Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissenschafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch direkt an die breite Öffentlichkeit. Wir begutachten daher auch Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen. Im Rahmen unseres von der Thyssen-Stiftung geförderten Projekts „Bewertung und Sicherung der Qualität von Wissenschaftskommunikation“ veröffentlichen wir hier in den folgenden Wochen (ab Septmeber 2018) Gutachten zu Pressemitteilungen, die zuvor schon von Seiten des Informationsdienstes Wissenschaft 2017 in zwei „Wochen der Qualitätssicherung“ bewertet wurden Link: https://idw-online.de/en/news?print=1&id=678188. Diese Pressemitteilungen werden außerdem einer Inhaltsanalyse unterzogen, deren Ergebnisse wir demnächst auf unserer Webseite Medien-Doktor Forschung zugänglich machen.

Unsere Bewertungen

PR-Watch: „Wie sich Lebensmittelabfälle in Betrieben vermeiden lassen“

Weniger Lebensmittelabfälle in der Lebensmittelindustrie – das ist das Ziel eines Leitfadens, den die Universität Witten/Herdecke in einer Pressemitteilung vorstellt. Konkretes zum Vorgehen der Forscher und den von ihnen erarbeiteten Lösungsansätzen wird jedoch nicht berichtet.

Zum gleichen Beitrag haben Laiengutachter ein Gutachten im Rahmens unseres Projekts Medien-Doktor Citizen erstellt.

 

Zusammenfassung

Die Pressemitteilung der Universität Witten/Herdecke berichtet über einen von Wissenschaftlern entwickelten Leitfaden zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen, speziell in der Lebensmittelindustrie. Das Problem wird dabei weder übertrieben noch verharmlost. Der Text macht deutlich, dass es sich um eine Arbeit im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen handelt; Industriepartner werden dagegen nur pauschal genannt, so dass die Überprüfung eventueller Interessenkonflikte nicht möglich ist. Der Text ist verständlich, jedoch sehr trocken formuliert und vermittelt wenig konkrete Informationen: Weder erfährt man, wie die Wissenschaftler bei der Erarbeitung des Leitfadens vorgegangen sind, noch welche Lösungsvorschläge sie benannt haben. Vage bleibt der Text auch hinsichtlich der zeitlichen Angaben: Von wann die zitierten Zahlen zur Lebensmittelverschwendung stammen, in welchem Zeitraum der Leitfaden erarbeitete wurde, oder wann Lösungsansätze greifen könnten, erfahren Leserinnen und Leser nicht. Ebenso bleibt unklar, warum die Pressemitteilung erst ein knappes Jahr nach Fertigstellung des Leitfadens erschienen ist.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Die Dimension von Lebensmittelverschwendung wird in der Pressemitteilung hinreichend klar. Mit Zahlen und Quellenangabe wird die Größenordnung des Problems sachlich beschrieben. Es wird dabei nicht dramatisiert und auch nicht verharmlost.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Pressemitteilung bleibt sehr allgemein. Es heißt, dass es in dem vorgestellten Leitfaden um Lebensmittelabfälle in Unternehmen der Lebensmittelindustrie, geht, doch wie groß deren Anteil an der Gesamtproblematik ist (laut Leitfaden fallen hier 17 Prozent der Lebensmittelabfälle an, rund 1,85 Mio. Tonnen jährlich), erfahren Leserinnen und Leser nicht. Offen bleibt auch, wie die Forscher vorgegangen sind; hierzu heißt es nur vage: „Auf Basis internationaler und nationaler Studien sowie im Austausch mit Partnern aus der Lebensmittelbranche“ sei eine Systematik erarbeitet worden. Im Vorwort des Leitfadens erfährt man sehr viel konkreter, worauf die Empfehlungen gründen, etwa, dass u.a. eine Online-Befragung bei 44 Unternehmen durchgeführt wurde und es Praxistests bei vier Unternehmen gab. Einschränkungen der Aussagekraft der Befragung (geringer Stichprobenumfang), wie sie im Leitfaden selbst durchaus genannt sind, spricht die Pressemitteilung nicht an.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Es wird klar, wer den Leitfaden erarbeitet hat, und dass das Verbraucherministerium in NRW ihn in Auftrag gegeben hat. Besondere Interessenkonflikte sind für uns nicht ersichtlich. Allerdings werden die Praxispartner nur als anonymisiertes Ganzes erwähnt. Daher kann seitens der interessierten Öffentlichkeit nicht geklärt werden, ob das Institut beispielsweise andere Aufträge aus dem Umfeld dieser Partner hat. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Es gibt wohl niemanden, der Lebensmittelverschwendung befürworten würde. Auch zum Vorgehen in dieser Expertise ist uns keine Kontroverse bekannt, der wenden wir das Kriterium nicht an.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Dieses Kriterium wenden wir naturgemäß bei Pressemitteilungen nicht an. Positiv anzumerken ist, dass der Volltext des vorgestellten Leitfadens verlinkt ist und ein wissenschaftlicher Ansprechpartner mit Kontaktdaten angegeben wird.

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Dass schon länger über Lebensmittelverschwendung diskutiert wird, geht aus der Pressemitteilung hervor. Was der vorgestellte Leitfaden dem bisherigen Wissenstand Neues hinzugefügt hat, wird dagegen nicht ausreichend deutlich.

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Der Titel der Pressemitteilung „Wie sich Lebensmittelabfälle in Betrieben vermeiden lassen“ weckt die Erwartung, dass Handlungsvorschläge ein Schwerpunkt des Textes sind. Diese wird nicht erfüllt. Dass der Leitfaden vor allem das „theoretische und methodische Fundament für eine einheitliche Datenerhebung innerhalb der Ernährungsindustrie“ legen soll (Leitfaden S. 9), ergibt sich aus der Pressemitteilung nicht. Immerhin stellt der Leitfaden zumindest auf allgemeiner Ebene auch verschiedene Lösungsansätze vor (siehe Tabelle S. 39 – 41), in der Pressemitteilung findet jedoch keine einzige davon Erwähnung. Stattdessen werden nur abstrakt Kategorien genannt, nach denen die Autoren des Leitfadens Ursachen von Lebensmittelverschwendung eingeteilt haben, praktische Beispiele fehlen. Der Erkenntnisgewinn für Leserinnen und Leser zu Handlungsoptionen bleibt insgesamt gering.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Der Text macht deutlich, dass global Lebensmittel verschwendet werden, und nennt auch eine Zahl für Deutschland, allerdings so, dass diese Angaben sich nicht zueinander in Beziehung setzen lassen: Die globale Zahl ist relativ (ein Drittel der produzierten Lebensmittel wird nicht verzehrt), die Zahl für Deutschland absolut (11 Mio. Tonnen). Dass sich der Leitfaden auf die Lebensmittelindustrie in Deutschland bezieht, lässt sich vermuten, wenn es auch nicht explizit in der Pressemitteilung steht. Wir werten insgesamt „knapp erfüllt“.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Die Pressemitteilung enthält keinerlei Angaben zum zeitlichen Rahmen. Weder erfährt man, in welchem Zeitraum der Leitfaden erarbeitet wurde, noch, bis wann die Defizite bei der Datenerhebung behoben werden könnten. Auch für die Umsetzung der Reduktionsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen wird kein angestrebter Zeithorizont genannt. Aus welchem Jahr die zitierte Hochrechnung stammt, bleibt ebenfalls unklar (lt. Quellenangabe im Leitfaden aus 2011). Zur fehlenden Aktualität der Pressemitteilung siehe allgemeinjournalistisches Kriterium 1.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Der Leitfaden enthält einige Hinweise auf den Kontext, etwa wenn es heißt, „Wirtschaftlich betrachtet handelt es sich um eine Form von vermeidbaren Fehlinvestitionen. Unter sozialen Gesichtspunkten stehen Lebensmittelabfälle in deutlichem Widerspruch zu globalen Zielsetzungen wie der Gewährleistung von Ernährungssicherheit und der Bekämpfung von Unterernährung.“ Über diese sehr allgemeine Formulierung hinaus wäre eine Zahl zur wirtschaftlichen Dimension interessant gewesen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema ist dauerhaft aktuell, der Leitfaden ein relevanter Berichtsanlass. Warum die Pressemitteilung zum Leitfaden, der im Juni 2016 fertig gestellt wurde, erst im Mai 2017 erschienen ist, erschließt sich indes nicht. Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Die Pressemitteilung ist zwar verständlich, aber sehr trocken und sperrig formuliert. Die Überschrift weckt falsche Erwartungen (siehe umweltjournalistisches Kriterium 1). Der Text beginnt mit einer ungeläufigen Abkürzung („ZNU-Forscher veröffentlichen…“), der vorherrschende Nominalstil ist wenig ansprechend. Zu großen Teilen wird einfach das Vorwort des Leitfadens zitiert oder paraphrasiert, dabei werden aber interessante Zahlen und Fakten ausgelassen, so dass die Darstellung insgesamt sehr vage bleibt. Ein Bemühen um eine attraktive Vermittlung der Inhalte, die durchaus ein breites Publikum interessieren könnten, ist nicht erkennbar.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Wir haben keine Faktenfehler festgestellt.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 3 von 8 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...