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„Bessere Chancen bei Magenkrebs“

„Bessere Chancen bei Magenkrebs“

In einem kurzen Text berichtet die Frankfurter Rundschau über eine Studie, nach der ein neues Chemotherapie-Schema besser abschneiden soll als das etablierte. Der Artikel wie auch die längere Pressemitteilung der Klinik lassen wesentliche Angaben zur Studie, zum Nutzen und den Risiken vermissen. Dass es sich nur um Zwischenergebnisse handelt, berücksichtigen beide zu wenig.

Zusammenfassung

Journalistischer Beitrag

Die Frankfurter Rundschau weist in einem rund 1800 Zeichen kurzen Artikel auf Zwischenergebnisse einer Studie hin, nach der ein neues Schema für eine Chemotherapie (FLOT) gegen Speiseröhren- und Magenkrebs das Überleben für Betroffene wahrscheinlicher machen könnte als das etablierte Schema. Der mögliche Nutzen ist nicht ausreichend konkret dargestellt, auch die Unsicherheiten der Ergebnisse hätten deutlicher gemacht werden müssen. Auf Risiken und Nebenwirkungen geht der Artikel gar nicht ein. Wie aussagekräftig die Studie ist, erfahren Leser ebenfalls nicht in ausreichendem Maße. Eine Einordnung durch einen unbeteiligten Experten fehlt, über die Pressemitteilung geht der Artikel nicht hinaus. Der Text macht zwar klar, dass es sich um einen neuen Ansatz handelt, und erklärt die etablierte Methode kurz, die Informationen zur Verfügbarkeit reichen indes nicht aus. Auch zu den Kosten gibt es keine Angaben. Die beiden Krebsformen werden nicht übertrieben dargestellt. Problematisch finden wir insbesondere, dass der Nutzen zu Beginn (im Titel und im ersten Satz) als Fakt dargestellt wird, obwohl es sich erst um Zwischenergebnisse handelt. Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll ein solcher Artikel ist, der zudem mit zwei Monaten Verspätung erscheint.

Hinweis: Da der Artikel online nicht frei verfügbar ist, zitieren wir ausführlicher als sonst üblich.

Pressemitteilung

Das Krankenhaus Nordwest in Frankfurt macht in der Pressemitteilung „Erste Ergebnisse einer deutschlandweiten Studie des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung finden internationale Anerkennung“ auf Zwischenergebnisse einer Studie aufmerksam, in der ein neues Schema für eine Chemotherapie (FLOT) gegen Speiseröhren- und Magenkrebs das Überleben für Betroffene wahrscheinlicher machen könnte als das etablierte Schema.

Der mögliche Nutzen wird nicht ausreichend beschrieben, auf Risiken und Nebenwirkungen geht der Text gar nicht ein. Die Aussagekraft der Studie bleibt offen, die Unsicherheit angesichts der Tatsache, dass es sich nur um ein Zwischenergebnis handelt, wird nicht ausreichend deutlich gemacht. Die Finanzierung der Studie oder mögliche Interessenkonflikte werden nicht erklärt. Der Text macht deutlich, dass es sich um einen neuen Ansatz handelt und erklärt das etablierte Verfahren. Die Verfügbarkeit und die Kosten werden indes nicht ausreichend bzw. gar nicht deutlich. Die beiden Krebstypen werden nicht übertrieben dargestellt.

Angesichts der fehlenden Informationen zur Aussagekraft der Studie und der Tatsache, dass es sich nur um ein Zwischenergebnis handelt, finden wir den teils euphorischen Ton in dieser zwei Monate verspäteten Pressemitteilung problematisch.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Im journalistischen Beitrag ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Es werden nur relative Zahlen zum möglichen Nutzen angegeben:

„Patienten mit Krebs des Magens und der Speiseröhre haben bessere Aussichten, ihre Erkrankung langfristig zu überleben, wenn sie mit der sogenannten „FLOT-Therapie“ behandelt werden. Darauf deuten ersten Ergebnisse (…). (…) je kleiner diese [Wucherung] vor dem Eingriff ist, desto größer sind die Chancen, dass ein Patient danach tumorfrei ist. Das hätten 16 Prozent nach Ende der „FLOT“-Chemotherapie erreicht (…). Bei bestimmten Tumortypen habe man sogar in 23 Prozent der Fälle keinen Tumor mehr nachweisen können. Mit der Standardtherapie hingegen sei dieser bei nur etwa sechs Prozent der Patienten vollständig zurückgegangen.“

Es fehlen absolute Zahlen und jegliche Angaben, wie viele Patienten überhaupt behandelt wurden. Auch gibt es keine Angaben, wie groß der Unterschied im Therapieerfolg nach Abschluss der gesamten Therapie (also Chemotherapie und anschließende Operation) ist.

1. In der Pressemitteilung ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Die Pressemitteilung nennt lediglich relative Zahlen zum Rückgang des Tumors unter der vorgestellten neuen Therapie und der bisher üblichen Standardtherapie. Wie viele Patienten tatsächlich von der neuen Therapie profitierten, bleibt offen.

2. Im journalistischen Beitrag sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Risiken und Nebenwirkungen werden weder für die FLOT-Chemotherapie noch für das herkömmliche Therapieschema genannt.

2. In der Pressemitteilung sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Der Text macht weder für das neue Verfahren noch zur Standardtherapie Angaben zu Risiken und Nebenwirkungen. Gerade bei so aggressiven Behandlungen wie einer Chemotherapie wäre dies eine wichtige Information gewesen.

3. Im journalistischen Beitrag ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Es wird kurz erklärt, dass es sich um neue, noch nicht bestätigte Studienergebnisse handelt. Doch zum Design der Studie erfährt man nichts, außer dass vierzig Zentren beteiligt sind.

„Darauf deuten ersten Ergebnisse einer Studie des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt unter Leitung von Salah-Eddin Al-Batran hin, an der deutschlandweit mehr als 40 medizinische Zentren beteiligt sind. Die Probanden sind Patienten mit operablen Tumoren des Magen oder der Speiseröhre, die noch keine Metastasen in entfernten Organen gebildet haben.“

Weder wird angegeben, wie groß die Zahl der Studienteilnehmer war, noch ob die Studie randomisiert, verblindet usw. durchgeführt wurde; die Aussagekraft der Studie wird Lesern nicht erklärt. Den Hinweis, dass die Ergebnisse „darauf hindeuten“, finden wir nicht ausreichend.

Die Bezeichnung als „große Studie“ (Vorspann: „Große Studie zur Wirksamkeit eines neuen Chemotherapie-Schemas“) erscheint in diesem Zusammenhang (eines vorläufigen Ergebnisses) fragwürdig, denn von den 714 Teilnehmern wurden laut Zusammenfassung der Studie erst 265 ausgewertet. Die Ergebnisse sind so für Leser nicht einzuordnen.

3. In der Pressemitteilung ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Es wird zwar betont, wie wichtig die Studie sei („late breaking abstract“, Beteiligung von 40 Zentren), aber es fehlen jegliche Informationen für Leser und Journalisten, die es ermöglichen würden, die Qualität und Aussagekraft der Studie einzuordnen (Zahl der eingeschlossenen Patienten, Verblindung, Randomisierung etc.).

4. Im journalistischen Beitrag werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird lediglich der Studienautor indirekt zitiert. Auf mögliche Interessenkonflikte und die Finanzierung der Studie wird nicht eingegangen. Es heißt nur, dass das Verfahren am Krankenhaus des zitierten Mediziners entwickelt wurde.

4. In der Pressemitteilung wird auf INTERESSENSKONFLIKTE und die FINANZIERUNG hingewiesen und es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert.

Als externe Bewertung mag die Würdigung als „late breaking abstract“ gelten (die für Laien und viele Journalisten kaum einzuordnen ist). Doch es fehlen jegliche Angaben zu möglichen Interessenkonflikten oder zur Finanzierung der Studie.

5. Der journalistischen Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Im Artikel sind keinerlei Informationen zu finden, die über die Pressemitteilung hinausgehen.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium ist bei Pressemitteilungen nicht anwendbar, wir beschreiben dennoch die über den reinen Pressetext hinausgehenden Zusatzinformationen.

Es gibt nur Kontaktdaten von Pressestellenmitarbeitern, keine Angaben zum Mediziner. Einen Link zum Abstract der Konferenz oder zu den Basisdaten der Studie fehlen.

6. Der journalistische Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Das Verfahren wird als „neues Chemotherapie-Schema“ beschrieben. Wie lange es dieses Verfahren gibt, und wann es entwickelt wurde, bleibt indes offen. Wir werten knapp „erfüllt“.

6. Die Pressemitteilung macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird deutlich, dass es sich um ein neues Therapieschema handelt. Doch wird nicht erwähnt, dass die Klinik bereits Studien mit dem gleichen Schema bei Patienten mit metastasiertem Magen- und Speiseröhrenkrebs durchgeführt hat.

7. Im journalistischen Beitrag werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird die übliche Standard-Chemotherapie als Alternative genannt, da sie in der Studie im Vergleich untersucht wurde. Ob es andere Schemata gibt, bleibt offen.

7. In der Pressemitteilung werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Das neue Therapieschema wird mit dem derzeit üblichen Verfahren verglichen. Zusätzlich interessant wäre es gewesen zu erfahren, ob es weitere Alternativen gibt, bzw. ob andere Verfahren derzeit in Studien erprobt werden.

8. Im journalistischen Beitrag wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Zwar wird klar, dass die vorgestellte FLOT-Therapie noch in einer Studie untersucht wird, also bisher nicht als Standardtherapie verfügbar ist. Doch wäre für Betroffene z.B. wichtig zu erfahren, ob sie im Rahmen dieser Studie behandelt werden können bzw. ob es andere Möglichkeiten gibt, diese Therapie zu erhalten. Dazu fehlen jegliche Informationen. Wir werten knapp „nicht erfüllt“, weil zumindest die Information, dass das Verfahren deutschlandweit an mehr als 40 Zentren untersucht würde, auf eine gewisse Verbreitung über diese Klinik hinaus schließen lässt.

8. In der Pressemitteilung wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird nicht deutlich, ob weitere Patienten in die Studien aufgenommen werden können (tatsächlich scheint die Rekrutierung abgeschlossen zu sein), bzw. ob es andere Möglichkeiten gibt, diese Therapie zu erhalten. Leser können sich zumindest erschließen, dass das Verfahren über die Klinik hinaus an den 40 beteiligten Zentren möglich sein könnte.

9. Der journalistische Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Beitrag macht keinerlei Angaben zu den Kosten (auch nicht im Vergleich zum Standardverfahren) und der mögliche Übernahme durch Krankenkassen.

9. Die Pressemitteilung geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Beitrag geht nicht auf die Kosten der Therapie ein.

10. Der journalistische Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Magen- bzw. Speiseröhrenkrebs werden nicht übertrieben dargestellt.

10. Die Pressemitteilung vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING). 

Magen- bzw. Speiseröhrenkrebs werden nicht übertrieben dargestellt.

 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA des journalistischen Beitrags ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Es handelt sich zwar medizinisch betrachtet um ein relevantes Thema, da Speiseröhren- und Magenkrebs bislang nur mäßig erfolgreich behandelt werden können. Der Kongress, auf dem die Ergebnisse vorgestellt wurden, fand zwei Monate vor der Veröffentlichung statt, der Artikel ist klar durch die Pressemitteilung des Klinikums initiiert, die ebenfalls zwei Monate verspätet erschien. Die Aktualität für eine Tagezeitung ist damit sicher nicht mehr gegeben; auch stellt sich die Frage nach der Relevanz angesichts der Tatsache, dass es sich um vorläufige Ergebnisse handelt. Alles in allem werten wir „nicht erfüllt“.

1. Das THEMA der Pressemitteilung ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Aus Marketinggründen erscheint eine Pressemitteilung zunächst nachvollziehbar, da es sich um ein „latest breaking abstract“ eines europäischen Krebskongresses handelt (was indes zunächst einmal nur für Mediziner von Interesse ist), zumal das Verfahren an der Klinik entwickelt wurde. Es wäre auch medizinisch betrachtet ein relevantes Thema, da Speiseröhren- und Magenkrebs bislang nur mäßig erfolgreich behandelt werden können. Aber es sind letztlich auch nur vorläufige Ergebnisse einer Studie, die noch nicht abgeschlossen ist. Zudem erscheint die Pressemitteilung rund zwei Monate nach dem Kongress, weshalb man auch nicht mehr von einer aktuellen Berichterstattung sprechen kann. Wir werten daher „nicht erfüllt“.

2. Die Darstellung des Themas ist im journalistischen Beitrag gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag ist im Großen und Ganzen verständlich geschrieben (z.B hier: „Eine möglichst effektive Chemotherapie vor der Operation ist wichtig, um die bösartige Wucherung zum Schrumpfen zu bringen. Denn je kleiner diese vor dem Eingriff ist, desto größer sind die Chancen, dass ein Patient danach tumorfrei ist.“

Unnötig finden wir, weil für Laien kaum verständlich, die Aufzählung aller Chemotherapeutika ohne jegliche Erklärung. („Sie [die Therapie] sieht vor, lokal fortgeschrittene Tumore des Magens und der Speiseröhre vor der Operation mit einer Chemotherapie nach einem anderen Schema als üblich zu behandeln. Als Komponenten werden 5-FU, Oxaliplatin und Docetaxel gegeben statt wie bei der Standardtherapie Epirubicin, Cisplatin und 5-FU.“) Unnötig erscheinen in einem Artikel, dem kaum Platz eingeräumt wurde, eine Selbstverständlichkeite zu formulieren wie: „Der Onkologe hofft, dass mit der neuen Therapie künftig mehr Patienten mit Magen- und Speiseröhrenkrebs geheilt werden können.“

Problematisch ist der Titel und der im Indikativ formulierte Eingangssatz, der falsche Erwartungen weckt: „Patienten haben (..) bessere Aussichten, ihre Erkrankung langfristig zu überleben“, heißt es. Erst danach wird allmählich deutlich, dass es sich um erste Studienergebnisse handelt, und im letzten Satz erfährt man dann, dass der Onkologe auf bessere Heilungsmöglichkeiten „hofft“. Warum das Schema „FLOT“ heißt, wird nicht erklärt.

2. Die Darstellung des Themas ist in der Pressemitteilung gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag ist überwiegend nüchtern-sachlich geschrieben und scheint sich eher an Medizinjournalisten zu richten als an ein Laien-Publikum oder allgemeine Journalisten („lokal fortgeschrittenen Tumoren“, „Das fünf-Jahres-Überleben der Patienten“). Einige Fachbegriffe werden zwar erläutert, andere leider nicht („Phase 3“, „FLOT“). Am Ende besteht zudem ein Missverhältnis zwischen der für Laien nicht einzuordnenden sehr optimistischen Darstellung („äußerst vielversprechende Daten“, „diese großartigen ersten Ergebnisse“) und den spärlichen Informationen zur Aussagekraft der Studie trotz der Länge des Textes. In der verlinkten pdf-Version (nicht der Online-Version) des Textes ist zudem fast die Hälfte der Pressemitteilung der herausgebenden Institution selbst gewidmet, den Platz hätte man besser nutzen können. Wir werten alles in allem knapp „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten im journalistischen Beitrag stimmen.

Faktenfehler haben wir keine gefunden.


Wir werten um einen Stern ab, aufgrund der Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien.

3. Die Fakten in der Pressemitteilung stimmen. 

Faktenfehler haben wir keine gefunden.


Wir werten um einen Stern ab, aufgrund der Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien.

Journalistischer Beitrag
Pressemitteilung
Medizinjournalistische Kriterien
3 von 10 erfüllt
3 von 9 erfüllt
Allgemeinjournalistische Kriterien
1 von 3 erfüllt
2 von 3 erfüllt
Gesamtbewertung

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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