Was macht Medien-Doktor PR-Watch?

Pressemitteilungen aus der Wissen- schafts-PR richten sich nicht nur an Journalisten, die diese Informationen einordnen und prüfen, sondern immer häufiger auch an die breite Öffentlichkeit. Nicht selten vertritt man in den Pressestellen sogar die Ansicht: "Wir machen Journalismus." Der Medien-Doktor macht die Probe aufs Exempel: Was passiert, wenn man Pressemitteilungen aus dem Medizin- und Umweltbereich anhand der Kriterien analysiert, die wir für die Begutachtung journalistischer Beiträge nutzen? – Wir freuen uns auch auf Vorschläge zur Bewertung für dieses Experiment!

Unsere Bewertungen

Wetterextreme heizen Klimawandel an

Die Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena berichtet über Forschungsarbeiten, die darauf hindeuten, dass extreme Wetterereignisse und der Klimawandel einander verstärken könnten.  Es wird klar, dass dem Messungen und Modellrechnungen zugrunde liegen, doch weist der Text  nicht immer ausreichend auf Unsicherheiten hin, und  nicht alle Zahlenangaben sind unmittelbar nachzuvollziehen.

Zusammenfassung

Wenn man sich als Pressestelle für eine außergewöhnlich lange Pressemitteilung entscheidet, bietet dies alle Möglichkeiten, auch komplexe Themen anschaulich und gut verständlich darzustellen. Der Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie zu einer möglichen Selbstverstärkung des menschengemachten Klimawandels durch extreme Wettereignisse, wie Hitzewellen und Stürme, gelingt dies nur zum Teil. Dabei macht der Text zwar deutlich, dass diese Rückkopplung noch nicht bewiesen ist und wie Wissenschaftler mit Messungen, Modellrechnungen und Experimenten mit Pflanzen versuchen, Antworten zu finden. Gleichwohl wären auch konkrete Gegenargumente interessant gewesen und einige Zahlenangaben hätten besser nachvollziehbar sein können. Nicht vollständig transparent wird, dass das betreffende Forschungsprojekt offenbar kurz vor dem Auslaufen steht; eine Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext fehlt ebenso wie der Hinweise auf Kosten und mögliche Handlungsoptionen. Ausreichend deutlich wird hingegen der zeitliche und räumliche Horizont dieses Umweltphänomens.

Umweltjournalistische Kriterien

1. KEINE VERHARMLOSUNG/ PANIKMACHE:
Umweltprobleme werden weder bagatellisiert noch übertrieben dargestellt
.

Dass extreme Wetterereignisse, wie Stürme, Hitze- oder Trockenperioden, den Klimawandel weiter verstärken könnten, wird in der Pressemitteilung entschiedener formuliert ,als es in der  zugrunde liegenden Publikation  in der Fachzeitschrift Nature anklingt. Wo die Fachveröffentlichung auf Unsicherheiten hinweist und es etwa heißt, eine einfache Beziehung zwischen dem CO2-Anstieg und Klimaextremen sei nicht unbedingt zu erwarten, suggeriert die Pressemitteilung insbesondere mit der Überschrift „Wetterextreme heizen Klimawandel an“, dass zu diesem Thema bereits eine abschließende Aussage möglich sei. Im weiteren Textverlauf wird dies aber zumindest abgeschwächt mit Formulierungen wie  „könnte sich…verstärken“ , „eine der großen offenen Fragen in der Klimaforschung“. Auch wird deutlich, dass sich Hitzewellen oder Starkregen etc. – entgegen dem landläufigen Eindruck – „zwar noch nicht deutlich gehäuft und verstärkt“ haben, eine Häufung aber von vielen Klimaforschern erwartet wird. Wir werten daher „knapp erfüllt“.

2. BELEGE/ EVIDENZ: Studien, Fakten und Zahlen werden so dargestellt, dass deren Aussagekraft deutlich wird.

Es wird erläutert, dass die vorgestellten Forschungsergebnisse auf Satellitenmessungen der Fotosyntheseaktivität und des Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre sowie auf daran anschließenden Modellrechnungen am Computer beruhen – und ferner Freiland- und Laborexperimente mit Pflanzen eine Rolle spielen. Wie gut belegt die in der Pressemitteilung genannten Zahlen sind, wird indes nicht in jedem Fall deutlich. Insbesondere ist nicht ohne Weiteres nachzuvollziehen,  worauf die Aussage eines der zitierten Studienautoren beruht, „dass die Landökosysteme wegen der extremen klimatischen Ereignisse jährlich per Fotosynthese etwa elf Milliarden Tonnen weniger Kohlendioxid aufnehmen, als sie es ohne Extremereignisse könnten“. In der Fachveröffentlichung wird auf eine Studie Bezug genommen, die anhand von Satellitenmessungen feststellte, extreme Klimaereignisse hätten die globale Bindung von Kohlenstoff durch Pflanzen um 2,7 Milliarden Tonnen jährlich verringert, Modellrechnungen hätten eine Verringerung um  9,6 Milliarden Tonnen ergeben. Der Bezug dieser (noch dazu stark voneinander abweichenden) Zahlen zu den in der Pressemitteilung an zentraler Stelle genannten elf Milliarden bleibt unklar. Da jedoch im Grundsatz deutlich wird, mit welchen Methoden die Forscher vorgehen (Satellitenmessungen plus Modellrechnungen und perspektivisch mit Experimenten an Pflanzen)werten wir „knapp erfüllt“.

3. EXPERTEN/ QUELLENTRANSPARENZ: Quellen werden benannt, Interessenkonflikte deutlich gemacht.

Es werden ausschließlich zwei Forscher zitiert, die an der Veröffentlichung beteiligt sind. Eine unabhängige Stellungnahme wird nicht eingeholt. Auch entsteht der Eindruck, die Pressemitteilung würde sich direkt auf eine aktuelle, ganz neue Studie beziehen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen so genannten „Perspective“-Beitrag in Nature, der vorliegende Arbeiten zusammenfasst und einordnet.

4. PRO UND CONTRA: Die wesentlichen Standpunkte werden angemessen dargestellt.

Auch wenn sich die Hinweise verdichten, dass extreme Wetterereignisse durch den Klimawandel häufiger werden und diesen wiederum weiter verstärken könnten, kann dies doch noch nicht als gesicherte Erkenntnis angesehen werden.  Dies hätte in der Pressemitteilung noch deutlich werden und besser eingeordnet werden können (Gibt es beispielsweise auch konkrete Argumente, die gegen diese These sprechen?). Auch die Unsicherheiten, die sich aus den unterschiedlichen Ergebnissen von Messungen und Modellrechnungen in den Fachveröffentlichungen ergeben, hätten thematisiert werden können. Wir werten daher – knapp – nicht erfüllt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG/ das Pressematerial hinaus.

Generell haben wir uns entschieden, dieses Kriterium bei der Bewertung von Pressemitteilungen selbst nicht in die Wertung einfließen zu lassen. Gleichwohl soll hier erwähnt werden, ob neben der Pressemitteilung weitere Materialien (Links, Fachpublikationen, Bild- und Videomaterial) zur Verfügung gestellt werden. Im konkreten Fall wird auf eine frühere Pressemitteilung sowie auf die Webseite des erwähnten CARBO-Extreme-Projekts verlinkt.

6. Der Beitrag macht klar, wie ALT oder NEU ein Umweltproblem, eine Umwelttechnik, ein Regulierungsvorschlag o.ä. ist.

Die Pressemitteilung macht indirekt klar, dass der Einfluss der von Stürmen, Dürren oder Hitzewellen auf den Klimawandel erst seit einigen Jahren im Rahmen eines EU-Projekts intensiver erforscht wird (die Hitzewelle 2003 in Europa wird als ein Auslöser für das Projekt genannt). Ein konkreter Hinweis, dass das Projekt CARBO-Extreme offenbar kurz vor dem Auslaufen steht (laut Webseite gefördert von 2009 bis 2013) wäre wünschenswert gewesen.

7. Der Beitrag nennt – wo möglich – LÖSUNGSHORIZONTE und HANDLUNGSOPTIONEN.

Als einzige Handlungsoption fordert die Pressemitteilung, „Heute noch sehr seltene Wetterextreme müssen besser erforscht werden“, wozu die Forscher „weitere Studien“ planten. Ob es möglich ist, den Schaden, der durch extreme Wetterereignisse entsteht, zu begrenzen – etwa durch eine angepasste Bewirtschaftung von Wäldern (z.B. durch Vermeiden von Fichtenmonokulturen, die für Windbruch besonders anfällig sind) und von landwirtschaftlichen Flächen, wird nicht thematisiert.

8. Die RÄUMLICHE DIMENSION (global/lokal) wird dargestellt.

Prinzipiell  können Hitze, Stürme oder Dürreperioden weltweit die Ökosysteme schädigen und die CO2-Aufnahme verringern. Ferner erfährt man, dass der „globale Effekt der Wetterextreme auf die Kohlenstoffbilanz“ berechnet wurde. In der Fachveröffentlichung wird jedoch deutlich, dass Afrika und Südamerika wahrscheinlich am stärksten betroffen sein werden. Dieser Aspekt fehlt im  Pressetext, der als einzige regionale  Ortsangabe die Hitzewelle 2003 in Mittel- und Südeuropa und dabei offenbar vorgenommene Messungen nennt. Auch andere geografische Informationen – welche Regionen wurden beispielsweise bei den weiteren Satellitenmessungen erfasst? – wären hilfreich gewesen. Wir werten daher nur „knapp erfüllt“.

9. Die ZEITLICHE DIMENSION (Nachhaltigkeit) wird dargestellt.

Es wird deutlich, dass es sich um ein aktuelles Problem handelt, das sich in der Zukunft noch beträchtlich verschlimmern könnte, da es sich möglicherweise um einen sich selbst verstärkenden Prozess handelt (Klimawandel führt zu Wetterextremen, Wetterextreme fördern den Klimawandel). Dass hier keine konkreten verlässlichen Zeitangaben für die Zukunft möglich sind, liegt in der Natur der Sache. Bisherige Forschungsarbeiten, wie die Satellitenmessungen 1982 bis 2011, sind zeitlich klar eingeordnet.

10. Der politische/ wirtschaftliche/ soziale/ kulturelle KONTEXT (z.B. KOSTEN) wird einbezogen.

In dem Fachartikel aus Nature wird darauf hingewiesen, dass auch soziale und ökonomische Faktoren eine wichtige Rolle für Veränderungen spielen, die indirekt von extremen Wetterereignissen ausgelöst werden. Wenn beispielsweise nach Missernten die Lebensmittelpreise steigen, könnte das dazu führen, dass vermehrt Wälder abgeholzt und in Acker und Weideland umgewandelt werden. In der Pressemitteilung kommen solche Aspekte dagegen nicht vor. Auch Kostenaspekte werden nicht angesprochen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1.Das THEMA ist aktuell, relevant oder originell. (THEMENAUSWAHL)

Das Thema ist interessant und relevant, und mit der Nature-Veröffentlichung ist ein aktueller Anlass gegeben.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen. (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Die Pressemitteilung wendet sich offensichtlich an Wissenschaftsjournalisten, die mit einschlägigem Fachvokabular und Sachverhalten der Klimaforschung vertraut sind. Was sich etwa hinter der „Pufferwirkung, die terrestrische Ökosysteme im Klimasystem ausüben“ verbirgt, dürfte nicht jedem geläufig sein. Nicht nur sehr fachlich formuliert, sondern auch sprachlich missverständlich ist der Satz „Wie die Forscher zudem herausfanden, verteilen sich die extremen Einbrüche in der Kohlenstoffaufnahme, wie etwa Lawinen oder Erdbeben, entsprechend einem Skalierungsgesetz.“ Das lässt vermuten, dass Lawinen oder Erdbeben die  Kohlenstoffaufnahme einbrechen lassen, was hier aber kaum gemeint sein dürfte.

Positiv fällt auf, dass der Text an vielen anderen Stellen konkret wird und sich dann auch um anschauliche Erklärungen bemüht. Eine noch etwas allgemeinverständlichere Umsetzung der vielen interessanten Informationen wäre wünschenswert  und – angesichts der gewählten extremen Länge der Pressemitteilung – auch überall möglich gewesen, da es sich um ein für die Allgemeinheit relevantes Thema handelt, das nicht nur Spezialisten in den Redaktionen interessieren dürfte. Wir werten daher „knapp nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt. (FAKTENTREUE).

Faktenfehler sind uns keine aufgefallen.

 

Umweltjournalistische Kriterien: 3 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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