Sprechstunde

Die Krux mit den relativen und absoluten Größenangaben (Teil 2)

Mit absoluten und relativen Risikosenkungen zu hantieren, kann ganz schön verwirrend sein. Da hat man schnell mal was verwechselt, wie wir an einem Beispiel einer Agenturmeldung zum Nutzen des Mammographie-Screenings zeigen. Mit einem zweiten Beispiel verdeutlicht Christian Weymayr, wie eine Presseabteilung mit der doppelt relativen Risikoreduktion versucht, Journalisten zu beeindrucken.

In meinem ersten Blog-Beitrag hatte ich erläutert, warum die Verwendung „relativer“ und „absoluter“ Größen in der medizinjournalistischen Berichterstattung generell Probleme bereiten kann. In diesem zweiten Beitrag erkläre ich dies an zwei besonderen Beispielen aus den Medien.

1. Beispiel: Den Nutzen des Mammographie-Screenings unterschätzt

Vor ein paar Wochen verbreitete der Evangelische Pressedienst epd einen Text mit dem Titel: „Nutzen der Mammographie wird überschätzt“. Darin bringt die Autorin relative und absolute Risikoreduktionen so durcheinander, dass sie am Ende den Nutzen der Mammographie massiv unterschätzt.

In dem Artikel heißt es: „Von 1.000 Frauen, die nicht am Mammographie-Screening teilgenommen haben, sterben in einem Zeitraum von zehn Jahren fünf an Brustkrebs. In der Gruppe derjenigen, die regelmäßig zur Mammografie gehen, sterben vier von 1.000 – also nur eine weniger. Das Screening rettet damit bundesweit nur etwa 17 von den 17.000, die jedes Jahr an dieser für Frauen häufigsten Krebserkrankung sterben.“ Ich finde, die Autorin hätte bei dieser Zahl „17“ stutzig werden sollen. Erstens, weil ein Nutzen in dieser Größenordnung niemals statistisch signifikant belegt werden könnte, und zweitens, weil ein bundesweites Mammographie-Screening, bei dem alleine das Porto für die Einladungen jährlich 2,5 Millionen Euro kostet, dann wohl kaum eingeführt worden wäre.

Hätte die Autorin ihren Rechengang noch einmal überprüft, wäre ihr aufgefallen, dass sie die Bezugsgrößen „Brutkrebsopfer“ und „Teilnehmerinnen“ verwechselt hat. Es stirbt nicht 1 Frau von 1000 Brustkrebsopfern weniger, sondern 1 von 1000 Teilnehmerinnen. Auf die Brustkrebsopfer bezogen bedeutet dies, dass 1 von 5 Frauen mit Brustkrebs weniger stirbt. Entprechend sterben nicht 17 von den 17.000 Brustkrebsopfern weniger, sondern 3.400 von 17.000. (Anmerkung: Die Zahl 3.400 entspricht nicht den im realen Programm verhinderten Todesfällen, da nur Frauen zwischen 50 und 69 eingeladen werden und nur jede zweite Frau die Einladung annimmt.)

Nicht nur die Autorin und der Evangelische Pressedienst übersahen den groben Fehler. Die Meldung wurde auch von der Mitteldeutschen Zeitung (inzwischen gelöscht), welt.de und anderen übernommen. Die Zahl von 17 geretteten Frauen wurde dabei nicht hinterfragt, sondern teilweise sogar in den Mittelpunkt des Beitrags gerückt und als Beleg dafür angesehen, dass „ein Mammographie-Screening fast gar nichts nützt“, oder „kaum Todesfälle verhindert“ oder „fast keinen Nutzen hat“. Ein Meldungsschreiber war von dieser Botschaft offenbar so überzeugt, dass er sogar die richtigen Zahlen, nämlich die Reduzierung von 5 auf 4 Todesfälle, als „fast nicht existenten Unterschied“ bezeichnete. Von den 11 Leser-Kommentaren zum welt.de-Text wiesen immerhin 5 auf den Fehler hin. Die anderen sahen sich dagegen in ihrer Abneigung gegen das Screening bestätigt. Auch epd wurde auf den Fehler aufmerksam gemacht, doch deren halbherzige Korrekturmeldung zeigte offenbar wenig Wirkung: Auf welt.de steht der epd-Beitrag unverändert falsch im Netz. Dies widerspricht der journalistischen Sorgfaltspflicht.

2. Beispiel: Die relative Reduktion der relativen Risikoreduktion

In einer kürzlich auf EurekAlert veröffentlichten Pressemitteilung mit dem Titel „Yearly mammograms from age 40 save 71 percent more lives, study shows“ wird der Nutzen sogar als doppelt relative Risikoreduktion angegeben. In der Meldung heißt es, dass man mit einer jährlichen Mammographie ab 40 Jahren 71 Prozent mehr Leben retten könnte als mit einer zweijährlichen Mammographie ab 50 Jahren.

Hier muss man schon richtig rechnen, um auf die absolute Risikoreduktion zu kommen. Die Zahl von 71 Prozent beschreibt nämlich die relative Abnahme der relativen Mortalitätsreduktion: Eine jährliche Mammographie ab 40 führt laut Autoren zu einer relativen Risikoreduktion von 40 Prozent. Eine zweijährliche Mammographie ab 50 zu einer relativen Risikoreduktion von 23 Prozent. Rechnet man die Differenz von 17 Prozent auf die 23 Prozent um, ergibt sich tatsächlich eine relative Abnahme des Risikos um 71 Prozent.

Die absolute Abnahme der relativen Risikoreduktion wären aber 17 Prozent. Nach den Kennzahlen Mammographie, die von einer absoluten Risikoreduktion von 1 verhinderten Brustkrebstodesfall auf 200 Teilnehmerinnen in 20 Jahren ausgeht (also 0,5 Prozent bei 25 Prozent relativer Risikoreduktion, entsprechend 0,8 Prozent bei 40 Prozent relativer Risikoreduktion), entspräche dies einer absoluten Abnahme der absoluten Risikoreduktion in 20 Jahren um 0,3 Prozent (0,8 – 0,5), in 10 Jahren um 0,15 Prozent.

Quellen:

epd-Artikel auf welt.de
Nutzen der Mammografie deutlich überschätzt

EurekAlert-Meldung 
Yearly mammograms from age 40 save 71 percent more lives, study shows


Zum ersten Teil dieses Artikels:
Christian Weymayr: Die Krux mit den relativen und absoluten Größenangaben (Teil 1)

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