Sprechstunde

Das Märchen von den „vergessenen“ Social Media – und warum die Journalisten sich dabei nicht selbst vergessen sollten (Teil 2)

Der zweite Teil der Nachlese von Reaktionen auf die Empfehlungen der Wissenschaftsakademien zur Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien.

„Der professionelle Journalismus wird auf absehbare Zeit nicht durch Amateure ersetzt werden können.“ So lautet eine Schlussfolgerung des Social Media-Experten Christoph Neuberger, nachdem er sich für die Arbeitsgruppe der Wissenschaftsakademien zur Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien mit den Sozialen Medien in der Wissenschaftsöffentlichkeit auseinandergesetzt hatte (Neuberger 2014: 354). Vermutlich wäre dieser Satz, wenn er denn beachtet worden wäre, auch nicht geeignet gewesen, alle Mitglieder der von Joachim Müller-Jung in seinem Planckton-Blog als „aufgebracht“ beschriebenen Blogger-Gemeinde zu beruhigen (vgl. hierzu Teil 1 dieses Beitrags). Dabei sieht Neuberger Journalismus und Social Media durchaus in einem „komplementären Verhältnis“. Umgekehrt ließe sich daher fragen: Muss man eigentlich aufgebracht sein, wenn sich die wissenschaftliche Arbeitsgruppe jenseits aller Prognosen für die Zukunft zunächst primär mit dem Status Quo des ‚klassischen‘ Journalismus (seiner Reichweite, seiner Qualität und seiner Finanzierung) beschäftigt?

Artikel 5 GG

Artikel 5 Grundgesetz, fotografiert im Berliner Parlamentsviertel (Foto: Wormer) 

Dass eine Arbeitsgruppe bei der Frage nach der Kommunikation von Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit mit den Eckpfeilern „Wissenschaft“ und „Journalismus“ beginnt, die in Artikel 5 Grundgesetz praktisch gleichrangig genannt werden, erscheint jedenfalls nicht abwegig. Wenn Journalismus und Wissenschaft ein Problem haben, so die Ausgangshypothese, hat womöglich auch die demokratische Gesellschaft insgesamt ein Problem. Da im Nachgang zum Akademienpapier dann vor allem über Wissenschaftskommunikation bzw. -PR (und die angeblich „vergessenen“ Social Media) diskutiert wurde, könnte es sich „komplementär“ dazu lohnen, nun noch etwas mehr über Journalismus zu reden. Journalismus, wie ihn die FAZ und andere Massenmedien betreiben – sei es über den klassischen Kanal der gedruckten Zeitung, das e-paper, über Hörfunk, TV oder online, im Redaktionsblog oder über den Auftritt der Redaktion in anderen Social Media.

Es ist jedenfalls nicht gleich ein Affront gegen die „Digital-Kultur“, wenn sich eine Arbeitsgruppe jenseits aller möglichen Verbreitungskanäle einmal mit Journalismus im eigentlichen Sinne beschäftigt. Denn dieser bestimmt immer noch ganz entscheidend die politische und gesellschaftliche Meinungsbildung (und setzt vielfach auch die Themen in den „Social Media“). Die Hauptnachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen Sender und die Printleitmedien (wie zum Beispiel die gedruckte FAZ) erreichen im Jahr 2014 weiterhin täglich ein Millionenpublikum, zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung lesen immer noch eine Zeitung. Und trotz jüngster Verluste der überregionalen Zeitungen sind all diese Reichweiten weiterhin gigantisch (siehe z.B. hier); bei einigen Regionalmedien gab es sogar Zuwachs! Und ob man das nun gut findet oder nicht: Jeder siebte Deutsche liest BILD. Hingegen kommen selbst die reichweitenstärksten und interessantesten deutschsprachigen Wissenschaftsblogs wie zum Beispiel Astrodicticum-Simplex oder der Fischblog auf Tausende, vielleicht Zehntausende regelmäßiger Nutzer – noch dazu in einer wissenschaftsaffinen Community, vergleichbar einem Special-Interest-Segment. Selbst wenn also „alle acht Minuten ein ZDF-Zuschauer stirbt“, wie auf der Tagung der VolkswagenStiftung zum Thema eine Forschungspressesprecherin sagte, müssten da noch eine Menge Menschen sterben, bis die Reichweitendifferenz für Wissenschaft zwischen alten und neuen Medien überwunden wäre. (Unabhängig von Geschmacksfragen schaffte es das Zitat zum ZDF übrigens in ein Ranking für die „Tweets des Monats“; das Zitat stammt ursprünglich natürlich nicht von ihr, wie z.B. hier nachzulesen ist.)

Jenseits aller Digital-Euphorie lohnt es sich also, sich zunächst einmal mit den klassischen Print-, TV- und Hörfunkmedien sowie ihren Online-Ablegern zu beschäftigen – mit ihren Qualitäten, ihren Defiziten, ihrer ungewissen Zukunft bis hin zu ihren oft schlecht bezahlten, hochqualifizierten freien Journalisten, einer nicht gerade lobbybehüteten Gruppe. Denn wenn es im Journalismus hakt, sind die Folgen für die Qualität der Kommunikation zwischen einer breiten Öffentlichkeit und der Wissenschaft in der Regel am gravierendsten: Wenn die Tagesschau sich einen Fehler in der Berichterstattung über eine Krebsstudie, Ebola oder den Klimawandel leistet, ist dies für die Information der Bevölkerung um Größenordnungen schlimmer, als wenn ein Blogger sich irrt. Daran ändert auch die Anschlusskommunikation im Netz wenig, so gut sie manche Fehler der Redaktionen auch gelegentlich korrigieren mag.

Haller Brauchen wir ZeitungenDeswegen muss man nicht gleich an eine „Renaissance der Offline-Medien“ glauben, die – so Zeitungsforscher Michael Haller – wohl die einzigen sind, die nach dem NSA-Skandal und „der Erfahrung der totalen Überwachung der gesamten Internet-Transaktionen“ (Haller: 2014: 9) unbeobachtet konsumiert werden können. Und man muss auch nicht Sascha Lobo folgen, der in der FAZ am Sonntag von einem Irrtum des Netzzeitalters sprach. Aber dass, so der Tenor in nicht wenigen Tweets und Blogs, nur „verstaubte“, grauhaarige und herumdünkelnde Professoren auf die Idee kommen könnten, jenseits von Twitter zunächst einmal die Rolle klassischer journalistischer Medien in der Wissenschaftskommunikation zu untersuchen, ist nicht mehr als ein billiges Klischee. Ob nun alte oder neue Medien: Medienkompetenz verhält sich nicht automatisch umgekehrt proportional zum Alter.

Ein Blick auf den klassischen Journalismus lohnt sich für Akteure der Wissenschafts-PR und der Social Media-Wissenschaftskommunikateure aber noch unter einem anderen Aspekt: dem Aufkommen der Qualitätsdebatte. Denn sowohl die journalistische Praxis als auch die journalistische Qualitätsforschung halten ein über viele Jahrzehnte entwickeltes Repertoire an Qualitätsstandards bereit (die Kriterien des Medien-Doktors sind hierfür ja nur ein Beispiel). Für künftige Entwicklungen der Social Media in der Wissenschaftskommunikation könnten solche Qualitätsmaßstäbe sehr interessant sein; ähnliches gilt für die Wissenschafts-PR insgesamt, die inhaltlich oder gar wissenschaftlich begründete Qualitätsstandards bisher bestenfalls in Ansätzen hervorgebracht hat. Dass eine solche Übertragung von Qualitätskriterien in Teilen funktionieren könnte, zeigt schon das Siggener Diskussionspapier zur Wissenschaftskommunikation, in das just an die wissenschaftsjournalistischen Medien-Doktor-Kriterien angelehnte Empfehlungen eingeflossen sind.

Vor dem Hintergrund von Reichweiten und Qualitätsdebatten wäre es also womöglich eher ein – um mit Müller-Jungs Worten zu sprechen – „kommunikationswissenschaftliches Versagen“ gewesen, wenn die Akademienarbeitsgruppe sich nicht getraut hätte, die Rollen und Ideale von Wissenschaft und Journalismus einmal ganz bewusst als Ausgangspunkt zu wählen. Das zur Majestätsbeleidung hochstilisierte Märchen von den vergessenen Social Media lenkte dann zum Teil von anderen, wirklichen Kontroversen ab: Etwa der vorgeschlagenen Rüge wissentlicher Übertreibung von Forschungsergebnissen gegenüber den Medien als Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis. Oder eben der Empfehlung, dass Vertreter ‚klassischer‘ und ‚neuer‘ Medien, gemeinsam Modelle für einen wissensbasierten Qualitätsjournalismus (und dessen Finanzierung) entwickeln sollten.

Mancher mag das als zu allgemein empfinden. Aber Aufgabe der Akademien ist es nunmal, andere Akteure anzustoßen und zu beraten, Aufgaben anderer Akteure übernehmen können sie nicht. (Was etwa wäre passiert, wenn die Akademien bereits konkrete Verhaltensregeln für das Twittern über Wissenschaftsthemen vorgelegt hätten?) Ein weiterer Denkanstoß, der es ebenfalls durch die gesamte Berichterstattung bis zum FAZ-Blog geschafft hat, waren die Ideen zu einem Wissenschaftspresserat. „Rätselhaft“ muss das nicht bleiben, denn bei genauem Lesen findet man auch den Vorschlag, diesen an den bisherigen Presserat anzubinden. Dessen Pressekodex widmet einem wissenschaftlichen Teilgebiet (der medizinischen Forschung) bereits heute eine eigene Ziffer (Ziffer 14). Und welcher Wissenschaftsjournalist, -kommunikator oder Wissenschaftler hätte sich nicht schon gewünscht, die aktuellen Nachrichtenredaktionen wegen einer irreführenden Wissenschaftsnachricht mal stärker in die Pflicht zu nehmen? Jenseits der Medizinforschung gibt es dafür bisher kaum eine Handhabe (Randnotiz: Auch der Geschäftsführer des Presserats fand die Idee bei einer Podiumsdiskussion im Sommer übrigens nicht uninteressant).

Eine letzte Empfehlung sollte man dem Akademienpapier aber tatsächlich hinzufügen: Die Empfehlung an alle Wissenschaftsjournalisten, trotz des medienkrisengeschüttelten Alltags wieder selbstbewusster aufzutreten, das eigene Tun häufiger zu erklären und mehr Werbung für die eigene Sache zu machen. Die Empörung über angeblich vergessene Social Media und zu wenig eingebundene Wissenschafts-PR hatte schon Züge von Kampagnen-Charakter – wenn man nicht annehmen müsste, dass die Aufregung zwar überzogen, aber dennoch echt war. Die Rolle des Journalismus kam in den Reaktionen kaum vor. Auch Journalisten schrieben nicht selten brav ab, was zuvor schon in aufgebrachten Blogs zu lesen war. Und der Wissenschafts-PR-Szene waren die Einschätzungen der Akademien zur Zukunft und Rolle des Journalismus in der Kommunikation von Wissenschaft mit wenigen Ausnahmen eher egal. Auch in den aktuellen Vorschlägen des ehemaligen Journalisten Jens Rehländer, der heute die Kommunikation der Volkswagenstiftung leitet, scheint Qualitätsjournalismus bestenfalls viertrangig zu sein; in seinen drei Punkten kommt Journalismus nur als Randnotiz vor. Selbst nahe liegende Fragen werden (allerorten) ausgeklammert: Wer könnte eigentlich eine nicht primär interessengeleitete Wissenschaftskommunikation finanzieren, die auch nur annähernd Reichweiten in einer breiten (!) Öffentlichkeit erzielt, wie sie bisher privatwirtschaftlich finanzierte sowie öffentlich-rechtliche journalistische Medien haben? Ist noch mehr Stiftungs- oder gar Steuergeld ökonomisch sinnvoll angelegt, um wirklich jeden (!) Wissenschaftler einzeln zu schulen oder noch größere Kommunikationsabteilungen an Hochschulen und Forschungsinstituten zu schaffen – von denen dann womöglich auch noch jede mit seinem eigenen Mikro-Video-Kanal in den TV-Quotenkampf zum Konkurrenzinstitut einsteigt? Und ginge eine solche Priorisierung eben nicht gerade am Geist des Artikels 5 Grundgesetz vorbei, der Wissenschaftsfreiheit und Pressefreiheit im eigentlichen Sinne meint? (Oder wie ein anderer Stiftungsvertreter unter vier Augen sicher nur halbernst sagte: „Von Wissenschafts-PR steht da nunmal nix…“)

Es wird jedenfalls Zeit, dass die Journalisten und ihre Verbände sich ihrerseits stärker positionieren. Dabei ließe sich so mancher Ball der Akademien aufnehmen, wie es etwa die Wissenschafts-Pressekonferenz fundiert, aber leider erst in der Nachspielzeit der Debatte getan hat. Oder wie sich die vorwiegend politischen Journalisten des netzwerk recherche für die Vorschläge der Akademien zum Gemeinnützigen Journalismus interessiert haben, der in dieser Woche nun auf einer Tagung diskutiert wird.

Eine Intention der Arbeitsgruppe war es jedenfalls, die Rolle des Journalismus im Sinne einer kritischen Watchdogfunktion auch gegenüber der Wissenschaft zu stärken – dass alle Akademien den Mut hatten, diesen Schritt mitzugehen, wäre noch vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen. Journalisten könnten mit diesen und weiteren Aspekten nun argumentieren – gegenüber Wissenschaftlern, der Wissenschafts-PR oder dem Chefredakteur im eigenen Haus.

Ernsthaft Sorgen machen müsste man sich indes, wenn im FAZ-Blog von den Akademien verwendete Begriffe wie „Redlichkeit“, „Informationsauftrag“ und „journalistische Qualität“ angesichts der Medienwirklichkeit tatsächlich nur von der „verstaubten Wand“ fallen würden. Dann wäre das Akademienpapier mit einem Schwerpunkt auf dem klassischen Journalismus dringlicher gewesen, als die Akademien es selbst ahnten. Immerhin hebt Joachim Müller-Jung dann einen Teil des zuvor von der Wand seines Blogs Gefallenen wieder auf und schwenkt in jene Richtung ein, um die es tatsächlich ging: „…hinein in die (sic!) Qualitätsdebatte“. Und die muss sich auch der (Wissenschafts-)Journalismus stärker zu Eigen machen.

(Bei diesem Beitrag handelt es sich um die persönliche Analyse des Autors, nicht um eine Meinungsäußerung der gesamten Arbeitsgruppe oder gar der Wissenschaftsakademien).

Teil 1: Das Märchen von den „vergessenen“ Social Media – und warum die Journalisten sich dabei nicht selbst vergessen sollten


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