Sprechstunde

Pressemitteilungen: Auch warnende Hinweise finden den Weg in journalistische Beiträge

Übertrieben positive Beschreibungen aus Pressemitteilungen landen immer wieder in journalistischen Artikeln, die über medizinische Themen berichten. Die gute Nachricht ist: Dasselbe passiert auch mit Einschränkungen und Warnhinweisen. Das zeigt eine neue Untersuchung eines Teams um Petroc Sumner von der Universität Cardiff.

2014 hatte Sumner und seine Kollegen eine Untersuchung vorgelegt (über die ich hier berichte), die den Einfluss von Pressemitteilungen auf die journalistische Berichterstattung beleuchtete. Die Forscher fanden Hinweise dafür, dass Übertreibungen in Pressemitteilungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen könnten, solche Übertreibungen auch in den zugehörigen journalistischen Artikeln zu finden.

Zugleich aber wies die Arbeit auch darauf hin, dass solche übertriebenen Aussagen in den Pressemitteilungen – anders als womöglich erhofft – die Chance auf eine Berichterstattung in den Medien nicht erhöhte.

Diese Ergebnisse konnten die Forscher (zusammen mit einigen anderen Forschern) nun in einer zweiten Studie (veröffentlich in PLoS One) bestätigen. Hatten sie sich im ersten Fall noch die Pressemitteilungen von britischen Universitäten angesehen, untersuchten sie dieses Mal die Presseaussendungen von medizinisch/wissenschaftlichen Fachmagazinen wie The Lancet, BMJ oder Nature Medicine und Science.

Anders als in der ersten Studie untersuchten Sumner und sein Team auch den möglichen Einfluss von einschränkenden Aussagen oder Warnhinweisen in den Pressemitteilungen, zum Beispiel zur Aussagekraft der Studien, über die berichtet wurde, wie etwa Informationen darüber, ob es sich um eine Beobachtungsstudien handelte, die nur sehr eingeschränkt auf kausale Zusammenhänge schließen lässt.

Das erfreuliche Ergebnis: Auch wenn solche Hinweise vergleichsweise selten waren (sodass die Forscher Daten aus der vorherigen Studien miteinbeziehen mussten), fanden sie keine Hinweise dafür, dass Themen aus Pressemitteilungen mit einschränkenden Hinweisen, die Wahrscheinlichkeit für das Aufgreifen durch ein journalistisches Medium senkten.

Zugleich erhöhten diese Warnhinweise in den Pressemitteilungen die Chance, dass auch im aufgreifenden journalistischen Beitrag solche differenzierenden Informationen berichtet wurden.

Die Studie kann indes nur Hinweise über solche möglichen Zusammenhänge liefern. Zum einen sind die Fallzahlen teils recht niedrig, zum anderen handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, die nur sehr eingeschränkt auf kausale Zusammenhänge schließen lässt.

Sumner und seine Kollegen fassen die Ergebnisse wie folgt zusammen:

„For health and science news directly inspired by press releases, the main source of both exaggerations and caveats appears to be the press release itself. However we find no evidence that exaggerations increase, or caveats decrease, the likelihood of news coverage. These findings should be encouraging for press officers and scientists who wish to minimise exaggeration and include caveats in their press releases.“

Unsere Kollegen von HealthNewsReview.org haben sich die Studie ausführlich angesehen und detailliert über die Ergebnisse berichtet.

Autor Matt Shipman, der selbst an einer Pressestelle einer Universität arbeitet, schreibt in seiner Take-home-message für Pressestellen-Mitarbeiter und Leser:

„Ultimately, what I took from this paper is a renewed sense of the important role that PIOs play in accurately portraying science and health news to the public. When you’re talking about human health, the stakes are high. That means there is a burden of responsibility on PIOs, reporters and researchers to communicate clearly and honestly with the public. The more we understand about this process, the better we are able to meet that responsibility head on.“

Gerade der Hinweis zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit erscheint mir an dieser Stelle besonders wichtig, denn dazu gehört inzwischen ja auch die direkte Kommunikation mit dem Publikum ohne die Medien als Bindeglied und Filter. Die Bezeichnung „Pressemitteilungen“ trifft ja nur noch eingeschränkt zu, seitdem diese Texte frei für jeden zugänglich auf Plattformen wie dem idw oder den Webseiten der Universitäten und Forschungsinstitutionen veröffentlicht wird. Wie sich Übertreibungen und Warnhinweise aus diesen Texten in dieser Leserschaft auswirken, hat indes noch niemand untersucht.

Hilfestellung für das Erstellen von Pressemitteilungen speziell über Medikamente, Therapien oder chirurgische Verfahren bzw. diagnostische Tests können die Medien-Doktor Kriterien als Geländer für die Recherche sein.

Thematisch etwas allgemeiner hilft die Checkliste für eine gute Wissenschafts-PR, die zusammen mit den Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR (pdf) im letzten Jahr veröffentlicht wurden, und an denen wir im Rahmen des Siggener Kreises mitgearbeitet haben.


LINKS:

Sumner, P. et al., (2016): Exaggerations and Caveats in Press Releases and Health-Related Science News, PLoS One.

Sumner, P. et al., (2014): The association between exaggeration in health related science news and academic press releases: retrospective observational study, BMJ.

Medien-Doktor, Sprechstunde, Marcus Anhäuser (2014): Studie: Übertreibungen in Pressemitteilungen, Übertreibungen in Medizinberichterstattung (Nachtrag)

HealthNewsReview.org, Matt Shipman (2016): News releases exaggerate the results of scientific research — a new study shows why this should stop

Siggener Kreis: Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR/Checkliste (2016), pdf


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