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„Tarnkappen-Strategie gegen Brustkrebs“

„Tarnkappen-Strategie gegen Brustkrebs“

Der kurze Artikel stellt einen neuen Wirkmechanismus gegen Brustkrebs vor. Zugleich gibt er Informationen zu Nutzen, Risiken und anderen wichtigen Aspekten dieses Therapieansatzes, die aber nicht ausreichend dargestellt sind.

Zusammenfassung

In dem nur knapp 2000 Zeichen kurzen Artikel (ergänzend zu einer aus drei Bildern bestehenden Grafik) wird ein neuer Therapieansatz für eine bestimmte Gruppe von Brustkrebspatientinnen vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus dem bereits eingesetzten Antikörper Trastuzumab (Herceptin) und dem Chemotherapeutikum Emtansine, zusammen als „Trastuzumab Emtansine” (T-DM1) bezeichnet.

Im Artikel wird kurz auf eine nicht näher benannte Studie verwiesen, die nach unseren Recherchen eine der Zulassungsstudien für das Medikament ist. Außerdem gibt es Aussagen zum Nutzen, zu den Risiken und anderen Aspekten.

In der Kürze des Textes werden Nutzen und Risiken jedoch nicht ausreichend dargestellt, die Studie – abgesehen von der Probandenzahl – nicht weiter erklärt. Es werden nur Experten zitiert, die an firmenfinanzierten Studien des Mittels beteiligt sind. Über die Pressemitteilung geht der Artikel zwar hinaus, auch wird deutlich, was das Neue am Konzept ist; in welchem Rahmen das Mittel aber in Deutschland verfügbar ist, wird nicht klar. Grundsätzlich fällt der Artikel zu positiv aus, weil er einen wichtigen Aspekt weglässt: Der Wirkstoff ist nicht so spezifisch wie der Text suggeriert.

Es wäre womöglich besser gewesen, den Inhalt des Artikels allein auf den Mechanismus‘ zu fokussieren und Fragen zu Nutzen oder Risiken etc. erst gar nicht zum Thema zu machen – oder aber diesen Punkten mehr Platz einzuräumen. So aber werden Leser nur unzureichend und in einem Punkt sogar falsch informiert.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Artikel versucht in aller Kürze eine neue Therapiestrategie gegen Brustkrebs vorzustellen. Dabei wird der mögliche Nutzen aber nur unzureichend dargestellt. Zwar wird erwähnt, dass der Wirkstoff T-DM1 „keine Heilung für die fortgeschrittene Erkrankung verspricht“, dafür aber den „Patientinnen wertvolle Lebenszeit gewähren“ hilft. Statt der konkreten durchschnittlichen Überlebenszeiten erfahren Leser von Einzelfällen eines zitierten Mediziners, der Patientinnen behandelt hat, die anstatt nur wenige Wochen zwei Jahre überlebten. Hier hätte deutlich gemacht werden müssen, dass dies nicht typisch zu sein scheint, denn nach den vorläufigen Ergebnissen der im Artikel angesprochenen großen Phase III Studie, ist der Zeitraum bis zum Fortschreiten des Tumors im Mittel nur um circa 3 Monate verlängert. Auch, ob T-DM 1 bei allen für das Mittel empfänglichen („rezeptorpositiven“) Brustkrebs-Patientinnen tatsächlich anspricht, wie im Artikel dargestellt, ist noch offen.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Es wird nur erklärt, wieso bei T-DM1 weniger der für eine übliche Chemotherapie typischen Nebenwirkungen zu erwarten sind: „Anders als bei herkömmlichen Chemotherapeutika sollen die Giftstoffe nicht in die Blutbahn des Menschen geraten. Gesunde Zellen würden nicht angegriffen, was die Nebenwirkungen wie Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen stark reduziert.“

Auf neue, spezifische Nebenwirkungen dieser Strategie geht der Text indes gar nicht ein, obwohl gerade diese bei einem neuen Wirkstoff ein besonders wichtiger Aspekt sind. Schon in der Pressemitteilung findet sich dazu folgende Information: „Blackwell said trastuzumab emtansine [T-DM1] caused liver injury and a drop in blood platelets in some study participants (…).“

Zu den Nebenwirkungen wäre ein einschränkender Hinweis wichtig gewesen, der deutlich macht, dass zwar eine Kategorie von Nebenwirkungen zurückgeht, dies aber nicht bedeutet, dass nicht neue, andere Nebenwirkungen möglich sind, weil der Antikörper nicht nur an Tumorzellen, sondern auch an Herzzellen ansetzen kann (siehe Kriterium Faktentreue). Zudem gibt es noch keine Langzeiterfahrungen mit dem Mittel.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es wird in dem kurzen Artikel nicht klar, um was für eine klinische Studie es sich handelt, die auch nur nebenbei angesprochen wird, obwohl dies in diesem Fall eine wichtige Information für Patientinnen wäre. Es handelt sich wohl um Zwischenergebnisse einer Zulassungsstudie (Emilia), die 2014 abgeschlossen sein soll. Auf welchen Studien die Aussagen zu Nebenwirkungen und Überleben fußen, wird nicht erklärt.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es werden zwar zwei Experten zitiert – die Medizinerin der angesprochenen Studie und ein deutscher Mediziner – beide sind aber an firmenfinanzierten Studien mit T-DM1 beteiligt. Hier wäre ein unbeteiligter Experte für eine Einordnung wichtig gewesen.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Die Hauptquelle für den Beitrag scheint nicht unbedingt eine der Pressemitteilungen zu sein, daher werten wir „erfüllt“. Es wird ein weiterer Experte zitiert (s.o.), und der Wirkmechanismus des Mittels wird etwas anders als in der Mitteilung beschrieben. Allerdings ist die Pressemitteilung selbst sogar ausführlicher und aufschlussreicher, und sie beschreibt Nutzen, Evidenz und Nebenwirkungen weit besser.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird klar, dass die Therapien sich in einem Versuchsstadium befindet und in den USA erst am Ende des Jahres zugelassen werden soll. Zudem wird klar, was das Neue an dem Wirkstoff ist; es heißt , dies könne „eine neue Ära einleiten“. Dies macht mehrfach deutlich, dass es sich um einen neuen Ansatz handelt.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird zumindest deutlich, dass die vorgestellte Therapie eine Alternative für all jene Patientinnen ist, bei denen der etablierte Ansatz nicht ausreicht. Welche andere Optionen diese Patientinnen indes darüber hinaus haben, wird nicht erklärt. Wir werten knapp erfüllt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Hier wären klarere Informationen wichtig gewesen. Es heißt zwar, das Mittel werde Ende des nächsten Jahres in den USA zugelassen; zu Deutschland liefert der Text aber hierzu keine Informationen. Zugleich wird am Ende des Artikels ein deutscher Arzt zitiert, der von deutschen Patientinnen spricht, die zwei Jahre mit dem Mittel überlebt hätten. Hier fehlt die Information, dass es sich um Studienteilnehmerinnen handelt. Auch wenn es unwahrscheinlich erscheinen mag, dass ein Mittel zuerst in Deutschland und dann in den USA zugelassen wird, wären hier eindeutige Informationen wichtig gewesen, insbesondere weil bei Betroffenen durch die Aussage des Arztes zur Überlebenszeit eine starke Erwartung geschürt wird.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten wird zwar nicht eingegangen. Dies finden wir aber im Kontext der Darstellung (mit dem Fokus auf den Wirkmechanismus) und in einem so kurzen Beitrag noch vertretbar, da das Mittel frühestens Ende 2013 in den USA und wahrscheinlich erst danach in Deutschland zugelassen wird.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Wir finden keine Anzeichen für Krankheitsübertreibung.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Einen neuen Therapieansatz für eine häufige Krebserkrankung wie Brustkrebs vorzustellen, ist sicher einen Artikel wert. Der „aktuelle“ Anlass scheint ein Kongressvortrag Anfang Juni gewesen zu sein, also sechs Wochen vor Erscheinen dieses Artikels. Das ist für ein Wochenmagazin nur noch bedingt aktuell, aber angesichts der Tatsache, dass es nur Zwischenergebnisse der Studie sind, möglicherweise noch vertretbar. Wir werten knapp erfüllt.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag versucht den neuen Mechanismus anhand dreier Grafiken und den zugehörigen Erklärungen im Text zu vermitteln, dies gelingt nachvollziehbar. Als Ergänzung stützt sich der Text auf die Metaphern der „Tarnkappe“ und des „Trojanischen Pferdes“, die manchem Leser den Mechanismus noch einmal vereinfacht verdeutlichen sollen.

Ein Problem des Textes ist: Es wird sozusagen nur eine Hälfte der Geschichte erzählt, und dies trägt mit dazu bei, dass der Artikel insgesamt einen zu positiven Grundton hat: Der vorgestellte Mechanismus funktioniert nicht nur bei Krebszellen (wie gezeigt), sondern auch bei gesunden Zellen (Herzzellen), die den Rezeptor für den Antikörper ebenfalls an der Außenseite tragen, wodurch neue Risiken entstehen. Es wird also eine Spezifität suggeriert, die so nur eingeschränkt gegeben ist (sieh Kriterium Faktentreue).

Der Beitrag wirkt zudem insgesamt recht gestückelt, so kommt z.B. der Hinweis auf „die Studie“ völlig unvermittelt, zuvor ist gar nicht die Rede davon, dass es eine Studie gab. Die einleitende Aussage „neue Ära in der Krebstherapie“ stützt sich nur auf eine „werbende“ Aussage der Studienleiterin und die Einzelfallschilderung des deutschen Arztes.

Ein scheinbarer Widerspruch tritt zudem im Zusammenhang mit dem Anteil der Patientinnen auf, bei denen das Mittel theoretisch helfen könnte, und der tatsächlichen Ansprechrate bei diesen Patientinnen auf das neue Mittel. Zuerst heißt es: „Die Arznei wirkt demnach bei jenen 30 Prozent der Brustkrebspatientinnen, die an der Herceptin-positiven Form des Tumors leiden.“ Im nächsten Absatz heißt es dann aber: „Welcher Anteil der Behandelten positiv auf das Medikament anspricht, soll in weiteren Studien geprüft werden.“ Diese Darstellung könnte Leser verwirren.

Offenbar um nicht zu positiv zu wirken, heißt es gegen Ende noch: „Aber es bleiben Fragen.“ Es folgt dann aber nur eine dieser Fragen, die zudem Leser verwirren kann (siehe Absatz zuvor).

Das Grundproblem des Artikels ist, dass er versucht in aller Kürze sowohl den neuen Mechanismus des Wirkstoffes zu erklären, als auch wichtige Informationen zu Nutzen, Risiken und anderen Aspekten zu vermitteln. Beides gelingt nur teilweise, hier wäre es besser gewesen, sich auf einen der beiden Aspekte zu beschränken. Daher werten wir alles in allem „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

An einer Stelle heißt es: „Gesunde Zellen würden nicht angegriffen (…).“ Dies stimmt nicht, da der Rezeptor für den Antikörper, der den Giftstoff in die Zelle befördert, auch an Herzzellen zu finden ist. Da dies ein wichtiger Aspekt innerhalb der Problematik dieses Therapieansatzes ist, der im gesamten Artikel nicht vorkommt (siehe Kriterium Risiken und Nebenwirkungen und Journalistische Darstellung), werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.


Wegen deutlicher Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien werten wir um einen Stern ab.

 

 

Medizinjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt (Abwertung)

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Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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