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„Krebs-DNA-Analyse für bessere Behandlung“

„Krebs-DNA-Analyse für bessere Behandlung“

Das ZDF „heute journal“ berichtet über eine „Revolution in der Krebstherapie“: Dank DNA-Analyse des Tumors kann man Krebs gezielter therapieren als bisher. Der mögliche Nutzen wird noch deutlich, Risiken werden aber gar nicht angesprochen, warum die Nachrichtensendung den Beitrag gerade jetzt veröffentlicht, bleibt offen.

Zusammenfassung

In einem TV-Beitrag im ZDF „heute journal“ wird über eine Entwicklung in der Krebstherapie berichtet, die einer „Revolution“ gleichkomme. Wenn die DNA-Charakteristika von Krebstumoren bestimmt würden, könnten für den jeweiligen Krebstyp spezifische Medikamente eingesetzt werden, die dann besser wirken und die Überlebenschance der Patienten erhöhen sollen.

Zudem ließen sich durch die Bestimmung solcher DNA-Kennzeichen im Blut, Tests entwickeln, mit denen die Früherkennung von Krebserkrankungen möglich wäre.

Der mögliche Nutzen der DNA-Analyse wird gerade noch hinreichend deutlich, auf Risiken und Nebenwirkungen wird aber gar nicht eingegangen. Wie gut das Verfahren in Studien untersucht ist, macht der Beitrag  ebenfalls nicht ausreichend klar. Es kommen zwar mehrere Experten zu Wort, diese sind aber sämtlich an den neuen Verfahren beteiligt, eine kritische Stimme fehlt. Es wird zwar noch deutlich, dass es sich um einen neueren Ansatz handelt; ob, für wen und unter welchen Bedingungen solche Tests aber (bereits) verfügbar sind, wird genau so wenig erklärt wie die Kosten, die auf Patienten möglicherweise zukommen, oder Alternativen in der Therapie.

Spannend und „revolutionär“ mag die Entwicklung sein, warum der Beitrag aber gerade in dieser Ausgabe der tagesaktuellen Hauptnachrichtensendung erscheint, wird nicht deutlich. So verständlich der Beitrag auch ist, journalistische Skepsis gegenüber dem neuen Ansatz ist nicht zu erkennen. Statt zwei Themenkomplexe anzureißen (Therapie und Früherkennung), hätte sich der Beitrag besser auf ein Thema konzentriert, und so mehr Raum für wichtige Informationen gewonnen.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen wird allgemein dargestellt: Es wird erklärt, dass bisher nur in sechzig Prozent der Krebsfälle das Entfernen des Tumors das Problem löse, bei den anderen erhofften sich Mediziner, dass durch die DNA-Analyse und spezifische Medikamente aus einer akuten Erkrankung eine chronische werden könne, „mit der man gut leben kann“.

Laut dem Bericht gibt es auch schon erste konkrete „viel versprechende“ Erfolgsmeldungen, etwa im Fall von Lungenkrebs. Bisher stürben laut Bericht achtzig Prozent der Betroffenen im ersten Jahr nach der Diagnose, für mindestens zwei Tumortypen gäbe es aber wirksame Medikamente. Die Überlebensrate der Patienten, „die mit der DNA-Methode behandelt werden, ist deutlich länger, (…) teilweise ruht das Tumorwachstum sogar“, erfahren Zuschauer. Während die Sprecherstimme dies berichtet, wird im Beitrag eine Tabelle eingeblendet, die mittels dreier Kurven zeigt, wie hoch der Anteil Überlebender über welchen Zeitraum ist. Das Problem dabei ist: Zuschauer müssen in kurzer Zeit selbst die Zahlen aus der Grafik lesen, um zu erfahren, was „deutlich länger“ bedeutet. Die Grafik wird dafür zu kurz eingeblendet. Dies hätte man anders lösen können. Wir werten  noch knapp „erfüllt“, weil zumindest versucht wird, konkrete Zahlen zum möglichen Nutzen zu präsentieren.

Zum Nutzen der DNA-Analyse für die Früherkennung wird nur erwähnt, dass dies eine Möglichkeit sein könnte. Aussagekräftige, konkretere Zahlen sind hier aber auch noch nicht zu erwarten.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Weder die Risiken und Nebenwirkungen der DNA-Diagnosen noch der Früherkennung werden angesprochen.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Zur Früherkennung mittels DNA-Analyse im Blut heißt es, dass Studien erst noch zeigen müssten, ob diese spezielle Methode für die Früherkennung geeignet sei. Zur Therapie wird nur berichtet, es gebe erste Studien, die viel versprechend seien. Wie aussagekräftigt die Studie zum Lungenkrebs ist, deren Ergebnisse der Beitrag in einem Diagramm vorstellt, wird ebenfalls nicht deutlich. Ansonsten gibt es keine weiteren Informationen, wie gut die DNA-Analysen in Studien untersucht sind.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen zwar insgesamt drei Mediziner zu Wort, zwei aus demselben Tumorzentrum in Heidelberg, an dem solche spezifischen Tumor-DNA-Analysen entwickelt und gestestet werden. Der dritte Forscher ist Mitarbeiter der Firma, die einen Früherkennungtest auf Basis von DNA-Analyse entwickelt. Damit gibt es nur Experten, die an der neuen Entwicklung beteiligt sind. Eine kritische Einordnung durch einen unabhängigen Mediziner fehlt, daher werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dazu haben wir keine Pressemitteilung gefunden, daher wenden wir das Kriterium nicht an.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Zuschauer bekommen auf vielfältige Art und Weise verdeutlicht, dass es sich um eine Entwicklung handelt, die sich noch in einer vergleichsweise frühen Phase befindet („neues Verfahren“, „erste Ergebnisse sind viel versprechend“ „könnte auch eine völlig neue Art der Früherkennung bedeuten“, “es ist die Hoffnung der Mediziner”). Es wird auch klar, was das Neue ist: die Möglichkeit einer gezielteren Krebstherapie.

Wir werten indes nur knapp „erfüllt“, da nicht deutlich wird, wie lange dieser Ansatz der spezifischen Krebstherapie bereits verfolgt wird. So wurde bereits 1998 (USA) der Wirkstoff „Trastuzumab“ (Handelsname Herceptin) für bestimmte Brustkrebsarten zugelassen. Ganz so revolutionär wie im Beitrag beschrieben, erscheint das Verfahren dann vielleicht doch nicht mehr.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird nur kurz auf die Chemotherapie eingegangen, die als Gießkannenmethode beschrieben wird, im Vergleich zu den Medikamenten, die dank DNA-Analyse „eine genau auf den Krebstyp zugeschnittene Behandlung ermöglichen“ würden (siehe aber auch Kriterium Fakten). Es wird weder auf andere Verfahren zur Therapie eingegangen, noch irgendein anderes Verfahren zur Früherkennung erwähnt. Zumindest das hätte auch in einem so kurzen Nachrichtenbeitrag möglich sein müssen. Daher werten wir – wenn auch knapp – nicht erfüllt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Bei diesem Aspekt hätte es unserer Meinung nach konkreterer Informationen bedurft. Einerseits wird zwar vermittelt, dass es sich um ein noch junges Feld handelt, andererseits wird eben auch eine Patientin vorgestellt, bei der die DNA-Analyse eingetzt werden soll, und es wird auf „viel versprechende Ergebnisse“ bei Lungenkrebs hingewiesen. Aber was bedeutet das für Menschen mit Krebs? Ist dies eine relevante Option für sie? Für welche Krebsarten? Ist der therapeutische Ansatz nur in Heidelberg möglich? Wer kommt dafür überhaupt infrage? Es können natürlich nicht alle diese wichtigen Fragen in einem solchen eher nachrichtlichen Beitrag beantwortet werden, es müssten aber zumindest einige wenige Informationen zur Verfügbarkeit vermittelt werden.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf die Kosten der vorgestellten Verfahren geht der Beitrag  überhaupt nicht ein. Dies mag bei dem speziellen Test zur Früherkennung noch verständlich sein, indes erscheint eine Angabe der Kosten beim Thema spezifische Krebstherapie durchaus möglich und interessant, da es hier ja offenbar bereits Ansätze gibt, die zum Einsatz kommen. Übernimmt die Krankenkassen diese Kosten?

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die Darstellung von Krebserkrankungen allgemein und insbesondere im vorgestellten Fall finden wir nicht übertrieben.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Uns wird nicht klar, warum dieser Beitrag gerade jetzt in einer tagesaktuellen Hauptnachrichtensendung erscheint. Wurden die vorgestellten Ergebnisse zum Lungenkrebs gerade veröffentlicht oder sind es vielleicht ältere Ergebnisse und deshalb wird daruf verzichtet zu erklären, wann die Studie publiziert wurde?

Auch wenn neue und vielversprechende Ansätze gegen Krebs sicher eine Relevanz besitzen, finden wir schon, dass dies in diesem Fall nicht ausreicht, einfach nur zu berichten, dass es diesen Ansatz gibt. In dieser Form ist es eher ein Magazinbeitrag. Daher werten wir – wenn auch knapp – nicht erfüllt.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag ist alles in allem gut verständlich, animierte Grafiken machen die spezifischen DNA-Schnipsel sichtbar, sodass sich der Betrachter „das Lesen der DNA“ einigermaßen gut vorstellen kann. Die vorgestellte Patientin gibt der Erkrankung ein Gesicht. Weniger verständlich sind zum Teil die Zitate der Mediziner – etwa, wenn einer von „medizinisch verwertbaren Veränderungen“ spricht. Problematisch finden wir auch, dass versucht wird, gleich zwei Themen (spezifische Therapie und Früherkennung) in einen Beitrag zu packen. Dies wird keinem der beiden Themen gerecht, wie auch die inhaltliche Analyse in der medizinjournalistischen Kriterien zeigt. Kritische Informationen fehlen im gesamten Beitrag. Hier wäre es besser gewesen, sich auf ein Thema zu beschränken. Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Ein grundsätzlicher Fehler ist uns aufgefallen: An einer Stelle im Beitrag heißt es: „Andere Methoden wie Chemotherapie gehen nach dem Gießkannenprinzip vor. Die Pharmaindustrie arbeitet fieberhaft an neuen Medikamenten, die eine individuelle, genau auf den Krebstyp zugeschnittene Behandlung ermöglichen.“ Dies erweckt den Eindruck, als ob es es sich bei den neuen Medikamenten nicht auch um chemotherapeutische Wirkstoffe handelt. Aber auch darunter befinden sich Chemotherapeutika, nur wirken diese eben spezifischer. Durch die Darstellung im Beitrag wird aber das bei Zuschauern präsente Vorurteil der „schädlichen” Chemotherapie benutzt, um die neue „revolutionäre“ Therapie besonders gut da stehen zu lassen.

Wir werten daher knapp „nicht erfüllt“.


Wir werten wegen der Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien um einen Stern ab.

 

 

Medizinjournalistische Kriterien: 3 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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