Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissenschafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch direkt an die breite Öffentlichkeit. Wir begutachten daher auch Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen. Im Rahmen unseres von der Thyssen-Stiftung geförderten Projekts „Bewertung und Sicherung der Qualität von Wissenschaftskommunikation“ veröffentlichen wir hier in den folgenden Wochen (ab Septmeber 2018) Gutachten zu Pressemitteilungen, die zuvor schon von Seiten des Informationsdienstes Wissenschaft 2017 in zwei „Wochen der Qualitätssicherung“ bewertet wurden Link: https://idw-online.de/en/news?print=1&id=678188. Diese Pressemitteilungen werden außerdem einer Inhaltsanalyse unterzogen, deren Ergebnisse wir demnächst auf unserer Webseite Medien-Doktor Forschung zugänglich machen.

Unsere Bewertungen

„Kampf dem Erstickungstod“

Die Pressemitteilung des Uniklinikums Ulm preist ein Mittel an, das möglicherweise lebensbedrohliche Nebenwirkungen von ACE-Hemmern gegen Herzschwäche und zur Blutdrucksenkung besser therapieren kann. Der Text liefert insgesamt zu wenige konkrete Informationen bei fast allen unseren Kriterien, so etwa beim Nutzen, den Risiken oder den Interessenkonflikten.

Zusammenfassung

Eine verständlich geschriebene Pressemitteilung des Universitätsklinikums Ulm beschreibt eine möglicherweise effektivere Therapie von lebensbedrohlichen Nebenwirkungen, die durch verbreitete Mittel wie ACE-Hemmer gegen Herzschwäche und zur Blutdrucksenkung entstehen können. Leider werden aber weder der Nutzen, noch die Risiken oder die Aussagekraft der betreffenden, rund fünf Wochen zuvor im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie ausreichend deutlich. Auch erfahren Leserinnen und Leser nur implizit, dass es hier nicht um einen komplett neuen Ansatz, sondern um die Ausweitung der Indikation eines bereits 2008 zugelassenen Mittels geht. Bedenklich erscheint es vor diesem Hintergrund, dass die Mitfinanzierung der Studie durch eine Herstellerfirma und intensive Beziehungen zwischen mehreren zentralen Autoren und dieser Firma nicht transparent gemacht werden. Dies hindert Regionalzeitungen wie die Schwäbische Zeitung (nicht online) und die Augsburger Allgemeine nicht, die Pressemitteilung praktisch 1:1 als eigenen redaktionellen Beitrag zu veröffentlichen.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen des untersuchten Wirkstoffes wird nur indirekt und allgemein beschrieben: “Endlich ist uns der Effektivitätsnachweis bei der Behandlung (…) gelungen“, wird einer der Studienautoren zitiert. Auch wird berichtet, dass die Ergebnisse „unter dem Strich“ so überzeugend gewesen seien, dass sie in der „renommierten Zeitschrift New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden. Was „effektiv“ und „unter dem Strich“ aber konkret bedeutet und warum es sich dabei um einen „Durchbruch“ handeln soll, wird nicht erläutert. Der (potenzielle) Nutzen wird weder quantifiziert, noch wird deutlich, worin konkret dieser Nutzen besteht, also wie schnell und in welcher Form lebensbedrohliche Symptome gelindert werden. Problematisch ist auch, dass ein Stück weit suggeriert wird, die bloße Veröffentlichung von Studien-Ergebnissen in einer angesehenen Fachzeitschrift sei bereits als Beleg für einen Nutzen anzusehen – obwohl viele Veröffentlichungen naturgemäß auch dann zur Publikation angenommen werden, wenn sie nachweisen, dass eine Therapie im Vergleich zu einer anderen kaum Zusatznutzen besitzt.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Risiken und Nebenwirkungen des getesteten Präparats werden überhaupt nicht thematisiert. Dies ist umso bemerkenswerter, als der neue Wirkstoff ja gerade dazu eingesetzt wird, die Nebenwirkung einer lebensbedrohlichen Arzneimittelreaktion auf ein anderes Mittel (ACE-Hemmer) zu bekämpfen. Vor diesem Hintergrund ist es – etwa für eine Nutzen-Risiko-Abwägung – besonders wichtig zu erfahren, wie mögliche Nebenwirkungen bei einer Therapie bereits aufgetretener Nebenwirkungen aussehen könnten und diese möglichst quantifiziert werden. Hier wäre es auch interessant zu klären, warum man ein Medikament mit schweren Nebenwirkungen (bestimmte ACE-Hemmer) nun durch die Gabe eines weiteren Medikaments behandeln möchte, statt die Breite der Anwendung des Ursprungsmedikaments selbst stärker zu hinterfragen.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Über Art und Aussagekraft der Studie erfahren Leserinnen und Leser lediglich, dass der untersuchte Wirkstoff (Bradykinin-Antagonist) „in einer Arzneimittelstudie bei Patienten mit einem durch ACE-Hemmer hervorgerufenen Angioödem erfolgreich getestet“ wurde. Wie das ungefähre Studiendesign aussah, gegen welches Vergleichsmedikament der neue Wirkstoff getestet wurde, wie viele Probanden an der Studie teilgenommen haben (laut Fachpublikation 13 in der Test- und 14 in der Vergleichsgruppe), erfährt man nicht. Die Information zur Qualität der Studie beschränkt sich letztlich darauf, dass die Arbeit aussagekräftig genug gewesen sein muss, um in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlicht zu werden. Grenzen der Aussagekraft werden nicht angesprochen.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Die Pressemitteilung zitiert lediglich zwei an der Studie beteiligte Ulmer Mediziner und gibt die Quelle des Originalartikels im New England Journal of Medicine an. Externe Experten oder eventuelle weitere Studienergebnisse anderer Gruppen, deren Ergebnisse hier bestätigt oder widerlegt wurden, sind nicht berücksichtigt. Insbesondere auf mögliche Interessenkonflikte geht der Beitrag nicht ein. Man erfährt lediglich, dass die Ulmer Mediziner auf ein Medikament zurückgreifen konnten, „an dessen Entwicklung sie in der Vergangenheit mitgewirkt hatten“. Inwieweit sich hieraus auch finanzielle Interessen ergeben oder ergaben, bleibt im Text offen.

Der Originalveröffentlichung ist indes zu entnehmen, dass die Studie u.a. von der Firma Shire finanziert wurde, die das betreffende Arzneimittel bereits für die erbliche Form des Angioödems vertreibt (siehe z.B. hier (pdf)). Im entsprechenden „Disclosure“-Formular (pdf) des New England Journal of Medicine geben gleich mehrere Autoren der Studie Interessenkonflikte aus einer bisherigen Zusammenarbeit mit dieser Firma an, wozu in einigen Fällen auch Details an anderer Stelle nachzulesen sind (z.B. hier). Demnach war einer der Ulmer Studienautoren Mitglied in Advisory Boards der Firma Shire Deutschland und erhielt von dem Unternehmen Reisekosten im Rahmen von wissenschaftlichen Veranstaltungen erstattet und sowie für einige Vorträge bei diesen Veranstaltungen Honorare. Der Senior-Autor erhielt vom gleichen Unternehmen Honorare für Vorträge. Auch der Erst-Autor der Studie ist für die Firma Shire beratend tätig und hat Honorare für Vortragstätigkeiten erhalten (vgl. hier (pdf)). Ein vierter zentraler Autor der Studie erhielt in der Vergangenheit ebenfalls Honorare von dieser Firma.

In der Pressemitteilung erfährt man von diesen intensiven Verbindungen zwischen Forschern und Firma eben so wenig wie von der Teilfinanzierung der Studie durch das Unternehmen Shire.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium wenden wir Pressemitteilungen naturgemäß nicht an. Gleichwohl sei erwähnt, dass die Pressemitteilung auch ein Porträt der beiden Ulmer Studienautoren anbietet. Hilfreich wäre ein direkter Link zum Fachartikel gewesen, der in diesem Fall frei zugänglich im Netz verfügbar ist. Zumindest werden in der Pressemitteilung der genaue Titel und die DOI genannt. Direkte Kontaktdaten der Mediziner fehlen, stattdessen wird nur die Telefonnummer des Pressesprechers angegeben.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Text deutet an, dass das getestete Präparat noch nicht als Arzneimittel zugelassen ist. Allerdings wird nicht deutlich, ob die „offizielle Zulassung“ auf Basis der vorliegenden Studiendaten nun bereits kurz bevor steht oder ob noch weitere Studien dazu notwendig sind – und die Zulassung somit noch fraglich ist oder sich über Jahre hinziehen könnte (vgl. auch Kriterium Verfügbarkeit). Ob bereits andere Versuche zum Einsatz des hier getesteten Wirkstoffes vorliegen oder ob die Studienautoren zur ersten Gruppe gehören, die dieses neue Verfahren erproben, bleibt in der Pressemitteilung unklar. Auch Angaben zur Vorgeschichte und tatsächlichen Neuheit des Medikaments, „an dessen Entwicklung die Ulmer Mediziner in der Vergangenheit mitgewirkt hatten“, bleiben jenseits dieser Aussage selbst vage. Dabei wurde die Substanz bereits im Jahr 1991 synthetisiert (vgl. z.B. hier (pdf)) und ist seit 2008 zur Behandlung des erblichen Angioödems zugelassen (vgl. z.B. hier). Letztlich geht es bei der vorliegenden Studie also um die Ausweitung der Indikation für ein bereits zugelassenes Medikament. Dies geht aus der Pressemitteilung nur implizit hervor.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird zumindest erwähnt, dass die Standardtherapie der hier untersuchten lebensbedrohlichen Arzneimittelreaktion bislang „in der Gabe von Kortison und antiallergischen Medikamenten“ bestand. Diese Alternative wird in der Pressemitteilung aber als „wirkungslos“ bezeichnet. Aus der Fachveröffentlichung selbst geht hingegen hervor, dass die in der Studie für eine Vergleichsgruppe genutzte Standardtherapie bei allen Patienten zu einer kompletten Rückbildung der Schwellungen führte. Der Vorteil des neu getesteten Präparats bestand letztlich vor allem darin, dass sich die Ödeme im Durchschnitt einige Stunden schneller zurückbildeten. Dies kann bedeutsam sein, aber die pauschale Darstellung von Alternativen als „wirkungslos“ ist demnach irreführend. Auch hätte als übergeordnete Alternative ein zurückhaltenderer Einsatz von ACE-Hemmern als Blutdrucksenker oder Mittel gegen Herzschwäche zumindest angedeutet werden können.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird angesprochen, dass das Verfahren noch vor der Zulassung steht; genauere Angaben dazu, wann dies der Fall sein könnte, fehlen indes (vgl. Kriterium 6). Allerdings suggeriert ein Zitat („Der nächste Schritt besteht in der offiziellen Zulassung des Präparats, um zukünftig möglichst allen betroffenen Patienten helfen zu können“), dass der Zulassung jenseits des rein formalen, „offiziellen“ Vorgangs nun nichts mehr im Wege stünde. Da es sich bei der vorliegenden Studie laut Fachveröffentlichung jedoch lediglich um eine Phase 2-Studie an wenigen Patienten handelt, ist dieses Zitat fragwürdig. Auch hätte hier thematisiert werden müssen, dass der betreffende Wirkstoff bereits für eine andere Indikation zugelassen ist (vgl. Kriterium 6). Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten geht der Beitrag nicht ein. Dies wäre in einem frühen Stadium der Arzneimittelentwicklung auch nicht unbedingt zu erwarten. Da der Wirkstoff, der hier eingesetzt werden soll, jedoch bereits für eine andere Indikation auf dem Markt ist, und sich auch der erweiterte Anwenderkreis recht gut bestimmen lässt, wären plausible Schätzungen durchaus möglich. Interessant wäre es umgekehrt auch gewesen, welche Kosten sich potenziell einsparen ließen, wenn durch die Therapie die aufwändige Versorgung von Notfallpatienten verkürzt werden könnte.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die Problematik eines Angioödems im Kopf-Hals-Bereich an sich wird nicht übertrieben dargestellt (vgl. aber unter Faktenfehler).

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Wenngleich es sich bei dem Thema zunächst um eine recht spezielle Indikation handelt, erscheint es angesichts der genannten Fallzahlen doch als relevant. Auch ist eine Fachveröffentlichung im angesehenen New England Journal of Medicine durchaus ein Anlass, um eine Pressemitteilung herauszugeben. Allerdings vergehen zwischen der Erstveröffentlichung der Originalstudie und dem Erscheinen der Pressemitteilung fast fünf Wochen, sodass die Pressemitteilung (auch angesichts des wöchentlichen Erscheinungsrhythmus der einschlägigen Fachjournale) selbst für Wochenmagazine nicht mehr als aktuell gelten kann. Statt mit der Verspätung transparent umzugehen, wird die Veröffentlichung indes als aktuell verkauft („…und nun auch zu einer Veröffentlichung im renommierten New England Journal of Medicine geführt hat“). Aus diesem Grund werten wir „nicht  erfüllt“. 

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Die Pressemitteilung ist meistenteils gut verständlich und lesbar geschrieben; der Vorspann endet mit einem Cliffhanger, der dann im folgenden Absatz aufgelöst wird. Möglichst zu vermeidende Begriffe wie „Durchbruch“ wirken vor dem Hintergrund des tatsächlichen Studienergebnisses indes mehr als störend. Ähnliches gilt für die markige Überschrift „Kampf dem Erstickungstod“, die nur indirekt zum Thema passt. Die Informationen am Ende der Pressemitteilung über die betreffende Klinik am Universitätsklinikum Ulm liest sich stellenweise wie ein Werbeblock („…bietet das komplette diagnostische Spektrum sowie eine ganzheitliche konservative und auch operative Behandlung an.“). Im Sinne aussagekräftiger Wissenschaftskommunikation hätte man den Platz besser nutzen sollen, um wenigstens einige weitere Basis-Informationen zur eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit zu liefern (vgl. auch Kriterium 3 der medizinjournalistischen Kriterien).

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Die Angaben darüber, wie häufig lebendbedrohliche Schwellungen im Kopf-Hals-Bereich auftreten, sind in der Pressemitteilung zumindest missverständlich formuliert. So heißt es in der Fachpublikation: „Angioedema (…) is estimated to occur in up to 0.68% of patients who receive ACE inhibitors although the true incidence is difficult to estimate (…) Obstruction of the upper airway occurs in 10% of cases and may proceed to acute laryngeal obstruction and death.“ In der Pressemitteilung wird daraus eine Erkrankungsrate von „etwa 0,5%“, die dann aber in einen unmittelbaren textlichen Zusammenhang mit daraus resultierenden lebensbedrohlichen Notfällen gestellt wird. Die Häufigkeit dieser Notfälle erscheint bei dieser Lesart etwa um den Faktor 7 (0,5 statt 0,0685%) übertrieben.

Die irreführende Darstellung von Therapie-Alternativen als „wirkungslos“ wurde bereits unter Kriterium 7 bewertet, sodass wir diesen Faktenfehler hier nicht nochmals berücksichtigen. Wir bewerten das Kriterium Faktentreue daher noch als „knapp erfüllt“.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 1 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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