Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissen- schafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch an die breite Öffentlichkeit. Nicht selten vertritt man in den Pressestellen sogar die Ansicht: "Wir machen Journalismus." Der Medien-Doktor macht die Probe aufs Exempel: Was passiert, wenn man Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien analysiert, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen? – Wir freuen uns auch auf Vorschläge zur Bewertung für dieses Experiment!

Unsere Bewertungen

„Tonminerale helfen chronisch Nierenkranken“

Die Pressemitteilung der Fraunhofer-Gesellschaft verspricht Nierenkranken anlässlich einer Patentanmeldung heilende Wirkungen eines Wirkstoffs aus Tonmineralien, zu dem bisher erst Tierversuche vorliegen – eine Nachricht, die in dieser Form bestenfalls noch in einen Wirtschaftsticker gehören würde, kaum aber in einen Informationsdienst Wissenschaft.

Zusammenfassung

Ausgehend von der Krankengeschichte einer Dialysepatientin verspricht der Pressetext der Fraunhofer-Gesellschaft Hilfe für Nierenkranke durch einen auf Tonmineralien basierenden Wirkstoff. Erst im weiteren Verlauf der Mitteilung wird deutlich, dass die Wirksubstanz bisher lediglich in Labor- und Tierversuchen untersucht wurde, die Ende 2013 abgeschlossen sein sollten. Dass auf dieser Basis keine seriösen Aussagen zum tatsächlichen Nutzen und zu Nebenwirkungen bei Patienten möglich sind, wird nicht deutlich. Ebenso wenig wird klar, ob und wann das betreffende Produkt zu welchem ungefähren Preis verfügbar sein könnte. Deutlich wird lediglich, welche bisherigen Therapien man damit hofft zu ersetzen. Den Anlass für die Pressemitteilung vom 2.Januar 2014 scheinen eher wirtschaftliche Beweggründe (konkret einer Patentanmeldung) zu geben, denn der wissenschaftliche Gehalt geht kaum über den eines Pressetextes einer mit den Fraunhofer-Forschern kooperierenden Biotech-Firma vom März 2013 hinaus. Entsprechende Interessenkonflikte der beteiligten Wissenschaftler und Patentantragsteller werden nicht angesprochen.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen wird stark übertrieben dargestellt. Im Titel der Pressemitteilung heißt es gleich: „Tonminerale helfen chronisch Nierenkranken“. Im Vorspann dann: „Tonerde wirkt heilend. (…) Ein gut verträglicher, auf Tonmineralen basierender Wirkstoff senkt den zu hohen Phosphatspiegel der Patienten.“ Später wird erklärt: „Der aus rein mineralogischen Rohstoffen gewonnene Phosphatbinder ist ebenso wirksam wie herkömmliche Pharmapräparate. Er kann den bei Nierenkranken hohen Phosphatspiegel senken.“ Da es bisher nur Ergebnisse aus Zellkulturen und zum Zeitpunkt des Verfassens der Pressemitteilung noch nicht einmal abgeschlossene Experimente an Tieren gibt, sind diese Aussagen in dieser Form nicht seriös möglich.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Zum Thema Risiken und Nebenwirkungen heißt es zu den gängigen Präparaten: „Die erhältlichen Medikamente wie Kalzium- und Aluminiumsalze verursachen beträchtliche Nebenwirkungen wie Verstopfung, einen erhöhten Kalziumspiegel im Blut und neurologische Störungen.“ Demgegenüber wird zum Tonmineral erklärt: „Unsere Tests zeigen, dass er anders als die üblichen Medikamente in Versuchen im Tiermodell nur geringe Nebenwirkungen hervorruft“. Welche dies sind oder um wie viel diese geringer ausfallen, wird nicht erklärt. Auch wird nicht deutlich, ob die Risiken und Nebenwirkungen im Tiermodell denen beim Menschen entsprechen oder ob diese übertragbar bzw. vergleichbar sind.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es wird zwar im zweiten Teil des Textes erklärt, dass es bisher Untersuchungen an Zellkulturen und tierexperimentelle Studien gibt, und dass es noch keine Untersuchungen mit Patienten gibt. Doch der eigentlich experimentelle Charakter des Forschungsstandes wird völlig konterkariert durch die eindeutigen Aussagen zum möglichen Nutzen der Tonerde (siehe Kriterium Nutzen). Wenig erfahrene Journalisten und andere Leser bräuchten eine Einordnung, die deutlich macht, dass zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich noch keine Aussagen zum Nutzen möglich sind, da es keinerlei publizierte Ergebnisse gibt, die irgendwelche relevanten Nutzenaussagen zum Präparat rechtfertigen. Die generell nur sehr beschränkte Übertragbarkeit von Tierversuchen auf die Wirkung beim Menschen wird nicht thematisiert. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass „Wirkstoff und Veredelungsverfahren“ zum Patent angemeldet seien. Auch eine Patentanmeldung ist aber noch lange kein Beleg dafür, dass das Verfahren künftig halten wird, was in dieser Pressemitteilung versprochen wird. Für die am Rande ebenfalls in Aussicht gestellte mögliche Wirkung gegen entzündliche Darmerkrankungen ist das „Vermuten“ der Forscher der einzige angeführte Beleg.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird ein Mediziner der Uniklinik Rostock zitiert, der auch eine Fraunhofer-Arbeitsgruppe leitet. Im Text heißt es zudem, dass es sich bei dem Projekt um eine Kooperation zwischen dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie IZI in Rostock und der FIM Biotech GmbH handelt. Wie genau diese Kooperation aussieht, wird indes nicht deutlich. Hat die Firma nur die Tonerde zur Verfügung gestellt, oder das Projekt maßgeblich mitfinanziert? Wie genau sieht die Verflechtung der Beteiligten bei der Patentanmeldung aus? Immerhin scheint der im Pressetext die Wirksamkeit bestätigende Mediziner gleichzeitig auch Mitanmelder des betreffenden Patents zu sein (vgl. z.B. hier und hier). Davon abgesehen, dass keine unabhängigen Experten oder Expertenveröffentlichungen zum Thema berücksichtigt werden, wird der daraus resultierende Interessenskonflikt nicht ausreichend deutlich.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium wenden wir in der Form wie bei der Beurteilung journalistischer Beiträge nicht an.

Dennoch gibt es einige Aspekte, die man an dieser Stelle zu den Informationen der Pressemitteilung anmerken kann. Über den Text hinausgehende Informationen wie etwa Kontaktdaten oder Links zu Fachartikeln (Abstracts) bietet der Pressetext nicht. Es gibt lediglich einen Link in der Rubrik „Weitere Informationen“, der aber nur auf denselben Text auf der Fraunhofer-Seite verweist. Dort findet sich dann zumindest eine Telefonnummer des im Artikel angesprochenen Forschers, indes keine E-Mail-Adresse, sondern nur ein Link zu einem Kontaktformular. Hilfreicher wäre es, diese Informationen direkt in der Pressemittelung anzubieten.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Leser bekommen den Eindruck vermittelt, dass das Verfahren mit dem Friedländer Ton noch so neu ist, dass Tierstudien noch nicht abgeschlossen sind (oder gerade abgeschlossen wurden), bzw. nicht mal Studien mit Patienten begonnen wurden. Das Problem dabei ist, dass gar nicht deutlich wird, ob der Ansatz als solches oder auch die Verwendung anderer Mineralien völlig neu ist, oder ob zuvor schon mal versucht wurde, auf diese Weise Phosphatwerte bei chronisch Nierenkranken zu senken oder diese vielleicht auch bei anderen Erkrankungen zu nutzen. Nur ganz zu Beginn heißt sehr allgemein: „Tonerde wirkt heilend.“ Wir werten daher knapp „nicht erfüllt“.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Die etablierten Alternativen, die das neue Produkt eventuell ersetzen soll, werden zumindest erwähnt. Dazu heißt es: „Chronisch niereninsuffiziente Patienten sollten daher zu den Mahlzeiten Phosphatbinder einnehmen, die das Phosphat aus der Nahrung im Darm und im Magen binden, sodass es nicht ins Blut aufgenommen, sondern unverdaut ausgeschieden werden kann. Das Problem: Die erhältlichen Medikamente wie Kalzium- und Aluminiumsalze verursachen beträchtliche Nebenwirkungen wie Verstopfung, einen erhöhten Kalziumspiegel im Blut und neurologische Störungen.“ Dass diese im allgemeinen aber zumindest gut wirksam sind, wäre eine durchaus wichtige Information gewesen.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird zwar klar, dass ein Präparat derzeit noch nicht verfügbar ist: „Die Wissenschaftler gehen davon aus, mit den klinischen Studien im Frühjahr 2014 beginnen zu können.” In der Folge wird aber geschrieben: „Erste Patienten könnten bereits dann von dem neuen Wirkstoff profitieren.“ Damit wird hingegen suggeriert, dass am Nutzen eigentlich kein Zweifel besteht (trotz des verwendeten Konjunktivs). Der Weg von den ersten kleinen Studien bis zu einem anwendbaren Präparat zieht sich selbst bei einem positiven Verlauf über viele Jahre hin; in den meisten Fällen sind die Bemühungen dann doch nicht von Erfolg gekrönt. Die meisten Wirkstoffe, die – nach viel versprechenden Tierversuchen – dann in Patientenstudien getestet werden, gelangen nie in den Handel, weil sie sich beim Menschen schließlich nicht als geeignet erweisen. Doch im Zwischentitel des Pressetextes wird das Präparat bereits als „Schonende Alternative zu Pharmapräparaten.“ vorgestellt.

Hinzu kommt: Es wird weder klar gemacht, dass für die Verwendung in Studien Patienten in der Regel bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen, somit also nicht jeder Betroffene in Frage kommt und von dem „Wirkstoff profitieren“ kann. Zudem handelt es sich bei den ersten Studien in der Regel um Untersuchungen mit geringen Teilnehmerzahlen, bei denen zunächst weniger die Wirksamkeit als die Verträglichkeit einer neuen Wirksubstanz im Vordergrund steht. Auch wird nicht erklärt, ob diese Studien dann nur an der Uniklinik Rostock oder auch an anderen Standorten durchgeführt werden – somit also nur lokal verfügbar wäre.

Wie unsicher eine Ankündigung zum Studienbeginn ist, zeigt eine Pressemitteilung aus dem März 2013 (pdf), in der die Studien am Menschen schon für Ende 2013 angekündigt waren.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Obwohl schon vermeintlich eindeutige Aussagen zu Nutzen und Risiken erfolgen, gibt es keinerlei Aussagen zu möglichen Kosten. Dabei ist anzunehmen, dass man sich bei der kooperierenden Firma dazu durchaus bereits konkretere Gedanken gemacht hat.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Der Text widmet sich recht ausführlich der chronischen Nierenerkrankung. Übertrieben finden wir die Darstellung nicht, die Häufigkeiten entsprechen in etwa den an anderer Stelle (pdf) veröffentlichten Daten.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Ein aktueller Anlass wie etwa die Veröffentlichung eines Fachartikels oder der konkrete Start einer Patientenstudie ist nicht erkennbar. Eine für die breitere Öffentlichkeit oder für die Wissenschaft selbst ausreichende Relevanz ergäbe sich erst dann, wenn deutlich würde, dass der versprochene Nutzen tatsächlich durch Patientendaten belegt wäre. So bleibt nur der Faktor des Ungewöhnlichen, dass nämlich Tonerde Menschen mit einer chronischen Nierenerkrankung helfen könnte. Angesichts der Tatsache, dass es bisher aber nicht mal Patientenergebnisse gibt, finden wir dies nicht ausreichend für eine Auswahl des Themas. Es wird jenseits der Patentanmeldung nicht ausreichend deutlich, warum gerade jetzt darüber berichtet werden soll. Dieser Anlass mag für einen kleinen Kreis von Interessenten von wirtschaftlicher Relevanz sein, für die Verbreitung in einem Informationsdienst Wissenschaft ist der Informationswert mehr als fraglich.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Pressetext ist in zwei Abschnitte aufgeteilt: Im ersten Teil erklärt der Text die Erkrankung, und er beginnt mit Erklärungen zum Fall einer Betroffenen („Frau M.“), um von da aus zu erläutern, was das neue Präparat bringen soll. Im zweiten Teil erfahren Leser mehr zum Stand der Forschung am Institut und dem eigentlichen Tonmineralienpräparat. Gut verständlich ist dabei erklärt, warum Menschen mit einer chronischen Nierenerkrankung überhaupt ein Medikament als Phosphatbinder benötigen. Der Einzelfall verdeutlicht zwar, wie beschwerlich das Leben für Menschen mit regemäßiger Dialyse ist, doch erscheint der journalistische Einstieg („Frau M. verbringt etwa 15 Stunden pro Woche im Krankenhaus – sie ist Dialysepatientin. Ihre Nieren funktionieren nur noch eingeschränkt (…)) in einem solchen Text die (fiktive?) Patientin jedoch fehl am Platz, zumal das Präparat nichts an der Situation solcher Fälle ändern würde. Durch die starke und Hoffnung weckende Patientenfokussierung wäre bei einem journalistischen Beitrag sogar ein Verstoß gegen Ziffer 14 des Pressekodex („Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete (…) Hoffnungen beim Leser erwecken könnte.“) durchaus prüfenswert.

Erst im zweiten Teil des Textes erhalten Leser dann konkretere Informationen zum eigentlichen Thema, wobei vieles im Unklaren bleibt (siehe Kriterium oben). So ist etwa von „Friedländer Ton“ die Rede, ohne dass deutlich würde, warum dieser so heißt und was das Besondere dieses Minerals ist. Wie daraus ein Arzneistoff wird, behalten die Autoren des Textes auch weitgehend für sich, das Mineral werde „zunächst gereinigt und anschließend mit einem speziellen Verfahren technisch bearbeitet und veredelt.“ Wo dabei die Herausforderungen bestehen, und was „veredeln“ genau bedeutet, wird nicht erklärt. Damit wäre aber dann vielleicht wenigstens verständlich geworden, wieso das Verfahren zum Patent angemeldet wurde.

Ansonsten bleibt der Text weitgebend im Ungewissen: Es werde untersucht, ob die Tonerde künstlich erzeugte Entzündungen positiv beeinflussen könne; die tierexepermentellen Untersuchungen sollen Ende 2013 abgeschlossen sein (dazu müsste es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Pressemitteilung (Anfang Januar 2014) eigentlich eindeutige Informationen geben); die Wissenschaftler gehen davon aus, dass klinische Studien Anfang 2014 beginnen. Der einzige zentrale Punkt, der in diesem Text als sicher suggeriert wird, ist der Nutzen für die Patienten – obwohl es ausgerechnet dafür noch keinerlei belastbare Belege aus Patientenstudien gibt.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Faktenfehler jenseits der bereits beanstandeten Punkte sind uns keine aufgefallen.


Abwertung um einen Stern wegen der Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien.

 

 

Medizinjournalistische Kriterien: 2 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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