Sprechstunde

Recherchetipp: IGeL im Visier

Das neue Webportal IGeL-Monitor will Patienten bei der Entscheidung helfen, ob eine IGeL (Individuelle Gesundheitsleistung) sinnvoll und nützlich ist oder nicht. Die nach strengen Evindezkriterien evaluierten Bewertungen des IGeL-Monitor-Teams bieten auch Journalisten eine sehr gute Grundlage für die Recherche.

Das neue Projekt des MDS (Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V.) bietet Patienten (aber auch Ärzten) erstmals die Möglichkeit, sich umfassend und fundiert über Nutzen und Risiken der so genannten IGeL-Leistungen zu informieren.

IGeL steht für Individuelle Gesundheitsleistungen; es handelt sich um medizinische Verfahren und Therapien, deren Kosten nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Dazu zählen etwa Leistungen wie „Lichttherapie bei saisonal depressiver Störung („Winterdepression“)“, „Bachblüten-Therapie“ oder auch der „PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs“. Ob diese Angebote einen belegten Nutzen haben (der auch im Verhältnis zu den Risiken steht), ist für Patienten nur schwer zu erkennen. Der anbietende Arzt hat als Berater aber einen Interessenkonflikt oder ist möglicherweise selbst nur schlecht informiert. In diesem Fall kann die Webseite IGeL-Monitor weiter helfen.

Neben einer Zusammenfassung (IGeL-Info Kompakt, Bsp.: MRT zur Früherkennung einer Alzheimer-Demenz) und einer ausführlichen, leicht verständlichen Begründung zur Bewertung des Verfahrens oder der Therapie (IGeL-Info Ausführlich, Bsp.: MRT zur Früherkennung einer Alzheimer-Demenz), finden sich auch detaillierte Angaben, auf welcher Basis sich die Bewertung ergibt (jeweils unter dem Punkt: für Fachleute: Evidenzsynthese (Bsp. Colon-Hydro-Therapie (pdf)), Ergebnisbericht (Bsp. Akupunktur zur Migräneprophylaxe (pdf)). Das ist auch für Journalisten von besonderem Interesse, die tiefer in die Materie einsteigen möchten, denn dort erfährt man genau, welche Studien herangezogen wurden und wo man diese findet. Auf diese Weise bekommt auf diese Weise einen guten Überblick über die Studienlage zu einem Verfahren oder einer Therapie.

Neben den einzelnen Bewertungen bietet die Webseite auch viele Informationstexte rund um die IGeL. In einzelnen Artikel unter der Rubrik IGeL-Markt werden etwa die Leistungen aus einem jeweils anderen Blickwinkel betrachtet (etwa aus der Sicht des Arztes, der Hersteller, der Krankenkassen und auch der Medien). Das Angebot ist damit nicht nur für Patienten eine wichtige Informationsquelle, sie bietet auch Journalisten eine einzigartige Quelle für ihre Recherchen zu Therapien und Verfahren, die unter die Rubrik IGeL fallen.

Das Projekt startet mit Bewertungen zu 24 gängigen IGeL. Das Team möchte etwa ein bis zwei Bewertungen pro Monat veröffentlichen.

Ich habe Christian Weimayr (Homepage), Redakteur und einer der Initiatoren des IGeL-Monitors zum Projekt und zur Webseite befragt. (Hinweis: Christian Weymayr ist auch Gutachter des Medien-Doktors und einer der Initiatoren dieses Projektes.)


1. Warum braucht es einen IGeL-Monitor?

Wenn man einer IGeL zustimmt, kauft man etwas. Für eine Kaufentscheidung sollte man 1. wissen, was es bringt und 2. ob es einem das wert ist. Bei der 1. Frage möchte der IGeL-Monitor helfen, die 2. Frage müssen die Nutzer dann selbst beantworten. Bislang gibt es nur vereinzelte, oder nicht so fundierte, oder werbende IGeL-Informationen. Bei dem Aufwand, den wir treiben, wundert es mich auch nicht, dass es etwas Vergleichbares bislang nicht gibt.

2. Auf welcher Grundlage werden die Leistungen bewertet und wer erstellt die Bewertungen?

Für jede IGeL-Bewertung suchen Wissenschaftler vom MDS und von außerhalb, die der MDS beauftragt, in den einschlägigen Datenbanken nach systematischen Reviews und nach Originalarbeiten, die seit dem letzten Review erschienen sind, analysieren sie und leiten daraus Evidenzgrad (Beleg oder Hinweis) sowie Größe (gering oder erheblich) jeweils von Nutzen und Schaden ab. Die Einschätzung der Wissenschaftler wird dann noch im Team abschließend besprochen, denn oft ist es keine einfache Entscheidung. Aus Nutzen und Schaden ergibt sich dann nach einer von uns erstellten Bewertungstabelle eine von fünf Bewertungsaussagen von positiv bis negativ. Das alles haben wir transparent in der Rubrik Methodik dargelegt.

3. Wie unabhängig ist der IGeL-Monitor?

Wir werden vom GKV-Spitzenverband bezahlt, also sind wir nicht unabhängig. Andererseits wollen wir, dass uns die Nutzer vertrauen und dass wir dieses Vertrauen auch verdienen. Deshalb haben wir unser Vorgehen von der Literatursuche bis zur Bewertungsaussage durchgehend transparent dargelegt. Ob wir Fehler machen oder der GKV nach dem Mund reden, kann jeder selbst überprüfen.

4. Es ist eigentlich ein Portal für Patienten, wie kann das Portal auch Medizinjournalisten nützen?

Eine Quelle ist für Medizinjournalisten dann nützlich, wenn sie belastbar ist. Das ist der IGeL-Monitor, eben wegen seiner Transparenz bis hinunter zur Primärquelle. Allerdings betonen wir immer, dass es 1. beim Ermitteln von Nutzen und Schaden Interpretationsspielraum gibt und 2. die Abwägung von Nutzen und Schaden eine reine Werteentscheidung ist, die wir nach unseren Wertvorstellungen formalisiert haben.

5. Könnten Journalisten bei Euch/über Euch auch Experten zu den jeweiligen Therapien oder Verfahren finden?

Nur indirekt über die zitierten Reviews, Paper und Leitlinien. Mit Experten haben wir nicht explizit geredet, denn das Problem mit Experten ist ja, dass man nie weiß, wie deren Aussagen motiviert sind, also aus wie viel evidenzbasiertem Wissen, eigenen Interessen, Überblick, Sendungsbewusstsein etc. sie sich zusammensetzen.

5. Während viele Menschen nichts wissen über IGeL-Leistungen (fehlender Nutzen usw.), glauben andere, IGeL-Leistungen wären generell nutzlos. Ist das so?

Ja, diese beiden Pole gibt es wohl. Wenn IGeL generell nützlich oder generell nutzlos wären, bräuchte es den IGeL-Monitor nicht.

6. Wenn Eure Beurteilung ergibt, dass ein Verfahren „tendenziell nützlich“ oder sogar „nützlich“ ist, müssten dann die gesetzlichen Krankenkassen nicht die Kosten übernehmen?

Es stimmt, dass die GKV unter Erklärungsdruck steht, wenn wir ein „tendenziell positiv“ ermitteln. Zweimal war das bisher der Fall (Lichttherapie, Akupunktur zur Migräneprophylaxe) und in beiden Fällen hat der GKV-SV (Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen) eine Erläuterung abgegeben, die man unter unserer Bewertung findet. Wenn wir ein „positiv“ ermitteln würden, und der GKV-SV sich dem anschließt, sollte das einen Antrag beim G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) zur Folge haben.


Anmerkung: Die genauen Begründungen des GKV-SV sind auch für Journalisten interessant, weil dort detailliert erklärt wird, welche Aspekte letztlich entscheidend sind für die Kostenübernahme und die Beurteilung der Wirksamkeit einer Therapie (siehe z.B. dazu die Begründung zum Thema Akupunktur zur Migräneprophylaxe und Lichttherapie).


LINK:

IGeL-Monitor
http://www.igel-monitor.de/

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