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„Boomerang-Effekt“

„Boomerang-Effekt“

Der Tagesspiegel berichtet über eine Studie, nach der der derzeit einzige Impfstoff gegen Malaria bei Kindern kein gutes Ergebnis zeigt. Der Text erklärt verständlich, was die Ursache dafür ist, hätte aber bei einigen anderen Aspekten Lesern mehr Informationen geben können. Die Pressemitteilung bietet auch nicht wesentlich mehr.

Zusammenfassung

Journalistischer Beitrag 

Im New England Journal of Medicine wurde eine Studie veröffentlicht, in der der bisher einzige Impfstoff gegen Malaria an Kindern getestet wurde. Das Ergebnis war ernüchternd, denn am Ende der Studienzeit erkrankten mehr geimpfte Kinder als nicht geimpfte.

Der Tagesspiegel berichtet über die Ergebnisse der Studie und erklärt den fehlenden Nutzen ausführlich und verständlich, insbesondere den Rebound-Effekt. Auf spezifische Nebenwirkungen des Impfstoffs geht der Text indes nicht ein. Die Aussagekraft der Studie wird noch ausreichend hinterfragt, über die Pressemitteilung geht der Text indes nicht hinreichend hinaus. Unabhängige Experten für eine Einordung werden nicht zitiert. Der Text macht deutlich, dass an diesem Impfstoff schon lange geforscht wird, gibt indes fast keine Informationen zu Alternativen. Die Verfügbarkeit und die Kosten werden ebenfalls nicht ausreichend erläutert. Malaria wird in diesem ansonsten gut verständlichen Text nicht übertrieben dargestellt.

Pressemitteilung

Der Wellcome Trust berichtet in der Pressemitteilung „Efficacy of RTS,S malaria vaccine declines over seven years“ über eine Studie, in der der bisher einzige Impfstoff gegen Malaria an Kindern getestet wurde. Das Ergebnis war ernüchternd, denn am Ende der Studienzeit erkrankten mehr geimpfte Kinder als nicht geimpfte.

Die Pressemitteilung stellt den möglichen Nutzen noch ausreichend dar, erklärt indes nicht die Nebenwirkungen. Leser bekommen eine Information zur Aussagekraft der Studie. Es wird auf andere Studien verwiesen und die Finanzierung, u. a. durch den Wellcome Trust, hingewiesen. Der Text erläutert, dass der Impfstoff schon mehrfach in Studien untersucht wurde, und was das Neue dieser Studie ist. Informationen zu Alternativem, zur Verfügbarkeit oder den Kosten finden wir nicht hinreichend. Malaria wird in diesem klar strukturierten und meist verständlichen Artikel nicht übertrieben dargestellt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Im journalistischen Beitrag ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Nutzen, der sich aus dieser Studie ergibt, wird verständlich – auch wenn es eine negative Botschaft ist, weil es zum so genannten Rebound-Effekt kommt, und damit der Schutz durch die Impfung nicht nur nachlässt, sondern am Ende der Beobachtungszeit auch mehr geimpfte Kinder an Malaria erkrankten als nicht geimpfte: „(…) tendierte der Schutz nach drei Jahren gegen null. Im fünften Jahr erkrankten sie öfter an Malaria als ungeimpfte Kinder.“  Die Studieneinzelheiten werden zusammenfassend dargestellt und der Impfschutz in Prozent verglichen. Auch die Tatsache, dass absolute Zahlen (wie viele Kinder haben sich in beiden Gruppen in dem Testzeitraum infiziert) genannt werden, hilft dem Leser, den Vergleich gut zu verstehen. Gleich am Anfang wird deutlich gemacht, dass ein langfristiger Schutz nicht erzielt wird mit dieser Impfung.

1. In der Pressemitteilung ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Text macht allgemein klar, was die Impfung bringen soll, und dass die Effektivität über die Zeit sinkt. Die Ergebnisse werden auch in Zahlen gefasst, sodass zumindest der Abfall der Effektivität deutlich wird, ergänzt durch absolute Zahlen für den Vergleich am Ende des Projekts: „During the first year, the risk of getting malaria in the vaccinated children was 35.9% less than in the control group, but after seven years this protection fell to 4.4%. In children exposed to higher than average rates of malaria, there were slightly more cases of the disease (1,002 cases) in the vaccinated group compared with the control group (992 cases) five years after vaccination.“

Bei den Angaben zu einer weiteren Studien handelt es sich ebenfalls nur um relative Risikosenkungen: „Results from a different, larger phase III study found that three doses of RTS,S reduced the risk of malaria in young children by 28% over four years, but this improved to 36% when children were given a fourth dose 18 months after the first dose.“

2. Im journalistischen Beitrag sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Zwar wird das Risiko des „Rebound-Effektes“ besprochen, welche Nebenwirkungen die Impfung selbst entwickelt, erklärt der Artikel nicht. Wir werten knapp „nicht erfüllt“.

2. In der Pressemitteilung sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Zwar wird das Risiko des „Rebound-Effektes“ erklärt, welche Nebenwirkungen die Impfung selbst entwickelt, erklärt der Artikel nicht. Wir werten knapp „nicht erfüllt“.

3. Im journalistischen Beitrag ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Es wird deutlich, wie die Studie in etwa aufgebaut war, Leser bekommen erklärt, dass es eine Kontrollgruppe gab, und dass die Kinder zufällig zugeteilt wurden. Hilfreich wäre es für viele Leser gewesen, zu erfahren, warum dies wichtige Aspekte für eine aussagekräftige Studie sind. Zugleich wird am Ende auch noch angedeutet, dass die Ergebnisse nur eingeschränkt zu betrachten sind: „Dennoch rät er bei der Interpretation der kleinen Fallzahlen zu Vorsicht.“ Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

3. In der Pressemitteilung ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Die Studie wird nachvollziehbar erklärt, auch wenn ein Hinweis auf das genaue Studiendesign fehlt. Es wird deutlich, dass zu Beginn mehr Kinder teilnahmen als am Ende, und über welchen Zeitraum die Studie lief. Wichtig für Leser ist der Hinweis am Ende des Textes: „While our results raise the possibility that being exposed to very high levels of malaria parasites may undo some of the benefits of RTS,S, our sample size was too small to draw any definitive conclusions about the long-term efficacy of the vaccine.“

4. Im journalistischen Beitrag werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen keine unbeteiligten Experten für eine Einordnung zu Wort. Es wird lediglich ein Wellcome-Mitarbeiter zitiert (der „Head of Infections at the Wellcome Trust“). Vor allem ist die Rolle des Wellcome-Trust als Mitfinanzier der Studie nicht benannt. Der Aspekt möglicher Interessenkonflikte wird nicht thematisiert.

4. In der Pressemitteilung wird auf INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG hingewiesen und es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert.

Es ist für die Leser dieser Pressemitteilung wichtig zu wissen, dass hier nicht eine gemeinnützige Organisation eine Pharmastudie bewertet, sondern dass die Organisation über ihre eigene Studie berichtet. Das wird im zweiten Absatz deutlich, der beschreibt, dass Forscher des „KEMRI-Wellcome Trust Research Programme“ in Kenia die Studie betreuen. Im letzten Satz der Pressemitteilung ist dann die Finanzierung angeführt und klargestellt, dass Wellcome einer von drei Financiers ist: „This study was funded by the PATH Malaria Vaccine Initiative, GlaxoSmithKline and Wellcome.“ Insgesamt werden drei Wellcome-Mitarbeiter zitiert, wörtlich kein anderer Experte. Die Pressemitteilung verweist aber auch auf andere Studien, etwa beim „Rebound-Effekt“, der aus früheren Studien bekannt sei. Explizit wird eine andere Studie erwähnt bei der Frage, ob eine vierte Impfung notwendig sein könnte: „Results from a different, larger phase III study found that three doses of RTS,S reduced the risk of malaria in young children by 28% over four years, but this improved to 36% when children were given a fourth dose 18 months after the first dose. Longer-term follow up of these children is ongoing.“

5. Der journalistischen Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Bericht liefert lediglich Informationen zu dieser einen Studie. Auch wenn der Text am Anfang einige Informationen liefert, die nicht in der Pressemitteilung enthalten sind und auch nicht direkt Formulierungen aus der Pressemitteilung übernommen sind, halten wir dies in diesem Fall für nicht ausreichend und werten knapp „nicht erfüllt“.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium ist bei Pressemitteilungen nicht anwendbar, wir beschreiben dennoch die über den reinen Pressetext hinausgehenden Zusatzinformationen.

6. Der journalistische Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Im Bericht heißt es, dass „seit 30 Jahren“ an dem Impfstoff „Mosquirix, auch bekannt als RTS,S“ geforscht wird, „dem ersten Impfstoff gegen Malaria“. Nicht ganz deutlich wird, in welchem Stadium sich der Impfstoff befindet. Der Text macht indes klar, was das Neue dieser Studie ist.

6. Die Pressemitteilung macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird klar, dass der Malaria-Impfstoff bereits mehrfachen in Studien getestet wird/wurde, und dass diesmal erstmals ein längerer Zeitraum seit Impfbeginn beobachtet wurde. Damit konnte auch erstmals die schwindende Effektivität belegt werden. Es wird auch klar, dass es um die erste Malaria-Impfung überhaupt geht. Das ordnet die Pressemitteilung direkt im ersten Absatz ein: „Last year it became the first-ever malaria vaccine to receive a green light from the European Medicines Agency.“

7. Im journalistischen Beitrag werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Lediglich in der Bildunterzeile wird eine Alternative erwähnt: „Löchriger Schutz. Wer sein Kind gegen Malaria impfen lässt, sollte trotzdem nicht auf Moskitonetze verzichten.“ Andere Maßnahmen zur Prävention der Malaria wie Trockenlegung von Sumpfgebieten, der Schutz durch Kleidung, das Besprühen der Wohnräume mit Chemikalien und das Einreiben der Haut mit Mücken-abweisenden Substanzen werden nicht erwähnt. Ob andere Impfstoffe in der Erprobung sind, bleibt ebenfalls offen. Wir werten daher knapp „nicht erfüllt“.

7. In der Pressemitteilung werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Auf Alternativen zur Impfung geht der Text nicht ein. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Malaria zu bekämpfen, darunter ökologische wie Trockenlegung der Brutstätten, chemische Barrieren in den Schlafräumen, Netze und Hautschutz gegen die Mücken.

8. Im journalistischen Beitrag wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Hierzu macht der Text keine eindeutigen Informationen. Es wird an keiner Stelle explizit erwähnt, dass der Impfstoff außerhalb von Studien nicht verfügbar und nicht zugelassen ist. Hilfreich wäre die Information gewesen, dass GlaxoSmithKline 2014 die Zulassung in Europa beantragte und die Europäische Arzneimittel-Agentur das Mittel 2015 nur empfohlen hat. Zudem ging aus der Pressemitteilung klar hervor, dass die Impfung noch nicht weltweit verfügbar ist.

8. In der Pressemitteilung wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Die Verfügbarkeit finden wir nicht deutlich genug erklärt, weil sie zum Teil widersprüchlich erscheint. Zu Beginn heißt es: „Last year it became the first-ever malaria vaccine to receive a green light from the European Medicines Agency.“ Später dann: „Earlier this year, the WHO recommended further evaluation of the four-dose regimen of RTS,S in a pilot implementation programme in sub-Saharan Africa, to address several knowledge gaps before the vaccine might be rolled out more widely.“ Zum „green light“ der EU heißt es am Ende: „In July 2015, it received a positive opinion from the European Medicines Agency.“

9. Der journalistische Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Informationen zu möglichen Kosten und wer diese übernehmen soll, gerade in Ländern wie auf dem afrikanischen Kontinent, gibt es nicht. Es gibt lediglich den Hinweis zu den erfolgten Investitionen: „Ein Konsortium aus Stiftungen, Regierungen und der Firma GlaxoSmithKline hat mehr als 550 Millionen Dollar investiert.“ Wir werten „nicht erfüllt“.

9. Die Pressemitteilung geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Weder die voraussichtlichen Kosten einer einzelnen Impfung sind angesprochen, noch, wer diese übernehmen würde, noch die Kosten für die Entwicklung des Impfstoffs.

10. Der journalistische Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Malaria wird nicht übertrieben dargestellt.

10. Die Pressemitteilung vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Malaria wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA des journalistischen Beitrags ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Der Artikel erschien drei Tage, nachdem die Pressemitteilung und der Fachartikel veröffentlicht wurden. Damit ist das Thema aktuell. Relevant ist es auch, denn Malaria ist eine der gefährlichsten Krankheiten mit mehreren hunderttausend Toten pro Jahr, darunter vor allem kleine Kinder. Zugleich handelt es sich um den derzeit einzigen verfügbaren Impfstoff.

1. Das THEMA der Pressemitteilung ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Angesichts der großen Bedeutung einer wirklich erfolgreichen Malariaimpfung ist das Thema relevant. Es handelt sich um eine wichtige Langzeitbeobachtung mit wichtigen, wenn auch negativen Schlussfolgerungen für den Impferfolg.

2. Die Darstellung des Themas ist im journalistischen Beitrag gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text ist insgesamt nachrichtlich gehalten. Die Studie und ihre Kernaussage sind leicht verständlich gemacht. Das gilt vor allem für die biologische Erklärung des sogenannten Rebound-Effekts. Der Text macht im Ganzen deutlich, wie enttäuschend diese Impfung im Moment ist. Dass die Infektion nur nach hinten „verschoben“ wird, macht das Versagen sehr deutlich. Die höhere Gefährdung in späteren Jahren wird klarer herausgestellt, als etwa in der Pressemitteilung.

2. Die Darstellung des Themas ist in der Pressemitteilung gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Die Pressemitteilung des Wellcome-Trusts ist klar strukturiert. Auf die Kernaussage folgt die Erläuterung der Studie, dann die Bewertung der Ergebnisse durch die Forscher. Am Ende gibt es einen Absatz zur Bedeutung der Krankheit und der Impfung sowie einen Satz zur Finanzierung der Studie. Die Formulierungen sind weitgehend verständlich, wenn auch vereinzelt nur für fachkundige Leser. Daher werten wir auch nur knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten im journalistischen Beitrag stimmen.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen.

3. Die Fakten in der Pressemitteilung stimmen.

Faktenfehler haben wir keine gefunden.

Journalistischer Beitrag
Pressemitteilung
Medizinjournalistische Kriterien
4 von 10 erfüllt
5 von 9 erfüllt
Allgemeinjournalistische Kriterien
3 von 3 erfüllt
3 von 3 erfüllt
Gesamtbewertung

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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