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„Wie schnell darf ein Mann kommen?“

„Wie schnell darf ein Mann kommen?“

In einem Artikel berichtet Bild.de über das Problem des „Vorzeitigen Samenergusses“ und verweist vor allem auf ein Medikament als mögliche Therapie. Der Nutzen wird nicht konkret beschrieben, Nachteile werden nicht angesprochen. Fragen und Antworten einer Lesertelefonaktion stammen aus der Zusammenfassung einer PR-Agentur des Pharmaherstellers.

Zusammenfassung

+++ Dieses Gutachten bewertet die ursprüngliche Version des Artikels. Nach einer Beschwerde durch uns beim Deutschen Presserat erteilte dieser BILD Online eine öffentliche Rüge. Der Artikel wurde inzwischen in einzelnen Punkten korrigiert. +++

Bild.de berichtet in einem Artikel und einem „Frage und Antwort“-Teil über den „Vorzeitigen Samenerguss“. Im Artikelteil wird auf ein Medikament zur Behandlung des Gesundheitsproblems verwiesen (Dapoxetin, Handelsname Priligy, Berlin-Chemie). Der „Frage und Antwort“-Teil stammt aus einer Telefonaktion, die zwei Tage zuvor durchgeführt worden war.

Der Nutzen des Medikaments wird nicht ausreichend beschrieben, auf Risiken und Nebenwirkungen geht der Text nicht ein. Wie gut das Medikament oder andere Verfahren untersucht sind, wird nicht erklärt. Es geben zwar vier Mediziner Antworten auf Fragen, die offenbar während der Telefonaktion gestellt wurden; um was für Ärzte es sich handelt, und wo sie arbeiten, wird im Beitrag nicht erklärt. Auf Interessenkonflikte wird ebenfalls nicht hingewiesen. Dass die Experten von einer PR-Agentur ausgesucht wurden, wird nicht deutlich.

Ebenso wird nicht klar, dass die gesamte Telefonaktion gar nicht von der Redaktion durchgeführt wurde, sondern von einer darauf spezialiserten PR-Agentur, die von einer Agentur des Pharmaherstellers beauftragt war.

Der Artikel erklärt, dass das Medikament nicht mehr neu ist, dass es verschreibungspflichtig ist, und was es kostet. Auf Alternativen wird hingegen nicht ausreichend eingegangen.

Bild.de nimmt mit diesem Artikel eine PR-Kampagne des Pharmaherstellers zum Anlass, über das Thema zu berichten, und nutzt dazu das von der PR-Agentur bereitgestellte Material (Zusammenfassung der Fragen und Antworten der Telefonaktion, ausgesuchte Experten). Damit macht sich die Redaktion zum verlängerten Arm der PR-Abteilung, die auf diese Weise Aufmerksamkeit in der breiten Bevölkerung für das Medikament ihres Kunden generiert, für das ansonsten nur in der Fachpresse geworben werden darf.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Nutzen des im Artikel vorgestellten Arzneimittels Dapoxetin wird nur allgemein  und vage dargestellt: „Es soll der psychische Leidensdruck durch zu kurzen – unbefriedigenden – Sex innerhalb der Beziehung abgebaut werden“. Konkrete, quantifizierte Angaben gibt es nicht, also zum Beispiel Informationen dazu, um wieviele Minuten die Ejakulation durch das Mittel hinausgezögert wird.

Das Medikament eigne sich insbesondere für Männer, die seit Beginn ihrer sexuellen Aktivität von einer frühzeitgen Ejakulation betroffen sind, nicht aber für Männer, die Stress haben oder eher von einer Erektionsstörung betroffen sind.

Insgesamt wird der Nutzen des Medikamentes klar, ohne dass er aber konkret beziffert wird.

Auch zu anderen Maßnahmen wird nur deutlich, dass sie die Ejakulation hinauszögern sollen, aber auch hier fehlen konkrete Angaben.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Der Artikel geht nicht auf mögliche Nebenwirkungen des Medikamentes ein. Diese reichen von Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Durchfall, Schlaflosigkeit bis hin zu Müdigkeit wie etwa in diesem Fachartikel (pdf) nachzulesen ist.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Wie gut der Wirkstoff in Studien untersucht ist, wird in dem Bild.de-Beitrag nicht erläutert. Auch zu anderen nur angedeuteten Verfahren gibt es dazu keine Informationen. Woher die Aussage, dass jeder fünfte Mann von dem Problem betroffen sein soll, stammt, wird gar nicht erläutert oder hinterfragt (siehe Kriterium Krankheitsübertreibung).

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen vier Ärzte zu Wort, ihre Erklärungen zu einzelnen Aspekten des frühzeitigen Samenergusses sind den Angaben nach jeweils Antworten auf Fragen aus einer Telefonaktion (siehe dazu auch Kriterium Pressemitteilung).

Es werden dabei lediglich die Namen, nicht aber die Funktion der antwortenden Experten oder der Arbeitsort genannt (dies war nur bei der Ankündigung zur Telefonaktion der Fall). Der Leser kann deren Expertise also nicht ohne weitere Recherche überprüfen. Warum gerade diese Personen ausgewählt wurden, wird in dem Beitrag nicht ersichtlich.

Dass zwei der Ärzte nach unseren Recherchen mögliche Interessenkonflikt haben, erfahren Leser nicht. Beide haben bereits auf vom Hersteller finanzierten Symposien (pdf) oder Workshops referiert.

Was Leser ebenfalls nicht erfahren: Die Experten wurden nicht von der Redaktion ausgesucht, sondern wurden ­– wie wir auf Nachfrage erfahren haben – von der PR-Agentur ausgesucht (siehe Kriterium Pressemitteilung).

Alles in allem werten wir daher „nicht erfüllt“.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Eine Pressemitteilung haben wir dazu zwar nicht gefunden, es fällt indes auf, dass es im Text zum Medikament zum Teil wörtliche Übernahmen von der Webseite www.spaeterkommen.de gibt. Herausgeber diese Seite ist das Unternehmen Berlin-Chemie, eine Tochter des italienischen Pharmakonzerns Menarini. Dieser ist Hersteller des einzigen im Artikel erwähnten Wirkstoffs gegen Vorzeitigen Samenerguss (Dapoxetin, Handelsname: Priligy).

Auch wenn es zum Artikel keine Pressemitteilung gibt, so stammt der Text des „Frage und Antwort“-Kastens (die Telefonaktion) nicht aus der Redaktion.

Nach unseren Recherchen wurde die Telefonaktion gar nicht von Bild.de durchgeführt (obwohl sie im Text als „unser Lesertelefon“ beschrieben wird), sondern von der PR-Agentur PR | NRW, einer Agentur, die dieses Vorgehen auch bewirbt (einem für Redaktionen kostenlosen Service). Diese Agentur wurde von MW Office, Gesellschaft für Marketing und Werbung mbH, Ismaning (einer Agentur, die PR für Berlin-Chemie macht) beauftragt. Die Agentur sucht die Experten aus, stellt die kostenfreie Telefonnummer zur Verfügung, führt die Telefonaktion durch und fasst die wichtigsten Fragen und Antworten zusammen. Diese Zusammenfassung können die Redaktionen ganz oder teilweise übernehmen.

Dies ist im Bild.de-Artikel offenbar für den „Frage und Antwort”-Teil geschehen, das erklärt auch, warum sich die Fragen und Antworten auch auf den Webseiten anderer Medien finden, zum Beispiel hier, hier und hier.

Wir halten es aus journalistischer Sicht nicht für akzeptabel, dass eine Redaktion das Material und den „Service“ einer PR-Agentur eines Pharmaherstellers übernimmt – dies ist um so graviernder, als dies für Leser nicht erkennbar ist.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Mit den Worten „Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland eine verschreibungspflichtige Pille (…).“ wird zumindest klar, dass es sich um keine gänzlich neue Therapieform handelt.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Als mögliche Behandlungen des Problems „vorzeitiger Samenerguss“ werden neben der Therapie mit dem Medikament nur in einem Nebensatz Verhaltenstherapie und sexualmedizinische Behandlungsoptionen genannt, ohne dies genauer zu erklären.

Dass bei vorzeitiger Ejakulation laut des pharmakritischen arznei-telegramm (pdf) bislang in der Praxis aber vor allem verhaltenstherapeutisch behandelt wird, erfahren Leser zum Beispiel nicht.

Stattdessen heißt es in einer der Antworten der Ärzte auf bild.de, diese Verfahren seien lediglich Mittel die Wahl bei psychischen Ursachen „wie Stress oder ängstlicher Anspannung“. Damit wird die Aufmerksamkeit wieder auf das Medikament als Therapie gelenkt.

Andere Alternativen, den Zeitpunkt des Samenergusses zu steuern, wie sie etwa auch in diesem Artikel geschildert werden, werden gar nicht erwähnt – beispielsweise die „Squeeze“- oder die „Stopp-Start“-Technik, genau so wenig wie lokal betäubende Mittel oder Antidepressiva. Daher werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird klar, dass das Medikament verschreibungspflichtig ist und in Apotheken seit einiger Zeit gekauft werden kann.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Artikel geht kurz auf die Kosten ein: „Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für das Medikament jedoch nicht. Pro Pille werden in der Apotheke deshalb ca. 13 Euro fällig“. Inwieweit die Krankenkassen die Kosten für andere Therapien übernehmen, lässt der Artikel offen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Der Artikel behauptet, der vorzeitige Samenerguß sei eine der häufigsten „sexuellen Funktionsstörungen des Mannes“. Jeder Fünfte sei betroffen. Eine Quelle für diese Behauptung wird nicht genannt. Die Information stammt offenbar von der Seite www.späterkommen.de. Diese beruft sich auf eine Internet basierte Umfrage unter rund 12.000 Männern in den USA, Italien und Deutschland. Medizinische Studien indes, die auf ungeprüften Selbstauskünften basieren, gelten als Studien mit einem geringeren Evidenz-Grad. Damit stellt sich die Frage nach der realen Häufigkeit, die wahrscheinlich – zumindest nach dieser Quelle – niedriger sein dürfte, unter der Berücksichtigung, dass das Problem unterschiedlich definiert wird.

Der Artikel übernimmt indes diese Zahl und stellt zudem die Behauptung auf, in der Gesellschaft sei der vorzeitige Samenerguss „noch immer ein großes Tabu-Thema“. Betroffene quälten sich mit Scham und Selbstzweifeln, anstatt offen nach Hilfe zu suchen.

Das argumentative Strickmuster erinnert sehr an andere Awareness-Kampagnen, mit denen Pharma-Hersteller Aufmerksamkeit für ein in der Öffentlichkeit wenig beachtetes Gesundheitsproblem erreichen wollen – und für das sie ein Medikament anbieten. In diesem Fall noch dazu für ein verschreibungspflichtiges Medikament, für das außerhalb von Fachkreisen nicht geworben werden darf.

Problematisch ist dabei auch, dass das Gesundheitsproblem (Ejaculatio praecox) nicht genau definiert und somit nicht ausreichend von einem “nur” subjektiv empfundenen Defizit zu unterscheiden ist. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBa) formuliert es so: „Diese Indikation einer Behandlung von Männern mit einer sexuellen Funktionsstörung, charakterisiert durch eine vorzeitige Ejakulation, entspricht dem Kriterium eines Arzneimittels zur Behandlung der sexuellen Dysfunktion und dient dabei auch der individuellen Bedürfnisbefriedigung und/oder Steigerung des Selbstwertgefühls. Das Präparat „Priligy®“ mit dem Wirkstoff „Dapoxetinhydrochlorid“ ist somit den sog. Lifestyle Arzneimitteln zuzuordnen.“

Das arznei-telegramm (pdf) sprach (bei allerdings anderen Fallzahlen) ausdrücklich von Disease Mongering: „Die in gesponserten Publikationen häufig herausgestellten hohen Prävalenzen, nach denen jeder dritte Mann betroffen sein soll, kommen einer Pathologisierung des männlichen Orgasmus gleich. Diese erinnert an Disease Mongering (…).“ 

Dass dies alles von der Redakton nicht thematisiert wird, halten wir für problematisch und werten daher „nicht erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Ein aktueller Anlass ist nicht erkennbar. Die Telefonaktion und Berichterstattung wurde durch die PR-Maßnahme des Pharmaherstellers (Freischaltung der Webseite www.spaeterkommen.de, Telefonaktion) ausgelöst. Eine Relevanz ergäbe sich zum Beispiel aus der Häufigkeit des Problems, die aber fraglich ist. Neue, wichtige Entwicklungen in diesem Bereich gibt es derzeit aber nicht zu berichten.

Es bliebe der Aspekt des Ungewöhnlichen und des „Beachtung für ein wenig beachtetes Thema schaffen“, worauf auch die Argumentation des Herstellers läuft. Wir halten dies in diesem Fall jedoch nicht für hinreichend, in dieser unkritischen Art zu berichten.

Wir werten daher alles in allem – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Artikel ist an einigen Stellen zwar sehr verständlich geschrieben. Er nutzt kurze Sätze, einfache – zuweilen kräftige – Bilder. Ein Beispiel: „Wer aber denkt, er kann mit der Pille zum Super-Hengst werden, täuscht sich“. Oder: „Guten Rat zu allen Fragen zum Frust mit der zu schnellen Lust (…)“ Das ist einerseits eingängig, flott zu lesen, wirkt auf manche Leser aber auch zu boulevardesk.

Einerseits kommt der Artikel schlüpfrig („unfreiwilliger Quickie“, „überschneller Mann“, „fehlendes Stehvermögen“) und pauschalisierend daher, andererseits konfrontiert er den Leser mit Mediziner-Fachsprache auch dort, wo es unnötig ist („intravaginale Ejakulationslatenzzeit“). Manches Bild stimmt zudem nicht: So geht es bei vorzeitigem Samenerguss nicht um „fehlendes Stehvermögen“, dieses ist ja durchaus vorhanden. Auch dürfte nicht jedem Leser klar werden was „Wiederaufnahme [des Serotonins] in den Stoffwechsel“ bedeuten soll.

Eine journalistische Umsetzung findet nur teilweise statt, da etwa die Hälfte des Artikels (die Fragen und Antworten der Telefonaktion) aus dem Material der PR-Agentur übernommen wurde – was wir aus journalitischer Sicht für nicht akzeptabel halten, zumal Leser nicht darüber informiert wurden, wer die Telefonaktion durchgeführt hat.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Faktenfehler jenseits der bereits skizzierten Mängel sind uns keine aufgefallen.


Aufgrund der Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien werten wir um einen Stern ab.

 

 

Medizinjournalistische Kriterien: 3 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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