In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Die Pille davor“

„Die Pille davor“

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in einem interessant geschriebenen Artikel über zwei Studien, in denen ein Aidsmedikament getestet wurde, dass das Risiko einer Ansteckung senken könnte. Auch wenn die Nebenwirkungen nicht erklärt werden, bekommen Leser viele weitere wichtige Informationen zu dem Mittel. Die Pressemitteilung zu einer der Studien informiert weniger gut.

Zusammenfassung

Journalistischer Beitrag 

Die Süddeutsche Zeitung berichtete anlässlich der Aids-Konferenz in Durban über zwei Studien, in denen das Anti-HIV-Mittel PrEP (pre-exposure prophylaxis, Handelsname in den USA ‚Truvada’) getestet wurde, das das Risiko einer Ansteckung vermindern kann.

Der mögliche Nutzen gemäß der Studien wird ausreichend konkret erklärt, Risiken und Nebenwirkungen erläutert der Artikel indes nicht hinreichend. Auch die Aussagekraft der Studien wird nicht erklärt. Es kommt eine Expertin, die nicht an den Studien beteiligt war, ausgiebig zu Wort und der Artikel geht auch deutlich über die Pressemitteilung zu einer der Studien hinaus. Der Text macht deutlich, dass es sich um ein recht neues Mittel handelt, geht auf Alternativen ein, klärt die Verfügbarkeit und widmet sich ausführlich dem Aspekt der Kosten. Aids und HIV werden in diesem interessant geschriebenen, gut lesbaren und verständlichen Artikel nicht übertrieben dargestellt.

Pressemitteilung

Die französische Forschungsagentur ANRS berichtet in der Pressemitteilung „High efficacy of on-demand pre-exposure prophylaxis is confirmed“ über eine ihrer Studien (Ipergay), in der das Aidsmittel PrEP (pre-exposure prophylaxis, Handelsname in den USA ‚Truvada’) getestet wurde, das das Risiko einer Ansteckung vermindern kann.

Der mögliche Nutzen wird noch ausreichend deutlich, Nebenwirkungen werden indes nicht berichtet. Die Grenzen der Aussagekraft der Studie werden nicht hinreichend deutlich. Mögliche Interessenkonflikte der Studienautoren spricht die Pressemitteilung nicht an. Der Text macht klar, dass es sich um einen recht neuen Ansatz zu Vorbeugung einer HIV-Infektion handelt und geht noch ausreichend auf Alternativen und die Verfügbarkeit ein, nicht jedoch auf den Kostenaspekt. HIV und Aids werden nicht übertrieben dargestellt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Im journalistischen Beitrag ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen wird deutlich gemacht als relative Risikosenkung für zwei Untersuchungen, und für die Studie, die genauer vorgestellt wird, auch mit einer absoluten Angabe: „Die Prophylaxe senkte das Risiko einer HIV-Ansteckung unter den Probanden um mehr als 90 Prozent. Rein statistisch gesehen müssten in dieser Gruppe während der 24 Monate mehr als zehn Infektionen aufgetreten sein, tatsächlich steckte sich nur ein Teilnehmer an. Dieser habe aber phasenweise aufgehört, das Medikament zu nehmen.“ Für eine zweite Untersuchung heißt es: „Ein Team der Washington University konnte bei einer Untersuchung von 1000 Paaren in Kenia und Uganda zeigen, dass die Methode das Infektionsrisiko um 94 Prozent senkt.“ Es wird leider nicht klar, wie sich die 94 Prozent herleiten, da die Vergleichsgröße nicht angegeben wird. Positiv ist, dass der Nutzen in den sozialen Kontext gestellt wird, wenn etwa erklärt wird, wie hoch die Ansteckungsgefahr in einer bestimmten Community ist und wie sich Prep auf den Kondomgebrauch auswirken könnte.

1. In der Pressemitteilung ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der allgemeine Nutzen des Mittels wird deutlich und auch in Zahlen gefasst. So heißt es etwa (nachdem erklärt wurde, wie viele Personen an beiden Phasen der Studie teilgenommen hatten: „a single person, who in fact interrupted PrEP, was infected by HIV in the ‚open-label‘ phase. The incidence (the number of new cases) was therefore only 0.19 infections per 100 person-years of follow-up. The incidence in the Truvada arm during the double-blind phase was 0.91%.“

Wir werten knapp „erfüllt“, weil der relevante Vergleich die Ansteckrate in einer vergleichbaren Community ohne PrEP gewesen wäre. Zudem heißt es zum Kondom-Gebrauch nur, dass es einen „slight drop in condom-use“ gab, der in der „vast majority of cases“ durch PrEP kompensiert werden konnte. An dieser Stelle wäre eine Quantifizierung ebenfalls sinnvoll.

2. Im journalistischen Beitrag sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Auf die Nebenwirkungen des Medikaments wird nicht eingegangen. Es kommt zur Sprache, dass Prostituierte zu mehr Sex ohne Kondome genötigt werden könnten, wenn Freiern bekannt ist, dass die Frau das Mittel nimmt, und – was so aber nicht erklärt wird – damit z. B. das Risiko für die Übertragung auch anderer Erkrankungen erhöht wird. Bei einem Mittel, dass Prostituierte zum Beispiel täglich einnehmen sollten, wären konkrete Informationen zu den Nebenwirkungen ein wichtiger Aspekt.

2. In der Pressemitteilung sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Über die unerwünschten Nebenwirkungen der Therapie wie Übelkeit wurde nicht berichtet, obwohl dieses Mittel täglich eingenommen werden sollte. Der Artikel diskutiert zwar das Risiko, dass die Probanden seltener Kondome genutzt haben. Hier wird von einem „slightly drop“ gesprochen. Das Poster – gezeigt auf der AIDS-Konferenz in Durban – berichtet  aber auch davon, dass sich ein Drittel der Nutzer eine sexuell übertragbare Krankheit zugezogen haben, was indes in der Pressemitteilung nicht thematisiert wird.

3. Im journalistischen Beitrag ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Es gibt zwar Angaben zu den Teilnehmerzahlen der beiden angesprochenen Studien, und dass die Ipergay-Studie eine mehrjährige Untersuchung war. Wie sie indes genau aufgebaut waren, und wo die Grenzen in der Aussagekraft liegen, bekommen Leser nicht erklärt. Es wird zumindest deutlich, das die Ergebnisse der „Ipergay“-Studie auf einer Konferenz vorgestellt wurden. Ob sie indes auch in einem begutachteten Fachmagazin veröffentlicht wurden, bleibt offen.

3. In der Pressemitteilung ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Die Studientypen werden zwar genannt, aber die jeweiligen Limitierungen nicht reflektiert. Es wird auch nicht diskutiert, warum die Effektivität in der Open Label-Phase fast fünfmal so hoch war wie in der RCT-Phase. (RCT=randomised controlled trial=zufallsverteilte kontrollierte Studie).

4. Im journalistischen Beitrag werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen neben zwei Studienautoren und einer kenianischen Prostituierten auch die Geschäftsführerin der Deutschen Aids-Hilfe ausführlich zu Wort, die die Relevanz des Mittels im sozialen Kontext beleuchtet. Es gibt eine Information zur Finanzierung einiger Studien: „Die Stiftung von Bill Gates unterstützte den Pilotversuch unter 1000 kenianischen Sexarbeitern und will die Medikamente mit Zustimmung des Staates demnächst an 20 000 weitere Prostituierte in Kenia verteilen.“ Informationen zu möglichen Interessenkonflikten liefert der Artikel nicht.

4. In der Pressemitteilung wird auf INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG hingewiesen und es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert.

Die Finanzierung der Studie durch die staatliche französische Forschungsagentur wird erklärt, außer den Forschungsautoren kommt indes nur der Direktor der finanzierenden Stelle zu Wort. Ob Interessenkonflikte vorliegen, wird nicht erklärt, obwohl schon in der Veröffentlichung zum ersten Teil der Studie, die 2015 veröffentlicht wurde, mehrere Autoren angaben, solche Konflikte zu haben (siehe hier), weil sie zum Beispiel Honorare vom Hersteller (Gilead) des Mittels (TRUVADA) erhalten hatten. Darauf müsste unserer Meinung nach eine Pressemitteilung hinweisen. Wir werten knapp „nicht erfüllt“.

5. Der journalistischen Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Text geht deutlich über die Pressemitteilung hinaus.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium ist bei Pressemitteilungen nicht anwendbar, wir beschreiben dennoch die über den reinen Pressetext hinausgehenden Zusatzinformationen.

6. Der journalistische Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Lesern wird klar gemacht, dass es sich um ein relativ neues Medikament handelt, dass zum Beispiel erst 2013 in den USA zugelassen wurde und in zahlreichen Projekten derzeit getestet wird.

6. Die Pressemitteilung macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Die Neuigkeit der Studien und die einzelnen Phasen des Projekts werden sehr verständlich dargestellt. Es wird deutlich, dass es sich bei PreP um einen neuen Ansatz handelt.

7. Im journalistischen Beitrag werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Kondomgebrauch als Alternative wird nicht nur erwähnt, sondern auch mit dem Nutzen von PrEP direkt in Verbindung gesetzt, insofern als gerade Männer, die besonders gefährdet seien, es aber „nicht immer schaffen, ein Kondom zu verwenden“. Zudem heißt es: „Weitere Wirkstoffe befinden sich in einer fortgeschrittenen klinischen Phase. Für Frauen wird etwa derzeit ein Ring entwickelt, der in der Scheide antiretrovirale Wirkstoffe zur HIV-Prävention freisetzt.“ Wichtig ist auch die Einordnung am Ende des Artikels: „Jean-Michael Molina betont, PrEP sei sicher kein Ersatz für Kondome, sondern ein zusätzliches Werkzeug‘.“

7. In der Pressemitteilung werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Das Kondom als „Cornerstone of prevention“ wird angesprochen und ist sogar Thema eines der beiden Vorträge. Dass es inzwischen auch noch andere Ansätze gibt, wie den im journalistischen Artikel erwähnten Scheidenring, erfahren Leser nicht. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

8. Im journalistischen Beitrag wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird ausführlich erläutert, wann und wo das Mittel verfügbar ist und sein wird: „In den USA ist das Medikament unter dem Handelsnamen „Truvada“ seit 2013 auf dem Markt.“ Später heißt es dann: „Frankreich hat Anfang des Jahres als erstes Land in Europa Truvada zur HIV-Vorbeugung zugelassen.“ Für die Situation in der EU und Deutschland erklärt der Text: „Eine Zulassung von Truvada zur Prävention für die gesamte EU wird im Sommer oder Herbst erwartet. Der Wirkstoff, der auch zur Behandlung bestehender HIV-Infektionen eingesetzt wird, ist als „Off Label“ Medikament aber schon in Deutschland erhältlich.“

8. In der Pressemitteilung wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Zur Verfügbarkeit von PreP heißt es: „Pre-exposure prophylaxis, or PrEP, (…), is a new approach that is being implemented in several towns mainly in the United States, and will soon be in Europe. Paris will be the first European capital to launch an ambitious program of PrEP designed to reduce new infections in the groups most at risk.“ Später heißt es dann: „ANRS will soon roll out an ambitious operational research program in Paris and its suburbs among 3000 people at high risk of HIV infection (mainly MSM, transgender people, and migrants).“

Das hinterlässt den Eindruck, als ob das Mittel in Europa noch gar nicht verfügbar ist, was aber so nicht stimmt (siehe zum Beispiel zum Thema „Off-Label-Use“ in Deutschland den journalistischen Artikel). Es wird auch nicht ganz deutlich, ob das Mittel dann außerhalb von bestimmten Programmen verfügbar sein wird. Hier hätten wir uns etwas präzisere Angaben gewünscht. Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

9. Der journalistische Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Zu den konkreten Kosten des Mittels und auch der Kostenübernahme durch die Krankenkassen heißt es ausführlich: „Für 800 Euro pro Monat können es sich aber nur wenige leisten. ‚Es sollte auch in Deutschland von der Kasse bezahlt werden’, fordert Klumb, schränkt aber ein: ‚Die Preise müssen zuerst runter.’ Gleicher Zugang zur Präexpositionsprophylaxe für alle sei äußerst wichtig, betont Molina. Wenn es für manche zu teuer werde, führe das zu ungleicher Behandlung. Das Geld hält der Mediziner für gut angelegt – jede verhinderte HIV-Infektion spare die Kosten für die lebenslange Behandlung. Möglicherweise entschärft sich das Kostenproblem in den nächsten Jahren von selbst. In Frankreich werden erste generische Prep-Medikamente für Anfang 2017 erwartet – sie enthalten ähnliche Wirkstoffe wie Truvada, sind aber deutlich günstiger.“

9. Die Pressemitteilung geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten für das Mittel wird nicht eingegangen.

10. Der journalistische Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die Folgen einer HIV-Infektion und Aids werden nicht übertrieben dargestellt.

10. Die Pressemitteilung vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Aids und eine HIV-Infektion werden nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA des journalistischen Beitrags ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Aids ist ein wichtiges Thema, die Konferenz in Durban ein aktueller Anlass, um über neue Strategien in der Bekämpfung von Aids zu berichten.

1. Das THEMA der Pressemitteilung ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Anlass der Pressemitteilung ist die internationale Aidskonferenz in Durban, wo die aktuellen Studienergebnisse vorgestellt werden. Das Thema ist wichtig, da es eine mögliche neue Strategie für Prävention aufzeigen kann.

2. Die Darstellung des Themas ist im journalistischen Beitrag gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Ein insgesamt gut lesbarer, verständlicher und lebendig geschriebener Artikel, der gut den Spagat von Studienergebnissen zum Leben einer kenianischen Prostituierten hinbekommt. Der Text setzt die Problematik der Prävention auch in einen größeren Kontext und erklärt sie unter den verschiedenen Bedingungen in Afrika und Europa oder den unterschiedlichen Situationen für Homosexuelle und Heterosexuelle. Ein Begriff wie „Prep“ wird erklärt, andere wie „antiretroviral“ oder „Off Label“ müssen Leser indes versuchen, aus dem Zusammenhang zu verstehen.

2. Die Darstellung des Themas ist in der Pressemitteilung gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Ein insgesamt routiniert verfasster Text, der gut zu lesen ist. Es wird deutlich, dass die Studie insgesamt aus zwei Phasen bestand. Etwas ausführlicher hätte der Teil ausfallen können, in dem die Untersuchung zur Kondomnutzung beschrieben wird, weil er Leser mit zu vielen Fragen zurücklässt, da es weder konkrete Zahlen gibt, noch die Methode genauer erklärt wird.

3. Die Fakten im journalistischen Beitrag stimmen.

Zwei kleinere Fehler: Laut der Pressemitteilung ist die zweite Studie (das follow up) 20 und nicht 24 Monate gelaufen.

Am Ende des Artikels heißt es in einem Zitat: „Aber es ist nicht so, dass die Kondombenutzung zurückgeht“, in der Pressemitteilung ist dagegen von einem „slight drop in condom use“ die Rede. Wir werten daher nur knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten in der Pressemitteilung stimmen.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen.

 

Journalistischer Beitrag
Pressemitteilung
Medizinjournalistische Kriterien
8 von 10 erfüllt
5 von 9 erfüllt
Allgemeinjournalistische Kriterien
3 von 3 erfüllt
3 von 3 erfüllt
Gesamtbewertung

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...