In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Tests mit Risiken und Nebenwirkungen“

„Tests mit Risiken und Nebenwirkungen“

Wie sinnvoll ist der PSA-Test für die Früherkennung von Prostatakrebs? Der Radiobeitrag in WDR 5 erklärt die Kontroverse um den PSA-Test, seine Vor- und vor allem seine Nachteile und macht so deutlich, dass es auch gute Gründe geben kann, ihn nicht durchzuführen.

Zusammenfassung

Anlässlich der Jahreskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) greift die Wissenschaftssendung Leonardo (WDR 5) die Frage auf, wie sinnvoll der PSA-Test (ein Test auf das prostataspezifische Antigen) für die Früherkennung von Prostatakrebs ist. Der Radiobeitrag mach in knapp fünf Minuten deutlich, dass der Test lange nicht so vorteilhaft ist, wie manche Ärzte ihn darstellen.

Der mögliche Nutzen, aber auch Risiken und Nebenwirkungen des Tests werden ausreichend beschrieben, ebenso wird Hörern vermittelt, wie „zwiespältig“ die Studienlage derzeit ist. Es kommen mehrere Ärzte und ein Patient zu Wort, womit der Beitrag auch deutlich über die Pressemitteilung der Gesellschaft hinaus geht. Es wird auch deutlich gemacht, dass der Streit um den PSA-Test kein neuer ist, dass aber bald neue Ergebnisse zu erwarten sind. Hörern wird verständlich gemacht, was die Alternativen sind und wer für die Kosten aufkommt.

Der Betroffene im Beitrag ist geschickt gewählt, da bei ihm einerseits dank des Tests ein Krebstumor entdeckt und entfernt wurde, dies aber zu erheblichen Nebenwirkungen führte.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

„Er kann Leben retten“ – damit wird der größtmögliche Nutzen des PSA-Tests gleich zu Beginn des Stücks deutlich herausgestellt. Diese Hoffnung ist sicherlich auch der Grund, warum sich viele Männer für den PSA-Test entscheiden. Gut deshalb, dass der Autor den Nutzen des Tests differenziert darstellt: „(…) bei den meisten wissenschaftlichen Untersuchungen aber lautet das ernüchternde Ergebnis: Mit Test sterben fast genauso viele Männer wie ohne PSA Test. In einer großen europäischen Langzeitbeobachtung konnte gerade einmal einer von tausend Männern auf ein längeres Leben hoffen, wenn er regelmäßig zum Testen ging.“ Durch die Angabe „einer von tausend“ wird dem Hörer klar, dass der Nutzen des Tests nicht überbewertet werden sollte. Diese differenzierte Linie behält der Autor auch bei, wenn er einen behandelten Patienten zu Wort kommen lässt. Der preist nämlich nicht etwa den Segen des PSA-Tests, der ihm möglicherweise das Leben gerettet hat, sondern er spricht über die massiven Nebenwirkungen der nachfolgenden Behandlung.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Direkte Risiken des Tests werden beispielhaft angesprochen, nämlich das Problem der Übertherapie: Es werden Tumoren erkannt und behandelt, die eigentlich keine Probleme gemacht hätten: „Denn mit dem PSA-Test werden Tumorpatienten entdeckt und behandelt, die ansonsten in ihrem gesamten Leben nichts von ihrer Krebserkrankung bemerkt hätten. (…) Der Patient stirbt nicht an Prostatakrebs, sondern mit ihm.“

Das Risiko des falschen Alarms (falsch-positive) aufgrund erhöhter PSA-Werte obwohl es gar keinen Tumor gibt, wird im Beitrag nicht angesprochen. Der Beitrag benennt dann dafür die indirekten negativen Folgen: „Das sind die häufigsten Nebenwirkungen der Prostata-OP: Inkontinenz und Impotenz.“  Im Beitrag kommt ein betroffener Patient zu Wort, der plastisch schildert, was das bedeuten kann: „Ich nässte mich ein, wo ich ging und welche Bewegung ich auch machte, unwahrscheinlich, bis zu 20 Einlagen täglich.“ Einlagen, die bei Männern, anders als bei Frauen, eher an Windeln erinnern, wie der Hörer erfährt. Und auch über seine Impotenz  spricht der Patient deutlich.

Dass es sich hierbei nicht um ein kleines Risiko am Rande handelt, macht der Beitrag klar: „Viele Männer, die an der Prostata operiert wurden, sind nach der OP inkontinent.“ Für eine Einordnung wären dazu noch Häufigkeiten dieser Probleme sinnvoll gewesen, oder der Hinweis, ob etwa Inkontinenz ein zeitlich beschränktes Problem ist oder lang anhaltend.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Der Beitrag geht nicht im Detail auf einzelne Studien ein, gibt dem Hörer aber einen guten Überblick zur Studienlage hinsichtlich des Nutzens eines Screenings mit dem PSA-Test:

„Es fehlen eindeutige wissenschaftliche Belege, heißt es. Und in der Tat: Die Ergebnisse sind zwiespältig“, heißt es und wenig später wird ergänzt: „Bei den meisten wissenschaftlichen Untersuchungen aber lautet das ernüchternde Ergebnis: Mit Test sterben fast genauso viele Männer wie ohne PSA Test.“ Der Beitrag gibt auch einen Ausblick, dass sich die Studienlage in absehbarer Zeit verbessern wird: „In zwei Langzeitstudien wird beides in den nächsten Jahren untersucht. Ist Abwarten und den Wert beobachten vielleicht genauso sicher und gut, wie direkt operieren?“

Das ist die wissenschaftliche Kernfrage und gleichzeitig auch die Frage, vor der jeder Mann im Falle eines Falles ganz konkret steht.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Der Autor lässt vier Experten zu Wort kommen. Einen Fürsprecher und zwei Kritiker des PSA-Screenings aus der Fachwelt – und den betroffenen Patienten, der Experte für die Nebenwirkungen ist, die er sehr plastisch für den Hörer beschreibt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag geht deutlich über den Inhalt der Pressemeldung, in der das Thema für den Urologenkongress vorgestellt wird, hinaus.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Beitrag geht auf den schon länger währenden wissenschaftlichen Streit über den Nutzen des PSA-Screenings ein und berichtet auch von den Entwicklungen in den USA, ohne dies allerdings genauer zeitlich einzuordnen. Damit wird deutlich, dass das Thema selbst schon länger auf der Tagesordnung steht, im Beitrag ist etwa von „einigen Langzeituntersuchungen“ die Rede. Gleichwohl wird klar, dass es aktuelle Entwicklungen gibt, die auch die (männlichen) Hörer unmittelbar betreffen. Da es insgesamt aber keine genaue zeitliche Einordnung gibt, werten wir nur knapp „erfüllt“.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

„Die Behandlung und die Früherkennung sind also umstritten“, sagt der Autor und formuliert die Alternativen für den Hörer explizit: „Ist Abwarten und den Wert beobachten vielleicht genauso sicher und gut, wie direkt operieren?“ Damit ist klar, welche Alternativen es nach dem PSA-Test gibt. Bei der vermeintlichen Alternative zum Test – die Tastuntersuchung – macht der Autor klar, dass auch diese extreme Schwächen hat: „Ist eher eine Späterkennung“, lautet sein vernichtendes Urteil.

Und auch die wichtigste Alternative vor dem Test wird betont: „Jeder Mann sollte sich daher gründlich informieren und sehr gut überlegen, ob er einen Früherkennungstest überhaupt machen will.“

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird klar, dass es sich um einen Test handelt, der seit vielen Jahren bereits verfügbar ist. Indirekt können Hörer erkennen, dass der Test beim Urologen durchgeführt wird, hier wäre eine explizite Information, wo der Test durchgeführt wird, für manche Hörer sicherlich hilfreich.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Autor nennt die Kosten „15 bis 45 Euro müssen Männer für den Test bezahlen“ und erklärt „Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen den PSA-Test nicht.“

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Der Autor erklärt ausführlich, dass der Prostatakrebs zwar durchaus ernstzunehmen ist, für die allermeisten Männer aber gar kein lebensgefährliches Risiko darstellt: „Die meisten Männer sterben nicht an Prostatakrebs, sondern mit Prostatakrebs.“

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema hat für die männlichen Hörer eine hohe Relevanz. Aktueller Anlass war der bevorstehende Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Autor formuliert einfach und verständlich. In seinem Erzählduktus orientiert er sich gut am Interesse des Hörers. Er umschifft gekonnt eine  handwerkliche Klippe, an der viele Beiträge über dieses Thema in elektronischen Medien scheitern: Dadurch, dass ein erfolgreich operierter Patient zu Wort kommt, dem das Leben vermeintlich durch die Operation gerettet wurde, kommt der Hörer/Zuschauer dann normalerweise schnell zu dem Eindruck: Gute Sache, das PSA-Screening – unabhängig davon, was Experten an Problemen mit dem Test sehen. Dadurch, dass im Beitrag der erfolgreich operierte Patient nur über die schweren Nebenwirkungen der Therapie spricht, dämpft er auch überzogene Erwartungen und Vorstellungen.

Positiv ist einerseits, dass ein wichtiger Aspekt des Begriffs „Screening“ nochmal kurz erklärt wird („also eine Untersuchung von gesunden Männern“). Allerdings bleibt der Beitrag hier ungenau, da er generell nicht differenziert zwischen einzelnen Untersuchungen, die zum Beispiel aufgrund eines medizinischen Anlasses durchgeführt wurden und der anlasslosen Reihenuntersuchung von (gesunden) Männern. Möglicherweise hätte dies aber auch Hörer nur verwirrt, angesichts des sowieso schon komplexen Themas.

Einige O-Töne, die durchweg verständlich sind, erscheinen am Ende zwar etwas unsauber geschnitten. Alles in allem werten wir aber die journalistische Darstellung als „erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Eine Ungenauigkeit ist uns aufgefallen. Im Beitrag heißt es vereinfacht: „Es wird eine Gewebeprobe entnommen“. Tatsächlich werden bis zu – wenn auch während eines Eingriffs – zwölf Gewebeproben per Nadelbiopsie entnommen, wenn der PSA-Test zu hoch ausfällt. Der Hintergrund: Je mehr Proben, desto höher die Chance, einen Tumor zu finden. Da dies aber die Grundaussage des Beitrags in keiner Weise verändert, werten wir „erfüllt“.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 10 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...