Sprechstunde

7 Wege zum medizinischen Fachartikel im kostenlosen Volltext (Nachtrag 27.7.)

Medizinische Fachartikel sind das A und O in der medizinjournalistischen Berichterstattung. Doch häufig landet man nur bei einer Zusammenfassung des „Papers“, der Volltext ist kostenpflichtig. Aber es gibt gerade für Journalisten Möglichkeiten, um kostenlos ans Ziel zu gelangen. Eine Zusammenstellung.

Fachartikel über medizinische Studien (von manchen auch mit dem englischen „Paper“ bezeichnet) sind eine wesentliche Quelle in der journalistischen Berichterstattung über Therapien, Tests und medizinische Produkte – oder sollten es zumindest sein. Doch oft findet sich im Internet nur eine Zusammenfassung („Abstract“). Um an den vollständigen Artikel zu gelangen, verlangt der Fachzeitschriftenverlag für Nicht-Abonnenten eine Gebühr, die gerne mal 30 Dollar (pro Artikel!) übersteigen kann. Richtig teuer wird es, wenn man mehrere „Paper“ für einen längeren Artikel benötigt. Da geraten die Rechercheausgaben schnell ins Missverhältnis zum Honorar.

Es gibt aber einige Möglichkeiten, wie man als Journalist kostenlos an Volltextartikel aus medizinischen Fachjournalen kommt. Die wichtigsten habe ich hier zusammengefasst:

1. Methode Google oder besser Google Scholar: Immer häufiger werden Fachartikel von den Autoren auf ihren Webseiten online gestellt. Diese findet man oft ganz einfach, wenn man den genauen Titel in Anführungszeichen in das Suchfeld eingibt. Mitunter handelt es sich dabei auch um Versionen, die sich zwar im Druckbild vom endgültig veröffentlichten Fachbeitrag unterscheiden, aber inhaltlich identisch sind. Es kann auch sein, dass auf der Wissenschaftler-Webseite eine Early-Version erhältlich ist, also eine Version des Artikels, die sich von der veröffentlichten Version inhaltlich noch minimal unterscheidet.

2. Open Access: Eine Reihe von Fachmagazinen bieten ihre Artikel inzwischen von Hause aus kostenlos im Internet an, z.B. Magazine der PLoS-Organisation (Public Library of Science) oder des BMC-Verlags (BioMedCentral). Zunehmend mehr Verlage stellen ihre Fachartikel nach einer gewissen Zeitspanne zur freien Verfügung (z.B. nach sechs Monaten oder einem Jahr).

Wer seine Suche zu einem Thema zunächst einmal nur auf kostenlose Volltext-Artikel beschränken will, der sollte Artikel über PubMedCentral suchen, dem Open Access-Bereich der Suchplattform Pubmed. Wer hier nach Artikeln sucht, findet garantiert nur kostenfreie Fachartikel auch namhafter Zeitschriften.

Bei der „normalen“ Suche in der Datenbank Pubmed wird die Zahl der kostenfrei zugänglichen Beiträge nach der Abfrage oben rechts angezeigt und diese können gesondert angeklickt werden. Ein Button zeigt zudem an, ob es einen frei zugänglichen Volltext-Version eines Artikels gibt.

3. Unizugang: Wer den Aufwand nicht scheut, sollte die Universitäts- oder ähnliche Bibliotheken (z.B. Landesbibliotheken etc.) für bestimmte Recherchen aufsuchen. Dort hat man – in der Regel aber eben beschränkt auf die Rechner der Uni – freien Zugang zu allen Fachmagazinen, die die Uni (auch elektronisch) abonniert. Gibt es eine Uniklinik, dürfte die Auswahl im Bereich Medizin erschöpfend sein.

Nachtrag (27.7.): Ein Kollege aus Bayern hat zum Thema Bibliothek folgenden interessanten Tipp:

Ich weiß nicht, wie es in anderen Bundesländern aussieht, aber für München gilt bei der Benutzung der Bayrischen Staatsbibiothek: Wer im näheren Umland wohnt (ich nehme an, das wird über die IP-Nummer kontrolliert) kann sich als registrierter Benutzer mit Ausweis auch in elektronische Zeitschriftenbibliothek (http://rzblx1.uni-regensburg.de/ezeit/index.phtml ) einwählen und dort nach Fachartikeln suchen. Das bedeutet dann Volltext auf dem eigenen Rechner.

4. Autoren direkt kontaktieren. Meist reicht es aus, einen Autor per E-Mail um das pdf seines Artikels zu bitten. Manchmal hat man innerhalb weniger Minuten den Beitrag im Eingangsfach. Manchmal dauert es ein zwei Tage, selten hört man gar nichts mehr. Tipp: Einfach sicherheitshalber mehr als einen Co-Autor anmailen. Wichtig ist, dass klar wird, dass man Journalist ist, zum Thema recherchiert und genaue Angaben zum „Paper“ macht (Titel, Fachmagazin, Jahr, Bd., Seite usw. Oder Link zum Abstract). Denn lange suchen möchten auch die Autoren nicht. Eventuell ist es auch hilfreich zu versichern, dass man den Beitrag seinerseits nicht elektronisch weiter verbreiten wird.

5. Presseportale wie EuekAlert nutzen. Zu einigen der wichtigsten medizinischen Fachmagazinen bekommt man mehr oder weniger freien Zugang, wenn man sich über das US-Presseportal EurekAlert als Journalist akkreditiert . Dazu zählen: The Lancet, New England Journal of Medicine (NEJM) NEJM hat seine eigene Media-Seite, Archives of Internal Medicine, British Medical Journal (BMJ), Journal of the American Medical Association (JAMA). Damit erhält man auch vorab (also vor der Veröffentlichung) Zugang zu bestimmten Fachartikeln. Für die Akkreditierung muss man nachweisen, dass man als Journalist arbeitet.

Andere Presseportale wie Alpha Gallileo (Europa) oder der deutsche idw bieten dies leider nicht an. Dort gibt es allerdings auch immer wieder Volltext-Artikel auf Embargo-Basis, wenn man sich als Journalist akkreditiert hat.

6. Deutsche Fachmagazine bzw. Verlage bieten solche Media-Dienste wie JAMA oder das NEJM nicht an. Es gibt aber Ansprechpartner in den Presseabteilungen, bei denen man gezielt nach Artikeln fragen kann.

Zwei große deutsche Verlage gaben mir auf Anfrage freundlicherweise die Erlaubnis den E-Mail-Kontakt der Ansprechpartner zu posten.

 

Beim Thieme Verlag, der viele deutschsprachige (etwa die Deutsche Medizinische Wochenschrift (DMW)), aber auch englischsprachige medizinische Fachzeitschriften anbietet, wendet man sich an:

Beim Springer Verlag („der Wissenschafts-Springer“) gibt es zwei Ansprechpartnerinnen, eine für deutschsprachige Fachartikel und eine für englischsprachige (über SpringerLink zugänglich):

  • Deutschsprachige Artikel: Claudia Funke, claudia.funke@springer.com
  • Englischsprachige Artikel: Renate Bayaz, renate.bayaz@springer.com

Alle drei Mitarbeiterinnen helfen gerne weiter, weisen aber darauf hin, dass dies nur für Journalisten gilt (die einen besonderen Informationsauftrag für die Öffentlichkeit haben). Alle anderen (z.B. Ärzte, interessierte Laien etc.) müssen für diese Artikel bezahlen. Eine kurze Beschreibung für welchen Zweck man den Artikel braucht, reicht in der Regel aus („Für eine Recherche zum Thema „XY“). Wichtig ist natürlich die genaue Angabe, um welchen Artikel es sich handelt (Link zum Abstract, Titel, Zeitschrift, usw.).

7. Sozial Netzwerke nutzen: Manchmal können auch Follower bei Twitter oder Freunde bei Facebook weiter helfen. Fragen kostet nichts. Damit klar ist, um welches Paper es geht, genügt in der Regel die spezielle DOI-Nummer oder einfach der Link zum Abstract (den man für Tweets noch verkürzen kann).

Wichtig: Auch für pdfs der Fachartikel gelten Urheberrechts- und Verwertungsbestimmungen.

Natürlich führen auch die genannten Wege nicht immer zum Erfolg (insbesondere dann, wenn es schnell gehen muss), aber die Chancen sind doch sehr gut. Wer über diese Tipps hinaus noch mehr hilfreiche Hinweise hat, wie man als Journalist an freie Volltext-Versionen medizinischer Fachartikel kommt, wir geben sie gerne weiter!


Siehe auch:
„Cochrane Reviews im Volltext – kostenlos“
http://www.medien-doktor.de/medizin/sprechstunde/cochrane-reviews-im-volltext-%e2%80%93-kostenlos/


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