Sprechstunde

Was Mediziner in Studien vorhatten, und was sie letztlich berichten (Nachtrag 7.1.16)

Ein Recherchetipp (und ein Lesetipp, siehe Nachtrag unten) für alle, die regelmäßig über medizinische Studien berichten: Vielen dürfte die Datenbank clinical-trials.gov bekannt sein, in der Studien registriert werden mit sämtlichen notwendigen Angaben, u.a. auch zu den Studienzielen, also den Aspekten, die hinten raus kommen sollen.

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Eine wichtige Ergänzung liefert das The Compare Project (http://compare-trials.org). Ein Team, unter anderem mit Ben Goldacre, schaut sich genau die Ziele der Untersuchung an, und verfolgt dann, was in den Veröffentlichungen hinten runter gefallen ist oder welche Parameter klammheimlich als Ergebnis reingerutscht sind.

Warum ist das ein Problem? Die Webseite erklärt’s:

„Before carrying out a clinical trial, all outcomes that will be measured (e.g. blood pressure after one year of treatment) must be pre-specified in a trial protocol and on a clinical trial registry (e.g. ClinicalTrials.gov).

This is because if researchers measure lots of things, some of those things are likely to give a positive result by random chance (a false positive). A pre-specified outcome is much less likely to give a false-positive result. In the trial report, all pre-specified outcomes must then be reported, to ensure a fair picture of the trial results.

However, in reality, pre-specified outcomes are often left unreported, while novel outcomes that were not pre-specified are reported. This is an extremely common problem that distorts the evidence we use to make real-world clinical decisions.“

Das Auslassen  vordefinierter Ziele ist nicht per se kein Problem, es sollte dann aber gut begründet sein.

In einem zweiten Schritt, weist das Compare-Team die Fachmagazine auf die fehlenden oder hinzugefügten Resultate hin und protokolliert, wie die Magazine (fünf führende Medizinfachzeitschriften wie JAMA oder BMJ) darauf reagieren.

Bisher hat das Team 66 Studien untersucht, und nur in neun Fällen wurden alle vordefinierten Ziele auch vollständig berichtet.

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Nachtrag 5.1.16: Zwei aktuelle Studien in PLoS Biology beleuchten ebenfalls die Berichtsqualität in biomedizinischen Studien. Spiegel Online fasst es so zusammen:

„Hunderte Schlaganfall- und Krebsstudien mit Versuchstieren sind mangelhaft, wie eine neue Arbeit im Fachblatt „Plos Biology“ zeigt. Oft ist die Zahl der Ratten und Mäuse nicht exakt angegeben – mitunter sind Tiere sogar ganz verschwunden. Die Forscher glauben, dass Tiere bewusst aus Versuchen herausgenommen werden, damit das Ergebnis den Erwartungen entspricht. Eine zweite Arbeit aus „Plos Biology“ belegte ebenfalls eklatante Mängel in Medizinstudien: Rohdaten und vollständige Versuchsprotokolle fehlten genauso wie Angaben zur Finanzierung einer Studie und mögliche Interessenkonflikte.“

Die Studien im Fachmagazin finden sich hier und hier. PloS Biology hat gleich eine ganze Section mit Forschung über Forschung eingerichtet.

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Nachtrag 7.1.16: Für die SZ hat Hanno Charisius (Gutachter beim Medien-Doktor) ein Interview mit einem der Forscher der Nager-Studie geführt.


LINKS:

The Compare Project 
http://compare-trials.org

Meta-Research Section bei PLoS Biology
http://collections.plos.org/meta-research

Holman et al. (2016): Where Have All the Rodents Gone? The Effects of Attrition in Experimental Research on Cancer and Stroke, PLoS Biology
http://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.1002331

Iqbal et al. (2016): Reproducible Research Practices and Transparency across the Biomedical Literature
http://journals.plos.org/plosbiology/article?id=info:doi/10.1371/journal.pbio.1002333


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