Sprechstunde

Die Krux mit den relativen und absoluten Größenangaben (Teil 1)

Das neue Medikament senkt die Zahl der Herzinfarkte um 50 Prozent!“ Klingt toll. Doch Journalisten sollten bei solchen Angaben wachsam sein. Nur wer den Unterschied zwischen relativen und absoluten Größenangaben kennt, weiß, wie er mit solchen Aussagen umgehen muss. Christian Weymayr erklärt in zwei Teilen, wie es geht.

Für Patienteninformationen wird gefordert, dass der Nutzen einer Maßnahme als absolute und nicht als relative Größe angegeben werden soll. So heißt es in der „Guten Praxis Gesundheitsinformation“ (pdf), die von etlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens mitgetragen wird: „Die Veränderungen der Wahrscheinlichkeiten von Ergebnissen sollten als absolute Risikominderung (absolute Risikoreduktion) dargestellt werden.“ Da auch medizinjournalistische Beiträge im weiteren Sinne als Patienteninformation verstanden werden können, hat der Medien-Doktor die Forderung übernommen und im Kriterium „Nutzen“ festgeschrieben: „Wir sehen die journalistische Leistung darin, den Nutzen in einer Senkung des absoluten Risikos darzustellen.“

Ich möchte in diesem ersten Beitrag erläutern, warum die Verwendung „relativer“ und „absoluter“ Größen Probleme machen kann. In einem zweiten, späteren Beitrag stelle ich dann zwei besondere Beispiel aus den Medien vor.

Drei Probleme bei der Verwendung „relativer“ und „absoluter“ Größen

1. Problem: Die Bezeichnungen „relativ“ und „absolut“ können leicht missverstanden werden. Im normalen Sprachgebrauch denkt man bei „relativ“ wohl eher an eine Prozentangabe. Doch das ist hier nicht gemeint. Hier geht es um die Bezugsgröße: Wenn man den Nutzen einer Maßnahme auf alle Menschen, die die Maßnahme wahrnehmen, bezieht, erhält man den absoluten Wert. Wenn man den Nutzen einer Maßnahme dagegen nur auf die Menschen bezieht, denen die Maßnahme überhaupt einen Nutzen bringen kann, erhält man den relativen Wert.

Ein Beispiel: Eine Krebsfrüherkennungs-Untersuchung bewahrt 1 von 1000 Menschen, die 10 Jahre lang an der Früherkennung teilnehmen, vor dem Tod durch diesen Krebs. Dann ist der absolute Nutzen der Maßnahme 1 von 1000 in 10 Jahren, oder 0,1 Prozent in 10 Jahren. Bei Früherkennungs-Untersuchungen spricht man dabei von „absoluter Risikoreduktion“. Von den 1000 Menschen, die an der Maßnahme teilnehmen, hätten aber – ob mit oder ohne Früherkennung – nur wenige Krebs bekommen und so wären auch ohne die Maßnahme nicht 1000, sondern vielleicht 5 Menschen an Krebs gestorben. Betrachtet man nur diese 5, dann ist der relative Nutzen, hier die „relative Risikoreduktion“, 1 von 5, oder 20 Prozent.

2. Problem: In Fachartikeln wird beinahe ausschließlich der relative Nutzen erwähnt und diskutiert. In so einem Fall muss man als Journalist also den relativen in den absoluten Nutzen umrechnen. Bei Früherkennungs-Untersuchungen muss man dafür ermitteln, wie viele Menschen an der betreffenden Krankheit sterben. Außerdem muss man beim absoluten Nutzen auch den Zeitraum nennen, für den die Angabe gelten soll. Denn je länger dieser Zeitraum ist, desto höher ist auch der absolute Nutzen. Der relative Nutzen dagegen ändert sich nicht.

Auch hierzu ein Beispiel, diesmal aus der Welt des Glücksspiels, das ja durchaus Parallelen zur Früherkennung aufweist: Wenn man einmal Lotto spielt, hat man zum Beispiel eine absolute Gewinnchance von 1 zu 1 Million. Wenn man jede Woche einmal spielt, hat man in einem Jahr eine Gewinnchance von 52 zu 1 Million. Wenn man jedes mal zwei Lose abgibt, steigt die absolute Gewinnchance auf 2 zu 1 Million bzw. 104 zu 1 Million. Die relative Gewinnchance aber steigt bei zwei Losen gegenüber einem Los immer um 100 Prozent, egal, ob man eine Woche oder ein Jahr betrachtet.

3. Problem: Es ist nicht so, dass nur die absolute Angabe alleine selig macht und die relative Angabe völlig verwerflich ist. Vielmehr haben beide Angaben ihre Berechtigung. So wird in Fachartikeln meiner Ansicht nach der relative Nutzen auch deshalb erwähnt, weil er ein gutes Maß für die Qualität einer Maßnahme im Vergleich zu anderen Maßnahmen ist. Praktisch ist dabei, dass der Zeitraum, in dem die Maßnahme angewendet wird, bei der relativen Angabe des Nutzens ebenso wenig eine Rolle spielt wie die Sterberate. Der absolute Nutzen ist dagegen eher ein Maß für die Häufigkeit einer Krankheit: Je seltener die Krankheit ist, desto geringer ist der absolute Nutzen.

So hat in dem Beispiel von oben, in dem 5 von 1000 Menschen an Krebs sterben, selbst eine perfekte Früherkennungs-Maßnahme, die alle Todesfälle verhindert, höchstens einen absoluten Nutzen von 0,5 Prozent. Absolute Werte haben noch einen weiteren Vorteil: Werden Nutzen und Schaden einer Maßnahme mit einer einheitlichen Bezugsgröße dargestellt, etwa 1000 Teilnehmer mit zweijährlichen Untersuchungen in 20 Jahren, kann man verschieden Nutzens- und Schadensaspekte einer Maßnahme gut miteinander vergleichen und nach persönlichen Wertvorstellungen gewichten.

Für den Leser oder Hörer eines journalistischen Beitrags sind also beide Angaben wichtig: Der relative Nutzen gibt ihm Auskunft über die Qualität der Maßnahme, der absolute Nutzen über die Wahrscheinlichkeit, selbst von der Maßnahme zu profitieren. Statt also nur zu sagen: „Die Maßnahme verhindert 1 von 5 Todesfällen“ (relativer Nutzen), oder statt nur zu sagen: „Die Maßnahme verhindert 1 Todesfall bei 1000 Teilnehmern“ (absoluter Nutzen), sollte es sinngemäß heißen: „Mit der Maßnahme sterben 4 von 1000 Teilnehmern, ohne die Maßnahme 5 von 1000.“

Nutzen und Schaden

Warum Befürworter eine bestimmten Maßnahme – unabhängig von den fachinternen Gepflogenheiten – auch gegenüber den Medien gerne mit den relativen Risikoreduktionen argumentieren, liegt auf der Hand: Ein 20-prozentiger Nutzen klingt nun mal viel besser als eine 0,5-prozentiger. Und die Rechnung scheint auch aufzugehen: Studien zeigen, dass die meisten Menschen, die mit relativen Risikoreduktionen informiert werden, den Nutzen massiv überschätzt.

Zu einer ausgewogenen Information, zu der wir Journalisten uns verpflichtet fühlen sollten, gehört jedoch auch der Umkehrschluss: Auch ein Schaden sollte angemessen kommuniziert werden, also ebenfalls mit absoluten und relativen Angaben. Es reicht deshalb in meinen Augen nicht, wenn es in einem Artikel heißt: „Wer jahrelang weniger als sechs Stunden schläft, erhöht sein Herzinfarktrisiko um 48 Prozent.“ Auch hier wäre die absolute Risikozunahme eine relevante Information.

Noch deutlicher wird die unterschiedliche Betrachtung von Nutzen und Schaden, wenn beide Größen im selben Zusammenhang genannt werden und dabei der Nutzen in (niedrigen) absoluter Risikoreduktion und der Schaden in (hoher) relativer Risikoerhöhung. Wer so argumentiert, informiert nicht ausgewogen, sondern setzt als Gegner einer Maßnahme die Darstellung der Zahlen ebenso manipulativ ein wie die Befürworter, nur eben mit anderen Vorzeichen.

Quellen:

Erkärung zu grundätzlichen Anforderungen an die Qualität von Gesundheitsinformationen
Klemperer et.al. (2010): Gute Praxis Gesundheitsinformation (pdf)Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen

Studie zum Überschätzen relativer Nutzenangaben
Gigerenzer et.al. (2009): Public Knowledge of Benefits of Breast and Prostate Cancer Screening in EuropeJournal of the National Cancer Institute

 

 


Zum zweiten Teil dieses Artikels:
Christian Weymayr: „Die Krux mit den relativen und absoluten Größenangaben (Teil 2)

 

 


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