Sprechstunde

Naiver Medizinjournalismus auf tagesschau.de

Ein Beitrag auf tagesschau.de schildert die Arbeit der Vereinigung „Homöopathen ohne Grenzen“ am Beispiel einer Heilpraktikerin in Sierra Leone. Der Text vermittelt in gerade zu naiver und zugleich fahrlässiger Weise, wie die Mitarbeiterin mit homöopathischen Mitteln nicht nur Menstruationsbeschwerden gelindert, sondern auch Malaria geheilt haben will.

Zu Beginn der Woche ging auf tagesschau.de ein seltsamer Artikel online. In „Mit Milchzuckerkugeln gegen Malaria“ beschreibt ein Autor die Arbeit der Vereinigung „Homöopathen ohne Grenzen“ (HOG) in einem Land wie Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt. Die HOG-Mitarbeiter gehen – prinzipiell ähnlich wie die bekannten „Ärzte ohne Grenzen“ – mit der Absicht in Krisengebiete und Entwicklungsländer, kranken Menschen zu helfen: allerdings nicht mit konventionellen Medikamenten, sondern mit homöopathischen Mitteln (zugleich bilden sie dort Menschen in der klassischen Homöopathie aus).

Der Beitrag auf tagesschau.de zeugt von einer medizinjournalistischen Ahnungslosigkeit, die einen nur erstaunen kann und offenbart zugleich eine Fahrlässigkeit, die man bedenklich finden muss.

Geschildert wird die Arbeit der Heilpraktikerin Kristina Lotz, die geradezu beseelt zu sein scheint von der Homöopathie („Homöopathie ist Wahnsinn.“). Mit Begeisterung erzählt sie von ihren Erfolgserlebnissen. Da gibt es zum Beispiel den Dorfältesten Usman Dao, der sich von Malaria geschwächt „in die Hüttenpraxis geschleppt hat“. Lotz gab ihm ein paar Milchzuckerkügelchen, eine  esoterisch angehauchte Erklärung und siehe da: „Als ich [der Dorfälteste] diese kleinen Kügelchen gegen Malaria genommen habe, ging es mir gleich viel besser (…) Das Fieber ging runter, ich konnte sogar auf dem Feld arbeiten. Nie wieder Malaria!

Ganz ähnlich soll es einer Frau mit Menstruationsbeschwerden ergangen sein, die erst am Morgen in die Praxis gekommen war: „Jetzt sagt sie schon, es geht ihr besser,“ verkündet die Heilpraktikerin. Sie ist fest davon überzeugt, dass es an ihren Kügelchen lag. Wer könnte daran zweifeln? Wenn es die Heilpraktikerin doch sagt.

Außer einem pauschalen „Die Schulmedizin ist skeptisch und tut Homöopathie als Placebos ab“, hat der Autor den Erlebnisberichten der Heilpraktikerin nichts entgegen zu setzen. Er habe zwar bekannte Institutionen nach Einschätzungen zur HOG gefragt, doch „Ärzte ohne Grenzen“, WHO und Institut Pasteur in Paris „wollen sich zum Projekt nicht äußern“. Pech gehabt, lieber Leser. Dann glauben wir eben, was uns Frau Lotz erzählt.

Irgend einen objektiven Befund scheint der Autor von Frau Lotz nicht verlangt zu haben. Gibt es irgendeinen unabhängigen Beleg für die außergewöhnliche Behauptung der Heilpraktikerin? Woher wusste sie, dass der Dorfälteste tatsächlich Malaria hat? Gibt es weitere Fälle, die Lotz belegen kann? Gibt es unabhängige Studien, in denen homöopathische Mittel gegen Malaria untersucht wurden? Im ganzen Artikel finden sich keine Anzeichen dafür, dass Lotz um konkrete, belegbare Informationen gebeten wurde.

Widersprüche scheinen niemandem aufgefallen zu sein. Immerhin gesteht sogar Lotz großmütig ein: „Natürlich stoße Homöopathie an ihre Grenzen, (…) etwa bei schweren Verletzungen, bei Diabetes oder Aids.“ Aber bei Malaria, einer Infektionskrankheit an der jährlich etwa eine Million Menschen sterben (pdf) funktioniert der Zauber dann doch? Homöopathie stößt bei Malaria offenbar nicht an ihre Grenzen. Beleg: Es funktioniert ja auch bei Menstruationsbeschwerden …

Der Job des Journalisten (und der Redaktion) wäre es zumindest gewesen, den unbelegten Behauptungen der Heilpraktikerin etwas entgegen zu setzen. Tatsächlich liegt das Problem aber an anderer Stelle: Der Autor hat das entscheidende Thema nicht erkannt.

Das Tun der HOG in Sierra Leone lässt sich nur angemessen journalistisch bewerten, wenn der Nutzen der Arbeit der Organisation klar ist. Konkret lautet die Frage: Hat Homöopathie eine Wirkung gegen Malaria? Wenn ja, wäre das Engagement lobenswert. Hat Homöopathie indes keine Wirkung gegen Malaria, dann wäre das Engagement ein Skandal und würde eventuell, wenn es in Deutschland stattfände, sogar juristische Tatbestände erfüllen.

Ärzte standen schon vor Gericht, weil sie schwerwiegende Krankheiten wie Malaria mit homöopathischen Mitteln oder anderen alternativmedizinischen Verfahren behandelt haben. Schon die homöopathische Malaria-Prophylaxe wird in Deutschland strafrechtlich verfolgt, wie die Arzneimittelkommission schon 1995 erklärte:

„Niedergelassene Ärzte, die Patienten eine „homöopathische Malaria-Prophylaxe“ verordnen, haben mit berufsrechtlichen und strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen. Die Malaria ist eine ernste und unter Umständen lebensbedrohliche Krankheit, der nicht durch homöopathische Mittel begegnet werden kann.“. (Warum das so ist schildert zum Beispiel dieser Fall.)

Die Frage ist simpel: Entweder wird hier Menschen geholfen oder es wird ihnen durch die Suggestion einer Hilfe sogar die Chance genommen, sich um richtige Hilfe zu kümmern (so schwer das in einem Land wie Sierra Leone auch ist). Letzteres ist zu befürchten: Es gibt keinen belastbaren Grund für die Annahme, dass Homöopathie gegen Malaria von Nutzen ist. Wenn die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von HOG diesen Eindruck tatsächlich vermitteln sollten, wäre es die Verantwortung des Journalisten, das zu thematisieren – inklusive der Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Dass dies das eigentliche Thema des Beitrags hätte sein müssen, verdeutlicht auch eine Stellungnahme der HOG zum tagesschau.de-Beitrag, den die Vereinigung auf ihrer Seite – etwas versteckt in der Rubrik „Über uns“ – inzwischen online gestellt hat:

„Entgegen der Aussage des Artikels behandeln „Homöopathen ohne Grenzen“ weder Malaria noch Aids oder sonstige lebensbedrohliche Infektionskrankheiten. Auch wird keiner der für „Homöopathen ohne Grenzen“ tätigen Ärzte oder Heilpraktiker ein Heilversprechen abgeben.“

Fatal ist der Flurschaden, den solche geradezu naiven Artikel wie der auf tagesschau.de anrichten. Das perfide daran ist, dass viele unbedarfte Leser solche Berichte – zumal wenn sie von so vertrauenswürdigen Medien wie tagesschau.de veröffentlicht werden – für bare Münzen nehmen („Wenn schon die Tagesschau das schreibt!“). In Umkehrung dessen, was die Heilpraktikerin Lotz über Afrika sagte („Was in Deutschland funktioniere, könne in Afrika nicht schlecht sein.“), transportiert dieser Artikel eine klare Botschaft in Sachen Homöopathie an deutsche Leser: „Was in Afrika funktioniert, kann in Deutschland nicht schlecht sein.“

Es geht hier nicht um die Diskussion über die Wirksamkeit von Homöopathie im Allgemeinen. Es geht um das Handwerk und die Verantwortung von Journalisten und Redaktionen bei medizinjournalistischen Themen.

Anstatt den Kommentarbereich zu schließen, hätte tagesschau.de besser daran getan, ganz auf den irreführenden Artikel zu verzichten.

 

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