Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissen- schafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch an die breite Öffentlichkeit. Nicht selten vertritt man in den Pressestellen sogar die Ansicht: "Wir machen Journalismus." Der Medien-Doktor macht die Probe aufs Exempel: Was passiert, wenn man Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien analysiert, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen? – Wir freuen uns auch auf Vorschläge zur Bewertung für dieses Experiment!

Unsere Bewertungen

„Neue Studie: Große Bäume sind die besten Kohlendioxid-Speicher“

Die Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung berichtet darüber, wie sich jüngere und ältere Bäume in ihrer Aufnahmefähigkeit für Kohlendioxid unterscheiden. Dass es bei dem Thema um eine alte Kontroverse handelt und wie die Ergebnisse im Hinblick auf den Klimawandel einzuordnen sind, wird nur angedeutet.

Zusammenfassung

Das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung hat durchaus Überraschendes zu berichten: Alte Bäume wachsen, jedenfalls einer aktuellen Studie zufolge, im Durchschnitt schneller als junge, binden in der gleichen Zeit also mehr Kohlenstoff. Über dieses Ergebnis wird in der Pressemitteilung verständlich und mit eingängigen Zitaten, vereinzelt allerdings auch etwas betulich berichtet. Indes fehlt es an einer Einordnung der Forschungsergebnisse: Es wird kaum deutlich, dass es sich hier um einen Beitrag zu einer schon länger andauernden Kontroverse in der Wissenschaft handelt.  Zudem macht der Text nur unzureichend klar, wie diese Ergebnisse zustande kamen; eine unabhängige Einschätzung fehlt. Die Relevanz der Studienergebnisse für den Klimawandel wird zwar nachdrücklich behauptet, jedoch nicht erläutert. Ob sich daraus Handlungsoptionen ableiten lassen, erfahren Leserinnen und Leser nicht. Stattdessen endet die Pressemitteilung mit der politischen Aussage, dass „internationale Forschungskooperationen (…) die Wissenschaft voranbringen“ sowie mit einer Aufzählung aller 16 beteiligten Länder.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE VERHARMLOSUNG/ PANIKMACHE:
Umweltprobleme werden weder bagatellisiert noch übertrieben dargestellt
.

Die Pressemitteilung und die zugrunde liegende Fachpublikation befassen sich nicht unmittelbar mit einem Umweltproblem. Die untersuchten Wachstumsraten von unterschiedlich großen Bäumen haben zwar Bedeutung für die Wechselwirkung zwischen Wäldern und Klima, doch wird dies nur in allgemeiner Weise angesprochen. Wir wenden dieses Kriterium daher nicht an.

2. BELEGE/ EVIDENZ: Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Die Pressemitteilung macht zwar einige grobe Angaben etwa zur Zahl der untersuchten Bäume und Baumarten. Darüber hinaus gibt es zum methodischen Vorgehen aber praktisch keine Angaben. Dabei wäre es interessant gewesen zu erfahren, dass die Bäume nicht gewogen, sondern die Masse zunächst aus deren Stammdurchmesser berechnet und die Wachstumsraten anschließend in Modellrechnungen ermittelt wurden. Da es naheliegenderweise nicht möglich ist, lebende Bäume zu wiegen, erscheint dieses Vorgehen plausibel. Für ein Verständnis der Studie wäre es jedoch wichtig gewesen, dies in der Pressemitteilung ebenso zu erwähnen wie die global sehr unterschiedliche Verteilung der untersuchten Bäume.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ:  Quellen werden benannt, Interessenkonflikte deutlich gemacht.

Die Pressemitteilung bezieht sich auf eine aktuelle Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde. Die Quelle wird genannt, und die Initiatoren der Studie sowie die beteiligten Länder (letzteres sogar unnötig ausführlich) werden angegeben. Ferner werden drei der Autoren mit Erläuterungen und Kommentaren zur Studie zitiert. Ein weiteres Zitat stammt vom Direktor des „German Centre for Integrative Biodiversity Research“ (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. Dieser ist zwar selbst kein Studienautor, da seine Forschungseinrichtung an der Studie beteiligt ist, handelt es sich hierbei aber auch nicht um eine externe Einschätzung. Weil somit eine unabhängige zweite Quelle fehlt, ist das Kriterium „nicht erfüllt“.

4. PRO UND CONTRA: Die wesentlichen Standpunkte werden angemessen dargestellt.

Die Pressemitteilung beschreibt, dass die Ergebnisse der Studie – große Bäume wachsen in der Regel schneller und bilden mehr Biomasse als kleine – im Gegensatz zur bisherigen Lehrmeinung stünde („Bislang lernen Forststudenten, dass Bäume nach ihrer Lebensmitte unproduktiver werden.“) Lediglich aus der Fachveröffentlichung geht jedoch deutlich hervor, dass es widerstreitende Theorien gibt: Vielfach wurde offenbar angenommen, dass die Wachstumsrate der Bäume mit den Altern zurückgeht. Ein anderer Forschungsansatz („metabolic scaling theory“  ) ging aber auch 1999 schon davon aus, dass die Wachstumsraten mit dem Alter steigen . In der Pressemitteilung wird nicht deutlich, dass es sich hier um einen Beitrag zu einer schon länger bestehenden (und nach der Veröffentlichung offenbar anhaltenden ) Kontroverse handelt; eine angemessene Gegenüberstellung zentraler Pro- und Contra-Argumente fehlt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG/ das Pressematerial hinaus.

Generell haben wir uns entschieden, dieses Kriterium bei der Bewertung von Pressemitteilungen selbst nicht in die Wertung einfließen zu lassen. Gleichwohl soll hier erwähnt werden, ob neben der Pressemitteilung weitere Materialien (Links, Fachpublikationen, Bild- und Videomaterial) zur Verfügung gestellt werden. Im vorliegenden Fall werden zwar mehrere Expertenzitate geliefert, jenseits eines Links auf die Originalpublikation in Nature wird aber nicht gesondert auf weiteres Info-Material (z.B. eine von Nature bereitgestellte Audiodatei) hingewiesen.

6. Der Beitrag macht klar, wie ALT oder NEU ein Umweltproblem, eine Umwelttechnik, ein Regulierungsvorschlag o.ä. ist.

Es wird klar, dass erstmals umfangreiche Messungen und Berechnungen zu der Frage angestellt wurden, wie rasch große Bäume im Vergleich zu kleineren Exemplaren an Masse zulegen, und dass es dazu eine aktuelle Fachpublikation gibt. Dagegen wird nicht deutlich, dass mit dieser Forschungsarbeit eine offenbar schon lange bestehende Kontroverse in der Wissenschaft geklärt werden sollte (siehe Kriterium 4). Daher wird auch nicht recht klar, warum diese Studie überhaupt begonnen wurde. Da wir dieses Manko jedoch bereits bei Kriterium 4 berücksichtig haben, werten wir noch „knapp erfüllt“.

7. Der Beitrag nennt – wo möglich – LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN.

Weil es bei dem eigentlichen Thema nicht explizit um ein Umweltproblem geht, wären direkte Lösungsvorschläge hier nicht unbedingt zu erwarten. Da die Pressemitteilung allerdings einen Zusammenhang mit der Klimaproblematik herstellt, wäre es dann auch wichtig gewesen näher auszuführen, welche Schlussfolgerungen und Handlungsoptionen aus der Studie abzuleiten sind:  Sollten Wälder mit besonders großen und alten Bäumen auch im Hinblick auf die Kohlenstoffbindung besonders geschützt werden, da deren Leistung offenbar durch Aufforstung mit vielen jungen Bäumen nicht so leicht zu ersetzen ist? Oder gelten die Ergebnisse nur auf der Ebene individueller Bäume, nicht aber für ganze Baumbestände, wie es die Darstellung in der Fachpublikation sowie Online-Kommentare zur Publikation nahelegen? Wie relevant sind die Ergebnisse tatsächlich für den Klimaschutz und welche Handlungsoptionen folgen daraus?

8. Die RÄUMLICHE DIMENSION (global/lokal) wird dargestellt.

Es wird klar, dass „Baumarten von allen Kontinenten und aus allen Klimazonen“ untersucht wurden. Auch die Beteiligung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 16 Ländern macht deutlich, dass es sich um eine globale Studie handelt. Doch fehlen lokale Aspekte: Interessant wäre gewesen zu erwähnen, aus welchen europäischen Ländern Bäume untersucht wurden. In der Veröffentlichung selbst wird allein Spanien explizit genannt. Sollte Spanien tatsächlich als einziges europäisches Land einbezogen worden sein, wäre dies eine zumindest zu hinterfragende Auswahl, zumal fast 2/3 aller in der Studie untersuchten Bäume aus Europa stammten (Tab. 1 im Nature Paper). Dieser Kritikpunkt bezieht sich jedoch gegebenenfalls vor allem auf die Studie selbst; eine entsprechende  Information auch in der Pressemitteilung wäre aber zumindest wünschenswert gewesen. Wir werten daher „knapp erfüllt“.

9. Die ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit) wird dargestellt.

Da es um Wachstumsraten – also eine zeitliche Dynamik – geht, wäre es wichtig  gewesen zu erfahren, wie viel Biomasse alte Bäume beispielsweise innerhalb eines Jahres zulegen – laut Fachveröffentlichung durchschnittlich 100 Kilogramm pro Jahr. Auch das Alter der untersuchten Bäume wäre interessant gewesen: Beschleunigt sich das Wachstum tatsächlich ungebrochen über Jahrhunderte, bis zum Absterben des Baumes?

10. Der politische/ wirtschaftliche/ soziale/ kulturelle KONTEXT  (z.B. KOSTEN) wird einbezogen.

Als Kontext wird vor allem die Klimaproblematik angesprochen („immens bedeutsam für die Bewertung des Klimawandels“, „große Bedeutung für das Verständnis und die Vorhersage der Zusammenhänge zwischen Vegetation, Kohlenstoffkreislauf und Klima“). Doch wird leider nicht klar, worin diese Bedeutung besteht, welche Schlussfolgerungen sich beispielsweise für die Forstwirtschaft oder den Schutz der Regenwälder ziehen lassen, oder zumindest, welche neuen Fragen sich in diesen Bereichen aufgrund der Studienergebnisse stellen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1.Das THEMA ist aktuell, relevant oder originell. (THEMENAUSWAHL)

Das Thema ist, für eine breite Öffentlichkeit vor allem durch den Bezug auf den Klimawandel, relevant und durch die unmittelbar vorausgehende Fachpublikation aktuell.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen. (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Die Pressemitteilung ist verständlich geschrieben und kommt weitgehend ohne Fachvokabular aus. Vor allem die sehr bildhaften Zitate der US-Forscher lockern den Text auf („Auf den Menschen übertragen, würde dies bedeuten, dass sich unser Wachstum nach der Jugend beschleunigt, anstatt sich zu verlangsamen“, „so als ob die besten Spieler ihres Lieblingssportvereins ein Haufen 90-Jähriger wäre.“). Dagegen wirkt das floskelhafte „Anpreisen“ der Forschungsergebnisse an prominenter Stelle im Vorspann („Diese neue Erkenntnis ist immens bedeutsam…“) eher altbacken. Auch gibt es erhebliche Schwächen in der journalistischen Einordnung der Studie (siehe dazu Kriterien 3, 4 und 10). Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“. Das Hervorheben der Bedeutung internationaler Forschungkooperationen am Ende der Pressemitteilung mag aus institutspolitischer Perspektive verständlich sein, ist für die Kommunikation der eigentlichen wissenschaftlichen Ergebnisse aber ebenso wenig hilfreich wie das Aufzählen jedes einzelnen der 16 (!) Herkunftsländer der Beteiligten.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt. (FAKTENTREUE).

Der Neuigkeitswert der Studie wird nicht ganz korrekt eingeordnet (siehe dazu Kriterium 4), darüber hinaus sind uns keine Faktenfehlern aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 2 von 8 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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