler haben wir keine gefunden.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 4 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt

Aufgrund der Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien werten wir um einen Stern ab.


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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