Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissenschafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch direkt an die breite Öffentlichkeit. Wir begutachten daher auch Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen. Im Rahmen unseres von der Thyssen-Stiftung geförderten Projekts „Bewertung und Sicherung der Qualität von Wissenschaftskommunikation“ veröffentlichen wir hier in den folgenden Wochen (ab Septmeber 2018) Gutachten zu Pressemitteilungen, die zuvor schon von Seiten des Informationsdienstes Wissenschaft 2017 in zwei „Wochen der Qualitätssicherung“ bewertet wurden Link: https://idw-online.de/en/news?print=1&id=678188. Diese Pressemitteilungen werden außerdem einer Inhaltsanalyse unterzogen, deren Ergebnisse wir demnächst auf unserer Webseite Medien-Doktor Forschung zugänglich machen.

Unsere Bewertungen

„Besseres Hören – bessere Effekte der Musiktherapie bei Tinnitus! “

Hörgeräte sollen die Behandlung eines Tinnitus mittels Neuro-Musiktherapie erfolgreicher machen, berichtete das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg. Dabei erfahren Leserinnen und Leser nicht, dass die angeblich „aktuelle“ Studie bereits eineinhalb Jahre vor der Pressemitteilung erschienen ist.

Zusammenfassung

Die Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung (Viktor Dulger Institut, DZM e.V.) in Heidelberg berichtet über eine angeblich aktuelle Studie, die zeigt, dass Hörgeräte den Erfolg der Behandlung eines Tinnitus gemäß der Heidelberger Neuro-Musiktherapie (ein Konzept dieses Institutes) erheblich steigert, weil damit die Hörleistung der Patienten verbessert wird, die zugleich an einer Hörschwäche leiden.

Der mögliche Vorteil des Einsatzes der Hörgeräte wird noch hinreichend gut erklärt auch wenn der konkrete Nutzen der Therapie nicht konkret genug beschrieben wird. Das Thema Risiken und Nebenwirkungen wird indes gar nicht angesprochen. Die Studie wird im Artikel einigermaßen nachvollziehbar beschrieben und auch angedeutet, dass ihre Aussagekraft eingeschränkt ist. Die Finanzierung des Instituts wird nur allgemein erklärt, die Befangenheit in der Darstellung der Ergebnisse der Therapie, die am Institut entwickelt wurde, hätte besser dargestellt werden können.

Der Text macht klar, dass es sich nicht um eine neue Therapie handelt und erklärt indes, was das Neue der Studie ist. Auf Alternativen geht der Text gar nicht ein. Es wird klar, dass die Musiktherapie seit langer Zeit verfügbar ist, die Kosten werden allerding nicht erklärt. Tinnitus wird nicht übertrieben dargestellt.

Die Studie wird zwar als aktuell angepriesen, ist tatsächlich aber bereits eineinhalb Jahre vor der Pressemitteilung erschienen. Die Zahl der Teilnehmer stimmt nicht mit der im Fachartikel angegeben überein. Die Darstellung und Vermittlung der Informationen finden wir insgesamt wenig gelungen.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Die Pressemitteilung macht deutlich, dass der Einsatz von Hörgeräten die Wirkung der Musiktherapie gegen Tinnitus verbessert, dabei wird klar gesagt, wie viele Patienten von der Therapie profitieren (mit und ohne Hörgerät). Zum Umfang der Verbesserung auf Patientenebene erfährt man indes nur, dass man eine „stabile und klinisch relevante Reduktion der Tinnitussymptomatik“ erhält. Wie groß diese ausfällt, bleibt völlig offen. Daher werten wir nur „knapp“ erfüllt.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Der Aspekt der „Risiken und Nebenwirkungen“ wird nicht angesprochen. Auch wenn diese bei einer Musiktherapie kaum zu erwarten sind, wäre dies eine interessante Information.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Die Pressemitteilung erklärt den Aufbau der Studie, was verglichen wurde, wie hoch die Teilnehmerzahl war. Auch wird erklärt, wie die Forscher versuchten, mögliche Verzerrungen zu verhindern, um die drei Testgruppen vergleichbar zu machen. Der Text deutet zumindest an, dass die Ergebnisse dennoch mit Einschränkungen behaftet sind, denn es handle sich um eine „retrospektive Studie“, der eine weitere Untersuchung folge. Hier hätte man noch klarer ausdrücken müssen, dass die Aussagekraft der Studie stark eingeschränkt ist, nicht nur aufgrund des „retrospektiven“ Charakters der Studie, sondern auch, weil die Teilnehmerzahl sehr klein ausfällt. Es wird auch nicht erklärt, was „retrospektiv“ eigentlich bedeutet und warum dies eine Schwäche ist, und welche anderen Schwachpunkte zum Beispiel ein Fragebogen-Design beinhaltet, und wie damit die Schwere der Symptomatik gemessen wird. Die Originalquelle (Studie) wird nicht angegeben. Insgesamt werten wir das Kriterium als – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es gibt nur allgemeine Informationen zur Finanzierung des Instituts und dessen Forschung, und den Hinweis, dass es sich um ein gemeinnütziges Forschungsinstitut handelt. Auf externe Quellen wird nicht verwiesen. Ob Interessenkonflikte vorhanden sind, wird nicht erklärt. Dass die „Heidelberger Neuro Musiktherapie“ ein Konzept des in Heidelberg ansässigen Instituts für Musiktherapieforschung ist, und daher eine gewisse Befangenheit in der Darstellung der Ergebnisse vorhanden ist, hätte man in der Pressemitteilung deutlicher darstellen müssen.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium wenden wir bei Pressmitteilungen nicht an.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird darauf eingegangen, dass die Neuro-Musiktherapie seit mehr als zehn Jahren im Einsatz ist. Auch wird deutlich, dass der Einfluss des Einsatzes von Hörgeräten auf den Therapieerfolg noch nicht eindeutig geklärt ist.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Auf Alternativen zur Behandlung des Tinnitus geht der Text gar nicht ein, auch nicht auf verschiedene Ansätze einer Musiktherapie des Tinnitus.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird klar, dass die Neuro-Musiktherapie bereits seit vielen Jahren verfügbar ist. Allerdings bleibt völlig offen, ob der Ansatz weit verbreitet ist, oder sogar nur an diesem Institut eingesetzt wird. Hier hätten wir uns genauere Angaben für Interessenten gewünscht. Dass Hörgeräte verfügbar sind, versteht sich von selbst und bedarf keiner Erläuterung. Alles in allem werten wir  knapp „erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Es wird zwar kurz erwähnt, dass die Kosten für Hörgeräte von den Krankenkassen übernommen würden. Welche Kosten indes durch die Therapie selbst entstehen und wer diese bezahlen muss, erklärt der Text nicht.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Tinnitus wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Von einem zeitnahen Bericht kann nicht gesprochen werden, da die angesprochene Studie bereits 2016 erschienen ist, trotzdem spricht der Text von einer „aktuellen Studie“ (siehe auch Kriterium Fakten). Der Anlass wird gegen Ende der Pressemitteilung deutlich: das Rekrutieren weiterer Probanden. Die Relevanz erscheint gegeben angesichts der Verbreitung des Tinnitus in der Bevölkerung und dem offenbar deutlichen Effekt, den Hörgeräte bei dieser Form der Therapie haben, auch wenn in zehn Jahren bisher laut Pressemitteilung erst rund eintausend Patienten mit dieser Methode behandelt wurden.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Weder wird die Neuro-Musiktherapie genauer erläutert, noch gibt es erklärende Worte zum Tinnitus. Auch ein Begriff wie „retrospektiv“ wird Lesern einfach präsentiert, ohne auch nur anzudeuten, was dieses Adjektiv im Zusammenhang mit einem Studiendesign zu tun hat. Auch was ein „chronisch-tonaler Tinnitus“ ist, erklärt der Text nicht. Nominalstil und Passivkonstruktionen erschweren das Verständnis („Erwartet wurde, dass bei bestehender Schwerhörigkeit der Einsatz von Hörgeräten einen substantiellen Zuwachs an Hörfähigkeit ermöglicht und damit die Therapieaussichten deutlich verbessert sind.“) Insgesamt ist die Vermittlung der Informationen, wie zum Beispiel die Beschreibung der Studie, wenig gelungen.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Es ist von einer aktuellen Studie die Rede, doch die Pressemitteilung ist im November 2017 erschienen, die Studie im Februar 2016. Unklar ist auch, woher die Gesamtzahl der Teilnehmer (208) stammt. Die Studie, auf die sich die Pressemitteilung laut Nachfrage bei der Autorin beziehen soll, enthält eine solche Zahl nicht.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 4 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt

Wegen der Mängel bei den allgemeinjournalistischen Kriterien werten wir um einen Stern ab.

 


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...