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„Studie: Einnahme von Arzneien reduziert Aids-Übertragungsrisiko fast komplett“

„Studie: Einnahme von Arzneien reduziert Aids-Übertragungsrisiko fast komplett“

Laut einer Studie senkt die HIV-Standardtherapie eines Infizierten das Risiko einer Ansteckung für den nichtinfizierten Partner erheblich. Der Agenturtext auf stern.de wie auch die Pressemitteilung des Fachverlags machen deutlich, dass diese Studie alleine aber nicht ausreicht, um völlige Entwarnung zu geben.

Zusammenfassung

Journalistischer Beitrag 

Stern.de übernimmt eine Agenturmeldung von AFP, nach der laut einer Studie im Fachmagazin JAMA bei Paaren die antiretrovirale HIV-Standardtherapie des Infizierten das Risiko für eine Ansteckung des nichtinfizierten Partners erheblich senken könne.

Der mögliche Nutzen wird noch ausreichend deutlich, die Risiken und Nebenwirkungen der Therapie indes nicht. Leser bekommen Hinweise, dass diese Studie nicht ausreicht, um das Risiko genauer abzuschätzen. Es kommt ein nicht an der Studie beteiligter Experte zu Wort, über die Pressemitteilung geht der Text indes nicht hinaus. Der Artikel erklärt nur teilweise, was das Neue an dieser Studie ist, und geht nicht hinreichend auf Alternativen ein. Aids und HIV werden in diesem aktuell berichteten und insgesamt gut verständlichen Text nicht übertrieben dargestellt.

Pressemitteilung

Die Pressemitteilung des JAMA Networks „Study examines risk of HIV transmission from condomless sex with virologically suppressed HIV infection“ berichtet, dass bei Paaren die antiretrovirale HIV-Standardtherapie des Infizierten das Risiko für eine Ansteckung des nichtinfizierten Partners erheblich senken könne.

Der mögliche Nutzen wird ausreichend deutlich, die Risiken und Nebenwirkungen der Therapie indes nicht ganz. Leser bekommen Hinweise, dass diese Studie nicht ausreicht, um das Risiko genauer abzuschätzen. Es kommt ein nicht an der Studie beteiligter Experte zu Wort. Der Artikel erklärt nicht, was das Neue an dieser Studie ist, und geht nicht hinreichend auf Alternativen ein. Aids und HIV werden in diesem fachlich guten, indes für Laien und Allgemeinjournalisten eher schwer verständlichen Text nicht übertrieben dargestellt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Im journalistischen Beitrag ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Artikel stellt das Ergebnis der Studie insgesamt sachlich richtig dar. Zwar hat sich niemand während der Untersuchung bei seinem Partner mit HIV infiziert, ein Restrisiko lasse sich trotzdem nicht ausschließen.

Der Nutzen in Überschrift und Vorspann finden wir zu positiv dargestellt, auch wenn die Ergebnisse im Folgenden eingeordnet und somit relativiert werden. Schon im Titel heißt es: „Einnahme von Arzneien reduziert Aids-Übertragungsrisiko fast komplett“. Weiter geht es im Text: „Die Einnahme gängiger Aids-Medikamente kann das Risiko einer Übertragung des HI-Virus von einem infizierten auf einen gesunden Partner fast auf Null absenken, auch wenn der Geschlechtsverkehr ungeschützt verläuft.“

Wir hätten hier eine zurückhaltendere Beschreibung für angemessen gefunden, da es sich zum Beispiel nur um die Ergebnisse einer Studie handelt.

1. In der Pressemitteilung ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Die Pressemitteilung berichtet sachlich und richtig über das Ergebnis der Studie (keiner der Teilnehmer hat sich während der Untersuchung bei seinem Partner mit HIV infiziert, obwohl einige beim Sex kein Kondom benutzen) ohne die Resultate zu überhöhen. Der Text erklärt nicht, dass man mit einer HIV-Therapie nicht mehr ansteckend ist. Im Gegenteil, vor allem durch die Einordnung des Experten im Editorial wird klar, dass man lediglich sagen kann, dass das Risiko für eine Infektion bei Paaren, bei denen der Infizierte sehr gut mit Medikamenten eingestellt ist, klein zu sein scheint.

2. Im journalistischen Beitrag sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Der Artikel macht zwar deutlich, dass sich auch mit dieser Methode ein Restrisiko für eine Ansteckung nicht ausschließen lasse. Andere Aspekte dagegen spricht er nicht an. So lässt sich das Risiko vor allem bei Analsex noch nicht ausreichend bestimmen. Außerdem könnte das Risiko einer Ansteckung für andere Erkrankungen erhöht sein, wenn der gesunde Partner an einer weiteren sexuell übertragbaren Krankheit leidet. Nebenwirkungen der antiretroviralen Therapie werden gar nicht angesprochen.

2. In der Pressemitteilung sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Die Pressemitteilung macht zwar deutlich, dass das Risiko einer Ansteckung nicht ausgeschlossen ist. So sei etwa nicht klar, wie lange das Virus durch die Behandlung schon zurückgedrängt worden sein muss, um das Risiko möglichst klein zu halten. Andere Punkte dagegen spricht der Text gar nicht an. So könnte das Risiko einer Ansteckung erhöht sein, wenn der gesunde Partner an einer weiteren sexuell übertragbaren Krankheit. Nebenwirkungen der Mittel werden gar nicht angesprochen.

3. Im journalistischen Beitrag ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

An zwei Stellen wird die Aussagekraft der Daten eingeordnet: Die Studienautoren werden mit der Aussage zitiert, „für die Antwort auf die Frage, ob ungeschützter Sex in solchen Fällen grundsätzlich unbedenklich sei, müssten indes noch weitere Untersuchungen angestellt werden“. In die gleiche Richtung zielt ein Zitat aus dem Editorial, wonach es „weiterer Untersuchungen [bedürfe], um dieses Risiko genau abschätzen zu können.“ Wünschenswert wäre die zusätzliche Information gewesen, dass insbesondere das Risiko bei analem Sex und bei ungeschütztem Sex über einen längeren Zeitraum trotz der Studie noch unklar ist. Auch wären Informationen für das Verständnis hilfreich gewesen, warum diese Studie hier nur bedingt Aussagen zum Risiko der Ansteckung machen kann, wo also die Grenzen den Aussagekraft liegen.

3. In der Pressemitteilung ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Die Pressemitteilung erklärt, wie die Studie aufgebaut war, wie viele Teilnehmer sie hatte, wie lange sie lief – alles Punkte, die Hinweise auf die Qualität der Untersuchung verraten können. Der Text macht zudem auf eine wichtige Einschränkung aufmerksam. Die Forscher hatten angemerkt: „Additional longer-term follow-up is necessary to provide a similar level of confidence for the risk from anal sex compared to vaginal sex.“ Es wird klar, dass diese eine Studie nicht aussagekräftig genug ist, um wirklich ausreichend sichere Aussagen machen zu können.

4. Im journalistischen Beitrag werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENKONFLIKTE hingewiesen.

Im Artikel wird ein unbeteiligter Experte aus dem Editorial mit einer Einschätzung zur Studie kurz zitiert. Auf mögliche Interessenkonflikte wird nicht eingegangen, obwohl diese recht umfangreich am Ende des Fachartikels ausfallen. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“. Informationen zur Finanzierung der Studie gibt es ebenfalls nicht.

4. In der Pressemitteilung wird auf INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG hingewiesen und es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert.

Es gibt eine Einordung durch einen unbeteiligten Experten aus einem begleitenden Editorial. Es finden sich Informationen zur Finanzierung der Studie. Informationen zu Interessenkonflikten finden sich nicht in der Pressemitteilung, es gibt aber zumindest einen Hinweis, dass diese Informationen im Fachartikel zu finden sind. Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

5. Der journalistischen Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag gibt in verkürzter Form die Informationen aus der Pressemitteilung inklusive eines Zitats aus dem Editorial wieder, das ebenfalls in der Pressemitteilung zu finden ist. Darüber hinausgehende Informationen liefert der Artikel nicht.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium ist bei Pressemitteilungen nicht anwendbar, wir beschreiben dennoch die über den reinen Pressetext hinausgehenden Zusatzinformationen.

6. Der journalistische Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Im Artikel wird zum Teil erklärt, was das Neue an dieser Studie ist: „Zu diesem Ergebnis kommt die bislang umfangreichste Untersuchung von Paaren, bei denen ein Partner HIV-positiv und der andere HIV-negativ ist.“ Dies stellt indes nur einen Teil der Neuheit der Studie dar. Im Diskussionsteil des Fachartikels schreiben die Autoren: „This study provides the first estimate to our knowledge of HIV transmission risk through condomless anal sex in which the HIV-positive partner is taking ART with suppressed plasma HIV viral load and also provides an estimate of the absolute rate of HIV transmission through condomless heterosexual sex.“ Da dies so nicht deutlich wird, werten wir nur knapp „erfüllt“.

6. Die Pressemitteilung macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Text erklärt Lesern und Journalisten nicht, was das eigentlich Neue dieser Studie ist.

7. Im journalistischen Beitrag werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Schutz durch Kondome wird nicht explizit als Alternative oder zusätzlicher Schutz zur Virusunterdrückung genannt, lediglich in einem Nebensatz angedeutet. Dabei heißt es in der Studie selbst: „Clinic staff were asked to recommend consistent condom use at each study contact.“ Hinweise auf neuere Mittel wie etwa Truvada, die Nicht-Infizierte schützen könnten, gibt es gar nicht.

7. In der Pressemitteilung werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Vergleichende Hinweise auf neuere Mittel wie Truvada, die Nichtinfizierte schützen könnten, gibt es nicht. Der Schutz durch Kondome wird nicht explizit als Alternative oder zusätzlicher Schutz zur Virusunterdrückung genannt. Dabei heißt es in der Studie selbst: „Clinic staff were asked to recommend consistent condom use at each study contact.“

8. Im journalistischen Beitrag wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Dass eine antivirale Therapie gegen Aids breit verfügbar ist, dürfte bekannt sein und muss nicht gesondert erklärt werden.

8. In der Pressemitteilung wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Dass eine antivirale Therapie gegen Aids breit verfügbar ist, dürfte bekannt sein und muss nicht gesondert erklärt werden.

9. Der journalistische Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten der antiviralen Therapie geht der Artikel zwar nicht ein. Da es sich indes auch um eine etablierte Therapie und eine sehr spezielle Fragestellung handelt, bei der es nicht um die Frage geht, ob Betroffene sich für diese oder eine andere Therapie entscheiden sollten, halten wir es in diesem Fall für noch vertretbar, dass im Artikel keine Informationen zu den Kosten gegeben werden. Die Information betrifft zudem nur Menschen, die bereits die Therapie nutzen, und die daher wissen, was sie kostet, bzw. wie die Kostenübernahme geregelt ist.

9. Die Pressemitteilung geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten der antiviralen Therapie geht der Artikel nur indirekt ein, indem darauf hingewiesen wird, dass das Übertragungsrisiko von HIV durch Geschlechtsverkehr ohne Kondom ein Schlüsselfaktor für die Kosten-Nutzen-Bewertung der antiviralen Therapie sei: „key factor in assessing the effectiveness and cost-effectiveness of antiretroviral therapy (ART) as a prevention strategy is the absolute risk of HIV transmission through condomless sex with suppressed HIV-1 RNA viral load for both anal and vaginal sex.“

Da es sich indes auch um eine etablierte Therapie und eine sehr spezielle Fragestellung handelt, bei der es nicht um die Frage geht, ob Betroffene sich für diese oder eine andere Therapie entscheiden sollten, halten wir es in diesem Fall für noch vertretbar, dass in der Pressemitteilung keine Informationen zu den Kosten angegeben werden. Die Information betrifft zudem nur Menschen, die bereits die Therapie nutzen, und daher wissen, was sie kostet, bzw. wie die Kostenübernahme geregelt ist.

10. Der journalistische Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die HIV-Infektion wird nicht übertrieben dargestellt.

10. Die Pressemitteilung vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

HIV und Aids werden nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA des journalistischen Beitrags ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Es handelt sich um eine aktuell berichtete Studie zu einem erkennbar relevanten Thema.

1. Das THEMA der Pressemitteilung ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Es handelt sich um eine aktuell berichtete Studie zu einem erkennbar relevanten Thema.

2. Die Darstellung des Themas ist im journalistischen Beitrag gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text ist nachrichtlich aufgebaut und gut formuliert. Der Artikel ist bis auf kleine Ausnahmen (wie „Virus-Last“) gut zu verstehen. Dem Artikel fehlt jedoch zumindest eine kurze Einführung. Die Überschrift und der Vorspann hätte man zurückhaltender formulieren können, etwa durch Verwendung des Konjunktivs. Der Vorspann bricht mitten im Satz ab, und wird dann als Textanfang wiederholt und zu Ende geführt.

2. Die Darstellung des Themas ist in der Pressemitteilung gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Fachlich ist die Pressemitteilung sehr gut, journalistisch dagegen nicht. Die Pressemitteilung ist kein Text, den man gerne liest, da er sehr nüchtern, fast fachlich gehalten ist. Es fehlen Absätze, die in das Thema einführen. Die vielen Zahlen und Einschübe stören den Lesefluss. Auch wenn viele Fremdwörter erklärt werden, wird ein Laie noch immer Probleme beim Verständnis haben (z. B. „HIV-1 RNA load less than 200 copies/ml, couple-years of follow-up (…)“). Der Text ist eher an den Bedürfnissen von Fachjournalisten orientiert als von Laien und Allgemeinjournalisten. Daher werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten im journalistischen Beitrag stimmen.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen.

3. Die Fakten in der Pressemitteilung stimmen.

Faktenfehler sind uns keine aufgefallen.

Da vier der medizinjournalistischen Kriterien nur knapp „erfüllt“ sind, werten wir das Gesamtergebnis des journalistischen Artikels um einen Stern ab.

Journalistischer Beitrag
Pressemitteilung
Medizinjournalistische Kriterien
7 von 10 erfüllt
6 von 9 erfüllt
Allgemeinjournalistische Kriterien
3 von 3 erfüllt
2 von 3 erfüllt
Gesamtbewertung

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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