Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissen- schafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch an die breite Öffentlichkeit. Nicht selten vertritt man in den Pressestellen sogar die Ansicht: "Wir machen Journalismus." Der Medien-Doktor macht die Probe aufs Exempel: Was passiert, wenn man Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien analysiert, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen? – Wir freuen uns auch auf Vorschläge zur Bewertung für dieses Experiment!

Unsere Bewertungen

„Schwerkranke Patienten mit undichter Herzklappe profitieren von Katheter-Behandlung“

Die Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg preist ein neues Katheter-Verfahren zur Therapie undichter Herzklappen bei Hochrisikopatienten an. Die Unsicherheiten der kleinen Studie werden nicht ausreichend deutlich gemacht, Aspekte wie Finanzierung und mögliche Interessenkonflikte werden nicht thematisiert.

Zusammenfassung

An der Uniklinik Heidelberg wird ein neues Verfahren für die Therapie undichter Herzklappen bei alten Menschen mit Herzinsuffizienz getestet. Dabei wird bei diesen Hochrisikopatienten mittels eines Katheters eine spezielle Klammer (MitraClip der Firma Abbott) bis zum Herzen geführt und damit die undichte Herzklappe abgedichtet.

Der Pressetext verdeutlicht den möglichen Nutzen noch ausreichend, macht aber nicht klar, wie unsicher die Angaben zu Risiken und Nebenwirkungen noch sind. Stattdessen wird betont, wie sicher das Verfahren ist, und es als “ausgesprochen risikoarm” beschrieben. Die Aussagekraft der Studie ohne Kontrollgruppe wird nicht erklärt, auf Finanzierung oder mögliche Interessenkonflikte geht der Text nicht ein. Deutlich wird hingegegen, dass es sich um ein neueres Verfahren handelt. Eine alternative Methode wird angesprochen, indes nicht verständlich erklärt. Die Verfügbarkeit wird noch ausreichend deutlich, Angaben zu den Kosten fehlen allerdings.

Möglicherweise wäre es sinnvoller gewesen, mit einer Veröffentlichung einer Pressemitteilung bis zur nächsten, aussagekräftigeren Studie zu warten – zumal da die hier vorgestellte Untersuchung bereits vor Monaten online veröffentlicht wurde, an eine aktuelle Berichterstattung also eigentlich nicht mehr zu denken ist.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen wird allgemein beschrieben: „Das neue Verfahren zur Reparatur der Herzklappe verbessert mittelfristig die Herzfunktion und steigert die körperliche Belastbarkeit der Patienten.“ Und weiter heißt es: „Nach einem Jahr hatte sich der Gesundheitszustand der Herzpatienten deutlich verbessert. Sie waren wieder mehr belastbar und litten weniger an Luftnot. Auch die Herzfunktion steigerte sich.“ Zwar werden diese Aussagen nicht quantifiziert, aber zumindest wird versucht, dies einzuordnen: „Ihr Gesundheitszustand ist vergleichbar mit Patienten, deren Mitralklappe im Rahmen eines chirurgischen Eingriffes repariert wurde.“ Dabei wird auch deutlich, für wen die Therapie von Nutzen sein könnte, nämlich „für Patienten mit undichter Herzklappe (Mitralklappeninsuffizienz), die nicht am Herzen operiert werden können.“

Hilfreich wär zudem gewesen, genauer zu erklären, wie die Mediziner Parameter wie Belastbarkeit oder Gesundheitszustand gemessen hatten, und in diesem Zusammenhang hätte man dann konkrete Zahlen nennen können.

Wir werten daher knapp „erfüllt“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Zu diesem Aspekt heißt es sehr betont: „Der Eingriff ist ausgesprochen risikoarm und eignet sich daher sehr gut für geschwächte oder voroperierte Hochrisikopatienten.“ Das klingt bereits wie eine sehr gesicherte, nahezu endgültige Erkenntnis. An einer Stelle wird auch ein Risiko beziffert ­– allerdings nicht in absoluten, sondern nur in relativen Zahlen: „Das Verfahren erwies sich zudem als sehr sicher: Das Sterberisiko der schwerkranken Patienten durch den Eingriff lag nach 30 Tagen bei 2,9 Prozent im Vergleich zu rund 12 Prozent nach einer Operation am Herzen.“ Dies ist aus zweierlei Gründen irreführend. Zum einen hätte man auch hier noch erklären müssen, wie unsicher diese Aussage aufgrund der geringen Teilnehmerzahl, ist. Betrachtet man zum anderen die Fachveröffentlichung im Original, so erfährt man, dass von 59 behandelten Patienten 12 (also mehr als 20 Prozent) im ersten Jahr nach der Therapie verstarben. Wenngleich die Gründe hierfür den Autoren des Fachartikels zufolge meistenteils nicht auf das Herz zurückzuführen waren, so räumen sie doch ein, dass dies die Aussagekraft der Studie limitiert. Dies spiegelt die Pressemitteilung mit ihrer mehrfachen Betonung der Sicherheit nicht wieder.    

Hinzu kommt: Es wird nicht erklärt, welche die für diesen Eingriff typischen Risiken und Nebenwirkungen sind. Insgesamt werten wir daher „nicht erfüllt“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Die Pressemitteilung erwähnt die Anzahl der Patienten, deren Therapieverlauf in der Studie ausgewertet werden konnte. Der Text macht dabei aber nicht klar, dass die Aussagekraft der Untersuchung deutlich eingeschränkt ist – nicht nur auf Grund der geringen Teilnehmerzahl, sondern auch weil es keine direkte Kontrollgruppe gab. Damit bleibt offen, wie stark Verbesserungen nach einem Jahr allein auf das untersuchte Verfahren zurückzuführen ist. Einen deutlich höheren Aussagekraft  hätte man zum Beispiel durch eine Studie mit einer direkten Kontrollgruppe (mit klassischem chirurgischem Eingriff) erreicht, denn dann hätte man die Werte direkt miteinander vergleichen können.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird der Hauptautor des Fachartikels zitiert. Andere Quellen gibt es nicht. Angaben zu Interessenkonflikten oder Finanzierung gibt es auch keine. Da es sich bei der Mitralklappenklammer MitraClip um ein spezielles Produkt der Firma Abbott handelt (was im Text zumindest erwähnt wird), wären Angaben zur Finanzierung der Studie oder mögliche Interessenkonflikten eine wichtige Information. Der Fachartikel macht zur Finanzierung keine Angaben. Auch wenn laut Artikel keine Interessenkonflikte vorliegen, wäre es doch interessant zu wissen, welche Rolle der Firma zukommt, deren Produkt hier auf „klinische und funktionelle Effektivität“ getestet wurde.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium kann bei der Bewertung von Pressemitteilungen nicht in die Wertung einfließen. Gleichwohl soll hier zum Beispiel angesprochen werden, ob neben der Pressemitteilung weitere Materialien (Links, Fachpublikationen, Bild- und Videomaterial) zur Verfügung gestellt werden.

Positiv finden wir die Zusatzangaben zum eigentlichen Pressetext. Auf Anfrage wurde uns auch umgehend der Volltext des Fachartikels zur Verfügung gestellt. Hilfreich sind ebenfalls Kontaktdaten zu den Wissenschaftlern und den Ansprechpartner für die Presse. Die allgemeine Selbstdarstellung des Klinikums fällt indes reichlich lang aus – dabei sagt etwa die Zahl der Betten im Klinikum wenig über die Qualität einer Studie aus, um die es in der Pressemitteilung ja eigentlich geht.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Text macht klar, was das Neue an dieser Studie ist: „(…) die erste [Studie] ausschließlich mit Hochrisikopatienten.“ Und es wird deutlich, dass es sich um ein noch recht neues Verfahren handelt: „Anders bei dem neuen Katheter-Verfahren, das ein Team des interdisziplinären Heidelberger Herzzentrums 2009 bereits ein Jahr, nachdem es in den USA entwickelt wurde, erstmals in Baden-Württemberg etablierte.“

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird zumindest angedeutet, dass die etablierte Methode der normale chirurgische Eingriff am Herzen ist, der bei Hochrisikopatienten aber mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist (siehe aber auch Kriterium Verständlichkeit/Vermittlung). Ob es andere Verfahren zum Schließen solcher Mitralklappen gibt, wird indes nicht erklärt. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird deutlich, dass das Verfahren weltweit eingesetzt wird, und in Heidelberg regelmäßig angewandt wird („In den letzten vier Jahren haben die Heidelberger Kardiologen bei mehr als 200 Hochrisikopatienten dieses Verfahren durchgeführt, aktuell sind es rund 80 Patienten pro Jahr.“) Auch wenn wir es verständlich finden, dass in einer Pressemitteilung einer Uniklinik der Blick vor allem auf die eigene Institution gerichtet wird: Unter dem Gesichtspunkt einer verantwortungsvollen Information, die via Internet nicht mehr nur Journalisten erreicht, sondern auch Betroffene und ihre Angehörigen, halten wir zumindest exemplarische Informationen zur Verfügbarkeit eines solchen Verfahrens andernorts im Bundesgebiet für hilfreich  – zumal da dies auch die Einordnung des Verfahrens erleichtert.

Auch wäre die Information hilfreich, ob Patienten nur im Rahmen einer Studie oder auch bereits außerhalb davon mit dieser Methode operiert werden können.

Da grundsätzlich deutlich wird, dass das Verfahren in Heidelberg (und zumindest auch im Ausland) verfügbar ist, werten wir – wenn auch knapp – „erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Ob für Patienten Kosten entstehen, wird nicht deutlich. Auch die Frage einer Kostenersparnis oder -steigerung gegenüber anderen Verfahren wird nicht thematisiert.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die schwere Herzinsuffizienz wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Ein schonenderes Verfahren zur Behandlung von Hochrisikopatienten mit Herzinsuffizienz ist ein relevantes Thema. Wir werten aber knapp „nicht erfüllt“, denn das Paper wurde online bereits im März 2013 veröffentlicht. Der Hinweis zum jetzigen Zeitpunkt auf den Fachartikel ist selbst für die Printversion des Fachmagazins sehr spät, denn der Artikel wurde in der Augustausgabe veröffentlicht, die bereits im Juli erschien (aktuell liegt bereits die Oktoberausgabe vor). Der Hinweis auf die „nun veröffentlichte Studie“ kann Journalisten (oder auch im Netz recherchierende Patienten) auf die falsche Fährte führen und gaukelt eine Aktualität vor, die so nicht mehr gegeben ist.

Hinzu kommt, dass die Patienten in der Studie zwischen September 2009 und November 2011 therapiert wurden. Seitdem wurden laut Pressemitteilung deutlich mehr Patienten behandelt, als die Daten der Studie erfasst hat. Es wäre also auch überlegenswert gewesen, mit einer Pressemitteilung zu warten, bis die weiteren Patientendaten vorliegen bzw. ausgewertet sind und tatsächlich sicherere Aussagen getroffen werden könnten.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Einerseits ist der Pressetext an vielen Stellen gut verständlich und lesbar geschrieben. So wird einigermaßen klar, was der MitraClip bewirken soll. Zum anderen gibt es aber auch vereinzelte Stellen im Text, die umständlich oder schwer verständlich sind. Beispiel: So heißt es zu den Risiken, „Das Sterberisiko (…) durch den Eingriff lag nach 30 Tagen bei 2,9 Prozent im Vergleich zu rund 12 Prozent nach einer Operation am Herzen.“ Das klingt sehr nach Mediziner-Sprache. Dass 2,9 Prozent bei 41 Teilnehmern zwei tote Patienten bedeutet, hätte durchaus explizit erwähnt werden können. Zumal das Sterberisiko aufgrund der geringen Fallzahl nur bedingt aussagekräftig ist.

Auch wäre eine Beschreibung des etablierten chirurgischen Eingriffs am Herzen hilfreich gewesen. Dass dazu der Brustkorb geöffnet werden muss, hätte die besondere Belastung für die Patienten verständlicher gemacht. Für einige Kollegen ist möglicherweise auch die Beschreibung „chirurgische Eingriff“ nicht ausreichend verständlich, da sie auch unter einem Kathethereingriff eine „chrirugische Prozedur“ verstehen und auch nicht wissen, wie der „normale“ chirurgische Eingriff aussieht.

Verwirrend ist zudem die Aussage zum Gesundheitszustand einiger Patienten nach zwei oder drei Jahren. Kurz zuvor wurde noch erklärt, dass die Studien-Ergebnisse über einen ein-Jahres-Zeitraum betrachtet wurden, dann folgt die Aussage eines Arztes: „Es fehlen noch Langzeitergebnisse, aber unsere ersten Nachuntersuchungen nach zwei und drei Jahren sprechen dafür, dass die Wirkung in dieser Zeit anhält.“

Alles in allem werten wir daher auch hier knapp „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Faktenfehler sind uns keine aufgefallen.


Aufgrund der Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien werten wir um einen Stern ab.

 

 

Medizinjournalistische Kriterien: 5 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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