Sprechstunde

Das Märchen von den „vergessenen“ neuen Medien – und warum sich die Journalisten nicht selbst vergessen sollten

Eine Nachlese der Reaktionen auf die Empfehlungen der Wissenschaftsakademien zur Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien (Teil 1)

Des Kaisers neue Kleider ist ein lehrreiches Märchen, im Zeitalter der Massenkurzkommunikation wie schon zur Postkutschenzeit. Es handelt bekanntlich von einem ganzen Hofstaat, der die Kleider des Kaisers bewundert, nachdem zuvor die Botschaft verbreitet worden war, dass dieser überhaupt solche Kleider tragen würde. Erst ein Kind schaut selbst genauer hin, um dann das auszusprechen, was eigentlich alle hätten sehen können: Obwohl alle das Gleiche zu den Kleidern sagen, hat der Kaiser in Wahrheit (fast) gar nichts an.

Mit der Berichterstattung über die „Debatte des Sommers“ zum Thema Wissenschaftskommunikation, auf die laut Planckton-Blog der FAZ unlängst auch Joachim Müller-Jung via Twitter gestoßen war, scheint es – jedenfalls in Teilen – ähnlich zuzugehen wie in diesem Märchen. Wundersam jedenfalls ist es, dass in dem Blog, vier Monate nach Beginn der Debatte, weniger die nächste Stufe der Analyse erreicht, sondern vor allem das Märchen weitergestrickt wird – in diesem Fall das Märchen von den vergessenen neuen Medien.

Der Beginn der Geschichte ist schnell nochmal erzählt: Nachdem die Wissenschaftsakademien im Juni Empfehlungen zur „Gestaltung der Kommunikation von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien“ veröffentlicht hatten, kam eine interessante Debatte in Gang. Verstärkt noch dadurch, dass eine Woche zuvor (ein Schelm, wer da nicht an gute PR-Strategie denkt) ein vorwiegend von Wissenschaftspressesprechern getragener „Siggener Aufruf“ samt „Diskussionspapier“ erschienen war. Ähnliches hatte dann eine von der VolkswagenStiftung veranstaltete Tagung zum Thema. Beide Papiere – das nach einem wissenschaftlichen Begutachtungsverfahren verfasste der Akademien wie das nach einem Think Tank-Modell entstandene aus Siggen – erhielten so fast märchenhafte Resonanz: Einige Facetten des medial eher sperrigen Themas wurden ernsthaft diskutiert. Einige andere indes ernsthaft ausgeklammert – und das ausgerechnet auch von vielen Wissenschaftsjournalisten selbst. Und es wird interessant sein, einmal genauer zu untersuchen, welche Aspekte des Papiers in den (neueren wie älteren) Medien Karriere machten und welche nicht.

Schon jetzt aber kann man vermuten, dass ein journalistisches Leitmedium, das dieser Tage seinen 20sten Geburtstag feiert, die Themenkarrieren stark beeinflusste: So war im Juni auf SpiegelOnline zu lesen, die sozialen Medien seien von der Akademienarbeitsgruppe (deren bekennendes Mitglied ich übrigens war) „nicht untersucht“ worden. Das war so nicht ganz korrekt, ist aber vielleicht ein verzeihlicher Fehler in einer tagesaktuellen Berichterstattung. Die Aufregung in der Social Media Community war damit allerdings programmiert, zumal dann in einem einflussreichen Blog auch noch unterstellt wurde, der Arbeitsgruppe sei womöglich erst ganz am Ende aufgefallen, dass sie die Social Media vergessen habe. Ein kleines Kind, das die naive Frage stellte, ob diese Aussagen so womöglich gar nicht stimmten, verschaffte zwischen Twitter und Blogs kein Gehör; kaum mehr Wirkung hatte die Richtigstellung des Arbeitsgruppenleiters Peter Weingart. Zu groß war die Aufregung darüber, womöglich „vergessen“ worden zu sein, als dass sich viele die Mühe gemacht hätten, das anhand der Originalquellen genau zu prüfen (eine Übersicht über eine Reihe der Reaktionen hat Medien-Doktor-Redakteur Marcus Anhäuser auf seinem privaten Blog zusammengestellt.

„Vergessen“ fühlten sich auch andere, etwa Inhaber von Agenturen für Wissenschafts-PR, die das Papier in einem Fall sogar als (geschäftsstörende?) „Anti-PUSH“-Bewegung titulierten. Und ausgerechnet ein Autor der taz griff nicht etwa die im Papier angesprochene prekäre Bezahlung freier Wissenschaftsjournalisten oder die Aussagen zur großen Bedeutung eines unabhängigen Qualitätsjournalismus auf,  sondern wiederholte die alte Mär mit einem Ausrufezeichen: „Social Media, die Internetkommunikation der jungen Generation, kam in den Empfehlungen überhaupt nicht vor!“ Dann ließ er noch sein Verständnis für die (ebenfalls vergessene…) Wissenschafts-PR durchblicken, seien doch „vor allem die Öffentlichkeitsarbeiter in den Wissenschaftseinrichtungen über die Vorschläge der Professoren-Gruppe nachhaltig irritiert“. Und schließlich erhielt die Arbeitsgruppe, die üblicherweise nicht öffentlich tagte, noch den Anstrich einer „Geheimhaltungsstufe 1“ – so als fänden etwa Redaktionskonferenzen der taz inzwischen öffentlich statt.

Trotz der kleinen Wunderlichkeiten konnten die Akademien mit der Rezeption der Empfehlungen bis dahin eigentlich zufrieden sein: Womöglich führte gerade das Märchen von den völlig „vergessenen“ Social Media zu erhöhten Reichweiten. Und dass ein Papier, das so viele Gruppen (die Wissenschaft, die Wissenschafts-PR, die Medien und die Politik) gleichzeitig adressiert, von keinem nur gemocht wird, ist kein Wunder, sondern vielleicht sogar eher ein Indiz für Ausgewogenheit.

Vier Monate danach wäre es Zeit für die nächste Stufe der Debatte, stattdessen aber erfährt man im eingangs zitierten Planckton-Blog aber vor allem: Die verstaubte Arbeitsgruppe hätte die „Digitalkultur nahezu völlig ausgeklammert“. Dieser „Rückfall ins Postkutschenzeitalter“ habe, wie Blogger Müller-Jung schreibt, „zu Recht vor allem die Bloggergemeinde“ aufgebracht, was zudem „eine kommunikationswissenschaftliche Fehlleistung“ sei (was offenbar allen kommunikationswissenschaftlichen Gutachtern des Papiers entgangen war). Einmal mehr wird auch die „Nichtberücksichtigung eines PR-Fachmanns“ beklagt – ebenso aber, dass die „beängstigenden Verschiebungen zugunsten der PR-Branche“ völlig ausgeblendet worden seien – obwohl dies ja ein „wesentlicher Anlass für das Akademiepaper“ war.

Auch in einem Blog muss man nicht alles verstehen (Wurden Verschiebungen nun übersehen oder waren sie Anlass und Thema der Arbeitsgruppe?). Und wenn man nicht nur online recherchiert, sondern mehr mit Leuten sprechen würde, ließe sich vielleicht manches Missverständnis ausräumen. Insofern sei es jetzt ein einziges Mal gestattet, die kindliche Perspektive in des Kaisers Hofstaat einzunehmen und wenigstens für die Chronik festzuhalten: 1.) Nein, die neuen Medien wurden von der Akademienarbeitsgruppe von Anfang an keineswegs „übersehen“ oder „vergessen“. 2.) Die Wissenschafts-PR war zwar nicht mit einem Mitglied in der Arbeitsgruppe vertreten, wurde aber in einer der ausführlichen Anhörungen (u.a. durch einen Vertreter von „Wissenschaft im Dialog“) sehr wohl „berücksichtigt“, was im Methodenteil der Empfehlungen leicht erkennbar ist.

Nun lehrt die Dementi-Forschung, dass man sich nicht allzu lange damit aufhalten sollte zu sagen, was an einer monatelang wiederholten Behauptung nicht stimmte, da dadurch am Schluss eher die Behauptung selbst im Gedächtnis bleiben kann als die Aussage, dass diese Behauptung falsch war. Lohnender könnte es für die weitere Debatte indes sein, einmal nachzulesen, was den Akademieempfehlungen denn speziell zu den Social Media (die man im Vergleich zu Druckschriften auch durchaus noch „neue Medien“ nennen darf) schon konkret zu entnehmen war.

Kein Zweifel etwa ließ das Papier bereits in der Einleitung daran, dass die „‘neuen Medien‘ (Web 2.0, soziale Medien) einer eingehenderen Betrachtung“ bedürfen. Den journalistischen Medienhäusern wird an anderer Stelle aber bereits jetzt nahe gelegt, „neue innovative Felder (z.B. im Datenjournalismus oder im Bereich des partizipativen Journalismus und der neuen Medien) zu erschließen“. Auch wird empfohlen, „neue Finanzierungsmodelle für einen unabhängigen und wissensbasierten Qualitätsjournalismus“ zu entwickeln, „der auch die neuen Medien einbezieht.“ Und weiter: „Für die neuen Medien sollen zusammen mit engagierten Bloggern und anderen Vertretern aus diesen Bereichen Modelle einer Qualitäts- und Selbstkontrolle (…) entwickelt werden“.

Das klingt manchem vielleicht nach zu wenig. Aber in einem Papier, das nicht nur die Medien (oder gar einzelne Mediengattungen), sondern auch Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und eben Wissenschafts-PR anspricht, böten schon diese Punkte ausreichend Stoff für Diskussionen – wenn man denn nun (zum Beispiel über Qualität) tatsächlich ausführlicher hätte diskutieren wollen. Und auch die genannten  Punkte fielen nicht vom Himmel, sondern waren in der AG auf der Basis einer ausführlichen Expertise und der Anhörung einer (überzeugten!) Wissenschaftsbloggerin entstanden, die als Vertreterin der Social Media nicht weniger Raum bekommen hatte als etwa ein freier Wissenschaftsjournalist oder ein ehemaliger Intendant für die öffentlich-rechtlichen Medien.

Wer es jenseits von Zusammenfassungen genauer wissen will, kann auch die von der Arbeitsgruppe eigens eingeholte Expertise zu „Sozialen Medien in der Wissenschaftsöffentlichkeit“ nachlesen, die im ausführlichen wissenschaftlichen Werk zusammen mit den Empfehlungen veröffentlicht wurde. Ein schneller Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt: Die „Sozialen Medien“ machen hier ein ganzes Kapitel (etwa 1/8 des Buches) aus; eigentlich verwunderlich, dass sich kein Print-, TV- und Radiojournalist beschwert hat, dass seiner Zunft umgekehrt kein dezidiertes Kapitel gewidmet ist.

 

Artikel Neuberger

 

Warum aber, so mag man nun fragen, hat die Akademienarbeitsgruppe das Thema Social Media dann bei den Zusammenfassungen nicht stärker in den Mittelpunkt gerückt? Und warum hat die Arbeitsgruppe viele Aspekte der Social Media nach reiflicher Überlegung zunächst einmal aus den meisten Empfehlungen ausgeklammert? Eine Antwort findet sich ebenfalls in der Expertise für die Arbeitsgruppe selbst. Vieles, was die Kommunikationswissenschaft tatsächlich weiß (bzw. zum Abschluss der Arbeiten 2013 wusste) über Inhalte, Nutzung und Wirkung der Social Media im Bereich der Wissenschaftskommunikation, hatte sich als reichlich dünn herausgestellt. So heißt in der betreffenden Expertise : „Die permanente Weiterentwicklung und Gebrauchsvielfalt machen es (…) schwer, pauschale Aussagen (…) zu treffen.“  (Neuberger 2014: 317). Und „Auskünfte über ihre positiven und negativen Folgen müssen vorläufig und lückenhaft bleiben“ (Neuberger 2014: 355). Es war also keine „kommunikationswissenschaftliche Fehlleistung“ (Müller-Jung), hierzu noch keine ausführlicheren Empfehlungen auszusprechen, sondern es wäre vielmehr eine solche Fehlleistung gewesen, wenn man hier beim derzeitigen Forschungsstand bereits weitreichendere Empfehlungen gegeben hätte. Schon die Entscheidung, welche der sozialen Medien nun überhaupt ausgewählt werden sollten, gleicht teilweise einem Glaubensbekenntnis. Und wer sich mit der tatsächlichen Vielfalt der Social Media beschäftigt, sieht womöglich ein, warum Peter Weingart als Leiter der Arbeitsgruppe erläuterte, dass dieser Komplex die Arbeitskapazität der AG (die ja auch noch etwas anderes untersuchen sollte) überfordert hätte – und auch das nicht ohne zu betonen, dass die Gruppe sich einig darüber war, dass „die Social Media wichtig sind für die Wissenschaftskommunikation“. Aber dass Twitternutzer twittern toll finden und Facebook dem Facebook-Freak als fantastisch gilt, hilft für eine fundierte wissenschaftliche Bewertung eben nur bedingt weiter.

Der erste Schritt, den die Akademien mit ihren Empfehlungen zu Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien gegangen sind, war ohnehin viel grundsätzlicher. Und er war auch bewusst nicht beschränkt auf einzelne Mediengattungen – ebenso wenig wie etwa auf einzelne wissenschaftliche Disziplinen. Für den Journalismus hat Martin Schneider, Vorsitzender der Wissenschafts-Pressekonferenz, einen dieser wirklich zentralen Aspekte auf den Punkt gebracht: „Das Papier enthält das wohl klarste Bekenntnis zur gesellschaftlichen Bedeutung eines unabhängigen Wissenschaftsjournalismus, das es von Seiten der Wissenschaft je gegeben hat“, schreibt er in der Druckausgabe der Zeitschrift Message. Welche Rolle hierbei die älteren und die neueren Medien spielen können und warum es auf absehbare Zeit wohl nicht ausreichen wird, wenn die Wissenschaftskommunikation fast nur noch auf Social Media setzt, an dieser Stelle wird die Diskussion dann vielleicht erst richtig spannend.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um die persönliche Analyse des Autors, nicht um eine Meinungsäußerung der gesamten Arbeitsgruppe oder gar der Wissenschaftsakademien.

Teil 2: Das Märchen von den „vergessenen“ Social Media – und warum die Journalisten sich dabei nicht selbst vergessen sollten


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