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„Ein Neustart für das Nervensystem“

„Ein Neustart für das Nervensystem“

Eine Stammzelltherapie könnte nach den Ergebnissen einer kleinen Studie, Menschen mit einer schweren Multiplen Sklerose möglicherweise helfen, berichtet die F.A.Z. Leser bekommen die meisten notwendigen Informationen, insbesondere den Hinweis, wie vorsichtig man diese Ergebnisse betrachten muss. Die Pressemitteilung des Fachmagazins informiert die Leser ebenso gut.

Zusammenfassung

Journalistischer Beitrag 

Die F.A.Z. berichtet über die Ergebnisse einer Studie im Fachmagazin The Lancet. Danach könnte eine Stammzelltherapie bei Menschen mit einem schweren Verlauf der Multiplen Sklerose erfolgreich sein.

Der mögliche Nutzen wird ausreichend konkret beschrieben, Risiken und Nebenwirkungen werden noch ausreichend angesprochen. Es wird deutlich, dass die Ergebnisse dieser und auch anderer Studien noch sehr vorläufig sind, und nicht geeignet sind, die Therapie abschließend zu bewerten. Ein nicht an der Studie beteiligter Mediziner ordnet die Ergebnisse ein. Der Text geht über die Pressemitteilung des Fachmagazins hinaus. Es wird noch deutlich, dass es sich um ein recht neues Verfahren handelt, und dass es auch nur eingesetzt wird, wenn andere Therapiemöglichkeiten nicht mehr weiterhelfen. Der Text erklärt auch, dass das Verfahren nur im Rahmen einer Studie verfügbar ist. Auf den Kostenaspekt geht der Text indes nicht ein. Multiple Sklerose wird in diesem, nicht mehr ganz aktuellen, aber insgesamt verständlichen Text, nicht übertrieben dargestellt.

Pressemitteilung

Die Pressestelle des Fachmagazins The Lancet berichtet in der Pressemitteilung „New stem cell transplantation method may halt multiple sclerosis symptoms long-term, but therapy comes“ über eine Studie, nach der eine Stammzelltherapie bei Menschen mit einem schweren Verlauf der Multiplen Sklerose erfolgreich sein könnte.

Der mögliche Nutzen wird ausreichend konkret beschrieben, Risiken und Nebenwirkungen werden deutlich. Schwächen in der Studie benennt der Artikel. Es kommt ein an der Studie nicht beteiligter Mediziner zu Wort, der für das Magazin die Therapie in einem begleitenden Editorial eingeordnet hat. Der Text macht klar, was das Neue der Studie ist, spricht Alternativen an und weist darauf hin, dass die Therapie nur in spezialisierten Zentren durchgeführt werden sollte, und auch nur unter bestimmten Bedingungen verfügbar ist. Auf die Kosten geht der Artikel nicht ein. Multiple Sklerose wird in diesem vereinzelt nicht ganz verständlichen Text, nicht übertrieben dargestellt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Im journalistischen Beitrag ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Artikel erklärt den möglichen Nutzen ausführlich und in konkreten Zahlen. Man erfährt, wie viele, wie und in welchem Umfang die Patienten von der Therapie profitiert haben. Der Autor macht jedoch auch deutlich, dass eine Therapie wie diese nur unter ganz bestimmten Umständen und auch nur in Therapiestudien eingesetzt werden sollte. Außerdem brauche es noch weitere Studien, um den Nutzen der Behandlung wirklich bewerten zu können.

1. In der Pressemitteilung ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Nutzen der Behandlung wird ausführlich und genau geschildert. „A new use of chemotherapy followed by autologous haematopoietic stem cell transplantation aHSCT) has fully halted clinical relapses and development of new brain lesions in 23 of 24 patients with multiple sclerosis (MS) for a prolonged period without the need for ongoing medication“. Die Ergebnisse werden im Detail weiter ausgeführt: „Prior to the treatment, patients experienced 1.2 relapses per year on average. After treatment, no relapses occurred during the follow up period (between 4 and 13 years) in the surviving 23 patients.“ Diese klinischen Ergebnisse spiegeln sich laut der Pressemitteilung in MRT-Bildern des Gehirns der Patienten. Zu Beginn der Behandlung habe man 93 Enztündungsherde im Gehirn festgestellt, nach der Behandlung habe nur einer von 327 Scans eine neue Entzündung gezeigt. Bei acht der 23 Patienten sei siebeneinhalb Jahre nach der Behandlung eine anhaltende Verbesserung des sogenannten EDSS Scores festzustellen gewesen.

2. Im journalistischen Beitrag sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Auf die Risiken der Behandlung wird eindringlich hingewiesen: „Selbst in den Händen erfahrener Ärzte birgt die Stammzelltransplantation erhebliche Risiken. Das führen die Resultate der vorliegenden Studie einmal mehr vor Augen. So erlitt ein erheblicher Anteil der daran beteiligten MS-Kranken ernste Komplikationen, die in einem Fall sogar tödlich endeten.“ Welche Nebenwirkungen konkret vorlagen, erklärt der Text indes nicht. Da aber so energisch darauf hingewiesen wird, werten wir – wenn auch nur knapp – „erfüllt“.

2. In der Pressemitteilung sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Gleich zu Beginn wird einschränkend darauf hingewiesen, dass die Risiken der Behandlung den breiten Einsatz begrenzen. Man erfährt, dass ein Patient an den Nebenwirkungen der Chemotherapie sogar gestorben ist, infolge von Leberversagen und Sepsis. Acht Patienten hätten unter einer mäßigen toxischen Nebenwirkung der Chemotherapie gelitten, bei 14 sei die toxische Wirkung milde ausgefallen. Man hätte an der Stelle gern erfahren, wie sich diese toxischen Effekte äußerten. Was nicht erwähnt wird: Die Zerstörung des gesamten Immunsystems birgt wie bei Leukämiepatienten die Gefahr, schwere Infektionen zu erleiden oder sogar daran zu sterben. Davon ist in der Pressemitteilung allerdings nicht die Rede. Deshalb werten wir nur knapp „erfüllt“.

3. Im journalistischen Beitrag ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Die Ergebnisse der Studie werden als „Hoffnungsschimmer“ bezeichnet. Der Neurologe ordnet die Ergebnisse ein: „Um den Nutzen der autologen Stammzelltransplantation bei Patienten mit MS angemessen beurteilen zu können, reichen so kleine Projekte wie dieses nicht aus. Hierzu bedarf es vielmehr Untersuchungen mit weitaus größeren Teilnehmerzahlen.“ Wichtig wäre ein Hinweis gewesen, dass es in der Studie keine Vergleichsgruppe gab, wodurch die Interpretation der Ergebnisse – zusätzlich zur geringen Teilnehmerzahl – erschwert wird.

3. In der Pressemitteilung ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Die Pressemitteilung berichtet über die Auswahl der Patienten, den Aufbau der klinischen Studie und der Laufzeit. Dabei werden auch die Schwächen der Untersuchung im Text deutlich gemacht: Die Patientenanzahl ist gering und es gibt keine Kontrollgruppe.

4. Im journalistischen Beitrag werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENKONFLIKTE hingewiesen.

Der Neurologe Jan Dörr wird nicht nur als Verfasser eines Kommentars im Lancet zitiert, sondern kommt mit – für den Artikel separat eingeholten Informationen – zu Wort und lieferte wichtige Details, die die Ergebnisse einzuschätzen helfen. Wer die Studie finanziert hat, erfährt man nicht.

4. In der Pressemitteilung wird auf INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG hingewiesen und es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert.

Man erfährt, wer die Studie finanziert hat: „This study was funded by the Multiple Sclerosis Scientific Research Foundation.“ Zudem wird neben einem Studienautor als weiterer Experte ausführlich ein deutscher Neurologe zitiert, der die Studie im Lancet kommentiert hat und nicht an der Studie beteiligt war. Ob Interessenkonflikte vorlagen, wird nicht angesprochen.

5. Der journalistischen Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Vor allem durch die Nachfragen bei dem Deutschen Experten und die ausführlichen Erklärungen zur Krankheit und die Therapie der MS hebt sich der Artikel von der Pressemitteilung ab.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium ist bei Pressemitteilungen nicht anwendbar, wir beschreiben dennoch die über den reinen Pressetext hinausgehenden Zusatzinformationen.

6. Der journalistische Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird deutlich, dass es bereits vorher Versuche gab, Multiple Sklerose mit der Transplantation von körpereigenen Blutstammzellen zu behandeln: „ (…) eine Vorgabe, die im Übrigen auch die anderen Studien, in denen das besagte Verfahren bei MS-Kranken getestet wurde, nicht erfüllen“.

Es fehlt indes der Hinweis darauf, was bei dem hier beschriebenen Ansatz gegenüber früheren Studien neu ist: Es wurde erstmals das Immunsystem der Patienten vollständig zerstört. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

6. Die Pressemitteilung macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Mehrere Zentren, so heißt es in der Pressemitteilung, nutzten in der Vergangenheit ein ähnliches Verfahren, um Multiple Sklerose zu behandeln. Allerdings sei es häufig zu Rückfällen gekommen. Die Neuerung bestehe darin, dass das Immunsystem der Patienten diesmal durch eine starke Chemotherapie vollständig ausgeschaltet worden sei. Dank dieser Methode sei es erstmals gelungen, „to show complete suppression of any inflammatory disease activity in every patient for a long period“.

7. Im journalistischen Beitrag werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird deutlich, dass diese Therapie erst zum Einsatz kommt, wenn es keine Alternativen mehr gibt. Die ausgewählten Probanden hätten „auf die herkömmlichen Mittel nicht mehr angesprochen“, heißt es zu Beginn des Textes. An anderer Stelle wird der Neurologe mit der Aussage zitiert, „die krankhaften Entzündungen [ließen sich] mittlerweile gut kontrollieren, nicht jedoch die neurodegenerativen Prozesse“. Das Dilemma bei so riskanten Therapien wie der Stammzelltransplantation sei, dass sie nur angewandt werden dürften, wenn alle anderen Behandlungsoptionen versagt hätten. Worin diese anderen Behandlungsoptionen bestehen, erklärt der Text allerdings nicht.

7. In der Pressemitteilung werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Die Pressemitteilung spricht eine weitere Variante der Immunsupprimierung (Schwächung des Immunsystems) und Stammzelltransplantation an, die an einigen Zentren bereits eingesetzt wird. Erwähnt wird auch, dass die Patienten in der Studie bereits erfolglos immunsupprimiert wurden.

Welche weiteren Therapiemöglichkeiten; Patienten mit einer schweren MS haben, erfährt der Leser nicht. Tatsächlich wurden indes auch nur Patienten eingesetzt, bei denen andere Verfahren gar nicht mehr helfen. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

8. Im journalistischen Beitrag wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

An einem Zitat des deutschen Experten wird deutlich, dass es sich noch um ein experimentelles Verfahren handelt, das nur unter ganz bestimmten Bedingungen verfügbar ist: „Diese Therapie sollte aber nur unter ganz bestimmten Umständen vorgenommen werden, und das ausschließlich an Kliniken, die über entsprechende Experten und die notwendige Infrastruktur verfügen. Auch sollte sie nur im Rahmen von Therapiestudien erfolgen. Sonst sind die Gefahren unvertretbar groß.“ Dass die Therapie erst eingesetzt werden kann, wenn alle anderen Optionen nicht mehr helfen, wird ebenfalls deutlich.

8. In der Pressemitteilung wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Studienautor Mark Freedman wird mit der Aussage zitiert: „This treatment should only be offered in specialist centres experienced both in multiple sclerosis treatment and stem cell therapy, or as part of a clinical trial.“ Gleich zu Beginn heißt es auch noch: „ (…) but treatment related risks limit its widespread use.“ Das gibt Lesern Hinweise, dass sie nur unter bestimmten Umständen überhaupt an die Therapie kommen, wenn überhaupt.

9. Der journalistische Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Kostenaspekt einer solchen Therapie wird nicht angesprochen, obwohl von der Leukämie-Behandlung Erfahrungswerte vorliegen dürften. Auch ein Hinweis, dass innerhalb von Studien die Kosten für Patienten übernommen werden, wäre für manche Leser vielleicht hilfreich, weil man nicht davon ausgehen kann, dass dies jeder weiß.

9. Die Pressemitteilung geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Die Kosten der Behandlung werden nicht erwähnt. Dabei dürften Erfahrungswerte vorliegen – eine ähnliche Therapie wird auch bei Leukämiepatienten eingesetzt. Hinzu kommt: Dass Kosten innerhalb von Studien übernommen werden, wird nicht jedem Leser bekannt sein. Ein kurzer Hinweis, wäre daher hilfreich.

10. Der journalistische Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Multiple Sklerose wird nicht übertrieben dargestellt.

10. Die Pressemitteilung vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Multiple Sklerose wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA des journalistischen Beitrags ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema ist aktuell, da eine neue Studie zur Behandlung von Multipler Sklerose im Fachmagazin Lancet erschienen ist, wenn auch recht spät berichtet wird (über zwei Monate nach Erscheinen der Studie) daher werten wir nur knapp „erfüllt“. Es ist auch relevant, da die Medizin insbesondere bei schwerem Verlauf der Erkrankung noch machtlos ist und der neue Behandlungsansatz hoffnungsvoll erscheint.

1. Das THEMA der Pressemitteilung ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema ist aktuell, da eine neue Behandlung sich laut einer Publikation als vielversprechend erwiesen hat. Relevant ist es auch – rund zwei Millionen Menschen weltweit sind von Multipler Sklerose betroffen.

2. Die Darstellung des Themas ist im journalistischen Beitrag gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Trotz des nicht einfachen Themas, ist der Text weitgehend gut lesbar. Seine Sprache ist im großen und ganzen verständlich, Krankheitsbild und Therapie erklärt der Text bis auf ein paar Ausnahmen (z.B. „neurodegenerativen Prozesse“) anschaulich.

Gleich zu Anfang hätte man den Lesern den Fachausdruck „autologe(n) hämatopoetische(n) Stammzelltransplantation“ ersparen können. Etwas sperrig sind die Formulierungen „(…) nahmen die Studienärzte bei allen Probanden eine Stammzellmobilisation vor“ oder „Durch die Anwendung einer speziellen Selektionsprozedur“. Alles in allem handelt es sich aber um einen interessanten und verständlichen Text.

2. Die Darstellung des Themas ist in der Pressemitteilung gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Gleich zu Beginn wird der Fachausdruck „autologous haematopoietic stem cell transplantation“ benutzt, der nur Fachleuten verständlich ist, und erst im zweiten Absatz erklärt wird.

Der zweite Absatz liefert einige verständliche Informationen über Multiple Sklerose. Die Zitate der Experten dienen nicht nur als wichtige Einordnung, sie lockern den Text auch auf. Sprachlich ist die Pressemitteilung oft sehr fachlich. Viele Zahlen und Einschübe machen den Text zudem etwas unübersichtlich. Verwirrend ist auch, dass die Abbildungen aus der Veröffentlichung in Klammern genannt werden, die Veröffentlichung selbst aber nicht frei zugänglich sind.

An einer Stelle ist der Text redundant: „Eight of the 23 patients had a sustained improvement in their disability 7.5 years after treatment“, heißt es im ersten Absatz, und gegen Ende noch mal: „8 (35%) of 23 patients had a sustained improvement in their EDSS score at 7.5 years after treatment.“

Positiv: Der sogenannte EDSS-Score wird in einer Fußnote separat und ausführlich erklärt und der Text gibt ein anschauliches Beispiel, was eigentlich mit „schwerer Behinderung“ gemeint ist: „Their disability ranged from moderate to requiring a walking aid to walk 100m.“

Alles in allem werten wir knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten im journalistischen Beitrag stimmen.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen.

3. Die Fakten in der Pressemitteilung stimmen.

Faktenfehler haben wir keine gefunden.

Journalistischer Beitrag
Pressemitteilung
Medizinjournalistische Kriterien
9 von 10 erfüllt
8 von 9 erfüllt
Allgemeinjournalistische Kriterien
3 von 3 erfüllt
3 von 3 erfüllt
Gesamtbewertung

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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