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„Neue Brustkrebstherapie“

„Neue Brustkrebstherapie“

An einer Klinik ergänzt ein neues Bestrahlungsverfahren die etablierte Bestrahlung bei Brustkrebs. Der Artikel darüber klärt die Vorteile und Kosten auf, verlässt sich dabei aber nur auf die Informationen des Krankenhauses.

Zusammenfassung

Bei einem neuen Bestrahlungsverfahren, der intraoperativen Strahlentherapie (IORT, engl. „Intraoperative Radiation Therapy“) für Brustkrebspatientinnen wird die Tumorhöhle noch während der Operation von innen direkt und selektiv bestrahlt und nicht erst nach dem Eingriff von außen. Dies soll laut Artikel die Therapiezeit für die Betroffenen verkürzen und das Rückfallrisiko senken.

Der von uns bewertete Artikel berichtet über das Verfahren, das an einem regionalen Krankenhaus neu eingeführt wurde. Die möglichen Vorteile des Verfahrens werden deutlich, Risiken und Nebenwirkungen werden indes zu knapp beschrieben. Es gibt keine Informationen darüber, wie gut die Aussagen zur Therapie durch Studien belegt sind oder wie neu das Verfahren generell ist. Es kommen nur die Ärzte der Klinik zu Wort. Deutlich wird, dass Krankenkassen die Kosten übernehmen, und dass das Verfahren die etablierte Methode nur ergänzt und nicht ersetzt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

An verschiedenen Stellen des Artikels wird der mögliche Nutzen für die Patientinnen durch die IORT nachvollziehbar beschrieben und teilweile auch quantifiziert. Zunächst wird auf die Verkürzung der Bestrahlungszeit von sieben auf fünf Wochen eingegangen – wobei sich allerdings die Frage stellt, ob nicht eher eine Zeitspanne für den Zeitgewinn hätte angegeben werden sollen, da die Bestrahlungszeit sicher von Patientin zu Patientin variieren kann. Dann wird der Facharzt für Strahlentherapie mit der Angabe zitiert, dass das Risiko, erneut an Brustkrebs zu erkranken, „durch die IORT-Methode von fünf auf 1,5 Prozent verringert werden“ könne. Eine detailliertere Erklärung der Prozentzahlen wäre sinnvoll gewesen, da sich nicht jedem Leser erschließen wird, woher die Zahlen stammen und worauf sie sich beziehen. Problematisch ist die Angabe dieser Werte, weil in keiner Weise deutlich wird, wie gut sie belegt ist (siehe Kriterium Belege) oder woher diese Angabe überhaupt stammt. Die Größenordnung stimmen in etwa mit den Angaben überein, die auch in einem anderen von uns begutachteten Artikel angegeben wurden.

Schließlich wird am Ende des Artikels erwähnt, dass sich „nicht alle Brustkrebsfälle“ für die Behandlung eignen. Hier wären genauere Angaben hilfreich gewesen, welche Brustkrebspatientinnen in Frage kommen.

Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Im Text wird der Eindruck erweckt, das Verfahren zöge keine bzw. weniger Risiken und Nebenwirkungen nach sich als das etablierte Verfahren. So heißt es etwa: „Als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert und ihr diese Behandlung angeboten wurde, informierte sie sich zunächst über die Risiken. Da die 50-Jährige keine Nachteile finden konnte, ging sie ohne Angst in die Operation.“ Außerdem hießt es: „Wir [die Ärzte] können exakter arbeiten und vermeiden das Risiko, beim Bestrahlen daneben zu treffen. Außerdem werden die anderen Organe, die zwangsläufig mitbestrahlt werden, verschont.“ Was das aber für die Patienten bedeutet und mit welchen Nebenwirkungen sie auch bei diesem Strahlenverfahren zu rechnen haben (etwa Schmerzen nach der OP), erfahren Leser nicht. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Wie gut das Verfahren in Studien untersucht ist, wird nicht deutlich. Das gilt auch für die Aussage, dass das Risiko, erneut zu erkranken von fünf auf 1,5 Prozent verringert werde. Nach unseren Recherchen beruht diese Aussage nicht auf einer Studie nach dem höchsten Qualitätsstandard (randomisierte, kontrollierte Studie). Es hätte deutlich gemacht werden müssen, dass die Aussage zum Risiko eines wiederkehrenden Tumors nicht so eindeutig ist, wie dargestellt. Gerade bei einer neuen Therapiemethode sollte deutlich werden, wie gut Aussagen zum Nutzen belegt sind.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Im Artikel werden nur Experten zitiert, die selbst am beschriebenen Krankenhaus tätig sind und die IORT-Methode anwenden. Auf einen möglichen Interessenskonflikt wird nicht hingewiesen  – und andere, unabhängige Experten oder Quellen werden nicht zitiert. Der Interessenkonlikt wird zum Beispiel bei der Aussage zum wiederkehrenden Tumor deutlich. Hier werden die Angaben als sicherer dargestellt als sie es nach der Studienlage sind (siehe Kriterium Belege).

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag liefert viele Informationen aus der Pressemitteilung, ist aber um eine kurze Fallbeschreibung bereichert und es werden die Ärzte mit zusätzlichen  Statements zitiert, was dann doch auf eine kurze Eigenrecherche jenseits der Mitteilung schließen lässt. Wir werten knapp „erfüllt“.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Im Text wird lediglich erwähnt, dass „seit Anfang 2012“ am Brustzentrum des Krankenhauses Patientinnen mit einem „neuen“ Verfahren behandelt werden. Doch es bleibt unklar, seit wann es dieses jenseits des Krankenhauses gibt. Damit kann der Leser nicht einordnen, wie etabliert und erprobt das Verfahren bereits ist. Hier wären genauere Informationen – wie sie etwa in einem Artikel, den wir bewertet haben – hilfreich gewesen. Daher werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

In diesem Fall gibt es nur eine Alternative, nämlich die Strahlentherapie nach der OP –   diese wird als Vergleich erwähnt und die Unterschiede werden im Statement des Chefarztes erklärt. Deutlich wird auch, dass die konventionelle Bestrahlung damit nicht ersetzt, sondern ergänzt wird.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird deutlich, dass die IORT nur in spezialisierten Brustzentren verfügbar ist: „Nur 20 Prozent der Brustkrebszentren in Deutschland bieten diese Methode an, in Duisburg ist das Bethesda-Krankenhaus das einzige.“

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Im Artikel wird eindeutig erklärt, dass nicht nur Privatpatienten diese Behandlung erstattet bekommen, sondern alle Krankenkassen die Kosten übernehmen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Brustkrebs wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Für die Leser einer Lokalzeitung ist es interessant zu wissen, welche Verfahren die örtlichen Kliniken anbieten. Auch ist Brustkrebs eine häufige und schwere Erkrankung – die Relevanz des Themas ist damit gegeben. Es ist aus dem Text allerdings nicht ersichtlich, warum gerade jetzt über die Therapie berichtet wird. Anlass ist wohl die seit Anfang 2012 angebotene Therapie im Duisburger Bethesda-Krankenhaus. Offensichtlich hat die Pressemitteilung (oder möglicherweise eine Pressekonferenz, das wird nicht deutlich) des Krankenhauses zur Publikation des Artikels geführt.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text ist verständlich geschrieben und logisch aufgebaut – aber recht dicht an der Pressemitteilung. Vorteilhaft ist, dass zumindest eine Patientin zu Wort kommt, die dem Artikel ein wenig „Leben einhaucht“, die jedoch nur Positives zu berichten hat, was ein wenig „ausgesucht“ wirkt. So erscheint die Aussage, dass sie ohne Angst in die OP gegangen sei, durchaus überraschend. Formulierungen wie „Allerdings eignen sich nicht alle Brustkrebsfälle (…)” machen diese Lebendigkeit aber wieder zunichte. Hier wird Mediziner-Jargon übernommen anstatt von Patientinnen oder Frauen mit Brustkrebs zu sprechen.

In der Einleitung heißt es: „Seit Anfang 2012 werden die Patientinnen im Brustzentrum im Bethesda Krankenhaus mit einem neuen Verfahren therapiert“. Das klingt so, als würde jede Frau mit der entsprechenden Erkrankung dort nach der neuen Methode behandelt. Weiter unten erfährt man dann: „Allerdings eignen sich nicht alle Brustkrebsfälle für diese Behandlungsmethode“.

Auffällig ist zudem der insgesamt sehr positive Grundton (der so auch in der Pressemitteilung zu finden ist), der eine gewisse journalistische Skepsis vermissen lässt. Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Wir haben keine Faktenfehler gefunden.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

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