Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissen- schafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch an die breite Öffentlichkeit. Nicht selten vertritt man in den Pressestellen sogar die Ansicht: "Wir machen Journalismus." Der Medien-Doktor macht die Probe aufs Exempel: Was passiert, wenn man Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien analysiert, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen? – Wir freuen uns auch auf Vorschläge zur Bewertung für dieses Experiment!

Unsere Bewertungen

„Genügend Flächenpotenzial für die Windenergie an Land“

Je größer die Mindestabstände zu Siedlungen, desto weniger Fläche steht für den Bau von Windrädern zu Verfügung. In einer Pressemitteilung des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung wird über eine Studie zu diesem Konfliktthema berichtet, doch gelingt es kaum, die Ergebnisse interessant und nachvollziehbar darzustellen.

Zusammenfassung

Die Pressemitteilung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung beschreibt, welche Flächen in Deutschland für die Nutzung der Windenergie zur Verfügung stehen – und wie sich die Größe dieser Flächen durch unterschiedliche Mindestabstände von Windrädern zu Siedlungsflächen verändert. Die Problematik ist nicht übertrieben, aber auch nicht sonderlich spannend und anschaulich dargestellt. Dass es sich um ein kontrovers diskutiertes Thema handelt, erfährt man nur implizit durch den Verweis auf eine Fachzeitschriftenausgabe mit dem Titel „Ausbaukontroverse Windenergie“. Für Journalisten und Laienpublikum wären konkrete Beispiele, wie sie sich in der zugehörigen Studie durchaus finden, interessanter gewesen als bloße Angaben zum „theoretischen Flächenpotenzial“. Dass wichtige und viel diskutierte Punkte wie der Artenschutz in der Studie ausgeklammert wurden, da dazu keine ausreichenden Daten vorlägen, erfahren Leserinnen und Leser nicht.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE ÜBERTREIBUNG / VERHARMLOSUNG:
Risiken und Chancen werden weder übertrieben dargestellt noch bagatellisiert.

Wie schon im Titel angekündigt kommt die zugrundeliegende Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zu dem Schluss, das ausreichende Flächen für den Ausbau der Windenergie verfügbar sind. Das Problem, Standorte für Windräder zu finden, wird damit nicht übertrieben. Problematisch finden wir allerdings den Satz „Größere Mindestabstände von Windrädern zu Wohnhäusern können den Ausbau der Windenergie jedoch stark bremsen.“ Laut Studie würden größere Mindestabstände zwar die verfügbaren Flächen stark einschränken; gleichwohl gäbe es selbst dann noch genügend Fläche um den bis 2025 geplanten Ausbau auf gut 60 Gigawatt zu realisieren (siehe Fazit der Studie, Flächenpotenzial mindestens 2950 km2,  benötigt werden 1290 km2). Ob und inwiefern dennoch eine Verlangsamung des Windenergieausbaus zu erwarten wäre, untersucht die Studie nicht. Daher werten wir „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/ EVIDENZ:
Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Zur Methodik heißt es, es handele sich um eine „geodatenbasierte Analyse“. Das deutet zwar an, dass hier eine computergestützte Auswertung vorgenommen wurde, ist für Laien aber ansonsten wenig aussagekräftig. Eine kurze Erläuterung über das Vorgehen – von der Datensammlung bis zur Berechnung oder Simulation am Computer – wäre hilfreich gewesen. Durch den nachfolgenden Satz wird ungefähr klar, welche Faktoren die Wissenschaftler einbezogen haben („Neben naturschutzrechtlichen Vorgaben, der aktuellen Flächennutzung sowie natürlichen Standortfaktoren wie den Windverhältnissen und dem Relief berücksichtigt die Analyse den Einfluss von Festlegungen, welche die Länder in den Regionalplänen treffen“). Aber die Pressemitteilung erwähnt nicht, welche Faktoren die Studie ausdrücklich ausgeklammert hat, z.B. den Artenschutz. Dies wäre ein entscheidender Punkt für die Einschätzung der Ergebnisse, daher „knapp nicht erfüllt“.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:
Quellen werden benannt, Abhängigkeiten deutlich gemacht und zentrale Aussagen durch mindestens zwei Quellen belegt.

Es kommt – neben dem Verweis auf die Veröffentlichung selbst – ausschließlich die Autorin der Studie zu Wort. Sie erwähnt zwar das Vorhandensein früherer Erhebungen, doch werden diese Quellen nicht näher benannt. Gemeint ist wohl u.a. eine Untersuchung des Umweltbundesamts (UBA) von 2013, die zu abweichenden Ergebnissen kam. Auf diese wird in der Studie jedenfalls wiederholt Bezug genommen. Doch weder in der Pressemitteilung noch im Literaturverzeichnis der darin verlinkten BBSR-Studie wird die UBA-Studie dann aufgeführt. Wir vermuten, dass es sich um diese Untersuchung handelt.

4. PRO UND CONTRA:
Es werden die wesentlichen relevanten Standpunkte angemessen dargestellt.

Implizit wird deutlich, dass es konkurrierende Interessenlagen gibt zwischen dem Wunsch, genügend Flächen für Windräder bereitzustellten und dem Bedürfnis nach Abstand zu Siedlungsgebieten. Argumente werden dazu allerdings nicht angeführt, jede Abwägung des Für und Wider größerer oder geringerer Abstände zwischen Windrädern und Wohnbebauung fehlt. Die Fachzeitschrift, in der die entsprechende Fachpublikation erscheint, ist hier mit ihrem Titel „Ausbaukontroverse Windenergie“ deutlich klarer als die Pressemitteilung. Daher: „knapp nicht erfüllt“.

5. PRESSEMITTEILUNG:
Der Beitrag geht deutlich über die Pressemitteilung / das Pressematerial hinaus.

Dieses Kriterium wenden wir bei Pressmitteilungen naturgemäß nicht an. Positiv ist jedoch anzumerken, dass die der Pressemitteilung zu Grunde liegende Studie direkt verlinkt und online zugänglich gemacht wurde. 

6. ALT oder NEU:
Der Beitrag macht klar, ob es sich um ein neu aufgetretenes Umweltproblem, eine innovative Umwelttechnik o.ä. handelt, oder ob diese schon länger existieren.

Es wird zumindest klar, dass frühere Studien zu anderen Ergebnissen kamen und dass dies an einem unterschiedlichen methodischen Herangehen liegt. („Bisherige Studien hatten den Einfluss regionalplanerischer Festlegungen auf das Flächenpotenzial für die Windenergie an Land ausgeklammert.“)

7. LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN / kein „Greenwashing“:
Der Beitrag nennt Wege, um ein Umweltproblem zu lösen, soweit dies möglich und angebracht ist.

Im Pressetext wird zwar gesagt, dass regionalplanerische Entscheidungen großen Einfluss auf die für Windkraftanlagen verfügbaren Flächen haben. Doch werden die Handlungsoptionen, die sich daraus ergeben, dann nur äußerst vage umschrieben. („Die räumliche Planung ist gefordert, den Neubau auf geeignete Standorte zu lenken.“) Welche Standorte dies sein könnten – z.B. welche Abstände zu Siedlungen nach Auffassung der Wissenschaftler sinnvoll und realistisch wären – konkretisiert die Pressemitteilung nicht. Schön wäre es auch gewesen, mögliche lösungsorientierte Ansätze (z.B. eine konstruktive Bürgerbeteiligung bei der Planung) zumindest kurz anzusprechen.

8. RÄUMLICHE DIMENSION (lokal / regional / global):
Die räumlichen Dimensionen eines Umweltthemas werden dargestellt
.

Es wird klar, dass die Studie sich auf Deutschland bezieht, und dass die verfügbaren und geeigneten Flächen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich groß sind. Erhellend wäre womöglich noch ein zumindest exemplarischer Vergleich mit der Situation in dem einen oder anderen europäischen Nachbarland gewesen.

9. ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit):
Die zeitliche Reichweite eines Umweltproblems oder Phänomens wird dargestellt.

Zeitliche Bezüge kommen zu kurz. Erwähnt wird einzig der geplante Ausbau der Windenergie bis 2025. Welche Planungen bzw. welcher Bedarf darüber hinaus bestehen, spricht die Pressemitteilung nicht an. So bleibt die Frage offen, ob die am Anfang erwähnte installierbare Leistung von 610 Gigawatt für irgendeinen  Zeitpunkt in der Zukunft tatsächlich geplant ist, oder ob es sich – wie zu vermuten –  um eine rein theoretische Überlegung handelt.

10. KONTEXT / KOSTEN:
Es werden politische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte eines Umweltthemas einbezogen.

Wirtschaftliche Aspekte – etwa: Welche Kosten verursacht die Suche nach geeigneten Standorten?  Welche Gewinne sind mit Windparks zu erzielen? Wie könnten Bürger an der Planung oder ggf. auch am wirtschaftlichen Gewinn beteiligt werden – werden nicht einmal ansatzweise angesprochen. Oder auch umgekehrt: Mit welchen wirtschaftlichen Einbußen (sinkende Immobilienwerte) wäre zu rechnen, wenn der Mindestabstand zu Siedlungen verringert würde?

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. THEMENAUSWAH:
Das Thema ist aktuell, oder auch unabhängig von aktuellen Anlässen relevant oder originell.

Das Thema „Ausbau erneuerbare Energien“ ist dauerhaft relevant, vielerorts gibt es Konflikte um die Errichtung von Windkraftanlagen. Mit der Ende 2015 erschienenen Studie liegt auch noch ein hinreichend aktueller Anlass für eine Pressemitteilung vor.

2. VERMITTLUNG:
Komplexe Umweltzusammenhänge werden verständlich gemacht.

Der Pressemitteilung gelingt es nicht, das kontroverse und eigentlich lebensnahe Thema interessant und spannend zu vermitteln. An vielen Stellen klingt der Text sehr nach Behördendeutsch („… berücksichtigt die Analyse den Einfluss von Festlegungen, welche die Länder in den Regionalplänen treffen.“ Oder: „Festlegungen in den Regionalplänen können den Ausbaupfad ebenfalls stark einschränken.“); eine Reihe von Substantivierungen („hinsichtlich des Einsatzes landes- und regionalplanerischer Instrumente zur Steuerung des Windenergie-Ausbaus“) lassen den Text oft unnötig sperrig erscheinen.
Pauschal zu berichten, dass größere Mindestabstände zu Siedlungen die verfügbare Fläche verringern, erscheint zudem eher banal. Interessanter wären dagegen konkrete Befunde der Studie gewesen – etwa, dass schon kleine Abstandsänderungen hier große Effekte haben: Erhöht sich z.B. der Mindestabstand von 750 auf 800 Meter, „steigt der Anteil der Tabuflächen von 28 auf 44 %“ (S. 560). Diesen anschaulichen Aspekt greift die Pressemitteilung leider nicht auf.

3. FAKTENTREUE:
Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 3 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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