Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissenschafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch direkt an die breite Öffentlichkeit. Wir begutachten daher auch Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen. Im Rahmen unseres von der Thyssen-Stiftung geförderten Projekts „Bewertung und Sicherung der Qualität von Wissenschaftskommunikation“ veröffentlichen wir hier in den folgenden Wochen (ab Septmeber 2018) Gutachten zu Pressemitteilungen, die zuvor schon von Seiten des Informationsdienstes Wissenschaft 2017 in zwei „Wochen der Qualitätssicherung“ bewertet wurden Link: https://idw-online.de/en/news?print=1&id=678188. Diese Pressemitteilungen werden außerdem einer Inhaltsanalyse unterzogen, deren Ergebnisse wir demnächst auf unserer Webseite Medien-Doktor Forschung zugänglich machen.

Unsere Bewertungen

„Darmspiegelung: erfolgreiche Krebsprävention bei minimaler Komplikationsrate“

Nach einer Vorsorge-Darmspiegelung komme es nur sehr selten zu Komplikationen, ergab eine Studie, über die das Deutsche Krebsforschungszentrum in einer gut verständlichen Pressemitteilung berichtet. Komplikationen werden dargestellt, indirekte Schäden dagegen nicht erwähnt..

Zusammenfassung

Die Pressemitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) berichtet über eine Untersuchung, die die Häufigkeit von Komplikationen während einer Koloskopie (Darmspiegelung) beziffern will.

Der mögliche Nutzen wird ausreichend beschrieben, die Risiken und Nebenwirkungen werden in konkreten Zahlen dargestellt, indes erwähnt der Text einige Aspekte dieses Themas nicht. Die Zahl der Perforationen wird nicht korrekt beschrieben. Insgesamt stellt die Pressemitteilung die Stärken der Studie heraus, informiert jedoch nicht über die Schwächen. Auch die Finanzierung der Studie stellt der Text nicht dar. Es wird deutlich, dass es sich um keine neue, sondern um eine eine etablierte, verbreitete Methode handelt. Alternativen zur Koloskopie spricht die Pressemitteilung nicht an. Auf den Kostenaspekt geht der Text ebenfalls nicht ein. Darmkrebs wird in diesem gut verständlichen Text nicht übertrieben dargestellt. 

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Fokus dieses Beitrags liegt auf den möglichen Komplikationen bei der Koloskopie, daher verlangen wir keine konkreten Zahlen zum Nutzen. Dennoch wären diese hilfreich, damit auch die Risiken und Schäden ins Verhältnis gesetzt werden können. Der Nutzen wird ansonsten adäquat und mit der gebotenen Vorsicht erläutert: „Fachleute gehen heute davon aus, dass durch die Vorsorge-Darmspiegelung, in deren Verlauf eventuell vorhandene Krebsvorstufen sogleich entfernt werden, die Mehrzahl der Fälle von Darmkrebs verhindert werden kann.“ Wir werten insgesamt knapp „erfüllt“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Die möglichen Komplikationen bei der Koloskopie sind Gegenstand der Untersuchung. Sie werden angemessen in absoluten Zahlen genannt: „Bei den 5252 Untersuchungsteilnehmern waren insgesamt nur 20 (0,38 Prozent) medizinisch bestätigte Komplikationen aufgetreten. Dabei handelte es sich meist um Blutungen, nur in zwei Fällen um eine Perforation.“ (siehe aber auch Kriterium Fakten)

Komplikationen sind in dem Text als unmittelbare Nebenwirkungen der Untersuchung tatsächlich nur ein Teil der möglichen Schäden. Indirekte Schäden (unnötige Polypenentfernungen, Überdiagnosen) werden indes nicht erwähnt. daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Der Text macht deutlich, dass die Aussagekraft der Studie besser ist als bei vorherigen Studien: „Bisherigen Untersuchungen zur Komplikationsrate wurde oft vorgeworfen, dass sie die Häufigkeit der Vorfälle unterschätzen. Zum einen, weil nur die im bundesweiten Register routinemäßig erfassten Komplikationen berücksichtigt wurden, zum anderen, weil sie nur diejenigen Komplikationen eingeschlossen hatten, die direkt während der Untersuchung aufgetreten sind. Beides haben wir nun in unserer aktuellen Erhebung berücksichtigt“, sagt Studienleiter Hermann Brenner.“

Indes stellt der Text nur die Stärken der Untersuchung dar, nicht aber ihre Schwächen. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Die Finanzierung der Studie wird nicht dargestellt. Interessenkonflikte werden nicht angesprochen, sind laut Fachartikel aber auch nicht vorhanden. Weitere externe Quellen werden nicht zitiert.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Die Pressemitteilung liefert die bibliographischen Angaben zur Studie, indes keinen direkten Link. Kontaktdaten der beteiligten Mediziner fehlen.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird deutlich, dass das Verfahren nicht neu ist, zugleich wird klar, was das Neue an dieser Studie ist.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Alternativen zur Koloskopie werden nicht erwähnt, dabei bietet das deutsche Früherkennungsprogramm auch den Stuhltest an.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Der Text macht deutlich, dass die Koloskopie schon lange verfügbar ist und kein neues Verfahren. Offen bleibt allerdings, wo oder in welchem Rahmen die Darmspiegelung angeboten wird. Hier hätten wir uns mehr Informationen gewünscht. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Die Kosten werden nicht thematisiert. Ob die Krankenkassen die Koloskopie bezahlen, und wenn ja, für wen, bleibt offen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Darmkrebs wird nicht übertrieben dargestellt.

Wir begrüßen, dass der Beitrag einmal das übliche Schema verlässt, gleich zu Beginn auf die vielen Krebstoten hinzuweisen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Aufgrund der Verbreitung der Krankheit, der Wichtigkeit der Vorsorge und der Relevanz von Nebenwirkungen ein relevantes Thema, auch wenn die Studie nicht die erste ihrer Art ist.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text ist insgesamt recht kurz gehalten und beschränkt sich auf das wesentliche Ergebnis. Fachbegriffe werden erklärt. Insgesamt ein gut lesbarer und verständlicher Text.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Die Studie spricht von vier Darmperforationen, von denen zwei zu Krankenhauseinweisungen führten. Die Pressemitteilung erwähnt indes nur zwei Perforationen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

Aufgrund von vier nur knapp „erfüllten“ Kriterien werten wir um einen Stern ab.


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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