Sprechstunde

Bewerben: Recherchestipendien zum Thema „Interessenkonflikte im Gesundheitswesen“

Zum vierten Mal bietet die TU Dortmund die WISSENSWERTE-Recherchestipendien für Medizinjournalistenan. Die Stipendien sollen dazu beitragen, das Wissen und die Recherchetiefe von jüngeren Freien Medizinjournalisten in ausgewählten relevanten Themenfeldern zu stärken. Dazu werden 3x Recherchestipendien in Höhe von jeweils bis zu 5.500,- Euro vergeben. Ziel des Stipendiums ist es, mit einer dreimonatigen Recherche komplexe Themen durch eine innovative journalistische Herangehensweise und Umsetzung für ein breites Publikum transparent zu machen. Die Projektmittel stammen von der Robert Bosch Stiftung, die damit die Recherchekompetenzen im Medizinjournalismus fördern will.

Thema: Interessenkonflikte im Gesundheitswesen 

Das deutsche Gesundheitswesen wird gerne als „Haifischbecken“ bezeichnet. Soll heißen: Es ist interessenkontaminiert. Die Partikularinteressen aller Gruppen von Akteuren gefährden massiv das Patientenwohl und das Gemeinwohl. Würden Patienten ausschließlich nach medizinischen Kriterien und möglichst evidenzbasiert versorgt, gäbe es im Gesundheitswesen keinen Mangel an Ressourcen.

Gesucht werden Recherche-Ideen, die Interessenkonflikte im Gesundheitssystem aufzeigen, analysieren und journalistisch beschreiben. Mit den Stipendien wollen wir Recherchen zu kostspieligen und gesundheitsgefährdenden Störfaktoren anstoßen, die Fehlentwicklungen und Reformbedarf für die Öffentlichkeit transparent machen. Die folgenden – bewusst pointiert formulierten – Themenbereiche sollen exemplarisch zeigen, in welche Richtungen sich Recherchen bewegen könnten:

–        Patienten lassen sich oft ohne Erkrankung krankschreiben, haben absurde Behandlungswünsche (z.B. Vitamin-C-Infusionen) oder gehen ohne Not als „Notfall“ in die Kliniken. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung rechnet mit 3,5 Millionen vermeidbaren „Notfällen“ jährlich. Verordnete Medikamente und Hilfsmittel werden häufig nicht verwendet – nehmen sich Ärzte zu wenig Zeit, um Nutzen und Risiken verständlich zu erläutern?

–        Ärzte sehen sich zunehmend Profit- und Konkurrenzdruck ausgesetzt: Es scheint lukrativer, Patienten rasch mit Rezepten zu entlassen, als gründliche, aber nicht honorierte Aufklärungsgespräche zu führen – ein falsches Vergütungssystem?

–        Krankenkassen sind auf möglichst viele Mitglieder angewiesen. Inwieweit bezahlen sie Leistungen, die populär sind, deren Nutzen aber nicht erwiesen ist?

–        Die Bevorzugung bestimmter Forschungsgegenstände oder Therapien muss nicht allein finanziell bedingt sein. Werden Allgemeinmedizin, Geriatrie oder Palliativmedizin vernachlässigt, weil z.B. Herz-Lungen-Transplantationen oder molekular-medizinische Innovationen mehr Reputation bringen?

–        Die Forschung zu Wirksamkeit, Nutzen und Sicherheit medizinischer Mittel und Methoden wird fast vollständig von den Herstellern finanziert, selbst in den (chronisch unterfinanzierten) Hochschulen. Die Problematik der Drittmittelforschung wird zwar in Fachkreisen seit langem diskutiert (s. Drittmitteleinwerbung: Strafbare Dienstpflicht? Springer 2004), aber in der Öffentlichkeit kaum problematisiert. Wie nah stehen Stiftungsprofessuren einer wissenschaftlich fundierten Medizin?

–        Hersteller von Mitteln und Methoden ohne gesicherten Wirksamkeitsnachweis positionieren ihre Produkte mit vielfältigen Verfahren im Markt. Inwieweit dient die ärztliche Fortbildung als Marketingmethode? Wieviel Prozent aller Fortbildungen sind wirklich unabhängig? Die Ärztekammern vergeben offiziell nur Punkte für den Besuch unabhängiger Veranstaltungen – wie genau wird dies überprüft?

–        Auch Leitlinien für die Behandlung bestimmter Krankheiten scheinen interessengeleitet: Ärzte sollen ihre Patienten „leitliniengerecht“ behandeln. Aber wie gut sind medizinische Leitlinien in Deutschland wirklich?

–        Kliniken und Praxen müssen Gewinn erwirtschaften: Missempfinden oder nicht normgerechte Laborwerte werden als Krankheiten eingeordnet, Hersteller erfinden passende „Krankheiten“ (Disease Mongering), Patienten werden aus finanzieller Indikation operiert – ungeachtet der Risiken. Wie hoch ist die Rate an Komplikationen durch überflüssige chirurgische Eingriffe, invasive Untersuchungen oder fragwürdiges Screening (z.B. Mammographien mit vielen falsch-positiven Resultaten). Bonuszahlungen an Chefärzte wurden zwar abgeschafft – in welchem Maße existieren sie weiterhin? Wie schwer wiegt die Abrechnung von nicht erbrachten Leistungen?

–        IGeL-Leistungen müssen Patienten zwar selbst bezahlen, da ihr Nutzen überwiegend nicht belegt ist. Warum werden einige dieser Leistungen dennoch besonders oft angeboten?

–        Nicht nur häufige Überbehandlung, auch die Unterbehandlung hängt mit der Interessenlage der Akteure zusammen. Seltene Krankheiten sind mühsam zu erforschen und kaum lukrativ zu behandeln. Zum anderen werden die häufigsten Leiden offenbar vernachlässigt: Sind chronisch Kranke, Multimorbide, Altersgebrechliche unter- oder fehlversorgt?

Zielgruppe

Die Ausschreibung richtet sich an jüngere Freie Journalisten in Deutschland aus allen Mediengattungen, die ein entsprechen-des medizinjournalistisches Thema bearbeiten wollen. Besonders freuen wir uns über Bewerbungen von Freien Journalisten, die eher noch am Anfang ihrer journalistischen Laufbahn stehen. Auch Teams aus Freien Journalisten können gemeinsam einen Antrag für ein Projekt stellen – ebenso Teams aus Freien und Redakteuren.

Bewerbung

Interessierte können sich bis spätestens 11. November 2016 per E-Mail mit ihren Recherchevorhaben bewerben. Der Bewerbung sind beizulegen: Projektskizze (max. 2 Seiten), Kosten- und Zeitplanung (max. 2 Seiten), Lebenslauf (max. 1 Seite) und 3x Arbeitsproben. Einen ausführlichen Leitfaden zur Antragstellungfinden Sie auf der Website www.wissenswerte-bremen.de/Stipendium.

Jury 

Die Auswahl der Stipendiaten erfolgt durch eine Jury mit renommierten Wissenschaftsredakteuren: Heike Haarhoff (taz), Dr. Regina Oehler (hr2/VMWJ), Dr. Astrid Viciano (Süddeutsche Zeitung), Markus Grill (correctiv) und Prof. Holger Wormer (TU Dortmund) sichten die eingehenden Bewerbungen und suchen Mitte November 2016 die vielversprechendsten Bewerber aus, die anschließend drei Monate Zeit für die Tiefenrecherche haben. Ausschlaggebend sind folgende Kriterien: Originalität und Relevanz des Themas, Eignung des vorgesehenen journalistischen Formats, Aufwand der Recherche, Plausibilität der Zeit- und Kostenplanung.

WISSENSWERTE-Recherche-Workshop

Die Stipendiaten werden zur Fachkonferenz WISSENSWERTE 2016 in Bremen eingeladen. Dort findet am 28. November in Zusammenarbeit mit dem Verband der Medizin- und Wissenschaftsjournalisten (VMWJ) der nächste Recherche-Workshop statt, in dem ausgewiesene Experten Recherchebedarf in ausgewählten Themenfeldern aufzeigen und strategische Herangehensweisen erörtern.

Bitte richten Sie Ihre schriftliche Bewerbung per E-Mail an:

Holger Hettwer M.A.

Projektleiter WISSENSWERTE

TU Dortmund | Emil-Figge-Str. 50 | 44227 Dortmund

T 0231 / 755 69 68

holger.hettwer@tu-dortmund.de


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