Sprechstunde

Zehn kleine Wissenschaftsjournalistlein

„In Deutschland gibt es nur noch 10 Universitätspräsidenten, die wissenschaftliche Tugenden wirklich immer über hochschulpolitische Eigeninteressen stellen.“ Oder: „In Deutschland gibt es nur noch 10 Universitätskliniken, die das Wohl der Patienten stets über die Umsatzvorgaben ihrer Verwaltung stellen.“ –  Wer allen Ernstes Behauptungen solcher Art aufstellen würde, müsste sich – mit Recht – den Vorwurf der „Verunglimpfung“ eines ganzen Berufsstandes gefallen lassen. Und er oder sie müsste sich fragen lassen, wie denn solche Zahlen überhaupt zustande kommen.

Diskussionsrunde Science Circle

Diskussionsrunde beim rbb: Der Science Circle auf dem StudioCampus am Wissenschaftstag des Senders. Die gesamte Diskussion kann man sich auf der Seite des rbb ansehen.

Wie aber sieht es aus, wenn der Präsident einer deutschen Universität behauptet, in Deutschland hätten wir nur noch „10 wirklich renommierte und gute Wissenschaftsjournalisten“? Die letzte Aussage hat es jedenfalls – allen Ernstes – gegeben: Sie stammt vom Präsidenten der Humboldt-Universität zu Berlin (Foto, ganz links), der das Publikum (und mich selbst auf einem Podium, 2.v.r.) beim ersten Wissenschaftstag im rbb mit seinen präzisen Angaben zur deutschen Wissenschaftsjournalistenszene überraschte.

Danke, mag man dem Präsidenten zurufen, mühen sich doch Kommunikationswissenschaftler und Journalismusforscher seit Jahrzehnten mit den Untiefen der Qualitätsforschung ab, ringen normativ wie empirisch um Definitionen und Messungen von journalistischer Qualität. Auch die rund 25 Medien-Doktor-Gutachter, die nunmehr seit rund drei Jahren daran arbeiten, gute und schlechte Medizinbeiträge von Wissenschaftsjournalisten zu unterscheiden, können sich nun entspannt zurück lehnen: Da kommt einer und hat offenbar nicht nur das ultimative Raster für „guten“ Wissenschaftsjournalismus im Kopf, sondern kann die Zahl der entsprechenden Urheber nach seiner Wahrnehmung aller in Frage kommenden Medien auch gleich operationalisieren und quantifizieren: Die Antwort auf die große Frage und nach dem ganzen Rest lautet: „10“. Und auf Nachfrage: „nicht viel mehr als 10“.

Tweet Olbertz

Auf Twitter machte die Aussage die Runde und sorgte für Diskussion.

Namen indes wurden – öffentlich – noch keine genannt (was aber, so der Präsident, nachgeliefert werden könne). Auch blieb der genaue Evidenzgrad der Aussage (jenseits der Eminenz der Person) vorläufig im Dunkeln. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als die Expertenmeinung „10“ zu kontextualisieren, wie es zur guten wissenschaftsjournalistischen Praxis gehört: Schätzungen des Kommunikationswissenschaftlers Bernd Blöbaum (in WissensWelten 2008) zufolge, in Anlehnung an die letzte große „Journalisten in Deutschland“-Erhebungen von Weischenberg, Malik und Scholl (pdf), dürfte es etwa 2000 bis 3000 hauptberufliche Wissenschaftsjournalisten in Deutschland geben. Die Wissenschafts-Pressekonferenz (wpk), eine der wohl renommiertesten Verbände für Wissenschaftsjournalisten in Deutschland (Achtung Interessenkonflikt: der Autor ist ebenfalls Mitglied!), hat aktuell 205 Vollmitglieder (Stand: 21.02.2014). Demnach wären weniger als 5 Promille aller deutschen Wissenschaftsjournalisten als wirklich „gut“ zu bezeichnen; setzt man die Expertenmeinung „10“ in Relation zur Mitgliederzahl der wpk, ergeben sich 4,88 Prozent.

Empfindliche Journalistennaturen könnten angesichts dieser Relationen ebenfalls auf die Idee kommen, von der „Verunglimpfung“ eines Berufsstandes zu sprechen – wobei die simple Gleichung „Wer austeilt, muss auch einstecken“ den frustrieten Journalistenkollegen  auf Platz 11 bis 2000 vielleicht  ein wenig Trost bietet. Den 10 verbleibenden, wirklich guten, kleinen Wissenschaftsjournalistlein aber mag man zurufen: Werdet nicht müde, Äußerungen von Wissenschaftsfunktionären nach ihrem wissenschaftlichen Evidenzgrad zu hinterfragen. Und: Prüft jede Zahl genau nach – die aus dem Munde eines Wissenschaftlers ebenso wie aus dem Munde eines Politikers! 


Links:

Webseite des rbb zum Wissenschaftstag
http://www.rbb-online.de/extra/rbb-science-scanner/beitraege/studiocampus.htm

Weischenberg, Malik und Scholl (2006): „Journalismus in Deutschland 2005“, in media perspektiven 7/2006, S. 346 (pdf)
http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/07-2006_Weischenberg.pdf

Hettwer et al. (2008): „WissensWelten, Wissenschaftsjournalismus in Theorie und Praxis“, Verlag BertelsmannStiftung
http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/publikationen_86103.htm

 


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