Sprechstunde

Recherchetipp Pharmagelder: Follow the money (Nachtrag)

Eine der Aufgaben von Medizinjournalisten ist es, die Abhängigkeiten von Medizinern, Ärzten und anderen Beteiligten im Gesundheitsbereich transparent zu machen (ein Aspekt, den wir in unserem Kriterium 4 beleuchten). Interessenkonflikte können das Urteil von Medizinern zu Ungunsten von Patienten beeinflussen, Ergebnisse aus Studien fallen positiver aus, als sie es  bei unabhängiger Betrachtung sollten, Empfehlungen für eine Therapie fußen nicht auf harten Belegen, sondern finanziellen Interessen (zum Thema Interessenkonflikte siehe auch unsere Blogbeiträge mit Tipps für die Berichterstattung hier und hier.)

Dollar for Docs

Finanzielle Abhängigkeiten lassen sich manchmal ganz einfach recherchieren: Indem man einen Mediziner danach fragt. Standardmäßig lohnt sich auch immer der Blick in die Fachartikel, in denen „Competing interests“ am Ende des Artikels aufgezählt werden. Auf diese Weise erfährt man etwa, wer eine Studie finanziert hat, oder ob ein beteiligte Mediziner in der Vergangenheit als Berater oder Vortragsredner für eine Pharmafirma tätig war, oder ob er Patente an einer Entwicklung oder Aktien an einer Firma hat.

Eine weitere, bisher unter Journalisten nur wenig bekannte Quelle um Finanzierungen durch Pharmafirmen zu recherchieren ist der „Transparenz-Kalender über Fortbildungen für Ärzte, Apotheker und andere Heilberufler“ des Bioskop Vereins auf seiner Webseite Bioskop-Forum.de

„Der Löwenanteil medizinischer Tagungen und Fortbildungen wird von der Pharmaindustrie gesponsert, bei großen Kongressen fließen üblicherweise 5-stellige, manchmal sogar 6-stellige Euro-Beträge von einzelnen Firmen. Welche Veranstaltungen werden von Arzneimittelherstellern finanziell unterstützt – und in welcher Höhe genau? Welche Fachgesellschaften, Universitäten, Fortbildungsveranstalter nehmen mehr oder weniger üppige Sponsorengelder an? Welche Dienstleister sind beteiligt?“

BioSkop sammelt in einer regelmäßig aktualisierten Liste, die Informationen, die zu den Veranstaltungen verfügbar sind. Wie detailliert diese ausfallen, hängt davon ab, wie genau sie vom Veranstalter und den Sponsoren angegeben werden. Teils erfährt man lediglich, welche Firma beteiligt ist, teilweise erfährt man aber auch, mit wie viel Geld sie sich einbringt, und ob es nur um einen Ausstellungsstand geht oder gleich ein ganzes Symposium finanziert wurde.

Transparenz-Kalender BioSkop

BioSkop weist darauf hin, dass die Liste nicht vollständig ist, was angesichts der unüberschaubar vielen Veranstaltungen kaum möglich erscheint. Doch es gäbe eine Lösung:

„Eine lückenlose Sponsoring-Übersicht könnte es erst geben, wenn die folgende Anregung von BioSkop praktisch umgesetzt wird: Sämtliche Fortbildungsveranstalter und Geldgeber müssen verpflichtet werden, die vereinbarten Geldzahlungen an ein zentrales, öffentlich zugängliches Online-Register mit angeschlossener Datenbank zu melden!“

Da es diese bisher nicht gibt, sind die Macher von BioSkop auf die freiwilligen Angaben der Beteiligten angewiesen – und auf sachdienliche Hinweise, die man einfach per E-Mail an BioSkop senden kann

Selbsthilfegruppen am Tropf von Pharmafirmen

Pharmafirmen sponsern nicht nur Fortbildungsveranstaltungen und Kongresse, sondern auch Patientenorganisationen. Wer wissen will, welche Firmen welche Organisationen unterstützen, kann dies für das Jahr 2013 einfach und bequem bei Spiegel Online tun. Die Autoren schreiben dazu im Datenlese-Blog:

„Nach der zunehmenden Kritik an ihrem Einfluss auf Patienten-Gruppen verpflichtete sich die Pharmaindustrie im Jahr 2008, ihre Spendenpraxis transparent zu machen. Seither veröffentlichen die Konzerne ihre Zuwendungen an Organisationen der Selbsthilfe, doch die Informationen finden sich bis heute meist nur schwer zugänglich auf den Internetseiten der Unternehmen.“

In der mühselig zusammengestellten Datenbank „So viel Geld spendiert die Pharmaindustrie“ kann man über vier verschiedene Filter gezielt nach Firma, Organisation, Erkrankung oder Erkrankungsgruppe auswählen. Über einen Schieber lässt sich auch die Höhe der finanziellen Spritze eingrenzen.

Selbsthilfegruppen Datenbank

Dass das Zusammenstellen der Daten mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist, erkennt man auch daran, dass sich die Spiegel Online-Kollegen bisher nur auf ein Jahr beschränkt haben. Für die Jahre 2010 und 2011 muss man sich auf die Seite des „Instituts für Qualität und Transparenz von Gesundheitsinformationen“ (IQTG)  begeben (das manche möglicherweise über die Spezialsuchmaschinen zu Gesundheitsinformationen Medinfo.de oder Medisuche.de kennen).

Ob Spiegel Online auch künftig die Daten zusammenstellen kann, ist noch offen.

Wegweisend in der Sammlung und Darstellung finanzieller Geldströme von Pharmafirmen zu Ärzten ist in den USA das Projekt Dollars for Docs der stiftungsfinanzierten Journalistenvereinigung ProPublica. Auf der Webseite kann man für einzelne US-Mediziner oder Institute recherchieren, wie viele Zahlungen von welchen Firmen jeweils erhalten haben. Angereichert mit Hintergrundartikeln und detaillierten Geschichten, kann man auch als Journalist, der nicht für ProPublica arbeitet, Informationen für seine eigenen Geschichten über finanzielle Abhängigkeiten, erarbeiten – so lange zumindest, wie es für den deutschsprachigen Raum noch keine derart umfangreiche Datenbank gibt. Manchmal genügt es ja aber auch, einfach den Mediziner zu fragen, von wem er oder sie Geld in welcher Höhe bezogen hat – schon die Reaktion auf die Frage kann aufschlussreich sein.

Nachtrag 6.6.2014:

Auf taz.de werden die Hintergründe zur Transparenzinitiative „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ (FSA) erläutert, deren neuen Regeln ab 2016 gelten sollen.

LINKS:

BiosKop-Forum.de: Transparenz-Kalender über Fortbildungen für Ärzte, Apotheker und andere Heilberufler
http://www.bioskop-forum.de/hinschauen/fortbildungen-und-pharmasponsoring.html

Spiegel Online Datenlese: So viel Geld spendiert die Pharmaindustrie (2013)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/patienten-datenbank-pharmaindustrie-spendete-millionen-an-organisationen-a-969476.html

IQTG: Zuwendungsfinder für Zuwendungen der Pharmaindustrie an Patientenorganisationen in Deutschland 2011
http://www.iqtg.de/cms/zuwendungzeig.asp?inst

ProPublica: Dollars for Docs
http://projects.propublica.org/docdollars


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