Sprechstunde

Interessenkonflikte: Wie sollten Journalisten darüber berichten? (Nachtrag: 16.1.12)

Wenn Mediziner im Auftrag von Firmen eine Studie durchführen, dürfen Journalisten dies nicht ignorieren. Doch bedeutet Auftragsforschung gleich, dass die Ergebnisse durch diese Beziehung wertlos werden, weil der Interessenkonflikt den Ausgang der Forschung beeinflusst? Wie geht man als Journalist damit um? Sollte man sie im Artikel erwähnen oder nicht? Und wo findet man Hinweise auf Interessenkonflikte? Ein Interview.

Der Volksmund hat sogar ein Sprichwort dafür: „Wess‘ Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing‘.“ Es ist eine lyrische Umschreibung dessen, was man als Folge eines Interessenkonfliktes betrachten kann. Arbeitet ein Mediziner zum Beispiel auf Rechnung einer (Pharma)-Firma besteht die Gefahr, dass diese Beziehung das Ergebnis einer Studie beeinflusst. Auch der Arzt, der Fragen zum neuen 3D-Ultraschallgerät oder zur neuen, innovativen OP-Methode an seiner Klinik beantwortet, wird nicht frei von Interessenkonflikten sein.

Immer wieder unterlassen es Journalisten in ihren Beiträgen auf solche Interessenkonflikte hinzuweisen oder diese überhaupt in Erwägung zu ziehen. Auch in Artikeln, die wir begutachtet haben, treffen wir immer wieder auf dieses Problem (siehe zum Beispiel hierhier und hier; wir gehen darauf bei Kriterium 4: Experten ein).

Aber bedeutet eine Finanzierung der Studie  durch eine Firma immer automatisch, dass die Ergebnisse verfälscht sind – wie es etwa das Sprichwort unterstellt? Muss man in jedem Fall darauf hinweisen? Und wie kann man dies in einem Beitrag tun?

Ich habe Klaus Koch – langjähriger Medizinjournalist und einer unsere Gutachter – zum Thema befragt. (In einem separaten Beitrag erklärt er morgen, was Interessenkonflikte von Korruption unterscheidet.)


Klaus, warum sollte man in medizinjournalistischen Beiträgen auf mögliche Interessenkonflikte hinweisen?

Klaus Koch: Die Antwort hat zwei Teile. Der erste ist einfach: Immer, wenn Menschen zueinander eine Beziehung haben, verändert das ihr Urteil übereinander. Wissenschaftler und Ärzte (und natürlich auch Journalisten) sind hier keine Ausnahme. Wenn eine Person, die in einem Beitrag als Experte zitiert wird, eigene (sekundäre) Interessen hat, kann es sein, dass sie wichtige Aspekte entweder über- oder unterbewertet.

In Bereich der medizinischen Forschung ist der Einfluss von Interessenkonflikten  selbst zum Forschungsgegenstand geworden (pdf). Und Studien scheinen durchaus zu bestätigen, was der Volksmund ahnt („Wess Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing’.“): Personen, die zum Beispiel Pharmaunternehmen beraten oder auf Werbeveranstaltungen Vorträge für diese Unternehmen halten, haben häufiger eine positivere Meinung von den Produkten des Unternehmens.

Aber hier beginnt der zweite – schwierigere – Teil der Antwort: Denn diese Studien zeigen ja nur, dass ein Interessenkonflikt ein Risiko für eine Verzerrung bedeutet. Das erlaubt aber keine konkrete Aussage, ob eine bestimmte Person tatsächlich wegen eigener Interessen zum Beispiel den Stand des Wissens verfälschend beschreibt.

Beim journalistischen Umgang mit Interessenkonflikten geht es aber gerade darum,  nicht einfach dem pauschalen Reflex zu erliegen: „Wer Geld bekommt, ist nicht glaubwürdig.“ Es geht vielmehr darum, einen Interessenkonflikt zuerst  zu erkennen, dann seine konkrete Relevanz einzuschätzen und schließlich angemessen damit umzugehen.

Dabei kann ein Satz von Kriterien helfen, der dazu dient, Beziehungen, die zum Beispiel zwischen Experten und Firmen bestehen können, nach Schwere und Bedeutung einzustufen (siehe Link oben). Diese Kriterien lassen sich  beispielsweise dazu nutzen, einen Experten, der als Quelle in Frage kommt, in vier Kategorien einzustufen

  1. Ein Experte hat entweder keine relevanten Beziehungen oder der Journalist bewertet sie begründet als so unbedeutend, dass sie keinen Interessenkonflikt darstellen. Solche Experten kann man zitieren, ohne Interessenkonflikte anzusprechen oder mit dem Zusatz, „X, der nicht an der Studie beteiligt war“ – um das Fehlen von Interessenkonflikten hervorzuheben.
  2. Der Journalist findet Beziehungen, die einen Interessenkonflikt darstellen. Solche Experten kann man zitieren, sollte aber die Beziehungen  im Beitrag charakterisieren, zum Beispiel: „X, der seit Jahren für Y Vorträge hält“.  Das gibt Lesern, Hörern oder Zuschauern die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden.
  3. Der Journalist findet so enge Beziehungen, dass die Neutralität des Experten grundsätzlich in Frage steht. Dann sollte man lieber auf diesen Experten verzichten und sich einen anderen suchen. Wenn das nicht möglich ist: Siehe 2.
  4. Der Journalist findet, erstens, so enge Beziehungen, dass er an der Neutralität des Experten zweifelt. Und, zweitens, gibt es belegte Versuche diese Beziehungen zu verbergen, um verdeckten Einfluss zu nehmen. Hier handelt es sich nicht mehr um einen Interessenkonflikt, sondern um unlauteres Verhalten. Das kann dann selbst zum Thema der Recherche werden.

Wo findet ein Journalist Hinweise auf Interessenkonflikte?

Klaus Koch: Typische Beziehungen, die zu Interessenkonflikten führen, sind Angestelltenverhältnisse, Beraterverträge, Vortrags- und Autorentätigkeit, Übernahme von Forschungsprojekten, Besitz von Patenten, Aktien etc. Solche  finanziellen Beziehungen stehen meist im Fokus der Aufmerksamkeit, allerdings können auch Freundschafts- oder Familienbande oder intellektuelle Befangenheit ebenso bedeutsam sein. Sie sind aber schlechter zu erfassen.

Vor allem finanzielle Beziehungen werden auch von guten internationalen Fachzeitschriften abgefragt und dann am Rande von Publikationen aufgeführt. Deutsche Fachzeitschriften hinken hier eher hinterher, mit Ausnahme u.a. des Deutschen Ärzteblatts. Auch in Kongressprogrammen ist sichtbar, wer immer wieder auf Firmenveranstaltungen vorträgt.

Mehr Aufwand bedeutet eine gezielte Recherche in Patent- oder Wirtschaftsdatenbanken. Sie ist wohl eher in Sonderfällen angebracht, wenn es konkrete Hinweise auf verdeckte Interessen gibt. Und: Man kann bei einem Gesprächspartner ja einfach nachfragen: „Haben Sie eine Beziehung zu Unternehmen X, es zum Beispiel beraten?“; „Haben Sie Vorträge gehalten oder Forschungsprojekte für X durchgeführt?“ Direkt nachzufragen hat den Vorteil, dass man sich unmittelbar einen Eindruck von der Offenheit und Transparenz seines Gesprächspartners machen kann.

In welcher Form kann man im Beitrag auf Interessenkonflikte hinweisen?

Klaus Koch: Wichtig ist, konsistent zu sein, das heißt, den Hinweis auf einen Interessenkonflikt nicht davon abhängig zu machen, ob einem die Aussagen des Experten gefallen oder nicht. Es gibt die Tendenz, Interessenkonflikte dazu zu benutzen, gezielt die Glaubwürdigkeit von Personen zu beschädigen, die eine nicht genehme These vertreten. Das ist unsauber: Hier zeigt sich dann beim Journalisten ein Interessenkonflikt.

Wichtig ist auch, anzuerkennen, dass die Beziehungen, die hinter Interessenkonflikten stehen, nicht per se verwerflich sind. Wenn ein Experte mit Firmen Forschungsprojekte vereinbart oder ein Unternehmen berät, kann das durchaus dazu führen, dass die Allgemeinheit davon profitiert, weil zum Beispiel gute Therapien entstehen. Solche Beziehungen sind dadurch charakterisiert, dass der Experte eine angemessene (wissenschaftliche) Leistung erbringt. Ein Interessenkonflikt ist es dann trotzdem. Man kann dann nüchtern Art und Umfang der Beziehungen  beschreiben: „hat mehrfach Vorträge für  X gehalten“, „hat eine Studie betreut“, „berät das Unternehmen X“, „ist/war angestellt bei“.

Interessenkonflikte sind dadurch vorhanden, dass bestimmte Beziehungen bestehen. Es spielt keine Rolle, ob man einem Experten tatsächlich Schlagseite nachweisen kann, oder nicht. Das Argument: „Glauben Sie mir, ich bin nicht bestechlich“, darf man getrost ignorieren.

Wann kann man auf diese Hinweise auch verzichten?

Klaus Koch: Auch hier zählt die begründete Einschätzung des Journalisten. Generell gilt, dass es einen sachlichen Grund geben sollte, einen bestimmten Experten zu zitieren. Ein Experte ist aber nur so gut, wie die Quellen, auf die er sich stützt. Ein „guter“ Experte wird also seine Sachargumente gerne und leicht mit angemessenen Quellen belegen können. Wenn ein Experte für seine Aussagen gute Quellen anführen kann, diese Quellen überprüfbar sind und sich mit seinen Aussagen decken, dann sind Interessenkonflikte weniger bedeutsam.
Umgekehrt gilt: Je unklarer, unsicherer oder offener eine Frage oder Prognose ist, umso stärkeres Gewicht bekommen andere Aspekte, die der Leser wissen sollte. Wenn ein Experte einen Interessenkonflikt hat  und seine Aussagen nicht durch belastbare Quellen gedeckt sind, sollten die Warnlampen angehen. Dann sollte man die Interessenkonflikte und das Fehlen der Belege im Beitrag ansprechen. Oder besser: Einen anderen Experten fragen, zumindest beim nächsten Mal.

Teil 1: Interessenkonflikte: Wie sollten Journalisten darüber berichten?
Teil 2: Interessenkonflikte: Eine Abgrenzung


LINKS:

DNEbM: Interessenkonfliktregulierung: Internationale Entwicklungen und offene Fragen (pdf)
http://www.ebm-netzwerk.de/netzwerkarbeit/images/interessenkonfliktregulierung-2011.pdf/

 

[Nachtrag 12.1.12]
Das „Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin“ sammelt in einem Blog Artikel und Studien zum Thema Interessenkonflikte:

Blog: Interessenkonflikte
http://dnebm-interessenkonflikte.blogspot.com/

 

[Nachtrag 16.1.12]

Beitrag im Ärzteblatt zum Thema Interessenkonflikte:
Interessenkonflikte in der Medizin: Mit Transparenz Vertrauen stärken
http://www.aerzteblatt.de/archiv/80790

Fachbuch zum Thema:
Interessenkonflikte in der Medizin
Lieb, Klaus; Klemperer, David; Ludwig, Wolf-Dieter (Hrsg.) (2011), Springer Verlag, 300 S., 59,90€
http://www.springer.com/medicine/book/978-3-642-19841-0 


Klaus Koch ist Chefredakteur der Gesundheitsplattform Gesundheitsinformation.de des IQWiG. Er hat lange Jahre als Medizinjournalist für die Süddeutsche Zeitung und das Ärzteblatt geschrieben. Klaus Koch ist Gutachter beim Medien-Doktor und Co-Autor des DNEbM-Artikels über Interessenkonflikte.

 


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