Sprechstunde

Hier ist unsere Pressemitteilung. Die Belege liefern wir in einem Jahr nach.

Wie Journalisten mit Medizin-Pressemitteilungen umgehen sollten, haben wir schon mehrfach  aufgegriffen, zum Beispiel hier und hier. Unser wichtigster Ratschlag lautet dabei: Lesen Sie die ganze Studie, bevor Sie entscheiden, ob und was Sie darüber schreiben. Doch was sollen Journalisten tun, wenn Pharmaunternehmen zwar per Pressemitteilung Studienergebnisse verkünden, aber noch keine wissenschaftliche Publikation vorgelegt haben? Dieses keineswegs seltene Phänomen haben Forscher der Brown University, der New York University und des Memorial Sloan Kettering Cancer Center jetzt genauer untersucht. Ihr in der Fachzeitschrift JAMA Oncology veröffentlichtes Ergebnis: zwischen einer Ankündigung per Pressemitteilung und der wissenschaftlichen Publikation vergeht fast ein Jahr, bei negativen Studienresultaten sogar deutlich mehr.

Dafür haben die Wissenschaftler Pressemitteilungen acht führender Hersteller von Krebsmedikamenten im Zeitraum von 2011 bis 2016 untersucht. Sie beschränkten sich dabei auf die jeweils erste Mitteilung zu Ergebnissen einer Phase-3-Studie, also jener Studien, die entscheidend sind für die Zulassung eines Medikaments. Immerhin 100 Pressemitteilungen kamen so zusammen.

Wenig überraschend, berichten 70 dieser Texte über positive Ergebnisse. Das heißt, dass die Ergebnisse belegen sollen, dass ein Medikament besser (oder je nach Studienziel zumindest nicht schlechter) wirkt als eine Vergleichstherapie. Ebenso wenig überrascht, dass nur in 31 Fällen die Größe des Effekts, zum Beispiel der Anteil der Patienten, die durch die Therapie länger leben, benannt wird.

Überraschend deutlich wird hingegen, wie früh Pfizer, Roche und Co. über ihre Forschungsergebnisse öffentlich kommunizieren, ohne dass diese bereits unabhängig begutachtet worden sind. 300 Tage vergingen nach der ersten Mitteilung an Journalisten, bis zumindest die Hälfte der Studien in Fachjournals publiziert oder auf clinicaltrials.gov hinterlegt worden ist. Betrachtet man nur Veröffentlichungen in Peer-Review-Journalen (Studienberichte auf clinicaltrials.gov werden zwar auf ihre Konsistenz und Vollständigkeit geprüft, aber nicht begutachtet), betrug die Verzögerung im Mittel 350 Tage, also fast ein ganzes Jahr. Hatte das Medikament die Studienziele nicht erreicht, dauerte es sogar noch mal 100 Tage länger.

Bis dahin kursieren die von den Unternehmen handverlesenen Ergebnisse im Zweifel aber bereits in der Öffentlichkeit. Journalisten, die solche Pressemitteilungen aufgreifen, sind zu diesem Zeitpunkt die erste und häufig einzige unabhängige Kontrollinstanz, die entscheidet, wann und wie ausführlich neue Erkenntnisse über Medikamente die Öffentlichkeit und auch Ärzte erreichen. Brisanter wird die Lage dadurch, dass Unternehmen auf diese Weise häufig Ergebnisse über bereits zugelassene Medikamente (in der aktuellen Untersuchung zwei Drittel der Fälle) zu lancieren versuchen. Das heißt, das Präparat ist bereits erhältlich, der Hersteller will aber erreichen, dass es zur Behandlung weiterer Krankheiten angewendet, zugelassen und erstattet wird.

Wie aber können Journalisten die Behauptungen der Unternehmen überprüfen? In der Regel ohne publizierte Ergebnisse, die sie von unabhängigen Fachleuten einschätzen lassen, gar nicht. Verantwortungsvoller Medizinjournalismus ist so schwer möglich. Die wichtigste Entscheidung lautet deshalb, im Zweifelsfall besser erst einmal nichts zu veröffentlichen und das Thema gut recherchiert wieder aufzugreifen, wenn die Fachpublikation erscheint.

 

LINKS:

Medizinjournalismus Linkliste: Studien verstehen und beurteilen können

Lindor Qunaj, Raina H. Jain, Coral L. Atoria et al.: Delays in the Publication of Important Clinical Trial Findings in Oncology. JAMA Oncology, Online First 12.04.2018 DOI: 10.1001/jamaoncol.2018.0264


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