Sprechstunde

Interessenkonflikte: Eine Abgrenzung

Im Interview erklärte Klaus Koch gestern, wie Journalisten in der Medizinberichterstattung mit Interessenkonflikten von Medizinern und Ärzten umgehen sollten. Aber was genau ist eigentlich ein Interessenkonflikt? Und was unterscheidet in etwa von Korruption? Klaus Koch erklärt dies heute nicht in einem Interview, sondern in einem eigenen Artikel.


Interessenkonflikte: Eine Abgrenzung

Von Klaus Koch

Ein Teil der Schwierigkeiten im Umgang mit Interessenkonflikten liegt darin, dass es kein einheitliches Verständnis gibt, was ein Interessenkonflikt eigentlich ist. Ein Vorschlag, der international Akzeptanz gewinnt, besteht im Kern darin Interessenkonflikte als ein Risiko für einen verzerrenden Einfluss auf professionelle Urteile einzuschätzen. Dieses Bias-Konzept, haben Dennis Thompson und Ezekiel Emanuel auf den Umgang mit Interessenkonflikten übertragen (siehe dieses Diskussionspapier als pdf).

Der Vorteil dieses Konzeptes ist: Ein Interessenkonflikt besteht alleine dadurch, dass ein Experte Beziehung hat, die ein Risiko bedeuten. Es ist für die Feststellung eines Interessenkonflikts nicht notwendig, nachzuweisen, dass ein Experte sich tatsächlich hat beeinflussen lassen.

Thompson und Emanuel definieren Interessenkonflikte so: „Ein Interessenkonflikt besteht aus verschiedenen Umständen, von denen insgesamt ein bedeutsames Risiko ausgeht, dass Sekundärinteressen das professionelle Urteilsvermögen im Verhältnis zu Primärinteressen unangemessen beeinflussen.”

Sekundärinteressen beeinflussen Primärinteressen

Das zentrale Element dieser Definition ist, dass Experten ein professionelles Primärinteresse haben (sollten). Primärinteressen entsprechen den jeweils originären Anliegen der Profession. Primärinteressen der Medizin sind u.a. das Wohlergehen von Patienten, eine valide Forschung und eine objektive Lehre. Sekundärinteressen bestehen in der Medizin u.a. in dem Wunsch nach Karriere, Prestige und Anerkennung, dem Begünstigen von nahestehenden Personen, die besondere Unterstützung der eigenen Studierenden und Mitarbeiter, und nicht zuletzt in der Aussicht auf einen finanziellen Vorteil.

Typischerweise liegt der Fokus auf finanziellen Interessenkonflikten. Dies ist nicht damit zu erklären, dass dieser stärker als andere Sekundärinteressen ein Primärinteresse beeinflussen kann. Finanzielle Interessenkonflikte sind einfach besser objektivierbar, vergleichbar und quantifizierbar.

Die meisten Sekundärinteressen, inklusive finanzieller Vorteile, sind (innerhalb bestimmter) Grenzen absolut legitime Ziele. Sekundärinteressen werden dann problematisch, wenn sie einen unangemessenen Einfluss auf professionelle Entscheidungen haben.

Ein Interessenkonflikt wird von Thompson und Emanuel also nicht als ein Ereignis, sondern als ein Zustand mit einer Tendenz definiert. Der Interessenkonflikt entsteht nicht erst in dem Moment in dem ein professionelles Urteil gefällt wird und dann ggf. einem sekundären Interesse folgt. Er ist zu verstehen als ein Risiko für das Abweichen vom Primärinteresse.

Das Risiko ist existent, sprich es liegt ein Interessenkonflikt vor, auch wenn das Sekundärinteresse nicht zu einer unangemessenen Beeinflussung professioneller Entscheidungen und damit zur Behinderung von Primärinteressen führt. Thompson und Emanuel weisen deshalb darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit einer unangemessenen Beeinflussung durch Interessenkonflikte als ein Kontinuum (leichtgradig/schwergradig) zu verstehen ist.

Interessenkonflikt und Korruption unterscheiden

Ein weiteres Problem in Diskussionen über Interessenkonflikte und deren angemessene Regulierung ist die oft fehlende explizite Abgrenzung zwischen (finanziellen) Interessenkonflikten auf der einen Seite und den ebenfalls mit finanziellen Beziehungen in Zusammenhang stehenden Formen professionellen Fehlverhaltens im Sinne von Korruption, Käuflichkeit oder Bestechlichkeit auf der anderen Seite.

Es lassen sich drei Gruppen finanzieller Beziehungen unterscheiden, um die Abgrenzung zwischen Interessenkonflikten und Korruption besser zu verdeutlichen.

Diese drei Gruppen sind:

  • Finanzielle Beziehungen mit angemessener fachlicher Gegenleistung
    Wenn eine Person aufgrund ihrer professionellen Kompetenz zum Beispiel ein Industrieunternehmen berät oder auf Anfrage wissenschaftliche Vorträge hält, sind das zunächst wissenschaftlich und öffentlich akzeptierte Tätigkeiten, die auch angemessen vergütet werden sollten. Die Durchführung wissenschaftlich sinnvoller und ethisch akzeptabler durch die Industrie finanzierter Studien ist grundsätzlich im allgemeinen Interesse und per se keine Verletzung der professionellen Integrität. Dennoch führen diese finanziellen Beziehungen zu Interessenkonflikten.
  • Finanzielle Beziehungen ohne angemessene fachliche Gegenleistung
    Diese zweite Gruppe umfasst ein heterogenes Set von (in der Regel finanziellen) Leistungen, denen gemeinsam ist, dass sie für die jeweilige professionelle Beziehung unnötig sind und dadurch auch keine Vorteile für die Allgemeinheit haben. Hierzu gehört z.B. eine Reisekostenübernahme zur Teilnahme an Kongressen, ohne dass die Person dort eine angemessene fachliche Gegenleistung erbringt. Ebenso fällt in diese Gruppe die Annahme von Geschenken (inkl. Mahlzeiten) und Gefälligkeiten, auch wenn das innerhalb der Grenzen professioneller Regularien oder Compliance-Vorschriften erfolgt.
  • Finanzielle Beziehungen zur bewussten Umgehung geltender Regeln (Fehlverhalten, Korruption)
    Fälle, in denen Personen bewusst Zahlungen oder andere Vorteile annehmen, um dann bestimmte „gewünschte“ Entscheidungen im Sinne der Geldgeber zu treffen, fallen nicht in die Kategorie Interessenkonflikte, sondern sind durch andere, möglicherweise auch juristische Regelwerke abgedeckt – bei Amtsträgern ist das Vorteilsnahme oder Bestechlichkeit. Allgemeiner umfassen diese Beziehungen Absprachen, die man juristisch als Korruption (§ 331 StGB; auch: Bestechung, Vorteilsnahme) oder moralisch als Unredlichkeit bezeichnen würde. Solche Sachverhalte sollten nicht als Interessenkonflikte bezeichnet werden, sondern als (professionelles) Fehlverhalten (misconduct).

Teil 1: Interessenkonflikte: Wie sollten Journalisten darüber berichten?
Teil 2: Interessenkonflikte: Eine Abgrenzung


LINK:

DNEbM: Interessenkonfliktregulierung: Internationale Entwicklungen und offene Fragen (pdf)
http://www.ebm-netzwerk.de/netzwerkarbeit/images/interessenkonfliktregulierung-2011.pdf


Klaus Koch ist Chefredakteur der Gesundheitsplattform Gesundheitsinformation.de des IQWiG. Er hat lange Jahre als Medizinjournalist für die Süddeutsche Zeitung und das Ärzteblatt geschrieben. Klaus Koch ist Gutachter beim Medien-Doktor und Co-Autor des DNEbM-Artikels über Interessenkonflikte.

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